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Urlaub in Ägypten | Untergrund-Blättle

Gesellschaft

Ein ganz normaler Urlaub Urlaub in Ägypten

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Während Ägypten probiert sich auf der Internationalen Tourismus Börse ruhig und friedlich zu präsentieren und Live-Übertragungen von den Urlaubsorten geplant werden, kracht es auch mal wieder ganz gewaltig in den Strassen.

Protest auf dem Tahrir Platz am 30.
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Bild: Protest auf dem Tahrir Platz am 30. Januar 2011. / Floris Van Cauwelaert (CC BY-SA 2.0)

14. März 2013

14. 03. 2013

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Wie wir unseren Ausflug nach Ägypten wahrgenommen haben und wie es dazu kam wollen wir euch in diesem kurzen Reisebericht schildern.

Vorgeschichte:

"Islamisten wollen Pyramiden zerstören" so titelte die Süddeutsche ende November 2012 . Was für eine Meldung! Naja sicher mal wieder viel heisse Luft um nichts aber: Hey die Pyramiden sollte man sich doch schon mal anschauen, zumindest solange es sie noch gibt. Naja was für eine Schnaps- Idee. Doch dann kommt mal wieder Langeweile auf und um diese zu vertreiben surft man ein bisschen im Netz: Ach der Flug nach Ägypten würde vom Budget ja gerade so gehen und die Pyramiden sollen ja gesprengt werden...

Wir wissen zwar nicht wie es indem Zeitraum aussieht mit den Unruhen und der neuen Regierung im Land aber das Land scheint sich ein bisschen beruhigt zu haben. Gut Mursi ist echt ein Ars... und was man so hört ist auch nicht wirklich prickelnd wir buchen denn Flug trotzdem und machen uns eben ein Bild von Ägypten. Hauptsache Urlaub was neues sehen und vielleicht bekommt man ja ein wenig Kontakt zu netten Leuten und lernt neue Freunde kennen.

In denn Nachrichten hört man auf einmal: die Proteste flammen wieder auf und Mursi kommt nach Deutschland. Also los geht es, ein bisschen recherchiert, sich mal anschauen was geht denn da eigentlich ab. Ok! Krass schon 2004 wollten die Leute Mubarak stürzen, aha 2006 wird von Wahlbetrug gesprochen und es gibt Empörungen, 2006 gibt es auch vermehrte Streiks im Land und dann 2008 die Explosion der Lebenshaltungskosten. Zwischen drin auch noch Landflucht in die Städte, da es ein neues Bodenrecht gibt und dann der grosse Knall: Revolution es geht drunter und drüber die Ereignisse überschlagen sich Tote und Verletzte, neue politische Strömungen und politische Fussballfans. Mubarak stürzt endlich, das Land ist befreit alles wird besser oder ...

Streit um die neue Machtverteilung das Militär bildet die Übergangsregierung, immer wieder scharmützel zwischen Islamisten und Christen. Zwischen drin die Revolutionäre und die Bullen fordern Amnestie für ihre vergangenen Taten. Endlich eine neue Verfassung, es kommt zu Wahlen; eine von denn Kämpfen erschöpfte Gesellschaft und viel Propaganda durch die Muslimbruderschaft stellt sich ihnen. Dann endlich ein neuer Präsident - Mohammed Mursi - „der wirds schon richten“.

Halt was passiert da: Zentralisierung der Macht, Waffenkäufe, aber keine Subventionen für Nahrung, Treibstoff oder Strom. Frauen und Rechte - auf keinen Fall die werden ab jetzt auf der Strasse einfach terrorisiert durch sexuelle Belästigung. Jene die nicht mit dem neuen Führungsstil einverstanden sind kommen halt vor ein Militärgericht oder werden gleich erschossen oder in denn Knast gesteckt. Na sind ja schöne Aussichten für einen Urlaub! Egal nix wie hin der Flug ist gebucht und sich selbst mal ein Bild machen ist sicher nicht verkehrt. Davor noch ein bisschen Kontakt mit netten Menschen suchen.

