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Neue Nachrichten aus der Debattiermaschine Von Irren und Heinis

Gesellschaft

Die Zahl der Irren wird grösser und grösser, was an sich nicht verwunderlich ist. Es fragt sich allerdings, ob nicht derjenige irre ist, der feststellt, dass die Zahl der Irren grösser wird, und er selber zählt sich nicht dazu.

Rohrleitungen eines Heizungskellers.
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Bild: Rohrleitungen eines Heizungskellers. / Roger McLassus (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

21. Dezember 2011
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Da tut Abgrenzung Not in der nivellierten Mittelblödgesellschaft, und immerhin kann ich sagen: Mag ich auch irre sein, so gehöre ich doch definitiv nicht zu den "Heinis", einer Unterklasse der Irren.

Deren Zahl wird grösser, die "Heinis" werden flächendeckend mehr. Mentalcoaches, Kommunikations- und Verhaltenstrainer. Unternehmens-, Motivations-, Innovations- und Du-wirst-gleich-reich-Berater. Rating-Agentur-Agenten und Workshop-Leader und Event-Manager. Zahnräder der Debattiermaschine. Sie greifen ineinander. Sie drehen sich um sich selber, erfassen den, der zwischen die Zähne gerät und lassen nicht mehr los. Sie drehen sich um sich selber und für Geld. Was logisch ist, weil es keinen Blödsinn gäbe, gäbe es nicht auch dafür Geld.

Die "Heinis" sind als Dompteure des Geistes unterwegs und bringen für Geld Wissen unter die Leute. Etwa, dass Eins plus Eins Zwei ist, Gurkenscheiben keine Schiessscheiben sind und dass das Pascalsche Dreieck, um es ein bisschen komplizierter zu machen, tatsächlich die Form eines Dreiecks hat. Wenn man sich eine Linie um den pyramidalen Zahlenhaufen denkt. Aber ums Denken geht's nicht.

"Heinis" sind überall, weil sie überall gebraucht werden. Sie durchdringen jede Sphäre der Gesellschaft und sind Vertreter von Schulen, wenn sie solche nicht gleich selber gegründet haben. Sie haben Anhänger und Zulauf. Gut zahlende Auftraggeber laden sie zu Seminaren, Montagsgesellschaften, Kursen, nur ausweislich befugten Qualitäts-Salons ein. Wo sie herumgeheimnissen, mit spezifischen Informationen locken und sowohl den Bunkerbau gegen die Apokalypse wie auch die Aufzucht der vitaminreichen und intelligenzfördernden Vogelerdhimbeere erläutern.

Die "Heinis" könnten demnächst den studierten Lehrer, den ausgebildeten Ausbilder, den intelligenten Professor (keine Tautologie) ersetzen. Denn mehr als die "Heinis" uns lehren, brauchen wir nicht zu wissen. Mehr, als sie uns an einem Wochenende oder an zwei, drei Wochentagen verklickern, würde uns überfordern. Und wenn so ein gut zahlender Kursant am Montagfrüh feststellt, dass er recht eigentlich nur erfahren, was er längst wusste – das Gefühl, ein Auserwählter gewesen zu sein, erhebt und war das Geld wert.

Die Palette des "Heinitums" umfasst allerlei. Von Bunkerbau und Omnipotenzbeere sprach ich schon. Es gibt u. a. Kurse, in denen wird Männern das Flirten beigebracht, quasi wie Mann Frau ins Bett kriegt, ohne dass sie sich benutzt fühlt und verärgert ist. Oder umgekehrt. Wie Frau Mann ins Bett kriegt, ohne dass er sich benutzt fühlt und verärgert ist.

