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Befreiendes Kuscheln | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Zeit für bewusste Phantasien Befreiendes Kuscheln

Gesellschaft

In der schönen Zukunft wird mehr gespielt und gekuschelt, da bin ich mir sicher. Spielerischer gekuschelt und kuscheliger gespielt. Das hic et nunc stellt sich nach gründlicher Analyse als ein in sich zusammenbrechendes Lager dar, in dem ich die Destruktivität des Kapitals spüre und ausführe.

5. Januar 2016
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So ein Wissen erzeugt Ohnmacht. Eine Einsicht, die keinen Ausblick zulässt. Daher probiere ich was: Ich bestimme das Kuscheln als eine verändernde Kraft, die Blüten in den grausamer werdenden Lagern des Kapitals pflanzt. Beim Kuscheln komm ich zur Ruhe, beende das Nachdenken (Conditio sine qua non!) und spüre Haut, rieche Körper und empfinde Stimmungen. Ohne Erwartungen. Dann wird das Liebevolle wach und entfaltet die Wonne, die zu innigerem Kuscheln führt, wenn man ihr das Bewegen des Körpers überlässt. Den arbeitenden Verstand lass gehen, den spielerischen Instinkt lass kommen.

Doch leider! Die Reflexion reisst mich wieder aus der befreienden Umarmung und ermahnt mich, mit Verstand alles zu durchdringen. Alles? Aber alles ist nicht gleich immer und überall? Pause! Kuschelpause! Ärgerlich! Das Kritisieren hat mich schon wieder eingeholt. Obwohl die Kritik hinreichend abgeschlossen ist, will ich immer weiter Einsicht produzieren.

Ich probiere was anderes: Ich könnte auch meditieren (Sei ohne Gedanken, predigt der Guru!), klettern (Denke nicht an unten, ruft die Seilschaft!) oder spielen (Konzentrier dich aufs Spiel!, spricht der Mitspieler): Alles, was die Reflexion zum Schweigen bringt, weil es die Aufmerksamkeit bindet, ist gut für mich, der ich andauernd denke, nachdenke, vorausdenke – Kritik übe. Ganz schwindlig im Büro der Gedanken mit endlosen Gängen, Stiegenhäusern und Türen spielt der Verstand mit mir ein Spiel ohne Ende. Immer weiter! Verstehe doch endlich alles in aller Klarheit! Ich erinnere mich an Kafkas Figuren. Nicht die letzte Tür in der Parabel ist zu öffnen, sondern das gesamte Gebäude ist als ein Geschöpf der spielerischen Phantasie zu erkennen.

Stellen wir uns zwei Kinder vor: „Komm, spielen wir! Tun wir so, als hätte jedes Ding einen Tauschwert!“ – „Hä?“ – „Und dann, dann darf ich dir nur geben, wenn du mir was gibst, das gleich viel Tauschwert hat!“ – „Hä?“ – „Und der Tauschwert wird durch Zauberei vom Markt bestimmt. Okay?“ – „Ach komm, da spiel ich nicht mit. Gib mir lieber mal den Bauklotz, ich bau einen Tunnel.“ Wird diese Vorstellung zwanghaft, so wird aus dem Spiel der Phantasie fetischistische Realität.

Ich nutze die Phantasie mal anders: Ich stelle mir vor, wie mein Leben aussehen könnte, wenn der Kapitalismus es mir nicht versauen würde. Ich würde viel in den Bergen unterwegs sein, von Klippen ins Meer springen, für mehr Menschen seltener kochen und beim Abwaschen mit jemand anderem Spass haben, weil wir es gemeinsam und ohne abstrakten Zeitdruck erledigen. In einem Wohnprojekt würde ich leben, das nicht die Kernfamilie umfasst, weil ich dann mit Konflikten anders umgehen könnte und die Freuden der grösseren Gemeinschaft geniessen kann.

Und mehr kuscheln. Ach, das wollte ich ja jetzt schon, um nicht dauernd der Totalität der Verwertung denkerisch nachzuspüren. Doch schon wieder umschlingt mich die Reflexion mit kaltem, analytischem Griff, versucht, meine Geschöpfe der schönen Zukunft aus dem Kapital herzuleiten und sie als bloss negative Spiegel der Totalität der Verwertung abzuwerten. Oder als total sinnlos: Kuscheln und phantasieren statt radikaler Kritik, dass ich nicht lache! Es wäre schön, würden wir gemeinsam lachen. Blöder Irrealis! Lachen wir gemeinsam! Die Kritik am Kapital ist ausgearbeitet, nun ist es Zeit für bewusste Phantasien. Und die entstehen in Ruhe und Ausgeglichenheit. Nicht im gehetzten Denken, das noch das letzte Detail begreifen will.

Die Wünsche sind vorerst Fluchtpunkte, die erfüllt werden sollen, um Ahnungen vom guten Leben zu spüren, und dann schaut man weiter. Der grosse Plan zur Abschaffung des Kapitals ist eine unmögliche Kopfgeburt der Kritik – ganz phantasielos. Wer mag schon Pallas Athene, die in Rüstung aus Zeus’ Kopf stieg, nachdem ihm Hephaistos den Schädel zertrümmert hatte? Was immer uns notorische Kritiker das sagen mag. Ich will mich vom Verstand nicht mehr permanent herumführen lassen und grossen Gedankengeburten nachlaufen, ich will ihn begrenzen und der Phantasie Platz machen. Denn Ideen für die schöne Zukunft produziert der Kritiker nicht, die macht der Phantast, und zwar beim Spielen, da kommen sie zu ihm. Und beim Kuscheln.

Martin Scheuringer
streifzuege.org

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