Es geht los:

Auf einmal sitzt man im Flugzeug ist auf denn Weg ins ungewisse - man weiss nur, dass man die ersten zwei Nächte irgendwo in Giza bei jemand verbringen kann. Wie ist der denn eigentlich drauf?! Vielleicht ist er ein Mursi Anhänger oder ist es einfach ein ganz netter Mensch? Was macht man mit den Tattoos, über Politik oder Religion reden kann man dass, so einfach?

Ankommen, Kontakt aufnehmen, Taxi fahren und schwuppdiwupp sitzt man bei einem super netten Menschen der Inhaber von einem Cafe ist und uns erst einmal mit köstlichen Getränken und verschiedenen Shishas verwöhnt. Man philosophiert über alles mögliche, lernt sich ein wenig kennen und plant den nächsten Tag.

Touristenprogramm muss schon sein:

Aufstehen ab gehst volles Programm der gute Mann hat Kontakte zu denn Pyramidentouren und handelt einen guten Preis aus. Faszinierend, informativ und ein bisschen unglaubwürdig wirkt die Situation auf uns. Die eindrücke von der Stadt häufen sich und man ist fasziniert wie der Verkehr so läuft - ohne Hupe hat man hier definitiv einen Totalschaden. Danach ausspannen im Café sich Geschichten erzählen und denn nächsten Tag planen. Ein weiterer Trip in die Wüste wird klar gemacht. Hier und da ist Militär- und die Polizeipräsenz ist deutlich zu spüren aber im grossen und ganzen von Revolution wenig zusehen. In den Nachrichten liesst man dass, in Port Said so wie anderen Orts einiges vor sich geht schliesslich ist ja auch Herr Kerry in Kairo. Nach einem weiteren Tag und der ersten Polizeikontrolle verabschieden wir uns. Wir wollen ja noch andere nette Menschen kennen lernen. Also ab nach Kairo in ein Hostel in der nähe des Tahrir Platz.

Auf dem Weg sehen wir das ausgebrannte Gebäude der Sicherheitskräfte. Wir werden von verschiedenen Leuten immer wieder gewarnt uns vor allem Nachts vom Tahrir Platz und der Umgebung fern zuhalten und Menschen Ansammlungen zu meiden. Bis wir endlich los ziehen können ist es schon wieder Nachmittag. Wir wollen noch was sehen und ziehen durch die Strassen natürlich landen wir bei Abenddämmerung am Tahrir Platz. Wir fühlen uns ein wenig unsicher da wir kein arabisch können und auch nicht wirklich wissen was vor sich geht. Das ausgebrannt Gebäude zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich und es ist sehr interessant was in denn Strassen vor sich geht.

An der Corniche stehen Leute und Polizei aber es ist „ruhig“ bis auf gelegentliche Steinwürfe und hin und wieder mal eine Sirene. Wir sind uns aber ein wenig unsicher und beschliessen uns auf Distanz zuhalten. Offen fotografieren oder filmen trauen wir uns nicht wirklich da wir nicht wissen wie die Menschen reagieren, Gespräche sind schwierig da nur wenige Leute englisch verstehen. Wir bummeln noch ein wenig und gehen mit unseren ersten Eindrücken in das Hostel zurück, lesen Nachrichten und überlegen was wir morgen anstellen wollen.

Klar! Denn Tahrir Platz und Umgebung erkunden, leider hat ein Freund denn wir treffen wollten keine Zeit. Gesagt getan aufgestanden und los geht es. Wie kommt man dahin und wo findet man... Was heisst vegetarisch auf arabisch und so flitzen wir durch Kairo.

