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Alles muss raus | Untergrund-Blättle

Gesellschaft

Alles muss raus Strassenbild mit Sirenen

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15. Juli 2019

15. Jul. 2019

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Es schreit von überallher, da muss gar kein Ton zu hören sein. Von links und rechts und oben, von den Hausfassaden, entlang der Strassen und Gehwege, in der U-Bahn, der Bim und an allen Bahnsteigen. Grossformatige Plakate, Infoscreens, beleuchtete Schaufenster, blinkende Reklametafeln, haushohe Projektionen, dazwischen – beinahe will Rührung aufkommen – noch die eine oder andere Litfasssäule. Ein grellbuntes Dauerfeuer, in tomatenrot, knallgelb und giftgrün. Oder in magenta, alles mindestens mega und giga. Versalien in Kreischfarben, neongetünchte Hinweise und aufdringliche Motive reklamieren Beachtung. Werbebanner mit schwarz-orangen oder schwarz-gelben Kontrasten stechen aggressiv ins Auge. Bombastisch, überdimensional und um keinen Superlativ verlegen wird da um Aufmerksamkeit gebuhlt, egal wohin eins gerade schaut.

„Geiz ist geil“ und „Ich bin doch nicht blöd“ und „Abendland in Christenhand“. Die halbe Stadt ist zugepflastert mit marktschreierischen Slogans von dümmlich bis gemeingefährlich. Witz ist in der Branche selten.

Schlimmer geht immer. Hierzulande beginnt nun der Wahlkampf und somit einmal mehr – sagen wir es mit den Worten von Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl – eine „Zeit fokussierter Unintelligenz“. Der Sommer verheisst also nichts Gutes, wiewohl die Wahlsprüche der Parteien so manchen kalten Schauer erzeugen dürften. „Unser Weg hat erst begonnen“, droht bereits der gegelte Altkanzler. Auch in gruseliger Erinnerung: „Aufstehen für Österreich – Deine Heimat braucht dich jetzt“ liess die FPÖ im Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016 affichieren und dazu das Konterfei von Norbert Hofer vor rot-weiss-roter Flagge. Die Parole „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ haben wir dagegen der SPÖ anlässlich der Nationalratswahlen 2017 zu verdanken. Da geht noch was. Von türkis bis pink reicht die Palette.

Wo viele schreien, werden nur wenige gehört. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Um sie zu erheischen – und sei es nur für einen Augenblick – wird in Bild und Schrift gebrüllt, aufgeregt geblinkt und hemmungslos Krach geschlagen. Bei gerade einmal drei Sekunden liegt die durchschnittliche Betrachtungsdauer eines Werbeplakats, vorausgesetzt wir sehen hin. Da sind der Einsatz von Farben, Platzierungen, Schriftgrössen und Bildkomposition von essentieller Bedeutung. Unter all den Reizen, denen wir permanent ausgesetzt sind, gilt es erst einmal aufzufallen. Was wird überhaupt wahrgenommen, welches Markenlogo kann sich durchsetzen, welches Motiv verfängt, welcher Spruch geht rein und welchem Plakatgesicht gelingt es, den schweifenden Blick auf sich zu ziehen? – „Schau mir in die Augen …!“

Bei jedem Gang durch die Stadt ruft es von allen Seiten: „Will mich haben!“, „Kauf mich!“, „Wähle mich!“ Auch wenn wir versuchen, dicht zu machen, ist dem schlicht nicht zu entgehen. Begehren will geweckt werden, unser aller Haben-Wollen dient nicht zuletzt als Rechtfertigung für den Status quo. Unsere Welt „besteht aus Dingen, die sich anbieten und die uns auffordern. Werbung ist ein Modus unserer Welt“, heisst es bei Günther Anders.

„Dasjenige, was nicht wirbt, was nicht ruft, was sich nicht zeigt, was am Lichte der Reklame nicht teilhat, das hat keine Kraft, uns zu reklamieren, das nehmen wir nicht wahr, das erhören wir nicht, das machen wir nicht mit, das erkennen wir nicht, das verwenden wir nicht, das verzehren wir nicht – kurz: das bleibt ‚ontologisch unterschwellig‘, im pragmatischen Sinne ist das nicht ‚da‘.“

Dass die Kinder der Marktwirtschaft bei all dem nicht nachstehen wollen, zeigen nicht nur die immer penetranteren Selbstdarstellungen auf Instagram, Pinterest und anderen Social Media-Plattformen. Eine jede und ein jeder trommelt da für sich.

Petra Ziegler
streifzuege.org

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