UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

303 | Untergrund-Blättle

4863

kultur

ub_article

Kultur

Rezension zum Drama von Hans Weingartner 303

Kultur

Zwei junge Menschen, jeder von ihnen an einem Scheideweg, begegnen sich per Zufall und setzen ihre Reise gemeinsam fort: Die Suche nach Antworten und sich selbst ist an vielen Stellen hoffnungslos konstruiert, legt so gar keinen Wert auf Glaubwürdigkeit. Die beiden angeknacksten Hauptfiguren sind aber einzeln und auch in Kombination mit so viel Charisma unterwegs, dass „303“ am Ende doch irgendwie sehenswert ist.

Hans Weingartner im Cineplex Münster bei der Preview seines Films «Free Rainer».
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Hans Weingartner im Cineplex Münster bei der Preview seines Films «Free Rainer». / Derfish (CC BY 3.0 cropped)

16. Juli 2018

16. 07. 2018

0
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Das hatte sich Jule (Mala Emde) alles etwas anders vorgestellt. Ihre mündliche Prüfung hat die 24-jährige Biologiestudentin zumindest so richtig verkackt. Und irgendwie ist sie sich ja auch gar nicht mehr sicher, ob das der richtige Weg ist und was sie mit ihrem Leben anfangen will. Also schnappt sie sich erst einmal das Wohnmobil mit dem Ziel, zu ihrem Freund nach Portugal zu fahren. Gesellschaft erhält sie dabei von dem unterwegs aufgeschnappten gleichaltrigen Politikwissenschaftler Jan (Anton Spieker), der ebenfalls einmal alles überdenken will, Zukunft wie Vergangenheit, der teilweise deutlich andere Ansichten vertritt als sie, sich jedoch gleichermassen an einer Weggabelung befindet.

Dass eine gemeinsame Autofahrt ein idealer Anlass ist, um sich gegenseitig besser kennenzulernen – im Guten wie im Schlechten –, das haben uns unzählige Filme vorgemacht. Ob sich nun wie zuletzt zwei Wildfremde in Camino a La Paz spirituell näherkommen oder in den deutschen Werken Helle Nächte und Leanders letzte Reise entfremdete Verwandte mehr über den anderen (und sich selbst) erfahren dürfen, der Weg ist immer das Ziel. Der Ort, an den die Protagonisten wollen, ist da oft zweitrangig, dient lediglich als Aufhänger, damit die Reise überhaupt stattfindet.

Ach, ist doch alles egal

Das ist bei 303 nicht anders. Selten ging dabei jedoch jemand so kaltschnäuzig, um nicht zu sagen dreist vor wie Hans Weingartner (Das weisse Rauschen, Die fetten Jahre sind vorbei). Der Regisseur und Co-Autor gibt seinen beiden Protagonisten gewichtige Gründe mit auf den Weg, warum sie die lange Fahrt in den Süden Europas antreten sollen. Er interessiert sich aber gar nicht dafür, lässt die Themen irgendwie plötzlich fallen oder nutzt einen Ausweg, der ebenso faul wie ärgerlich ist. Bei allem Verständnis dafür, dass sein Film woanders hin will, das ist hier doch mehr als unglücklich gelöst – umso mehr, da beide Szenarien sehr ungewöhnlich sind.

Und auch vorher gibt das Drama, das auf der Berlinale 2018 Premiere feierte, immer wieder Anlass zum Ärger. Fast nichts, was in 303 geschieht, wirkt so, als wäre es aus dem Leben entnommen. Als wären hier wirklich zwei ganz normale Menschen auf den Strassen Europas unterwegs. Das fängt bei den zu sehr auf Zufällen aufbauenden Ereignissen. Es setzt sich in der Sprache fort: Jule und Jan bauen in ihren Dialogen immer wieder obskure Statistiken oder Forschungsergebnisse ein, die sie für alles parat haben. Ausserdem sind sie in der Lage, sich in jeder Sprache zu verständigen – Französisch, Spanisch, Portugiesisch –, ohne dass je ersichtlich ist, warum zwei Nicht-Sprachstudenten so viele Sprachen beherrschen sollten. Und es gibt die obligatorischen dramatischen Zuspitzungen, die dem Film noch das letzte Rest Glaubwürdigkeit nehmen.

Ein wunderbar charismatisches Paar

Und doch: Was sich hier schlecht liest und in Drehbuchform grössere Mängel hat, im Film selbst wird vieles davon sekundär. Aus einem Grund, genauer zweien: die beiden Hauptdarsteller. Mala Emde (Wir töten Stella, Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel) und Anton Spieker haben die Gabe, selbst die konstruiertesten Momente irgendwie wunderbar leicht aussehen zu lassen. Wenn sich die beiden begegnen, dann hat man als Zuschauer das Gefühl, dass das einfach richtig so ist, dass es so gehört. Dass es vielleicht auch nicht schlimm ist, wenn sie sich widersprüchlich verhalten oder Sachen sagen, die unpassend sind.

Am schönsten ist 303 dann auch, wenn Weingartner gar keine grossen inhaltlichen Ambitionen verfolgt. Wenn er nicht philosophischen Überlegungen nachgeht oder existenzielle persönliche Probleme wälzt. Es sind die kleinen Momente, die den Film auszeichnen, ihn teilweise zu etwas Besonderem machen. Ein kleines süsses Präsent im richtigen Augenblick, ein verstohlener Blick, die Suche nach Worten, der verschämte Griff zu den Sachen des anderen. Das sind die Szenen, in denen man vergisst, dass das hier ein Film ist. Zwei Menschen auf der Suche nach Antworten und sich selbst. Zwei Menschen, die für ihr junges Alter schon einen erstaunlichen Knacks bekommen haben, aber so viel Charisma mitbringen, dass man selbst dann gern Zeit mit ihnen verbringt, wenn sie nicht viel tun. Vor allem wenn sie nicht viel tun. Die schönen Aufnahmen, gepaart mit ruhigem Indiefolk machen diese Reise trotz aller Schlaglöcher und Stolpersteine zu einer recht angenehmen, berührenden – sofern man die mit 140 Minuten schon sehr üppige Laufzeit in Kauf nimmt.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

303

Deutschland

2018

-

145 min.



Regie: Hans Weingartner

Drehbuch: Hans Weingartner, Silke Eggert

Darsteller: Anton Spieker, Mala Emde

Produktion: Simon Amberger

Musik: Michael Regner

Kamera: Cristina Amate

Schnitt: Benjamin Kaubisch

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Wholetrain in Spanien.
Rezension zum Film von Florian GaagWholetrain

20.09.2013

- Was bringt Jugendliche eigentlich dazu, nachts Züge und Wände zu besprühen?

mehr...
Zerstörtes Gebäude im Donbass.
Rezension zum Film von Sergei LoznitsaDonbass

03.09.2018

- Mal komisch, dann wieder verstörend und vor allem sehr verwirrend: „Donbass“ nimmt uns mit in die Ostukraine, in der sowohl mit Waffen wie auch mit Propaganda gekämpft wird.

mehr...
Der russische Filmregisseur Andrei Swjaginzew, Dezember 2017.
LovelessDie Suche nach mehr

07.08.2020

- In „Loveless“ wird der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev seinem Ruf wieder gerecht, ebenso sehenswerte wie kaum erträgliche Filme zu drehen.

mehr...
Hans Weingartner über ´Die Summe meiner einzelnen Teile´

30.01.2012 - Er wurde bekannt mit Filmen wie ´das weisse Rauschen´ oder ´die fetten Jahre sind vorbei´: Hans Weingartner. Am Donnerstag kommt sein ...

Die Summe meiner einzelnen Teile - Interview mit Regisseur Hans Weingartner

24.01.2012 - ´Martins (Peter Schneider) einzige Sicherheit sind Zahlen. Einst war er ein genialer Mathematiker auf Karrierekurs. Bis sein geordnetes Leben in ...

Dossier: Edward Snowden
Propaganda
Trash Tours

Aktueller Termin in Dortmund

Black Pigeon-Kiosk

Freitags zwischen 16 und 19 Uhr könnt ihr eure Bestellungen abholen. Falls ihr Kaffee, Bücher oder vegane Lebensmittel aus unserem Sortiment braucht, versorgen wir euch! Bestellungen bitte per E-Mail: black-pigeon@riseup.net Bücher, ...

Freitag, 23. April 2021 - 16:00

Black Pigeon, Scharnhorststrasse 50, 44147 Dortmund

Event in Lisboa

Disgraça livestream benefit concert

Freitag, 23. April 2021
- 20:00 -

Disgraça

Rua da Penha de França 217B

1170-166 Lisboa

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle