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Zur Kontroverse zwischen Noam Chomsky und Slavoj Žižek | Untergrund-Blättle

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Modische Begriffe mit vielen Silben als Theorie ausgeben Zur Kontroverse zwischen Noam Chomsky und Slavoj Žižek

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Der Streit zwischen zwei Geistesgrössen der Linken, der im englischsprachigen Raum mehr Staub aufgewirbelt hat als bei uns, wird auf verschiedenen Blogs beschrieben als eine Art Hahnenkampf, wo zwei eitle Persönlichkeiten einander verbal abwatschen, während ihre Fan-Gemeinde sie anfeuert.

Slavoj Žižek am Subversive Festival 2013 in Zagreb.
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Bild: Slavoj Žižek am Subversive Festival 2013 in Zagreb. / Robert Crc (Licence Art Libre)

12. Februar 2014

12. 02. 2014

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Diese Darstellung tut erstens Noam Chomsky sehr unrecht. Zweitens aber verhält sie sich sehr ignorant gegenüber dem, was eigentlich der Inhalt dieses Streites ist.

1. Chomskys Kritik an Žižek

Obwohl der Gegensatz älter zu sein scheint und erst jetzt so richtig ausgetragen wird, kann man ein Interview Chomskys vom Dezember des Vorjahres als Ausgangspunkt dieser aktuellen Auseinandersetzung nehmen. In diesem Interview für die Website von Gegnern der US-Kriege „Veterans unplugged“ sagte er folgendes, als ihn sein Partner darauf ansprach, was er von den Werken Žižeks halte und warum er sich nicht mehr mit den von Žižek verwendeten Theorien Derridas und Lacans beschäftige:

„Sie beziehen auf etwas, was als »Theorie« bezeichnet wird. Wenn ich sage, »Theorie« interessiert mich nicht, so meinte ich damit, dass ich die Pose ablehne, modische Begriffe mit vielen Silben zu verwenden und das ganze als Theorie auszugeben, obgleich dabei von Theorie keine Rede sein kann. In dem ganzen Zeug findet sich nichts, was den Namen Theorie verdienen würde in dem Sinne, wie man sie in den Naturwissenschaften oder anderen Fachgebieten begreift. Versuchen Sie einmal in denjenigen Werken, die Sie erwähnt haben, irgendwelche Prinzipien zu finden, aus denen man Schlüsse ziehen oder empirisch abgesicherte Aussagen finden kann, zumindest insofern, als damit mehr gesagt sein soll als man einem Zwölfjährigen in 5 Minuten erklären kann. Schauen Sie einmal, ob sie so etwas finden, wenn die Modeausdrücke einmal dekodiert sind. Ich kann’s nicht. Ich kann daher dieser Art von Posen nichts abgewinnen. Žižek ist ein Extrembeispiel dafür. Ich kann seinen Äusserungen nichts abgewinnen.“

Chomsky spricht hier als erster deutlich aus, wie die Sprache und Begriffswelt der Postmoderne eigentlich heute in der Linken angekommen sind, und weiterhin ankommen. Die Unart, mit hochgestochenen Begriffen nichts zu sagen, aber einen kritischen und höchst intellektuellen Gestus zu verströmen, war bis zur Wende ein elitärer Sport in philosophischen Seminaren und Publikationen. Nach 1990 jedoch besann sich eine völlig verunsicherte Linke auf dieses Instrumentarium und hauste sich in dieser Schaumschlägerei ein.

So war die Möglichkeit gegeben, sich selbst „treu zu bleiben“, weiterhin als Gesellschaftskritiker aufzutreten und sich dabei in einer Art und Weise auszudrücken, die es jedem ermöglichte, in diese luftigen Hervorbringungen des Geistes hinein- und auch wieder herauszulesen, was einem beliebte. Das bekannteste und erfolgreichste Werk dieser Art ist Negris und Hardts „Empire“. Eine Linke, die eine inhaltsleere Distanz zu Kapital und Imperialismus bewahren will und sich jedes praktischen Veränderungswillens begeben hat, erkannte sich in diesem verklausulierten Nonsens wieder und honorierte den Autoren solcher Werke ihre Anstrengung durch Applaus und Anhängerschaft.

