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Gesellschaft

Mutmassungen über die serielle Reproduktion einer lästigen Phrase „Und ja,“

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Was haben nicht nur Sebastian Kurz und Werner Kogler, sondern auch Stefan Kraft und Martin Kušej, Eva Dichand und Lisz Hirn gemeinsam?

Werner Kogler (zweiter v.
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Bild: Werner Kogler (zweiter v. r.) an einer Diskussionsveranstaltung in Rankweil, Österreich. / Asurnipal (CC BY-SA 4.0 cropped)

31. August 2020

31. 08. 2020

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Nun, sie sind allesamt Überträger einer immer häufiger verwendeten Kombi aus Konjunktion, Partikel und Komma, die da lautet: „Und ja,“. Ganz unterschiedliche Leute nutzen sie, als sei sie das Selbstverständlichste auf der Welt. Auch ich. Selten, aber doch unterläuft sie mir, also mich.

Und ja, gehört zur neuen Generation der Floskel, sie ist Mitglied der demokratiepolitischen Nomenklatur. Dieser Konsens wurde zwar nicht verordnet, prägt aber trotzdem die aktuelle Sprachverkehrsnovelle. Wieder mal ist eine eigentümliche Phrase in den Alltagsjargon geraten. Wobei der Terminus Phrase übertreibt, unsere Kombi ist minimalistisch auf das Formale reduziert. Bar jeden Inhalts, ist sie doch für diesen tongebend und von elementarer Bedeutung. Inzwischen diffundiert die Kombi auch schon in geschriebene Texte, geht von einem verbalen Stilmittel in ein schriftliches über. Diese Tendenz wird sich noch verstärken, wobei der Verbreitungsgrad in der Schrift nicht mit dem in der Rede wird mithalten können, vor allem auch, weil der Effekt dort schwächer ausfällt.

Die serielle Reproduktion dieser Redeweise ist erstaunlich. Immer mehr sehen sich veranlasst, diese Kombi in ihre Reden einzuflechten. Das sich uns Diktierende wird zur neuen Diktion. Niemand sucht nach dieser Formulierung, sie findet einen, ergreift einen, geschieht. Dazu braucht es weder intensive Schulungen noch repressive Massnahmen, wir funktionieren auch so, indem wir reden, was wir hören. Wir schnappen es auf und schon schnappt es zu. Wir kriegen nicht einmal mit, was wir abkriegen. Bevor wir es vergessen, haben wir es schon einige Male wieder vernommen und gesprochen. So baggert es sich fest, gerät langsam aber beharrlich in unsere Sätze. Das Publikum soll mitgenommen werden und zweifellos mitgenommen ist es.

Dieses virale Vokabular ist ansteckend. Immer mehr Speaker werden positiv darauf getestet, sind also Spreader. Und es vergeht auch nicht, wenn man es einmal ausgesprochen hat, es kommt stets wieder. Was will uns die Sprache durch ihre Sprechpuppen sagen? Wer hat das lästige Und ja, bloss in die Welt gesetzt? Wohl niemand. Und auch wenn jemand der oder die erste gewesen sein muss, war das keine Absicht, sondern nur fällige Erledigung. An sich ein Zufall, für sich jedoch ein Fazit.

Was sagt Google? Wenig. Dort findet sich etwa ein 2012 erschienenes Buch von Till Sebastian Idel mit dem bezeichnenden Titel „… und ja, die wesentlichen Impulse kamen ja immer aus der Schule”. Das zieht doch rein, oder? Wie würde dieser Satz unbekleidet wirken? Nüchtern in etwa so: „Impulse aus der Schule“. Das macht nicht viel her. Aber kaum steckt der Satz in seinem neuen Korsett, wird er attraktiv. Hier hat das Motto nicht einmal mehr einen Vorlauf, es platzt direkt rein oder auf. Der Aufmacher trägt, weil er aufträgt. Und ja, das ist ein Relevanzverstärker der abgefeimten Sorte. So unheimlich das Ergebnis auch ist, der Aufstieg geschah heimlich.

