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Ruth Werner ist nicht vergessen Eine Legende lebt

Kultur

Am 15. Mai war der 106. Geburtstages einer ungewöhnlichen bewundernswerten Frau: geboren als Ursula Kuczynski, in erster Ehe mit dem Architekten Rudolf Hamburger Ursula Hamburger, seit 1940 dann an der Seite von Len Beurton bis zu ihrem Tod am 7.Juli 2000 Ursula Beurton, denn Ruth Werner war ja nur ihr Pseudonym als Schriftstellerin seit Ende der 50iger Jahre.

Herbststimmung an der Spree in dem von Ruth Werner geliebten Teptower Plänterwald.
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Bild: Herbststimmung an der Spree in dem von Ruth Werner geliebten Teptower Plänterwald. / Bundesarchiv, Bild 183-S89804. (CC BY-SA 3.0)

19. April 2014
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Diese Frau hatte nicht nur viele Namen, sondern auch viele Facetten. Da ist die aufrechte und standhafte Kommunistin und Internationalistin – mit 17 Mitglied im KJVD, zwei Jahre später, 1926, war sie dann der KPD beigetreten, gründete wenig später die Marxistische Arbeiterbibliothek Berlin und wurde bald deren Leiterin.

Nach 20 Jahren Auslandsaufenthalten von 1930 bis 1950 wurde sie mit ihrer Rückkehr in die DDR SED-Mitglied, in der Wendezeit 1989/1990 Mitglied der PDS und des Ältestenrates beim Parteivorstand der PDS, dem sie bis zu ihrem Tod angehörte.

Da ist die vielseitige und verdienstvolle Kundschafterin mit dem allbekannten Decknamen Sonja – seit sie 1930 in China Richard Sorge kennengelernt hatte, der sie für den sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU anwarb und Informationen für die Sowjetunion sammeln liess, später dann als exzellente Funkerin in Polen sowie der Schweiz für die „Rote Kapelle“, deswegen könnte man sie auch eine Pianistin nennen, wie im Geheimdienstjargon Funkerinnen genannt wurden und schliesslich von 1941 bis 1949 als Kurierin für die geheimen Forschungsdaten des „Atomspions“ Klaus Fuchs in Grossbritannien. Sie arbeitete so gut, dass sie nie entdeckt, nie verraten, nie entschlüsselt wurde – und die auch - im Gegensatz zu all ihren Führungsoffizieren - alle Stalinschen Säuberungsaktionen überlebte. Sie selbst sprach davon, einfach Glück gehabt zu haben, anders als Klaus Fuchs sei sie durch glückliche Umstände und rechtzeitige Warnung und Flucht in die DDR einer Verhaftung und Verurteilung entgangen.

In einigen Quellen wird sie, die bei ihrem freiwilligen Ausscheiden aus dem Militärgeheimdienst den Dienstrang Oberst innehatte, als „Stalins beste Spionin“ bzw „Superfrau der GRU“ (Buchtitel von 2002 in Moskau) bezeichnet, in anderen als die erfolgreichste Spionin des 20.Jahrhunderts, ein Engländer stilisiert sie gar zur wichtigsten weiblichen Spionin der Weltgeschichte. Mit solchen Superlativen sollte man sicher vorsichtig umgehen. Aber auch in der Autobiographie des ehemals führenden britischen Spionageabwehr-Mannes Peter Wright „Spy Catcher“ von1987 heisst es anerkennend: „Sie war eine der besten, die der russische Geheimdienst jemals hatte. Sie baute hoch entwickelte Spionageringe auf, die besten, die die Geschichte jemals kannte und die einen enormen Beitrag zum Überleben der Russen und dem Sieg im Zweiten Weltkrieg geleistet haben“.

Ruth Werner wollte im übrigen nicht als Spionin bezeichnet werden, sie war auch nie Mitarbeiterin des KGB, sondern sah sich als Mitglied der Roten Armee, als heimlichen Soldat ohne Uniform mit dem Sender als Waffe. Die von ihrer historischen Mission erfüllte „Agentin der Weltrevolution“ war von einem heute nur noch schwer vermittelbaren Selbstverständnis geprägt – bescheiden bis zur Selbstverleugnung als „Kämpferin an der unsichtbaren Front“ und gleichzeitig anspruchsvoll, im Dienst der Partei tätig zu sein, wobei sie sich dem Schweigegebot der Partei über Jahrzehnte zu ihrer konspirativen Tätigkeit bedingungslos unterwarf.

