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Ausfahrt und Vorschlag Wir sind das Schloss

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Neulich fuhr ich am Berliner Schloss Bellevue vorbei. Ich wollte zur Avus, um die Hauptstadt in Richtung Westen zu verlassen. Ich bog von der John-Foster-Dulles-Allee in den Spreeweg ein und hatte die monströse Leere der Berliner Republik fast hinter mir. Da stand es vor mir.

Schloss Bellevue in der Nacht.
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Bild: Schloss Bellevue in der Nacht. / De-okin (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

11. März 2012

11. 03. 2012

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Ein wenig entrückt, von Grüppchen fotografierender Asiaten belagert, und ich sprach zu mir: "Da war ein Wulffen in den Medien, ein Wulffen in der Welt, und wie es der Zufall so will, jetzt fährste am Ort des Kleinmütig-Hochfahrenden par excellence vorbei. Bist schon ein mobiler Glückspilz, mein lieber Scholli!"

Ich glitt am Schloss vorüber der "Goldelse" zu. Im Kreisverkehr musste ich mich höllisch konzentrieren, um die richtige, die rechte Spur zu erwischen. Dann ging 's eine Weile schnurgerade. Bahnhof Tiergarten, bis in den Kreisverkehr des Ernst-Reuter-Platzes. Wieder so eine Stelle der Konzentration, um auf die Bismarckstrasse zu gelangen. Als Mensch, der seit zehn Jahren in Frankfurt am Main lebt und Auto fährt, genoss ich die breiten Strassen Berlins. Sie laden zur Beschaulichkeit ein. Die Gedanken liefen los, kreisten, fast flogen sie in den Himmel über Berlin und durchdrangen als Nano-Teilchen den Goldlack der Else, die weit hinter mir blieb, regungslos und verdammt zum Überblick. Bellevue. Schönblick. Allerdings und seltsamerweise fiel mir nicht das frisch verlassene Schloss ein, das Ferdinand von Preussen nach Plänen von Michael Philipp Boumann von 1785 bis 1786 errichten liess. Sondern ein Hotel in Jetrichovice (Dittersbach). Dort war ich mit meiner Liebsten am zweiten Tag einer Wanderung durch die Böhmische Schweiz und hinüber zum Lausitzer Gebirge untergekommen.

Das Hotel hatte den Charme und die Grösse des vernachlässigten FDGB-Heimes eines Grossbetriebes; als Träger konnte ich mir mühelos ein Wohnungsbaukombinat vorstellen. Es verfügte über einen ungeheuer weiten Speisesaal, in dem Kellner mit tätowierten Händen, mit schweijkischem Schalk und lässiger Dienbereitschaft herumliefen. Einer von ihnen antwortete auf die Frage, ob unsere Bestellungs-Mail angekommen sei mit einem klaren Nein und der Bemerkung, sie werde wohl morgen eintreffen. Freie Zimmer hätten sie ohnehin. Aus unserem Zimmer schauten wir über das Dorf. Aus einigen Schornsteinen kroch Rauch. Die Barockkirche aus dem Jahre 1752 läutete. Gegenüber, jenseits des Tals, stand der Wald, durch den wir gekommen waren. Des Blickes wegen nannte sich jenes Relikt "Hotel Bellevue". Es hatte auch etwas von einem überdimensionierten Kulturhaus.

Die Bismarckstrasse geht in den Kaiserdamm. Es blieb ein bequemes Fahren auf einer Strasse, die gegebenenfalls den neuen Grossflughafen in Schönefeld entlasten könnte. Das Starten und Landen von Flugzeugen schien mir möglich. Wie die Gedanken, die dann doch die Residenz des Bundespräsidenten anflogen. Und sich an der Leere des Terrains störten. Vielleicht liesse sich aus dem Schloss, dachte ich plötzlich, genau!, ein Kulturhaus machen. Selbstverständlich würden die repräsentativen Staatsoberhauptpflichten garantiert sein. Vermutlich hat das Schloss genügend Raum für Arbeitsgemeinschaften, Chorproben, Musikunterricht, literarische Zirkel – und Hohen Besuch aus aller Welt. Der könnte sich gleich vor Ort von der musischen und polytechnischen Friedfertigkeit des deutschen Volkes überzeugen.

Vielleicht, dachte ich weiter, würde ein Architekturwettbewerb eine Menge Vorschläge bringen. Für Pavillons, Kioske und ähnliche Kleingebäude, die einen ständigen Austausch von Informationen und stetige Begegnungen ermöglichten. Parties ohne Ende sind vorstellbar. Auch ein digitaler Ort, an dem 24 Stunden am Tag über die Aktivitäten jener 147 (oder 157) Grosskonzerne berichtet wird, die nach einer Schweizer Studie die Welt ökonomisch und überhaupt beherrschen. Eine flimmernde Informations-Leiste wie an den Börsen. Ausserdem, dachte ich, ich musste jetzt aufpassen, nach links weg zu kommen auf den Messedamm und die Einflugschneise zur Avus in Richtung Magdeburg und Leipzig zu finden, dachte ich, dass Schloss und Gelände und das Terrain zwischen Hauptbahnhof, Bundeskanzleramt und Tiergarten informell, ästhetisch und metaphorisch in den Besitz des Volkes übergehen sollten. In den Besitz des Volkes, dessen Oberhaupt der Bundespräsident ist.

Mir schienen diese Vorschläge vernünftig zu sein. Sie verletzten nicht die Würde des Amtes und des Geländes. Sie verstärkten meines Erachtens eher das Ansehen und das Image der Kreativität, auf die ich als Bundespräsident wert legen würde. "Aber du Knaller wirst ja nicht Bundespräsident, wat'n Glück für't Volk", sagte die in mir, die meine Liebste ist und mich geheimdienstlich unter Kontrolle hat.

Aber dann wurde es schnell und schneller und ich konzentrierte mich auf die Autobahn. Ich wollte heil im Westen ankommen.

Eckhard Mieder

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