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Silvester: Mystikum Jahreswechsel | Untergrund-Blättle

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Die guten Vorsätze und die Systematik Silvester: Mystikum Jahreswechsel

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“Wenn’s alte Jahr erfolgreich war, dann freue dich aufs neue. Und war es schlecht, ja dann erst recht.”

Utensilien zur SilvesterFeier.
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Bild: Utensilien zur Silvester-Feier. / Andreas Praefcke (PD)

30. Dezember 2015

30. Dez. 2015

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Wenn es schon ansonsten keinen Anlass gibt, sich zu freuen, dann nimmt man sich eben etwas Triviales wie den Jahreswechsel und macht ihn zum Mystikum. Ja, wenn schon das Jahr neu wird, warum soll dann nicht auch alles andere neu und anders und natürlich besser werden? Mit dieser platten Mogelei wird der Wechsel des Jahres zur Feier.

Ein bisschen was weiss man doch schon über das neue Jahr: in Deutschland regiert jetzt und auch dann noch die gleiche Regierung den kapitalistischen Staat, man muss weiter in die Uni oder zur Arbeit, wird weiter wenig Zeit oder Mittel für seine guten Vorsätze haben, weil man entweder arbeitet fürs Geld, oder zwar Zeit, aber kein Geld hat.

Die Umwelt, munkelt man, wird im nächsten Jahr auch keine grossen Freuden erwarten dürfen: keine Schranke gibt es für das Geschäft, das mit der Zerstörung des Planeten gemacht wird. Sogar so allgemein verabscheute Zustände wie Kriege und religiöse Konflikte werden weiterbestehen, weil sie zwar als moralisch zweifelhaft, aber praktisch für sehr gute Mittel zu sehr noblen Zwecken gelten. Welcher Krieg wurde nicht geführt für den auf ihn folgenden Frieden?

“Lasst uns gehen mit frischem Mute in das neue Jahr hinein! Alt soll unsre Lieb und Treue, neu soll unsre Hoffnung sein.”

Hoffen, das darf man allemal: hoffen darauf, dass ausgerechnet die Zeit es sein soll, die alles verändert. Sich einmal abgefunden mit der vollkommenen Unterwerfung unter das Recht des Staates, bleibt dem Bürger keine Möglichkeit, selbst tätig zu werden “für den Wandel, den man in der Welt sehen will” – wenn Ghandi überhaupt mal Recht hatte, dann hier: auch der Xte Jahreswechsel deines Lebens wird deine Ärgernisse nicht beseitigen.

Dass die guten Vorsätze nicht aufgehen hat Systematik: keine Zeit für Sport, keine Kraft, kein Geld für gesundes Essen, dauernd gestresst und deshalb Kettenraucher. Man müsste sich schon einmal selbst aufraffen, herauszufinden, was die Gründe sind für das, was man am Jahreswechsel hofft, loszuwerden. Man muss selbst tätig werden gegen all die grässlichen Unzulänglichkeiten dieser Gesellschaften. Dann braucht man vielleicht eines Jahres nicht mehr hoffen am Jahreswechsel, weil man selbst die Kraft ist, die die Veränderungen bringt.

“Wage den Streit!
Vorwärts, die Zeit!”

Dazu allerdings wird man sich anlegen müssen mit allerlei Mächten, die zum Jahreswechsel nicht hoffen müssen:

– einer Regierung, die voll Vorfreude auf ein neues Jahr Gestaltungsmöglichkeit schaut, in dem man mit Sicherheit so einigen Leuten einen Strich durch ihre Hoffnung machen kann

– Unternehmen, die zufrieden oder unzufrieden auf ihre Wachstumsraten von letzten Jahr zurück blicken, aber auf jeden Fall schon jetzt unzufrieden mit ihren Prognosen sind und überlegen, an welcher Stelle Einsparungen zu einem Mehr an Profit führen könnten

– Universitäten, Schulen, Kirchen und alle anderen Institutionen, die in dieser besten aller Welten nur einen Verantwortlichen kennen für die in ihr existierenden Übel: “den Menschen”, also uns mit unserer moralischen Unperfektion, der gerade gemacht werden muss, hergerichtet für ein Leben mit Lohnarbeit (oder ohne)

Berthold Beimler

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