UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

“Die neue deutsche Mentalität” | Untergrund-Blättle

438

kultur

ub_article

Kultur

Rückkopplungen “Die neue deutsche Mentalität”

Kultur

Nimmt man Pop ernst, dann gilt auch hier der Grundsatz materialistischer Ästhetik vom Zeitkern der Wahrheit; gerade wenn Pop nur durch die Verwertungslogik vermittelt ist, bleibt der Abdruck von Wahrheit, der sich etwa in einem Musikstück zeigt, an seine fetischistische Form gebunden: die Mode.

Tocotronic beim Dockville Festival in Hamburg.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Tocotronic beim Dockville Festival in Hamburg. / Lara Janssen (PD)

7. November 2004

07. 11. 2004

0
0

4 min.

Korrektur
Drucken
Wo Kunst Gesetzen der Mode folgt, gilt es die Spuren der Wahrheit zu rekonstruieren und eben nicht blank das ästhetische Phänomen zu verabsolutieren: Dabei käme Kitsch heraus, höchstens die Bestätigung dessen, was eh zu hören ist. Das hiesse etwa zu sagen, dass eine Band “politisch” wegen ihrer “politischen” Texte sei. Das funktioniert bemerkenswerterweise nur dann, wenn mit Textkitsch nur Musikkitsch verborgen werden soll, wenn es reaktionär wird, wie es derzeit im Umfeld einer neuen deutschen und darauf besonders stolzen Berliner Musikszene zu beobachten ist: Im modischen Sog eines musikalisch kaum inspirierten Retrorevivals der Achtziger und aufgesetzter, abgeschmackter Riot-Girl-Attitüde bekennt sich die Band Mia und ihre Frontfrau Mieze zum neonationalistischen Pangermanismus, populistisch gefiltert ausgerechnet mit Erich Fried-Gedichtbrocken (“Es ist was es ist sagt die Liebe… “); in entstaubter Vaterlandsliebe erstrahlen Schwarz Rot Gold jetzt als Kaffee, Lippen und Sonne: der Militarismus der Neuen Mitte heisst Friedenseinsatz. Von den Second-Hand-Parkas entfernt kaum noch jemand die Deutschlandfahne. Die Band liefert konsequent den Soundtrack zum sozialdemokratischen Krisenmanagement. Es ist kein Soundtrack zum Untergang, sondern zum “Anfangen”, wie sie sagen. “Deutschland erwache”, hiess es früher.

Vorbereitet wurde das mit Kompilationen, auf denen sich durchweg aus dem ehedem poplinken Lager bekannte Bands finden (oft ohne deren Wissen, wie etwa im Fall von Tocotronic, die sich von solchen Vereinnahmungen distanzierten): Vom “jungen neuen Deutschland” ist da die Rede, und die Platten heissen ,Heimatkult’, ,Neue Heimat’ oder ,German Liedgut’. Mia kann mit Rückhalt rechnen; Kritik prallt ab: intellektuell, politisch, ästhetisch. Überhaupt tat sich Popkultur schon immer mit Kritik schwer, zumal die deutsche, deutschsprachige. Wahrscheinlich sind das noch Reste des nationalsozialistischen Verdikts über Kunstkritik, die Verpflichtung der Popkameraden auf nationale Befindlichkeitsästhetik, die es ausdrücklich bei der blossen Kunstbetrachtung belässt. – Tatsächlich sollten Mia und andere Bands nicht zu erst genommen werden; ernst ist das, was sie zum Ausdruck bringen: Sie sind ja nicht der Underground, der sie gerne sein wollen, sondern das übliche Plagiat, der tote Fisch, der im Mainstream schwimmt.

Was den neuen nationalen Aufbruch der deutschen Popmusik prekär macht, ist die aberwitzige Idee, dass gerade ein deutscher Nationalismus mit Mitteln des Pop gerechtfertigt werden könnte. Marcuse sprach vor über fünfzig Jahren schon von der “neuen deutschen Mentalität”: Kennzeichen der deutsch-nationalen Kulturgemeinschaft war schon damals, dass die Massen an die Kultur gewöhnt werden, im selben Masse, wie die Kunst an die bestehenden Verhältnisse angepasst wird (vgl. Marcuse, Feindanalysen. Über die Deutschen, Lüneburg 1998).

Das Kokettieren mit dem neuen Deutschland, dem poppig herausgemachten Nationalismus, ist so politisch reaktionär, sowenig es ästhetisch ein Skandal ist. Es gibt keinen Skandal mehr, auch nicht im Pop. Das Geschäft verbietet es, obwohl die skandalträchtige Geste selbst noch für Surplus sorgt: sie ist allerdings blosse Form, sinnlos und inhaltsleer, die Revolte als Accessoire einer auf Harmlosigkeit gebürsteten Jugend. Und damit hat der Neokonservatismus seine erste Mode. Oder anders gesagt: Die Ästhetisierung der Politik ist in der Popkultur angekommen (also: es ist kein politischer Nationalismus, sondern ein ästhetischer; eine Frage von Style, nicht von Stil). – Nur noch die Provokation vermag an den Skandal zu erinnern: etwa, insofern der Punk wenigstens versuchte, die Ästhetisierung der Politik umzukippen, zu pervertieren.