Formulation

Und ja, wurde nicht erfunden, es hat sich hergestellt und aufgedrängt. Es gibt Formulierungen, die verschwinden und es gibt welche, die steigen auf. Und ja, gehört zur letzten Sorte. Zumindest hierzulande gibt es kaum eine Politikerrede, die ohne Und ja, auskommt. „Und ja, ohne Und ja, geht es nimmer“, würde ein Und ja,-Sager sagen. Und ja, wir glauben es. Warum also müssen diese Sätze unterbrochen und neu akzentuiert werden und warum geschieht das in einem doch recht übergreifenden Sinne? Und ja, tritt ja nicht spezifisch und solitär auf, sondern generell, klassen-, metier- und spartenübergreifend. Befangenheit, obwohl unfassbar, scheint umfassend.

Was aber drückt sich in dieser eigentlich nichtssagenden Redewendung aus? Es handelt sich jedenfalls um keine gezielte Strategie sondern um ein synthetisches Resultat. Das Ergebnis, obwohl von niemandem angestrebt, ist trotzdem verfügend. Und ja, ist freilich kein Begriff sondern formatiert den Satz durch Bruch und Betonung, obwohl dies nicht erforderlich wäre. Der Satz verliert zwar an Ästhetik, gewinnt aber an Dramatik. Man hat ihn nicht nur zu verstehen, man hat ihm sogleich Beachtung zu schenken. Eins wird erfasst. Und ja, sagt nichts Zusätzliches, es bläst das noch zu Sagende aber affirmativ auf. Solch Sätze erhalten Dekorationen und Ornamente, die auffallen sollen. Das tun sie, zweifellos.

Ein Satz, der mit dieser Floskel gesprochen wird, wirkt anders als Sätze, die ihrer entbehren. Jener wird von einer Aussage zu einer Bestimmung. Die kritische Varianz der Interpretation wird ihm entzogen und durch ein Postulat ersetzt. Verzierung fungiert als vorweggenommene Verifizierung. Die Botschaft beweist sich nicht durch die Kapazität, sondern durch die Form ihrer Aufladung.

Formale Betonungen funktionieren anders als inhaltlichen Füllungen, etwa das Gerede von den Werten, vom Reformstau, in letzter Zeit auch das vermehrte Bemühen des Hausverstands und naturally von den Heldinnen und Helden im Zeitalter von Corona. Unser Einsprengsel dient vielmehr als Zünder. Und ja, das ist kein Vorschlag, sondern ein Anschlag, funktioniert nicht als Angebot sondern als Gebot. Was folgt, ist eine Aufwertung durch grammatikalische Modulation. Aus der Formulierung wird eine Formel. Hinterhältigkeit stapelt sich hoch zur Nachhaltigkeit.

Diese Rede ist kein Akt einer selbstbewussten Setzung, es handelt sich also nicht um eine gewählte oder gar gepflegte Formulierung, sie agiert analog etwa einem Baustein linguistischer Modulation. Man könnte sie, abgeleitet aus den Begriffen Formulierung und Modulation, guten Gewissens als Formulation bezeichnen. Als Formulation hat sie nichts Individuelles, sondern etwas Konjunkturelles. Zur Zeit spricht man halt so. Ihr Einsatz muss trotzdem dosiert werden. Es gilt das richtige Mass zu finden. Eine zu gedrängte Wiederholung in ein und derselben Rede ermüdet mehr als sie aufweckt. Hervorgehoben kann nur werden, was nicht dauernd hervorgehoben wird. Das bedeutet, dass die Reprise im richtigen Moment einsetzt. Anders als das Schreiben ist das Reden mehr ein Artikulieren als ein Formulieren. Im Sprechen drückt sich nicht das Formulierte aus sondern das Unformulierte.

Und ja, ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Redewendung. Durch ihren Einsatz nimmt die Rede eine spezifische, und zwar ausschliesslich formale Wendung. Und ja,-Sätze erfahren also eine Zäsur, wo sie gar keine brauchen. Der Rede wird zwar die Flüssigkeit durch diese Unterbrechung genommen, doch gerade diese erzeugt Aufmerksamkeit, Marke: „Aufgepasst!“, „Hergeschaut!“, Hört, hört!“, „Jetzt kommt’s!“. Doch was kommt, wäre auch gekommen, nun kommt es durch den Interruptus nur anders rüber. Verzögerung macht Druck. Ungemein.

Sie verleiht den Sätzen pointierten Eifer. Das Accessoire macht den Unterschied. Flugs wird unterstellt, dass die Aussage nicht bloss eine Antwort darstellt, sondern vielmehr die Antwort ist. Der Satz versteigt sich zu einer autoritären Ansage, die gerade durch den eliminierten Rhythmus unterstrichen wird. Was der Floskel folgt, wird durch diese illuminiert und immunisiert. Und ja, ist offensiv und defensiv in einem, ist Speer und Schild.

Dekonstruktion

Und ist eine Konjunktion und wohl eines der häufigsten, vordergründig aber unauffälligsten Wörter, die wir tagtäglich nutzen. Es umreisst eine schlichte Verbindung. Als Bindewort alleine ist es meist nur mit einem Fragezeichen möglich. Das hat sich geändert.

Ja ist eine Partikel und gehört in eine Klasse von Funktionswörtern. Allerdings gibt dieses Ja im Und ja, keine Antwort auf eine vorangegangene Entscheidungsfrage, es unterstreicht vielmehr die noch kommende Aussage. Vor allem ist dieses Und ja, zeitlich vorgelagert, es bildet keinen Abschluss sondern einen Auftakt. Das Ja erhält durch das Und und den Beistrich zusätzliches Gewicht. Dieses seltsame Triumvirat der Intonation beherrscht den Satz, obwohl es selbst nichts zu sagen hat. Angemerkt sei noch, dass neben dem thematisierten Und ja auch Aber ja, oder einfach nur Ja, unablässig in diverse Reden eingeflochten werden, als sei etwas unbedingt und ausdrücklich zu befürworten. Die Rede steht nicht für sich, sondern sie bedarf einer zusätzlichen Stützung. Bejahung wird mitgeliefert und einfordert. Das Auditorium soll nicht nur eingebunden, sondern angebunden werden.

Scheinbar haben Konjunktion und Partikel geheiratet. Das ist aber nicht unbedingt neu. Und Und ja waren schon liiert, wenngleich andersrum. Und ja, kann nämlich auch als Umkehrung der Suggestivfrage Ja und? gelesen werden. Ja und? hat ihm Tonfall indes eine schnippische und abschasselnde Note, deren grenzgeniale These lautet: Es ist wie es ist. Sie ist wirklich ein primitiver Totschläger der Kritik, weil sie ganz apodiktisch die Frage in Frage stellt.

Im Zeitalter, wo Affirmation als Kritik aufzutreten versteht, hat das Ja und? an Einfluss eingebüsst. Es ist zu direkt, zu offensichtlich, klingt auch gar nicht pluralistisch und offen. Das Autoritäre hat in der Demokratie nicht autoritär aufzutreten. Von einigen Populisten abgesehen, wagt kaum ein Politiker einer Frage mit Ja und? zu begegnen, das erschiene als dreist. Mit Und ja, aber ist er auf der sicheren Seite. Heimtücke schlägt Frechheit.

Auch das Komma ist immens wichtig, weil erst dadurch die Unterbrechung ihren Klimax erreicht und bemerkbar wird. Man hört die Pause richtig mit. Bedeutung wird erhöht, indem eine Zäsur stattfindet, wo gar keine ist. Und ja, ist eine Sprechblase, die im entscheidenden Moment aufpoppt. In diesem Platzen gleich nach dem Komma, liegt ihre entscheidende Relevanz. Es geht also um die Intonation des Satzes. Die Pause, die der Beistrich konstituiert, ist geradezu signifikant betreffend der Erzeugung und Maximierung von Aufmerksamkeit. „Jetzt aber“. Das mögliche Nein wird in dieser Sprachverordnung nicht bloss reell abgedrängt, es ist bereits ideell verdrängt. Es soll nicht einmal als möglich erscheinen. Ein Nein wird als störrisch und störend empfunden.

Anmache

Und ja, sorgt auf jeden Fall für eine Verstärkung. Aber warum muss man verstärken und vor allem warum müssen alle immerzu verstärken? Gegen was und wen müssen sie sich stark machen? Warum brauchen Sätze solche Stützen? Warum reicht es nicht zu sagen, was ist, oder noch besser: was warum ist? Und ja, unterstellt freilich auch, dass es so weitergehen soll wie bisher, es unterstellt weiters eine Fatalität, dass es lediglich so gehen kann wie es geht und gegangen ist.

Verunsichern verboten, positiv denken! Ungewissheiten bedürfen also der Modulation. Schwäche muss kaschiert, Sätze müssen ausstaffiert werden. Verunsicherung verlangt als Gegengewicht der Selbst- und Fremdversicherung in der Sprache. Rhetorik und Jargon erledigen das. Der Gedanke, dass ein Satz hohl sein könnte, soll durch einen Sprachtrick retuschiert werden. Jedes Wischiwaschi wird salopp weggewischt.

Und ja, ist letztlich mehr als eine Sprechblase. Es ist durchaus von Bedeutung, ob man sie einstreut oder ob man das nicht tut. Satz braucht Zusatz. Der Satz erhört und erhöht sich selbst durch seine Floskel. Inhaltlich mag das leeres Gerede sein, aber formal pusht es jede Aussage zur These. Und ja, wirkt hier als Leuchtstift, als Marker. Gibt also mehr her oder macht mehr auf als dies bestimmte Füllwörter vermögen, man denke etwa an „eigentlich“, irgendwie“ oder gar „keine Ahnung“. Derlei Floskeln schwächen den Satz sukzessive ab. Ich selbst neige gelegentlich zu einem kleinlauten und repetierenden „irgendwie“, was jede Aussage sogleich depotenziert. Der Redner desavouiert sich ungewollt selbst. „Irgendwie“ ist irgendwie blöd. Da ist es sogar noch besser des öfteren „ah“, „äh“ und „öh“ zu sagen.

Programmtisch gewinnt der Satz durch ein Und ja, nichts. Formal jedoch setzt er eins drauf, setzt somit auf Überdeterminierung. Insbesondere das Ja fungiert als insistierender Treibsatz. Es geht um ein penetrantes Erzeugen und Einfangen von Beachtung. Der Vortrag trägt nicht bloss vor, er macht an. Und es ist eine Anmache, die zwar ankommt, aber nicht als solche wahrgenommen wird. Nur weil es nicht prickelt oder ärgert, heisst das aber nicht, dass es nicht wirkt. Es wirkt. Reklame sitzt bereits integriert im Satz, unabhängig davon, was gesagt wird.

Die formelle Nötigung steht vor dem inhaltlichen Angebot. Unsere Kombi ist lediglich ein kleiner Einschub, aber der hat es in sich, wird realisiert. Die Kumulation dieser Phrase ist jedenfalls nicht einfach lapidar oder gar zufällig. Sie ist elementar und fällig. Warum? Welche gesellschaftlichen Entwicklungen erzwingen diese Wortwahl? Ein Original ist jedenfalls nicht auszumachen. Originell ist die Floskel ebensowenig. Warum sind wir bis geschätzt 2015 (oder auch später) weitgehend ohne diese Formulation ausgekommen? Was also verzweckt sie, woher kommt sie, was treibt sie und wozu und wohin?

Indes fehlt mir das sprachanalytische Vermögen und das theoretische Werkzeug, das hier Angedachte auch wirklich fundiert zu untersuchen. Ich gehe aber davon aus, dass diese Diktion weder Zufall ist noch Absicht. Es gilt sich also an Begründungen zu wagen. Diese Mutmassungen sind Anstoss und Anreiz dazu. Freilich ist es schon überraschend, dass die gesamte Sprachwissenschaft (soweit ich es übersehe), bisher von dieser seltsamen Kombinage nicht einmal Notiz genommen hat.

Und ja, funktioniert wie eine suggestive Pumpe. Und ja, ist ein Vademecum, das Adressaten sozialisiert. Und ja, ist aufgrund seiner Häufung zweifellos eine verbale Belästigung. Sprache wird zu einem kompostierten Gerede. Sie versinkt im Müll und keine Mülltrennung kommt beim Sortieren nach. Welch Mode modert hier? Haben wir etwas zu sagen? Eher nicht. Können wir sprechen? Halbwegs. Aber reden können wir zweifellos. Und wie. Und ja.

Franz Schandl
streifzuege.org

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