Das hat Sinn. Das saugen Männchen und Weibchen nicht mit der Muttermilch ein. Es ist schwer, einer Frau etwas Nettes zu sagen oder ins Jäckchen zu helfen und nicht gleich als Macho zermobbt oder als Belästiger angezeigt zu werden. Wir können auch über den Handkuss in der Gesellschaft sprechen oder über die Notwendigkeit des Bussi-Bussi-Abschleckens – dafür gibt es einen anderen Kurs, zwei Türen weiter, die Kasse am gleichen Ort, kostet ein bisschen mehr, weil's am Modell stattfindet. Für erloschene Leidenschaften, sei es die des Körpers, sei es die der Revolution, empfehlen wir die Quacksalber-Massagen zur Musik von garettistischen Geigern. Gibt's im Eckladen "Zum Heini".

Oder es wird Arbeitgebern beigebracht, wie sie Leute kündigen können. Ein gutes Kündigungsgespräch darf nicht länger als 20 Minuten dauern. Derjenige, der kündigt, muss es in dieser Zeit schaffen, eine Wohlfühlatmosphäre herzustellen. Dass am Ende des Gesprächs der Gekündigte das Gefühl hat, das erste Mal ein wirklich gutes Gespräch mit dem Chef geführt zu haben. Ein menschliches. Auch das lehren die "Heinis": Menschlichkeit, Anfassbarkeit, Zugewandtheit. Wie sie auch das Gegenteil lehren: Distanziertheit, Härte, Klare Kante. Der "Heini" ist immer und überall.

Wichtig sind Sätze wie "Ihr müsst eure Persönlichkeit zum Glänzen bringen". Oder "Wie es in den Wald ruft, so schallt es heraus". Oder "Wichtig ist der Anfang, wenn der Anfang nicht packt, dann beisst der Text auch nicht. Fangen Sie immer mit einer Szene an". Oder "Wenn Ihr Hund Blähungen hat, liegt das garantiert an der Ernährung".

Ich war einmal dabei, als jemand spezielle Nahrung für Hunde an Mann und Frau brachte. Es war ein kleiner, ausgesuchter Kreis, vor dem der "Heini" auftrat Ich erinnere es nicht mehr im Einzelnen, aber es ging entschieden um die Wurst. Um ihre Reinheit, somit um die Gesundheit der Hunde, damit um die Zufriedenheit der Hundebesitzer. Und es sei eine einzigartige Firma, die jene Sachen herstellt, die er nun kurz vorstellen würde.

Er hatte Würste, Konserven, Leinwand und Beamer dabei und begann mit einem Zeigestock rasch wechselnde Diagramme, Fotos, Statistiken anzupochen, die overhead erschienen.

Vielleicht habe ich jetzt auch "Heinis" mit Verkäufern verwechselt. Das kann sein. Verkäufer oder Vertreter sind, glaube ich, eine andere Spezies. Doch war es eine irre Veranstaltung. Vielleicht sollte ich sagen, es war eine Veranstaltung voller Irrer, und ich mittendrin. Das Irresein kennt weder Gnade noch Ausnahmeregelung.

Neulich erzählte mir eine Frau von einem Seminar in Nordhessen. Es ging darum, wie der Arbeitstag so gestaltet werden kann, dass er effizient verläuft. Also ging es um die Methodik der Gestaltung des Arbeitsplatzes. Oder um die stilistische Ästhetik, gepaart mit den Verhaltensmustern der Vorgesetzten beim Ausbleiben von Erfolg? So etwa.

"Natürlich konnte der "Heini" seine Rezeptur nicht Nina-Kalaschnikow-Methode nennen", erzählte mir die Bekannte. "Oder Oleg-Baikonur-Methode. Das war früher. Als die Menschen in der DDR lernten, einen Henkel ans Handtuch zu nähen, weil es sich besser aufhängen liess. Und das hiess dann auch noch Henkel und Handtuch. Primitiver geht's nimmer; echt IKEA-mässig …" Ich bat die mir Vertraute, zur Sache zu kommen.

Sie fuhr fort. Es sei durchaus ernsthaft zugegangen während des Seminars.Doch als der "Heini" Wörter wie "Packet" (statt "Paket"), "Archief" (statt "Archiv"), "speziefisch" und "Sankzionen" an die Wandtafel schrieb - da wendete sie sich leicht irritiert ab. Ein bisschen mit Grausen und doch voller Zweifel, ob nicht sie es sei, die doof ist. Denn auf eines verstehen sich die "Heinis" bestens: stets das Publikum aufzubauen zu einem belämmerten Haufen, der der Segnung eines speziefischen Wissens bedarf. Mithin sind seine Fehler die Fehler des Publikums; der "Heini" ist Gott, stundenweise, und Gott ist unfehlbar.