Wir Entdecken schüchtern den Tahrir Platz beobachten Versammlungen finden ein ausgebranntes Auto sehen uns an wie die Revolution in Form von T-shirts vermarktet wird. Wir beobachten einen Clash mit der Polizei. Reizgas kommt zum Einsatz, wir halten uns auf Distanz und sind uns unsicher ob wir das Dokumentieren sollen. Schnell stellen wir fest das die Situation schwer einzuschätzen ist und beschliessen unsere Eindrücke zu verarbeiten und ziehen uns zurück.

Der nächste Tag muss ganz dem "chilexen" dienen da wir schon wieder versetzt wurden ist genug Zeit. Also wird noch ein Park rausgesucht und Nachrichten gelesen. Ganz schön krass was da in Port Said passiert am nächsten Tag ab über den Tahrir Platz, die Corniche entlang dort beobachten wir wie Kinder Barrikaden bauen, den Verkehr anhalten und ein bisschen Riot machen wir denken uns nicht viel dabei. Klar da waren gestern viele Menschen und so aber bei den Kids da werden die Bullen schon nix machen weil sie sicher mit anderem beschäftigt sind. Auf einmal zerspringt die Heckscheibe von einem Auto eines der Riot Kids hat einen Volltreffer gelandet. Der Autofahrer ist entsetzt aber erklärt den Kindern dass, sie da echt scheisse bauen und es scheint so als hätten sie kapiert dass, man nicht einfach auf vorbeifahrende Autos Steine schmeissen soll sondern eben auf... aber dass, ist nur Spekulation unser arabisch ist dann doch nicht so ausgeprägt bzw. nicht vorhanden.

Wir laufen einige Kilometer, chillen im Park und geniesse einen schönen Tag. Auf dem Rückweg sieht es in der Strasse schon ganz anders aus, wo morgens noch Kinder Barrikaden bauten und Steine geschmissenen haben, stehen jetzt auch ältere Menschen und mehr Polizei beide Parteien schmeissen mit Steinen!? Die Demonstranten sind weiter in die Strasse vorgedrungen. Wir fragen uns warum Leute zwischen denn Bullen stehen und Steine zurück schmeissen es bleibt uns erst einmal noch unklar.Wir überlegen kurz ob wir das ganze umgehen sollen sind uns dann aber einig ab durch die Mitte da am Rand keine Steine fliegen und die Bullen sich auch zurück halten.

Wir kommen in das Gespräch mit einem Passanten er erklärt uns die Situation: wie wir vom Vorabend wissen geht es bei dem Konflikt immer noch um die Revenge und die Leute die da bei den Bullen stehen sind Mursi Anhänger. Auf einmal schreitet die Bullerei mit Tränengas ein und es heisst für uns eine Runde rennen. Die Situation wird ernst wir positionieren uns an einem sicheren Platz und beobachten den Clash filmen und fotografieren ein wenig, sind uns jedoch unsicher und werden auch darauf hingewiesen dass, es nicht erwünscht ist. Von anderen Personen werden wir jedoch dazu aufgefordert weiter zumachen. Ein vielleicht 13 jähriger nimmt mich an der Hand und zeigt mir einige Plätze von denen man einen guten Überblick hat ich probiere mich mit ihm und seinen Freunden ein wenig zu unterhalten. Wir werden wieder durch eine Attacke der Bullerei unterbrochen und müssen uns zurück ziehen. Am Tahrir Platz probieren wir mit einigen Leuten in das Gespräch zukommen und werden sogar auf einen Tee eingeladen doch bevor der Tee kommt werden wir weggeschickt. Die Situation wird anscheinend auch für die Leute hier unübersichtlicher und wir nehmen die Warnung ernst. Zurück im Hostel wird erst einmal das neu geschöpfte Material verschlüsselt und wir lesen mal wieder Nachrichten und bereiten uns auf das Treffen mit unserem Freund vor.