Auch kritische Geister und ehemalige Dissidenten der ehemals sozialistischen Staaten fanden dieses Konglomerat von marxistischen, leninistischen, psychoanalytischen und frei erfundenen „Vielsilben-Wörtern“ und sonstigen „Ismen“ höchst anziehend. Es bietet die Möglichkeit, sich sowohl von dem vorherigen sozialistischen System als auch von dem hässlichen Kapitalismus heute abzugrenzen und sich als „Philosoph“ und „Kulturkritiker“ und „unabhängiger Denker“ zu präsentieren, während man gleichzeitig dem p.t. Publikum hineinsemmeln kann, dass man sowieso alle wichtigen Theorien kennt und für zu leicht befunden hat. Das postmoderne Vokabular, die Angeberei des Bildungsbürgers und die kritische Pose ergänzen sich also perfekt. Und das ganze geht der ähnlich gelagerten Leser- und Hörerschaft hinunter wie Butter, weil sie sich damit ideell auf die gleiche Stufe wie ihre Idole stellen und als Durchblicker geniessen kann.

Chomsky hat also mit seiner Kritik zunächst gar nicht inhaltliche politische Differenzen, wie sie dann im Laufe des Streits auch zu Tage gefördert wurden, angesprochen. Er hat von seiner sprachlichen/sprachwissenschaftlichen Kompetenz ausgehend nicht mehr oder weniger gemacht, als das Kind in Andersens Märchen. Er hat einen Kaiser angeschaut und gesagt: Er hat ja gar nichts an!

2. Žižeks Reaktion I

Die Reaktion Žižeks lliess erstaunlich lange auf sich warten. Aber Anfang Juli dieses Jahres war der Augenblick gekommen, anlässlich einer Podiumsdiskussion in London seinerseits eine Breitseite auf Chomsky loszulassen. Wie es sich für einen eitlen Menschen gehört, dem eben seine schillernden Gewänder ausgezogen worden sind, ist er sehr beleidigt und beginnt seine Replik zunächst mit einer dicken Lüge:

„Bei allem tiefen Respekt, den ich für Chomsky hege“ – um dann ziemlich respektlos, weil verfälschend fortzufahren – „Zunächst betont gerade Chomsky immer, dass man empirisch und genau sein muss“ – was nicht die Aussage Chomskys war. „Empirisch“, also auf die Realität bezogen, hat Wissenschaft nämlich immer zu sein, und „genau“ ist ein unangemessener Massstab für Theorie – die stimmt entweder, oder sie stimmt nicht. Chomskys Vorwurf war, dass es Žižek und seinesgleichen gar nicht um Erklärung geht.

Aber wie sich später herausstellt, handelt es sich bei dieser Festnagelung Chomskys auf „Empirie“ nicht um ein Missverständnis Žižeks, sondern um eine Argumentationsstrategie.

„Dabei weiss ich gar niemanden, der bei seinen Beschreibungen so oft empirisch falsch gelegen ist!“

Žižek verwendet hier das Wort „Beschreibung“, was darauf hinweist, dass er unter „Theorie“ etwas anderes versteht als Chomsky – Chomsky sprach von „Schlüsse ziehen“, nicht „beschreiben“. Schliesslich wirft Žižek Chomsky vor, „empirisch“ unrecht gehabt zu haben. Auch das ist ein höchst eigenartiger Vorwurf. Es wäre, als ob jemand eine Katze als Hund bezeichnet, also einfach das, was empirisch wahrnehmbar ist, nicht richtig erfasst. Das ist etwas ganz anderes, als etwas falsch oder gar nicht erklärt zu haben.

„Schauen wir einmal. Ich erinnere mich daran, wie er seine Darstellung der Roten Khmer verteidigt und eine Reihe von Texten verfasst hat, in denen er behauptet: »Nein, das ist westliche Propaganda. Die Roten Khmer sind nicht so schrecklich wie sie dargestellt werden«.“

Žižek bezieht sich hier, wie sich später herausstellt, auf Schriften Chomskys aus den 70-er und 80-er Jahren. Wenn jemand in einem fort Fehler macht oder falsches Zeug von sich gibt, wie es Žižek behauptet, so ist es eigenartig, wenn man 20-30 Jahre zurückschauen muss, um eine dieser angeblich häufigen Fehlleistungen dingfest zu machen. Was er dann im weiteren an Chomsky bemängelt, hat nichts mit Empirie zu tun. Er wirft Chomsky vor, sich gegen die westliche Propaganda gewehrt und die moralische Feindbildpflege gegenüber den Roten Khmer zurückgewiesen zu haben.

„Als er dann später genötigt war, zuzugeben, dass die Roten Khmer nicht die nettesten Leute im Universum waren, usw., so war seine Verteidigung ziemlich erschreckend für mich. Er meinte »Nein, mit den uns damals zur Verfügung stehenden Daten hatte ich recht. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht genug, deshalb … Sie wissen schon«.“

So funktioniert Verleumdung. Chomsky sei „genötigt“ gewesen, etwas „zuzugeben“ – damit wird er auf die Stufe eines Kleinkriminellen heruntergebracht, der einen Ladendiebstahl gestehen muss, weil er überführt wurde – und dann versuchte er sich mehr oder weniger herauszureden. Es versteht sich von selbst, dass für diese Behauptung, Chomsky hätte sich in dieser Art und Weise rechtfertigen müssen, von Žižek keinerlei Zitate oder Quellen angeführt werden.

