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Review von Nils Koppruch’s Album «Caruso» | Untergrund-Blättle

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Review von Nils Koppruch’s Album «Caruso» Ein Meisterwerk

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Also gut. Alle, die Nils Koppruch nicht kennen, tun jetzt folgendes: Solltet ihr im Erdgeschoss wohnen, springt ihr bitte umgehend aus dem Fenster und macht euch schleunigst auf den Weg zum nächsten Plattenladen.

Nils Koppruch in seinem Atelier.
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Bild: Nils Koppruch in seinem Atelier. / No Man's Art Gallery (CC BY-SA 2.0 cropped)

3. Oktober 2010

03. 10. 2010

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Für alle, die in den oberen Etagen wohnen, empfiehlt sich, auf dem Weg nach unten nicht den Aufzug zu benutzen. Der kann steckenbleiben, und ein bisschen Treppensteigen ist gut für die Gesundheit. Wenn ihr überhaupt noch eine Chance haben wollt gegen die Erdgeschössler, dann würde ich mich 'ran halten. Oder reitende Boten durchs Internet senden. Geht auch.

Nils Koppruchs neues Album mit dem spöttischen Titel "Caruso" ist ein Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger. Wann hat man diesen Titel eigentlich zuletzt mit Recht einer Platte mit deutschsprachigen Songs verleihen dürfen, ohne rot zu werden oder sich fragen lassen zu müssen, seit wann man auf der Soldliste des Labels stehe? Bestimmt nicht seit der Zeit, da engagierte Liedermacher oder Leute, die Folk-, Blues- und Rockrhythmen ausnahmsweise nicht mit holprigem Schulenglisch besingen wollten, offenbar zwangsläufig beim Schlager landeten. Oder bei der DKP. Oder im Graben.

Koppruch, ehemaliger Sänger und Gitarrist der unvergessenen Band Fink, ist beileibe kein Neuling, und das hört man seiner Musik auch an. Es geht erstaunlich dunkel zu auf seinem zweiten Soloalbum, bedrohlicher und bitterer als bisher. Der Mann am Mischpult hat Tom Waits gehört, und was viel wichtiger ist: Er hat ihn auch verstanden. Die Produktion ist erstklassig, ebenso wie die Musiker, die Koppruch ins Studio geladen hat. Glatt tönt hier gar nichts: Die Bluesharp faucht und kratzt, Gitarren und der Contrabass klingen, als hätte man das Ohr daran gelegt, das Schlagzeug hört sich wie ein Schlagzeug an, nicht wie ein Protools-verstärkter Mouseclic.

Der Groove rollt gewaltig, gelegentlich gibt es satte Bläsersätze zu bestaunen, und allein das wundervoll versoffene Barrellhouse-Piano von reverend ch.d. zieht den Finger zuweilen magisch Richtung Wiederholungstaste. Aber gute Musiker brauchen gute Songs, sonst können sie nicht arbeiten. Und Nils Koppruch schreibt gute Songs. Seit langem schon. Wenn man seine Musik mit einem Satz umschreiben wollte, müsste man wohl sagen: Koppruch ist die schönste und intelligenteste Ermutigung zu künstlerischer Eigenständigkeit, die sich denken lässt. Er ist einzigartig eigensinnig, schreibt seine Verse ohne Netz und doppelten Boden. Gelgentlich wird dabei der ein oder andere Reim mit der Faust zurecht gerückt, zugegeben.

Aber für jede sanfte Gewalt am Wort wird man entschädigt mit Dutzenden von Bildern von geradezu traumwandlerischer, poetischer Sicherheit und Schönheit. Koppruchs Worte sind Fenster nach draussen, wo andere ihre Lieder oft mit schweren Tischen, Truhen oder Schränken übermöblieren. Sie öffnen einen schier endlosen Raum. Nichts steht im Weg, nichts versperrt die Sicht. Jeder Koppruch-Song ist eine liebevolle, verspielte Einladung an die Phantasie, ganz gleich, ob er nun traurig ist, sehnsüchtig, witzig, zynisch, nachdenklich oder alles auf einmal. Und, nur, um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Gerade auf "Caruso" könnten selbst böswilligste Sicherheitsbeamte der Regelpoetiken allenfalls drei, viermal das Klemmbrett zücken.

Musik und Text fügen sich nahtlos ineinander. Der knorrige Ton bekommt Koppruch spürbar gut. Seine Metaphern sitzen, seine Sprachkunst erreicht neue Höhen, und es macht Spass, sich beim Zuhören schwummrige Kellerclubs vorzustellen, grell flackernde Tanzläden, verregnete Stadtviertel oder Bäume, durch deren Kronen die Sonne herunterschmunzelt. Politisch ist dabei das Fest der Kreativität, der freie Flug der Sprache. Und dass auf einem Song Gisbert zu Knyphausen mitsingt, möchte man nur allzu gerne als Zeichen deuten: Dafür, dass der endlos scheinende Nachtmarsch unterm Silbermond zuende geht und für intelligente, deutsche Songs ein neuer Morgen anbricht. Wenn es aber tatsächlich wieder hell wird und ein paar schräge Vögel in den Zweigen singen, dann wird Koppruchs Stimme vor allen anderen zu hören sein. Er ist die Tür, durch die die anderen gehen - ganz einfach, weil er so wunderbar Koppruch ist. In diesem Sinne: siehe oben.

Baxi / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 351, September 2010, www.graswurzel.net

Nils Koppruch: Caruso. Grand Hotel Van Cleef 2010.

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