Gegen Mittag werden wir abgeholt. Auf dem Weg zu einem Café unterhalten wir uns ein wenig über Verschiedenes. Er erzählt uns dass, es gerade heftige Ausschreitungen gibt rund um den Tarhir Platz mit vielen Verhaftungen. Im Café angekommen können wir uns endlich in Ruhe unterhalten. Als wir nachfragen ob man denn hier offen reden kann meint er: „klar man kann über alles reden nur nicht über Atheismus und solche Sachen".

Wir fangen an ein kleines Interview zuführen es läuft ein bisschen chaotisch denn es ist für uns das Erstemal aber es ist sehr Informativ. Wir erfahren viel über die anarchistischen Ideen welche seit der Revolution bei den Menschen im Gespräch sind, reden über die Ereignisse vor der Revolution, die Wahlen welche ausgesetzt wurden, über praktische Solidarität und erfahren dass, sie Information jeder Art hier benötigen.

Wir gehen noch auf ein Bier. Dabei lernen wir uns ein wenig kennen und reden weiter über was so alles in der Welt schief geht, erzählen von unseren Erfahrungen. Wir reden über die Menschen die im Knast sitzen und jene die wieder Frei sind und stellen fest das es nahe zu keine Rechtshilfe in Ägypten gibt. Wir reden über die feministische Bewegung und die Schläger-/Vergewaltigergruppen und auch über die Strassenkinder dabei erfahren wir das die Kinder von denn Bullen nahezu wie Erwachsene behandelt werden.

Wir gehen noch gemeinsam in unser Hostel und diskutieren die Beiträge über den Black Bloc welcher auch hier für ordentlich Verwirrung sorgt. Nach einer kurzen Verabschiedung gingen wir erneut zum Tahrir Platz.

Die Stimmung war anders als die letzten Tage und es lag mehr Spannung in der Luft. Von weitem hörte man schon den Einsatz der Tränengas Kanonen und als wir an den Riots waren mussten wir auch feststellen das sich die Lage erheblich zugespitzt hatte. Es flogen vereinzelte Molis und mit dem Tränengas wurde auch nicht sparsam umgegangen. Es waren mehr Menschen vor Ort und diese waren auch öfter mit Helm, Gelenkschoner und Atemschutz ausgestattet. Hin und wieder zog sich ein Verletzter zurück zum Tahrir Platz wo schon die Busse des Roten Halbmonds warteten. Nach einiger Zeit stellten wir fest dass, die Stimmung zunehmend aggressiver wurde, es gab auch einen kurzen Konflikt als wir ein Kind in mitten der Riots fotografierte.

Wir beschlossen uns zurück zuziehen um kein unnötiges Risiko einzugehen. die professionelle Presse war vor Ort. Und dies war sicher keine geeignete Situation für uns als „unwissende Touristen“. Irgendwie wären wir zwar gerne noch geblieben aber wir war auch erleichtert dass, wir gegangen sind da die Nachrichten zeigten dass, die Lage ganz offensichtlich eskalierte und noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Am nächsten Tag ginge wir zurück nach Giza und besuchten einen Freund. Am Abend mussten wir feststellen dass, auch in Kairo scharf geschossen wurde und die Vorbereitungen für Samstag im vollen Gange waren.

Persönliche Anmerkung:

Nach dem Ägypten sich auf der Internationalen Tourismus Börse so schuldlos und friedlich präsentierte und nach dem was wir in diesem Urlaub erlebt haben wollten wir euch eine kleine Impression von der Lage hier geben.

Wir hatten einen einfachen Urlaub geplant und keine Recherche- Tour doch was hier passiert ist es nicht nur Wert beachtet zu werden. Jene Leute die hier Tag ein Tag aus auf der Strasse, sind benötigen dringend Solidarität aus allen Ecken um dass, sinnlose morden, vergewaltigen, foltern, unterdrücken und ausbeuten durch denn neuen Staat endlich zu beenden.

Für Brot und Sozialegerechtigkeit und gegen einen faschistischen, menschenverachtenden, ausbeuterischen Gottesstaat!

fortundweg

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für den Hochbunker an der Friedberger Anlage entwickelt

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