Damit spielt Žižek auch mit dem Trick, westlichen Intellektuellen und Marxisten „Blindheit“ gegenüber den angeblichen „Greueln“ des Sozialismus vorzuwerfen, und damit ihre ganze antikapitalistische Gesellschaftskritik für eine Kinderei von Naivlingen, ja, sogar von Geisteskranken zu erklären:

„Aber ich lehne diese Art von Argumentation völlig ab. Mein Gott, man braucht doch nur den öffentlichen Diskurs zum Stalinismus und den Roten Khmer anzuhorchen, um zu begreifen, dass es da ganz fürchterlich pathologisch zugeht.“

Auch hier bedient sich Žižek eines bzw. mehrerer Tricks. Erstens stellt er sich als moralisch lautere Person gegenüber dieser angeblich die Schreckenstaten der Roten Khmer und Stalins verharmlosenden Argumentation dar – einer „Argumentation“, die er frei erfunden hat. Er drischt also auf eine von ihm selbst aufgebaute Strohpuppe ein. Zweitens bringt er einen „öffentlichen Diskurs“ ins Spiel, den er auch wieder erfunden hat, und in den er mehr oder weniger unter der Hand Chomsky mit einbezieht. Man weiss also gar nicht, wovon und von wem er redet, aber es handelt sich jedenfalls um schwere „pathologische“ Fälle.

„Was die Popularität betrifft, ärgere ich mich ein bisschen über die Auffassung, dass wir mit unseren tiefen Sophismen innerhalb der Geisteswissenschaften eine Hegemonie ausüben sollen. Sind die Leute verrückt? Ich glaube, wir sind stets marginal.“

Am Schluss ist auf einmal Bescheidenheit angesagt. Bei allen Differenzen zu Chomsky, die Žižek gerade benannt hat, in einem ist auf einmal ein umarmendes „Wir“ angesagt. Nehmen „wir“ uns doch nicht so wichtig! Also auch du, Noam Chomsky, bis doch nur ein i-Punkt der Weltgeschichte bzw. der Geisteswissenschaften!

Chomsky hat nie „tiefe Sophismen“ verfasst und stellt nicht nur in der politischen Theorie, sondern auch in den Sprachwissenschaften eine ziemliche Autorität dar. Von dieser wissenschaftlichen Anerkennung kann Žižek nur träumen. Dennoch oder gerade deshalb nützt er die Gelegenheit, Chomsky deshalb zu demontieren, weil er sich mit ihm in eine Debatte eingelassen hat. Du und ich, so scherzt der kritische Philosoph jovial und schlägt Chomsky in wirtshausmässiger Kumpanei kräftig ideell auf die Schulter, wir sind doch bloss kleine unbedeutende Würmer des Universums, was soll denn dieser Streit um Theorie?

3. Chomskys Antwort

Auf diese luziden Ergüsse Žižeks antwortete Chomsky auf einer linken Website am 21. Juli.

Er äussert sich zu der Kritik Žižeks zunächst mit den folgenden Worten:

„Ich habe sie mit einigem Interesse gelesen, in der Hoffnung, etwas daraus zu lernen. Dem Titel entnahm ich, dass ich vielleicht irgendwelche Irrtümer korrigieren sollte. Natürlich gibt es immer Irrtümer in allem, das gedruckt wird, auch in faschspezifischen Zeitschriften, wie man den Rezensionen in diesen Zeitschriften entnehmen kann. Und wenn ich diese Irrtümer finde oder auf sie aufmerksam gemacht werde, so korrigiere ich sie.“

Im folgenden bezieht sich Chomsky auf Žižeks Vorwürfe. Es stellt sich heraus, dass die Differenzen zwischen den beiden sich bereits seit geraumer Zeit in verschiedenen Medien Raum verschafft haben, und neben wissenschaftstheoretischer auch inhaltlicher Natur sind:

„So schrieb mir Žižek im Winter 2008 in der deutschen Zeitschrift Lettre International einen rassistischen Kommentar über Obama von Silvio Berlusconi zu.“

Nicht Chomsky selbst, sondern jemand anderer ging der Sache nach. Als sich das Zitat als eine Ente einer slowenischen Zeitschrift entpuppte, die Žižek unkritisiert übernommen hatte, so hätte Žižek gemeint, das sei doch keine Kritik gewesen, insofern als solche Bemerkungen völlig im Einklang mit „unserem politischen und ideologischem Kampf“ seien.