Erst ab Mitte der 60iger Jahre wurden Kundschafter, beginnend mit der Rehabilitierung Richard Sorges, als Helden gefeiert. Sie selbst hat mal später von sich gesagt: „Niemand wird von mir verlangen, dass ich mich als Held betrachte, das wäre ja geradezu dumm. Der Kampf gegen Faschismus und Krieg war für uns selbstverständlich, damals schloss er Illegalität und Gefahr mit ein. Das war der Alltag für uns.“ (zitiert nach dem Ruth-Werner-Kenner und – Freund Eberhard Panitz) .Ruth Werner hat sich zeitlebens gegen eine Legendenbildung um ihre Person zur Wehr gesetzt, sie wollte keine Überbewertung ihres Einsatzes an der unsichtbaren Front, denn sie sei ja nur eine „Überbringerin“ gewesen. Hermann Kant hatte es auf der Trauerfeier für Ruth sehr gut ausgedrückt: „Natürlich hat sie gewusst, das sie keine Pelmeni-Rezepte nach Moskau schaffte. Natürlich hat sie gewusst, das sie dabei war, den Göttern in Los Alamos Blitz und Donner zu stehlen.

Natürlich hat sie gewusst, wie nahe ihr das Feuer gewesen ist, in dem die Rosenbergs Da ist die populäre Schriftstellerin – ausgebildet als Buchhändlerin, seit 1959 erfolgreich mit vielen Büchern im Verlag Neues Leben und dem Kinderbuchverlag mit grossen Auflagen, ab 1977 auch mit der viel gelesenen autobiografischen Veröffentlichung von „Sonjas Rapport“, der wie eine Bombe einschlug und über Nacht zum Bestseller wurde - in mehr als 12 Sprachen übersetzt mit über 300 000 Exemplaren.

Da ist die vielfach hoch Geehrte – 1937 und 1969 ausgezeichnet mit dem Rotbannerorden, dem höchsten Militärorden der Sowjetunion, beide wurden geheim übergeben, den ersten bekam sie von Staatsoberhaupt Kalinin verliehen, den durfte sie nicht behalten, letzterer ein spätes Bekenntnis der russischen Seite zu ihr, aber es durfte nicht im ND mitgeteilt werden, 1977 mit dem Karl-Marx-Orden und dem Nationalpreis 1.Klasse, 2000 postum mit dem russischen Orden der Freundschaft, alles mehr als gerechtfertigt.

Da ist die mehrfache Mutter – 1931 kam in China Sohn Michael zur Welt, 1936 in Polen Tochter Janina, 1943 in England Sohn Peter. Übrigens hat keiner ihrer Kinder jemals etwas von ihrer Kundschaftertätigkeit gemerkt, was das für eine Belastung für sie war kann man nur schwer vorstellen. Da ist nicht zuletzt die ungewöhnlich mutige Antifaschistin, die jüdische Kommunistin, die geduldige Humanistin, die bescheidene und verschwiegene Frau, die bis in ihre letzten Tage konsequente Linke.

Die Linke Treptow-Köpenick hat immer wieder öffentlich an Ruth Werner in ihrem Heimatbezirk erinnert - zu ihrem 100. Geburtstag 2007 mit einer Gedenkwanderung in Treptow (gemeinsam mit dem Bürgerkomitee Plänterwald und dem Bund der Antifaschisten), 2008 zum 101. Geburtstag an ihrem Grab in Baumschulenweg, 2010 zu ihrem 10.Todestag im Treffpunkt Pro des BdA Treptow, 2011 mit einer Gedenkwanderung auf ihrem Lieblingswanderweg im Plänterwald und der spontanen Gründung eines Ruth-Werner-Freundeskreises und auch wieder 2012 zum 105.Geburtstag an ihrem Grab. Weit über 100 Menschen waren da dem Aufruf gefolgt, anlässlich ihres Geburtstages zu ihrer letzten Ruhestätte mit Rosen zu kommen. Mit dabei auch alle drei Kinder und Vertreter des Ruth-Werner-Vereins aus Carwitz/Feldberg. (Tochter Janina verstarb dann wenig später) Als Vertreter der Linkspartei habe ich bei all diesen Gelegenheiten erklärt, dass wir uns der Würdigung der Lebensleistung unserer Mitgenossin gestellt haben und weiter stellen werden.