Ansonsten seien es drei schöne Tage gewesen. Das Hotel hatte Sauna, und die Dame lernte in der Bar einen Mann kennen, der sich als "Heini auf Reisen" bezeichnete. Er sei in der "Causa Büroklammer" unterwegs. Es sei nämlich keinesfalls so, dass die Büroklammer seelenlos sei, im Gegenteil. Sie klammere. Sie klammere zusammen. Sie klammere sich. Eine sensible Existenz. Wie der "Heini" über sein "Heinitum" sprach, das habe ihr, erzählte mir die Frau, als erfrischend selbstironisch empfunden. "Wer sich nicht selbst zum Besten klammern kann, gehört gewiss nicht zu den besten Klammern", witzelte ich. Sie lachte nicht. Der Büroklammer-Mann hatte Eindruck gemacht. Das Erlebnis wollte sie sich nicht durch blöde Kalauer entwerten lassen

Ich will das "Heinititum" nicht in Bausch und Bogen verdammen. Es kann sich beim dozierten Stoff um das Resümee eines tätigen, nachdenklichen Arbeitslebens handeln. Angenommen ich habe dreissig Jahre lang als Florist gearbeitet. Ich habe dreissig Jahre lang Blumen geschnitten, gebunden, zu festlichen Buketts geformt, zu Ruhmeskränzen gewunden. Mir ist dabei aufgefallen, dass sich die Arbeitsschritte – vom Aufnehmen der Schere, der Auswahl der Bänder, des Zuschnitts etc. pp. – ähneln.

Egal, ob es sich um drei Rosen handelt, die ein verliebter Feldwebel der Bundeswehr seinem Schatz in Bielefeld kauft, oder um den gigantischen Orchideenstrauss für den Chef, den niemand leiden kann, der aber sein dreissigstes und damit unumgängliches Dienstjubiläum begeht. Aus den immergleichen Arbeitsschritten lässt sich ein Modell abstrahieren, aus dem Modell eine Lehre, und einen, der die Lehre vertritt, findet's immer. Und solche, die ihr folgen, auch. Das ist das Heini-und-Irre-Prinzip.

Anderes Beispiel. Ich habe zwanzig Jahre lang Teller und Tassen verkauft. Da wiederholen sich die Vorgänge. Das Design der Teller und der Tassen wandelt sich, das Insign der Menschen eher nicht. Es kommt immer und jedes Mal auf das Gespräch zwischen mir, dem Verkäufer, und Ihnen, dem Käufer, an. Muster, Klischees, Wortwendungen und Gesten, die verallgemeinerbar sind. Die kann man lehrstückartig zusammenfassen und vermitteln. Es muss ja nicht jeder Anfänger den gleichen mühsamen Weg der Erkenntnis gehen, den ich gegangen bin. Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe.

Der Anfänger muss nicht jeden Schritt gehen, den ich ging. Und ich habe noch im höheren Arbeitsalter ein Einkommen. Ich biete mich als Spezialist an, als "Heini", obwohl ich so nicht heisse und bitte sehr auch nicht so genannt werden möchte. Die Würde des "Heinis" ist unantastbar, weil er ein Irrer ist wie du und ich.

Ohne Zweifel werden die "Heinis" gebraucht. Es gäbe sie nicht, würden sie nicht gebraucht. Es gibt auch Laubsauger, riesige Flugzeuge, das Fernsehen, Facebook, Kakerlaken den Amazonas und mindestens so viele Sterne wie Haferflocken. Wie mein Freund Johannes Tütenholz, ein wahrhaft Irrer, zu sagen pflegt: Die Welt ist ein seltsam Gehäuse, zu klein für Riesen, zu gross für Läuse.

Eckhard Mieder

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