Žižek meinte also, einen Schmarrn von Berlusconi als ein Zitat von Noam Chomsky auszugeben, sei ein netter Gag für einen „politischen und ideologischen Kampf“, von dem sich spätestens jetzt herausstellt, dass es ihn nicht gibt, da Chomsky und Žižek keinesfalls gemeinsame Ziele verfolgen. Žižek hat also Chomsky als Autorität der Linken benutzt, um sich – wie Chomsky generell über Leute wie Žižek bemerkt hat – in Pose zu setzen. Weiters habe Žižek dann die Lüge verbreitet, die Sache mit Chomsky telefonisch abgesprochen zu haben. Nun ja.

Chomskys Link zu einem Artikel bezüglich dieser Affäre funktioniert nicht, aber wenn nur die Hälfte davon stimmt, so wirft sie ein sehr unvorteilhaftes Licht auf Žižek: betreffend seine intellektuellen Kapazitäten ebenso wie seine publizistischen Praktiken.

Chomsky wendet sich dann dem Vorwurf Žižeks zu, er habe die Roten Khmer mehr oder weniger verharmlost, und dies später öffentlich eingestanden. Er verweist auf diejenigen seiner Bücher, auf die sich seiner Ansicht nach bezieht: The political Economy of Human Rights I and II, (1979), sowie Manufacturing Consent (1988)

Alle drei wurden mit dem Co-Autor Edward Herman verfasst.

Chomsky weist darauf hin, dass diese Schriften ein ganz anderes Thema hatten als das, was die Roten Khmer machten und wollten. Den beiden Autoren ging es darum, wie Massaker und Informationen generell in der Propaganda, d.h. in den Medien verarbeitet wurden – und werden! Das Thema dieser Bücher war also Ideologie- bzw. Medienkritik. Sie stellten die Berichterstattung über die Roten Khmer derjenigen über die Invasion Ost-Timors durch Indonesien gegenüber und erstellten daraus ein Modell der Feindbildpflege. Die Medien sind selbstverständlich nur die willigen Sprachrohre der Aussenpolitik der USA und deren unterschiedlichem Umgang mit Freund und Feind:

„Die beiden Fälle sind natürlich nicht identisch. Der Fall Ost-Timors ist jedoch wichtiger, weil es dort leicht gewesen wäre, die Gewalttaten zu beenden, wie es ja auch im September 1999 geschah, durch eine blosse Andeutung aus Washington, dass das Spiel aus sei. Demgegenüber hatte niemand einen Vorschlag, was getan werden könnte, um die Gewalttaten der Roten Khmer zu beenden. Als dies schliesslich 1979 durch die vietnamesische Invasion geschah, wurden die Vietnamesen heftigst von der (US-)Regierung und den Medien verurteilt und bestraft, und die USA begann sofort, die Roten Khmer diplomatisch und militärisch zu unterstützen.“

In diesem Zusammenhang, so Chomsky, hätten er und Herman auf die Unterscheidung zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Opfern in der Berichterstattung hin – die ersteren sind diejenigen, die von den Feinden der US massakriert und drangsalisiert werden, die letzteren sind die, die von den Verbündeten der USA misshandelt werden. Im Falle der Bevölkerung Kambodschas kam es zu einem Absturz von der ersten in die zweiten Kategorie.

Chomsky erwähnt, dass verschiedene Leute versucht hätten, ihm und seinem Co-Autor Fehler nachzuweisen, ohne grossen Erfolg. Schliesslich habe er sich der gleichen Quellen bedient wie die Medien, die er kritisiert hat – nur in ihrer Interpretation hätte er sich von ihnen unterschieden. Ausserdem weist Chomsky noch darauf hin, dass diese von ihm mit Herman verfassten Bücher auch von kambodschanischen Wissenschaftlern lektoriert wurden, bevor sie in Druck gingen – „Es ist daher nicht verwunderlich, dass keine Irrtümer gefunden wurden.“

Chomsky schliesst seine Äusserungen wie folgt:

„Wie der Leser leicht feststellen kann, liefert Žižek nicht den geringsten Nachweis, um seine Anschuldigungen zu untermauern. Er wiederholt Dinge, die er wahrscheinlich gehört oder in einer slowenischen Zeitung gelesen hat. Nicht weniger von Interesse ist Žižeks Entsetzen darüber, dass wir diejenigen Daten verwendeten, die zugänglich waren. Er »weist« diese Vorgangsweise »völlig zurück«. … Die restlichen Kommentare Žižeks beziehen sich auf nichts, was ich gesagt oder geschrieben habe, deshalb ignoriere ich sie.