Seit über 25 Jahren ist dieses Konzept mit dem Namen Mark E. Smith beziehungsweise The Fall verbunden: Untergrund, Antipop – dieses Vierteljahrhundert ist Thema der Kompilation ,Perverted by Mark E. A Tribute to The Fall’. Zusammengestellt von der ebenfalls vertretenen Band Woog Riots ist auf zwei CDs ein Lieblingstape entstanden, mit allerhand Coverversionen, Imitationen, Spielereien und ironischen Surrealismen. Punk und Postpunk – es ist nicht alles gut und, wie so oft, bleibt das meiste Geschmackssache (ausser freilich Boy Division, ausser S. Y. P. H, ausser I, Ludicrous etc. ). Und Klaus Walter erzählt die Geschichte von sich und seinem Bruder Alfred E. Smith, die beide schlechte Zähne haben und deshalb Josef Neckermann entführen. Es geht nur um ,Neue Zähne für meinen Bruder und mich’ (Superpunk); es geht aber auch um die Arisierung der Textilfirma des Juden Karl Amson Joël 1937 durch die Nazis und Neckermann, dem Mitglied der Reiter-SA. Es geht um das Wirtschaftswunder, für das dann der Neckermannversand zum Symbol wurde, es geht auch um die Genealogie der (deutschen) Popkultur. Der Text verhüllt nicht, sondern kommentiert.

Als ginge es darum, kraft der Musik den Sinn der gegenwärtigen Popkultur auszuhebeln. Das ist das Prinzip von The Fall, sogar das Messianische, das anarchistische Fans bei Mark E. Smith entdecken. “Am Ende hat er mir erzählt, wie man Platten macht”, heisst es in Tocotronics ,Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith’. Wie die Welt verrückt werden kann, werden wir in einem Schnellimbiss erfahren, nicht am Festbuffet der bürgerlichen Gesellschaft.

Roger Behrens
streifzuege.org

Various Artists, Perverted by Mark E. A Tribute to The Fall, ZickZack / WSFA 2004

Mehr zum Thema...
Debut Album von Yes aus dem Jahr 1969 auf dem Schallplattenteller.
Über den Rock-ÄsthetizismusYes - Progressive Rock aus England

07.07.2009

- Vor vierzig Jahren, am 25. Juli 1969, erschien das erste Album der ein Jahr zuvor gegründeten Band Yes.

mehr...
Die MetalGruppe «Rammstein» am Wacken Open Air 2013.
Arroganz und Ignoranz zwischen Kulturphilosophie und der MassenkulturSchwierigkeiten einer Philosophie der Popkultur

23.07.2004

- Zwischen Theorie und Praxis der Kultur macht sich eine Differenz bemerkbar, die im allgemeinen Widerspruch von Kultur und Gesellschaft fundiert ist.

mehr...
Dj Vadim bei einem LiveGig am Sacrum Profanum Festival in Polen.
“Melancholia”Rückkopplungen

15.06.2004

- Die Ideologie, die sich in der neuesten Popkultur manifestiert, ist selbst ein Resultat höchst vermittelter Mechanismen, wesentlich in musikalischen Figuren geronnene Konkretion einer abstrakt sich und alles durchsetzenden Verwertungslogik.

mehr...
Europe on Air: „Scheissen wir auf deutsche Texte?!“ - Das musikalische Selbstverständnis deutscher Bands

03.06.2014 - Ein Hörstück von Eva Gutensohn Musik ist eine universelle Sprache, Musik kennt keine Grenzen, Musik verbindet Generationen, schafft Identität, ohne ...

Ein Kreativarbeiter klagt . Die Biografie von Mark E. Smith

19.06.2008 - Keine Träume für Englands Zukunft. In seiner Autobiografie gibt sich der Fall-Sänger Mark E. Smith als zynischer Kommentator. Dabei ist er weit davon ...

Dossier: Punk
Propaganda
EmailSelfDefense

Aktueller Termin in Berlin

Anlaufpunkt der Solidarischen Aktion Neukölln

Gemeinsame Unterstützung bei Problemen mit Wohnen, Jobcenter/Sozialleistungen und der Arbeit Jeden 1. und 3. Dienstag im Monat Uhrzeit: gemeinsamer Beginn um 17:30 Uhr  Ort: Friedelstr. 8 (nähe Hermannplatz)

Dienstag, 2. Juni 2020 - 17:30

Friedelstr. 8, Friedelstr. 8, 12047 Berlin

Event in Zürich

Kim Gordon

Dienstag, 2. Juni 2020
- 21:00 -

Rote Fabrik

Seestrasse 395

8038 Zürich

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle