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Über Gucklöcher in Umkleidekabinen von Schwimmbädern Wer sind eigentlich diese Menschen

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Wer sind eigentlich diese Menschen, die Gucklöcher durch die Wände von Umkleidekabinen in Schwimmbädern bohren?

Schwimmbad Alsenborn.
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Bild: Schwimmbad Alsenborn. / Immanuel Giel (CC BY-NC 2.0 cropped)

5. September 2019

5. Sep. 2019

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Wer macht sich die Arbeit? Und vor allem: Wann macht man sich die Arbeit? Gibt es spezielle Uhrzeiten, die dafür prädestiniert sind? Ein begrenztes Zeitfenster, in dem wenig Betrieb im Schwimmbad herrscht, so dass man ungestört ein Loch durch die Kabinenwand bohren kann? Wie bekommt man ein solches Werk möglichst unbemerkt verrichtet? Welches Werkzeug bietet sich dafür an? Ein Handbohrer? Wäre vorstellbar, aber wie lange dauert so etwas? Und wie steht es dabei um die Lärmentwicklung? Braucht man dazu einen Komplizen, der Schmiere steht? Greift man unter solchen Voraussetzungen vielleicht von vornherein zu effizienteren Mitteln, die den Arbeitsvorgang beschleunigen? Etwa zu einem Akkubohrer? Doch wer nimmt einen Akkubohrer mit ins Schwimmbad?

Wer zum Teufel nimmt überhaupt Werkzeug mit ins Schwimmbad? Plant man so etwas im Voraus? Oder bohrt man ein solches Loch aus einer spontanen Laune heraus? Frei nach dem Motto: »Och, ich habe ja gerade zufällig meine Bohrmaschine dabei, ich glaube, ich bohre hier mal eben ein Loch durch die Kabinenwand, um im weiteren Verlauf des Tages andere Badegäste beim Umziehen begaffen zu können. Natürlich in der Hoffnung, dass sich niemand an dem Loch stören wird, während ich hindurchlinse und mir dabei zeitgleich am Pillermann spiele.«

Wobei sich mir die Frage aufdrängt, warum man so etwas überhaupt macht? Tatsächlich aus Geilheit? Macht es einen besonderen Reiz aus, dabei erwischt werden zu können? Den ganzen Stress auf sich zu nehmen, bloss um sich einen von der Palme zu wedeln?

Warum macht sich jemand heutzutage noch allen Ernstes die Mühe, ein Guckloch durch die Wand einer Umkleidekabine zu bohren, während die ganze Welt inklusive Internet voll von nackten Menschen ist? Oder sind diese Gucklöcher Überbleibsel aus der Siebziger-Jahre-Eis-am-Stiel-Lausbubenstreich-Epoche, von denen Spanner bis heute profitieren? Stehen diese Gucklöcher unter Denkmalschutz? Oder was ist der Grund dafür, dass sie nicht längst allesamt mit Silikon verschlossen oder anderswie zugespachtelt wurden? Werden sie gar ständig wieder aufgebohrt? Monatlich? Wöchentlich? Täglich? Stündlich? So dass kein Hausmeister dessen Herr wird und die Problematik in den Griff bekommt? Warum ich mir all diese Fragen stelle? Ich wurde Opfer von Voyeurismus.

Ich befinde mich in der Umkleidekabine eines Erlebnishallenbads. Ich sehne mich nach einem relaxten Sonntag im Whirlpool – zwischen dem Geruch von Chlor und Frittierfett vom Pommesstand. In der Nacht zuvor habe ich hundert Flaschen Schnaps getrunken und möchte einfach bloss ein entspanntes Kontrastprogramm ausprobieren, anstatt den Tag wie üblich verkatert im Bett vor mich hin zu vegetieren. Doch was geschieht stattdessen? Ich werde beobachtet, begafft und ausgespäht, während ich mich nackt in einer Umkleidekabine aufhalte.

Ich bin gerade damit beschäftigt, in meine Badeshorts zu steigen, während ich mit meinem kleinen Pipimann unbekümmert vor einem Guckloch herumhüpfe. Nachdem ich das Guckloch bemerkt habe, senke ich den Kopf und blicke ohne Böses zu ahnen einfach mal neugierig hindurch. Vermutlich hoffe ich in diesem Moment selbst darauf, jemand Nacktes erblicken zu können. Stattdessen starre ich geradewegs in ein Auge, welches daraufhin sofort verschwindet und mit ihm auch die dazugehörige Person in Windeseile aus der benachbarten Kabine. Ich fühle mich blossgestellt, beschämt und missbraucht. Als erste Reaktion kommt mir Gewalt in den Sinn.

Das Bedürfnis, der Person nackt hinterherzurennen, sie zu verprügeln oder ihr zumindest ebenfalls die Hose herunterzuziehen. Doch überkommen mich kurz darauf Zweifel. Würde ich die Person inmitten des Hochbetriebs auf den Gängen ausfindig machen können? War es ein Mann? War es eine Frau? War es ein Kind? Scheisse, verdammt, keine Ahnung. Vielleicht habe ich Pech und gerate an einen zweieinhalb Meter grossen Kickboxer? Die Vorstellung, die Schnauze eingetreten zu bekommen, während man nackt ist und zuvor bespannt wurde, erscheint mir als besonders demütigend.

Zögernd begebe ich mich in den Badebereich und verspüre Paranoia. Es quält mich die Frage, wer von den Gästen wohl soeben meinen Pipimann gesehen hat. Hat diese Person nur meinen Pipimann gesehen oder weiss sie diesen auch meinem Gesicht zuzuordnen? Observiert mich die Person vielleicht gerade in diesem Moment – bestens informiert darüber, was sich in meinen Badeshorts verbirgt? Wird man mir auflauern? Mich verfolgen? Ist diese Person jetzt geil? Oder war sie vom Anblick eher enttäuscht? Bekommt sie das Bild nicht mehr aus dem Kopf und ist angewidert oder gar traumatisiert? Oder beobachtet man mich gerade und macht sich lustig über mich? Gedanken des Grauens.

Ich beschliesse mich abzulenken und kaufe mir drei Konterbier am Pommesstand. Anschliessend ersaufe ich beinahe im Wellenbad und schlage mir das Kinn an der Wasserrutsche auf. Ich werde bekloppt. Keine Experimente mehr. Nächsten Sonntag bleibe ich zu Hause und krepiere im Bett. Nackt und unbeobachtet.

Alex Gräbeldinger

Auszug aus „Verloren im Weltall, verwahrlost auf Erden: Durchhalteparolen für ein neues Jahrtausend“, Tante Guerilla, ISBN 978-3-9812772-4-1

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