Die Frage bleibt bestehen, warum Darbietungen dieser Art ernst genommen werden, aber auch damit will ich mich hier nicht beschäftigen.“

Žižeks Reaktion II

Žižeks Antwort kam diesmal recht schnell. Während er bei seinem vorigen Beitrag noch versuchte, Chomsky als eine Art von Polit-Clown – ähnlich wie sich selbst – darzustellen und zu sagen: hej, wir zwei in der Zirkusmanege, streiten wir uns doch nicht, wir sind ja beide gleich lächerlich! – so ist er jetzt wirklich richtig böse. Nein, Sapperlot, das geht jetzt doch zu weit, werter Noam!

„Da Chomskys Artikel »Fantasien« vom 31. Juli eine Reaktion auf meine Antwort auf sein Interview als kritische Zurückweisung meines Oeuvres darstellt, bedarf es einer kurzen Klarstellung.“

Na, fein! denkt sich der Leser. Žižek hat Chomsky begriffen – er hält nichts von Žižeks Äusserungen, weder in Wort noch in Schrift – und jetzt äussert er sich dazu und redet Klartext. Seine Antwort fällt aber leider weder kurz noch klar aus. Das, heisst, am Ende klärt sich zwar die Differenz, aber um dorthin zu kommen, muss man sich durch einen Wust von Äusserungen durcharbeiten, in denen es um Gott und die Welt geht, während die eigentlichen Themen des Streites eher nebenbei abgehandelt werden.

Als erstes kommt: Ich wurde falsch und aus dem Zusammenhang gerissen zitiert! (Nach allem Bisherigen muss man sagen: Da redet der Richtige!)

„Was Chomsky als meine »Antwort« bezeichnet, ist eine von mir nicht autorisierte Niederschrift der Beantwortung einer Frage aus dem Publikum während einer öffentlichen Debatte im Birkbeck College in London. Wie aus einer vollständigen Niederschrift klar hervorginge, hatte ich in diesem Augenblick keine Ahnung von Chomskys Attacke auf mich.“

Das wäre auch kein Problem. Dann könnte man diese Frage aus den Publikum beantworten mit: keine Ahnung, worum es geht. Sagen Sie mir bitte, wo ich das nachlesen kann! Es ist aber zu vermuten, dass Žižek schon wusste, worum es geht, aber die Sache lieber ignoriert hätte, wenn ihn nicht diese lästige Person aus dem Publikum darauf angesprochen hätte.

„Chomskys Bemerkung (in seiner Replik »Fantasien«), dass ich nichts zitieren würde, um meine Behauptungen über seine Ungenauigkeiten zu begründen, ist deshalb lächerlich – wie hätte ich das bei einer improvisierten Antwort zu einer unerwarteten Frage tun sollen?“

Die Antwort ist: gar nicht. Er hätte diese Art von Behauptung unter diesen Umständen eben nicht aufstellen sollen.

Dann zitiert Žižek seine „Entschuldigung“ wegen des Berlusconi-Zitats („Obama ist ein Weisser der ein paar Sitzungen im Solarium genommen hat“), das er fälschlicherweise Chomsky zugeschrieben hat. Erstens ist diese „Entschuldigung“ eine ziemliche Frechheit, weil Žižek meint darin mehr oder weniger: Was soll's, der Spruch ist doch super! Chomsky soll froh sein, dass ich ihm so was zutraue! Žižek beschwert sich darüber, dass Chomsky im nachhinein wegen der alten Geschichte so ein Geschrei macht.

Aber während ich nobel zu meinen Fehlern stehe, meint Žižek, wird Chomsky so richtig untergriffig:

„Wäre Chomsky bereit, sich für den Tiefpunkt seines Angriffs auf mich zu entschuldigen? – wo er behauptet, dass ich bei meinen Vorwürfen bezüglich der Art, wie er mit den Gewalttaten der Roten Khmer umgeht, der Unterscheidung in würdige und unwürdige Opfer zustimme.“

In der Folge zitiert er Chomsky, ohne dieses Zitat jedoch als solches auszuweisen. (Zitieren ist, wie man sieht, nicht Žižeks starke Seite … ) Man muss sich das aus Chomskys Beitrag zusammensuchen:

„Die würdigen Opfer sind diejenigen, deren Schicksal einem offiziellen Feind zugeschrieben, die unwürdigen sind die Opfer unseres eigenen Staates und dessen Verbrechen.“

Dann kommt eine durch drei Punkte gekennzeichnete Lücke, die im Original fünf Absätze ausmacht, und ein sechster wird zitiert, in dem Chomsky auf die ungleichen Massstäbe hinweist, die an beide Opfergruppen angelegt werden, und meint, dieser Sichtweise, also der Akzeptanz von zweierlei Mass, befleissige sich Žižek, wenn er behauptet, Chomsky hätte die „Verbrechen“ der Roten Khmer verharmlost. Das wird durch diese Auslassung so gedreht, als ob Chomsky behauptet hätte, Žižek selbst unterscheide zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Opfern. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: 1. Žižek würde bezüglich Lesefähigkeit und Textverständnis bei jeder PISA-Studie durchfallen, oder 2. diese Verdrehung ist Absicht.

Eines aber hat Žižek schon verstanden: Chomsky betrachtet ihn hier als einen Parteigänger des Imperialismus, der sich der Feindbildpflege der antikommunistischen Propaganda anschliesst.

Aber nein doch, für mich sind alle Opfer gleich schrecklich! betont Žižek und zitiert ein Werk von sich aus dem Jahr 2002:

„Warum sollte die Katastrophe des World Trade Center privilegiert sein über z.B. den Massenmord der Tutsis an den Hutus im Jahr 1999?“

Abgesehen davon, dass in Ruanda 1999 die Hutus die Tutsis abgeschlachtet haben und nicht umgekehrt – was ist eigentlich gemeint mit „privilegiert“? Wie können Leute, die bereits tot sind, gegenüber anderen gleich Toten „privilegiert“ sein? Und was soll der Vergleich der 3.000 Toten des WTC mit der halben bis ganzen Million Toten in Ruanda und Burundi, die immerhin der UNO ein Menschenrechtstribunal und eine Verurteilung wegen Völkermord wert waren? Es gibt nur ein Gemeinsames: In beiden Fällen war der US-Imperialismus, der bei Chomsky Thema war, gar nicht als Verursacher beteiligt. Hier wird nur eine General-Verurteilung des Bösen in der Welt ausgesprochen, die, seien wir ehrlich, sehr billig ist, und in die Sonntagspredigten der Pfarrer, aber nicht in einen politischen Essay hineingehört.

Mit der selben selbstgerechten Geste – ich bin immer gegen das Böse und für das Gute! – wirft Žižek sich nun in die Verurteilung der Taten der Roten Khmer, und am Schluss kriegen auch noch die USA ihr Fett ab, damit die Sache ausgewogen ist:

„Man sollte sich auch vor Augen führen, dass die Stellung der USA gegenüber den Roten Khmer nicht auf eine dämonisierende Verurteilung reduziert werden kann“, da sie ja, wie auch Chomsky bereits angeführt hatte, später die Roten Khmer unterstützten.

Nachdem jetzt schon sehr viel Zeit auf die Roten Khmer, die in der heutigen politischen Debatte bloss eine Randglosse bilden, verwendet worden ist, wendet sich Žižek dem eigentlichen Kernthema zu: Theorie, Ideologie und Nonsens.

Chomsky hatte angeführt, Žižek hätte angeblich ihm die Behauptung zugeschrieben: »wir brauchen keine Ideologiekritik«. Das heisst, so Chomsky, ihm wird unterschoben, dass das, womit er einen guten Teil seines Lebens zubrächte, hielte er selbst für unnötig. Dazu meint Žižek nun, er betrachte das, was Chomsky betreibt, keineswegs als „Ideologiekritik“. Beispiel: Wieder die Roten Khmer!

Er zitiert aus einen Aufsatz Chomskys aus dem Jahre 1977, um zu beweisen, dass sein flapsiges Statement, Chomsky hätte gemeint:

„Nein, das ist westliche Propaganda. Die Roten Khmer sind nicht so schrecklich wie sie dargestellt werden“ – die Sache schon irgendwie getroffen hätte. Das steht zwar in dem von Žižek angeführten Chomsky-Aufsatz nicht drinnen, aber man kann es natürlich mit etwas Bemühung hineinlesen, um so mehr im Jahre 2013, in dem die Ideologie und Politik der Roten Khmer recht genau dokumentiert sind, was 1977 keineswegs so war.

Wahrscheinlich müssen die Roten Khmer für Žižeks Argumentation gerade deshalb herhalten: weil eben das genaue Ausmass ihrer segensreichen Tätigkeit und auch deren ideologische Grundlagen erst viel später bekannt und aufgearbeitet wurden und sich dieses Thema deshalb so gut dafür eignet, Chomsky Einäugigkeit vorzuwerfen.

Aber was hat das mit der Frage der Ideologiekritik zu tun?

„Was auch immer, obwohl Chomsky behauptet hat, er erhebe nicht den Anspruch, zu wissen, was in Kambodscha wirklich geschieht, so ist die Parteilichkeit seiner eigenen Beschreibung offensichtlich: Seine Sympathien liegen bei denen, die versuchen, die Gewalttaten der Roten Khmer zu minimieren und zu relativieren.“

Nach dieser platten Lüge fährt Žižek naseweis fort:

„Und diese Parteilichkeit ist Ideologie – eine Reihe von expliziten und impliziten, nicht einmal ausgesprochenen, ethisch-politischen und anderen Positionen, Entscheidungen, Vorlieben usw., die unsere Wahrnehmung der Fakten bestimmen, was wir zu betonen oder zu ignorieren neigen, wie wir Fakten zu einem einheitlichen Ganzen einer Handlung oder Theorie organisieren.“

Damit stellt Žižek eigentlich seine gesamte Auffassung von Theorie dar (und gibt allen Vorwürfen Chomskys recht).

1. Alle Menschen sind parteilich, sie können gar nicht anders. Parteilichkeit ist also ganz menschlich, man soll sich aber immer dazu bekennen. Die, die behaupten, unparteiisch zu sein, sind gemeine Lügner.

2. Diese Parteilichkeit ist vielen unbewusst, weil sie sich im Nimbus der Unparteilichkeit und „Wissenschaftlichkeit“ sonnen wollen. Ich hingegen, dank meiner tiefenpsychologischen Kenntnisse, habe das natürlich längst durchschaut und bin über solche kleinlichen Irrungen erhaben.

3. Diese un(ter)bewussten Parteinahmen und Vorlieben beeinflussen unsere Wahrnehmung. Objektivität geht also schon deswegen nicht, weil wir aufgrund unserer Determination eingeschränkt wahrnehmen.

4. Nachdem wir die Fakten aufgrund unserer Vorlieben wie Gänseblümchen gepflückt haben, machen wir daraus einen Strauss und nennen das „Theorie“. Oder, wie er bereits in anderen Zitaten formuliert hat, „Beschreibung“.

Die Selbstbeschränkung dieses grossen Geistes hat’s in sich. Seine ganzen Ausführungen kürzen sich zusammen auf das altbekannte philosophische Dogma: „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“, gepaart mit der unverschämten Anmassung an den Rest der Welt, sich selbst doch auch auf diesen intellektuell bescheidenen Standpunkt herunterzubegeben.

Nachdem also alles Geistige, alle Theorie auf subjektive und eingeschränkte Wahrnehmung reduziert wurde, muss man sich aber doch flugs als Mann des Geistes wieder einbringen und die Claims genau abstecken:

„Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich verteidige hier nicht den »postmodernen« Standpunkt, dass wir einander hier nur Geschichten erzählen, die sich nicht auf Fakten gründen.“

Damit würde er sich selbst natürlich als reiner Geschichtenerzähler outen, und das will er auch wieder nicht …

„Genausowenig plädiere ich für einen neutralen unparteilichen Standpunkt.“

Nachdem er ja Parteilichkeit als Grundlage des Denkens festgelegt hat, ginge der auch gar nicht, sondern wäre eine reine Prätention.

„Ich will damit sagen, dass die Vielfalt der Geschichten und Parteinahmen auf unseren wirklichen Kämpfen basiert.“

Und damit hat eben auch jede Sichtweise ihre Berechtigung. Lasst 1.000 Blumen blühen, seien wir tolerant, machen wir einander den Pelz nicht nass, und behaupten wir bloss nicht, wir wüssten wirklich was! Dann können wir glücklich vor uns hin schwätzen und alle sind zufrieden! (Nebenbei wird auch noch eingestreut, dass sich Žižek mit seinem Blabla selbstverständlich als „Kämpfer“ betrachtet, und sich damit in eine Reihe stellt mit allen, die auch irgendwie „kämpfen“, auch wenn man nicht weiss, wofür oder wogegen.)

Chomsky ist in dieser fröhlichen Gesellschaft ein Spielverderber:

„Was Chomsky betrifft, so bin ich der Ansicht, dass seine Parteilichkeit ihn manchmal zu einer Auswahl der Fakten und Schlüsse bewegt, die ihm die komplexe Realität verschleiert, die er gerade versucht, zu analysieren.“

Was ja nicht so schlimm wäre, wenn er sich wenigstens dazu bekennen würde. Aber nein, er beharrt auf Objektivität, und das ist doch angesichts dessen, dass wir wissen, das es sie nicht gibt, einfach kindisch und uncool.