Der Versuch der Linksfraktion in der BVV Treptow-Köpenick im Jahr 2007 diese Frau zu ihrem 100. Geburtstag mit der Benennung einer Strasse bzw. eines Weges in der Nähe ihres Wohnviertels in Baumschulenweg als „Ruth-Werner-Promenade“ zu würdigen, war an den Mehrheitsverhältnissen in der BVV, d.h. dem Unwillen anderer Fraktionen gescheitert. Dem Antrag war eine Unterschriftensammlung vorausgegangen, bei der fast 700 Bürgerinnen und Bürger für den Vorschlag einer Ruth-Werner-Promenade am Ufer der Spree votierten. Selbst ein damals von der SPD-Fraktion angeregter Kompromiss, eine Infotafel vor oder an ihrem Wohnhaus anzubringen, kam nicht zustande. Da ging es nicht zuletzt um den Text auf der Tafel, der aus Sicht der SPD einer „kritischen Auseinandersetzung“ dienen sollte, was nicht unserer Auffassung von Würdigung entsprach. Das Schlimmste in der damaligen unwürdigen Debatte aber waren die wüsten Beschimpfungen Ruth Werners durch den NPD-Verordneten Eckhard Bräuniger, der die Antifaschistin in geschichtsrevisionistischer Manier als „Vaterlandsverräterin“ diffamierte.

Der Tiefpunkt war erreicht, als der NPD-Hetzer in faschistoider Weise Ruth Werner „niederträchtiges und schändliches Verhalten“ unterstellte. Es sei “anmassend“ festzustellen, dass sie unter ständiger Bedrohung gelebt habe – bedroht gewesen sei einzig „das deutsche Volk und der deutsche Frontsoldat“. Ich habe noch die Buh-Rufe der demokratischen Verordneten nach diesen wohlkalkulierten perfiden und widerlichen Ausfällen im Ohr und die Ordnungsrufe des BVV-Vorstehers, der NPD-Redner solle sich in Inhalt und Ton mässigen. Die Ablehnung des Ruth-Werner-Antrags wurde in den Medien als „Provinzposse“ und „schäbiges Politspektakel“ kommentiert. Der Schriftsteller Eberhard Panitz brachte den Skandal im ND auf den Punkt, als er schrieb: „Die historische Wahrheit, die Lebensleistung und das mutige Engagement einer Antifaschistin, Jüdin, Kommunistin und Schriftstellerin werden auf den Kopf gestellt und zur kriminellen Untat umgefälscht.“

Unmittelbar nach der überaus kontroversen kommunalpolitischen Auseinandersetzung hatte der Vorsitzende der Linksfraktion in der BVV, Philipp Wohlfeil, in einem ND-Interview erklärt, das sich Die Linke weiter Gedanken machen wird, wie künftig an Ruth Werner erinnert werden kann. Daraus entstanden dann die weiteren öffentlichen Ehrungen in den Folgejahren, an denen sich jedoch ausser der Linken keine weiteren in der BVV vertretenen Parteien beteiligten. Zu der Ehrung am 101.Geburtstag wurde schon mal von mir ein provisorisches Strassenschild für eine „Ruth-Werner-Strasse“ mitgebracht. Zur Feier am Tag des Sieges im Treptower Park am 9.Mai 2012 wurde der Festplatz auf Vorschlag der Linken symbolisch als „Ruth- Werner-Platz“ benannt. All das sollten Vorgriffe auf noch zu leistende Ehrungen sein, die jedoch auch unter den Stimmverhältnissen der derzeitigen BVV in weite Ferne gerückt sind. Im mecklenburgischen Carwitz, wo Ruth Werner viele Jahrzehnte ihren Urlaub verbrachte, wurde aufgrund einer Initiative des Ortsrats Feldberg/Carwitz wenigstens eine Gedenktafel vor ihrem Ferienhaus angebracht.

Eine posthume Ehrung Ruth Werners kam bisher noch nicht zustande und steht noch aus. Ein unruhiges, abenteuerliches, hochmoralisches, risikoreiches, zeitweilig dramatisch gefährliches und bewundernswertes Leben wurde nachträglich in Frage gestellt und ins Gerede gebracht. Das hat Ruth Werner nicht verdient. Aber dazu ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Ruth Werner ist immer noch für zukunftsträchtige Visionen gut. Oder um mit Markus Wolf zu sprechen: „Sie hat mit ihrem ganzen Leben, mit ihrem Rapport Spuren hinterlassen und diese werden nicht so bald verwehen.“ (Funksprüche an Sonja)

Von Sohn Peter stammen die Sätze: „Tatsächlich waren ihre Kinder ihr ganzes Leben – sofern ein Mensch mehrere ganze Leben gleichzeitig haben kann. Sie konnte es. Dies war vielleicht ihre erstaunlichste Eigenschaft. Und sagen wir es so – Es bleibt in jeder Biografie etwas Unergründbares. Das Leben meiner Mutter war doch auch geprägt von ungeheurem Glück. Es war das Glück einer grossen und immer auf die Zukunft neugierigen Optimistin.“ (zitiert aus „Funksprüche an Sonja“, Neues Leben, 2007)

Hans Erxleben

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