Hiermit ist auch klar, was die unterschiedliche Stellung zu dem Begriff „Ideologiekritik“ betrifft. Die beiden bezeichnen damit grundverschiedene Inhalte: Chomsky meint, Ideologiekritik sei, falsche Erklärungen der Dinge zu kritisieren und auf die politischen oder ökonomischen Interessen hinzuweisen, denen sie sich verdanken.

Žižek betrachtet alles Denken als Ideologie, und Ideologie-Kritik ist also für ihn, darauf hinzuweisen, dass sich doch niemand Wahrheit anmassen solle.

Nachdem Žižek seine Karten auf den Tisch gelegt hat, kann er frei gegen Chomsky und seinesgleichen vom Leder ziehen: Wer so leichtfertig die Greuel der Roten Khmer leugnet, hätte womöglich auch diejenigen der Nazis oder Stalins geleugnet oder verharmlost. Das sind also die wahren Steigbügelhalter der Gewalt, so richtige „Ideologen“. So ist die Kurve gekratzt, um Chomsky aufgrund seiner Wissenschafts-Auffassung in die Nähe der Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner zu rücken.

(Die entsprechenden Absätze sind jedoch in einer solchen wirren Diktion verfasst, dass Žižek jederzeit sagen könnte: „Nein, um Himmels Willen, so etwas habe ich doch niemals behauptet!“ – falls jemand ihn dort festnageln wollte: sie meinen also, Chomsky habe ...?) Er ergeht sich im weiteren noch langmächtig und konfus über die Heuchelei der kapitalistischen „humanitären Interventionen“ im allgemeinen, preist er doch letztlich diejenige in Jugoslawien an, – obgleich viel zu spät! – und präsentiert sich damit als jemand, der zu seiner Parteilichkeit steht, nämlich auf der Seite der richtigen Macht.

Nachdem er den Theoretiker Chomsky als einen engstirnigen Prätendenten und Relativierer von Greueltaten entlarvt hat, wird jetzt auch noch der bekennende Anarchist Chomsky als letztlich typischer Amerikaner vorgeführt, der den alten Empirismusstreit gegen die Europäer fortführt. Diese Leute sind in ihrem Hochhalten der Empirie und der Fakten doch gar nicht fähig, die komplexen Zusammenhänge zu begreifen! Diese Vorwürfe wegen der langen Silben, Modewörter, Posen usw. wurden auch schon gegen Hegel und Heidegger erhoben (– man merke auf: Hegel, Heidegger und ICH werden mit dem gleichen Vorwurf bedacht!). Chomsky schlägt also in eine alte Kerbe und sagt gar nichts Neues. Er macht es nur besonders geschmacklos:

„Nur die blinde Brutalität seiner Ablehnung unterscheidet ihn.“

Und schliesslich, was den Vorwurf der Niveaulosigkeit betrifft, so gibt Žižek ihn elegant zurück:

„Vielleicht findet Chomsky in meinem Oeuvre deshalb nichts, »was man nicht einem Zwölfjährigen in 5 Minuten erklären kann«, weil er die kontinentale Philosophie mit dem Verstand eines Zwölfjährigen betrachtet, der nicht zwischen ernsthaften philosophischen Gedanken und leeren Posen, und dem Spiel mit hohlen Begriffen unterscheiden kann?“

Das mag sein, spricht aber nicht gegen, sondern für den Verstand der Zwölfjährigen.

Der ganze Streit geht natürlich über die beiden Personen hinaus, und es ist daher unangemessen, wenn das ganze als ein Turnier zweier Autoritäten dargestellt, und die Leser zu Anhängern oder Gegnern der einen oder anderen Person zurechtdefiniert werden.

Es geht um nicht weniger als darum, sich zu entscheiden: Analyse oder „Beschreibung“? Wissenschaft oder Philosophie? Theorie oder Ideologie? Ablehnung der Staatsgewalt oder Identifikation mit ihr – natürlich nur unter gewissen Bedingungen, und zur Bekämpfung des Bösen? Wie der Streit zwischen Chomsky und Žižek zeigt, handelt es sich tatsächlich um sehr entgegengesetzte Positionen. Man kann der Auseinandersetzung auch entnehmen, wie Erkenntnisrelativismus und Schwatzhaftigkeit einerseits, und Anschmiegsamkeit an die überlegenen Mächte andererseits – bei donnernder moralischer Verurteilung der subalternen oder unterlegenen – Hand in Hand gehen. Die Ablehnung der Objektivität von Wissenschaft verträgt sich also ausgezeichnet mit dem Kniefall vor den wirklichen Gewalten.

Amelie Lanier

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