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Christliche Kriegstheologie im Update

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Christliche Kriegstheologie im Update Hallelujah, der Atomkrieg kann kommen

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Gesellschaft

Bislang galten in der BRD Besitz und Einsatz von Atomwaffen als politisches, völkerrechtliches und auch friedensethisches Tabu. Die Lage wandelt sich. Kriegstheologen helfen dabei, dass alle Hemmungen fallen.

Evangelische Kirche in Deutschland.
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Evangelische Kirche in Deutschland. Foto: Kl Aas (CC-BY 3.0 unported - cropped)

Datum 6. März 2026
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Renate Dillmann hatte zuletzt die Frage „Braucht Deutschland die Atombombe?“ aufgeworfen und dazu die jüngsten militär- und rüstungspolitischen Fortschritte in der BRD aufgegriffen, die sich – in einem Land, das den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat – eigentlich per se verbieten müssten. Eine eigene „deutsche Bombe“ steht denn auch laut Bundeskanzler Merz – vorerst – nicht auf der politischen Agenda. Deutschland soll zunächst nach einer europäischen Lösung gemeinsam mit Franzosen und Briten suchen, obwohl Politiker und Politikexperten immer wieder zu bedenken geben, dass beide Kandidaten wegen ihrer nationalen Ambitionen für einen „europäischen Schutzschirm“ nicht in Frage kommen.

In der politischen Klasse der BRD ist die Frage aber längst angekommen. Und die Leitmedien – etwa die FAZ – diskutieren ohne Hemmungen über die Notwendigkeiten, bei denen sich die Politik noch zurückhalten muss. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Eine Aufrüstung ohne Wenn und Aber, die alle Optionen der modernen Massenvernichtung einbezieht, erhält nicht nur medialen Feuerschutz, sondern (man höre und staune – oder auch nicht) Unterstützung aus der christlichen Friedensethik.

Das Gewerkschaftsforum hat jüngst auf die einschlägigen Fortschritte der Kriegstheologie in Deutschland aufmerksam gemacht. Speziell die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat dabei mit ihrer neuen Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ einen Markstein gesetzt. Anlässlich dieser Entwicklung hier einige Hinweise auf oppositionellen friedensethischen und friedensbewegten Einspruch, der sich erfreulicherweise noch gegen solche Positionierungen zu Wort melden kann.

„Militärkirche“ hat Kriegstüchtigkeit im Blick

Peter Bürger von „Pax Christi“ hat zur EKD-Position im letzten Jahr 35 Stellungnahmen eingesammelt und bereits im Januar 2026 seine „Umdenkschrift“ vorgelegt. Eine Kritik an der evangelischen Schrift von Ex-Pfarrer Matthias-W. Engelke, die in Bürgers Band erschienen ist, hat jetzt auch die Zeitschrift der Friedensbewegung, FriedensForum, in ihrer Nr. 2/26 veröffentlicht, nachdem dort zunächst die friedensethischen Bemühungen des deutschen Protestantismus in etwas rosigem Licht erschienen waren. Mit den neuen Stellungnahmen wird der EKD, um es milde auszudrücken, kein gutes Zeugnis ausgestellt. „Die Kritik an der kirchlichen Obrigkeit will einfach nicht mehr verstummen“, so Bürger.
Da die EKD „ziemlich getreu die aktuelle Militärdoktrin des Staates nachplappert“, zeige sich „so etwas wie ein lagerübergreifendes Unbehagen an der Staatsnähe des bürgerlichen Kirchenapparates“; speziell der sicherheitspolitische Teil der Denkschrift lese sich „wie eine militärkirchliche Dienstleistung für den Staat und scheint überhaupt der eigentliche Zweck bzw. Kern des ganzen Dokumentes zu sein“ (I, 13).

Engelke, Mitglied in zahlreichen friedensethischen und -politischen Gremien, nimmt zur EKD-Denkschrift unter dem Titel „EKD – Auf dem Weg zur Militärkirche?“ Stellung. Er sieht die Gefahr, dass die Kirche ihr „Proprium“, im modernen Jargon: ihr „Alleinstellungsmerkmal“ aufgibt. Und das „zu einem Zeitpunkt, an dem offen davon gesprochen wird, dass sich Europa auf einen Krieg gegen Russland vorbereiten muss und zu Weihnachten Tischdecken verkauft werden, mit Sternen und Panzern, wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges... Täglich werden in der Ukraine Menschen für die Erhaltung von Staatsgrenzen geopfert und russischen Gegnern das Recht auf Leben abgesprochen.“ (I, 243)

Die theologischen Defizite sind der Ausgangspunkt für Engelkes Argumentation, dann geht es um die fatalen Konsequenzen, z.B. die Abwertung der Kriegsdienstverweigerung (siehe Nr. 169 und 177 der Denkschrift), vor allem aber um die aktive Bestätigung und – im Grunde – Verschärfung des deutschen Hochrüstungskurses. Die Denkschrift folge ganz der nationalstaatlichen Logik, „in der die Drohung und Anwendung von Atomwaffen wieder plausibel (Nr. 145)“ erscheinen (I, 243).

Engelke geht auch auf die sicherheitspolitische Legendenbildung ein, die sich die EKD-Oberen – in Übereinstimmung mit der selbstgerechten Deutung demokratischer Herrschaften – für ihren „gerechten Krieg“ leisten. Die Denkschrift vertritt z.B. die Auffassung, „dass jeder Einsatz von Gewalt und insbesondere jedes Töten eines anderen Menschen die sorgsame ethische Prüfung vor dem eigenen Gewissen erfordert“ (Nr. 170; vgl. 77). Die Realitätsferne dieses Idealismus greift Engelke an und erinnert an die Realität des Schlachtfelds und der Befehlsstrukturen. Wenn der Kriegsfall angeordnet ist, geht es „viel weniger um eine individuelle Reaktion auf Bedrohung des Lebens durch Waffengewalt, sondern um organisiertes staatliches Handeln. Dabei schränkt die Friedensschrift die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen de facto dort wieder ein, wo sie rechtfertigt, dass Staaten Menschen zu Zwangsdiensten verpflichten können“ (I, 244). Der Autor bleibt jedoch nicht nur bei der Klage, am Schluss ruft er dazu auf, dass Christen und Gemeinden zu einem Konvent zusammenkommen sollen, um gegen die Denkschrift ein eigenes Votum zu setzen.

Atomkrieg abgesegnet

In Bürgers Sammelband ist der Bogen der Beiträge weit gespannt. Es beginnt mit einem Kommentar der Journalistin Bascha Mika, die die „gefährliche Anbiederung an die Macht“ beklagt. Deutlich zeige sich dies „in der Haltung zu Atomwaffen. Hier eiert die Denkschrift atemberaubend herum, um irgendwie christlich und dennoch staatsloyal daherzukommen“ und dann am Schluss der atomaren Aufrüstung den kirchlichen Segen zu erteilen, indem realistisch mit dem Stand der heutigen Grossmachtkonkurrenz argumentiert wird. Woraus „statt Bewahrung der Schöpfung die mögliche Vernichtung der Welt als christliche Risikooption“ resultiere (I, 20).

Bei diesem neuen Realismus ist ja vor allem bemerkenswert, dass mittlerweile die militärischen Mittel im Atomzeitalter, das kirchlicherseits bislang am Sinn von Kriegen zweifeln liess, als „politisch notwendig“ akzeptiert werden und sogar, wenn sich die nationale Führung entsprechend bedroht fühlt, laut EKD „eine präventive militärische Reaktion gerechtfertigt sein“ kann. Darauf verweist in dem Band der Beitrag „Gegen die Propaganda einer christlichen Kriegstheologie“, der aus der gewerkschaftlichen Basisinitiative „Sagt NEIN!“ stammt (I, 174). Dem schliesst sich eine detaillierte Analyse von Karl-W. Koch an, der „vor allem die Fehlbewertung in der neuen Haltung zu den Atomwaffen“ aufgreift: „Warum hier in dieser Art ein ‚Kurswechsel' um 180° vollzogen wird, bleibt vermutlich allen informierten evangelischen Christen ein Rätsel“ (I, 177). Zu der Legitimation präventiver Massnahmen, also zur Klarstellung in Sachen Verteidigungsnotwendigkeit, heisst dann das Resümee: „Man kann hier herauslesen, dass bei weiter wachsender Bedrohung durch Russland ein atomarer Erstschlag (‚Enthauptungsschlag') denkbar und ... moralisch wie christlich zu verantworten wäre.“ (I, 185)

Die EKD spricht damit übrigens eine Wahrheit aus, die in der Verbreitung der Abschreckungsideologie meist verloren geht, und bietet gleichzeitig schon das Rechtfertigungsmuster für einen Krieg, den Deutschland gegebenenfalls vom Zaun brechen wird. Abschreckung zielt ja auf die eigene Überlegenheit, die den Gegner militärisch handlungsunfähig machen soll, ihm einen Schaden androht, den er nicht verkraften kann und ihn so in die Schranken verweist. Was aber, wenn der Gegner ebenfalls rüstet, was das Zeug hält, um diese unterlegene Position nicht eintreten zu lassen? Dann ist es – so die kirchliche Lehre Anno Domini 2025 – durchaus legitim, einen Krieg „präventiv“ anzufangen, um den des Gegners zu verhindern. Und das Ganze nennt sich dann auch noch „Reaktion“.

Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist...

In dem Sammelband werden neben den sicherheitspolitischen Aspekten natürlich speziell die ethischen und theologischen Fragen aufgegriffen, wobei die Wortmeldungen aus einem breiten Spektrum stammen, nicht nur aus kirchlichen Initiativen und Gruppierungen, sondern auch aus Publizistik und Wissenschaft, aus der Friedensbewegung oder der gewerkschaftlichen Opposition. Abschliessend kommen hier bemerkenswerte Analysen zu Wort, so vom renommierten Friedensforscher Markus Weingardt, dessen Schlusswort lautet: Wenn die Kirche in der von der EKD beschworenen „Welt in Unordnung“ nicht mehr zu sagen hat als diese Denkschrift, „dann hat sie nichts mehr zu sagen. Sie macht sich überflüssig.“ (I, 277)
Einen wichtigen Beitrag liefert auch Professor Egon Spiegel, bis 2022 Inhaber eines katholischen Lehrstuhls für Praktische Theologie und seitdem (sowas gibt's!) auf einem UNESCO-Lehrstuhl für Friedenswissenschaft in der Nanjing University, China, tätig. Spiegel nimmt beide christliche Konfessionen ins Visier. Die katholischen Christen in Deutschland durften sich ja schon früher (nämlich im Februar 2024) des Erhalts eines Friedenswortes rühmen: „Friede diesem Haus“ von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK). Für den Fachmann spielen da die theologischen Defizite (und die daraus folgende Tradition der Gewaltfreiheit, die grosszügig beiseite gelegt wird) eine besondere Rolle.

Gemeinsam sei „beiden Verlautbarungen im Kern: ein bibeltheologisches Wegducken vor dem unmissverständlichen Gewaltverzichtspostulat Jesu“ sowie die Tatsache, „dass sie explizit vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zu verstehen sind und sich in ihrer wortreichen Positionierung durchweg dem politischen Mainstream andienen. Auch wenn beide Dokumente in einem kirchlichen Ambiente durch ein von ihrer Kirche ausgewähltes Team verfasst und von den Oberen sanktioniert wurden, hätten diese bis in die Details der Ausführungen ebenso gut im Verteidigungsministerium – vielleicht noch mit dem Segen des jeweiligen Militärbischofsamtes – abgefasst worden sein können. Auch dort wird ethisch abgewogen, aber auch nicht mehr, und am Ende das Eintreten in einen Krieg nicht ausgeschlossen und deshalb vorbereitet.“ (I, 248)

Die Diskussion geht weiter

Peter Bürger hat zu seiner Sammlung kritischer Stimmen jetzt eine Fortsetzung „Umdenkschrift II“ vorgelegt, wobei ein Schwerpunkt der Dokumentation die „skandalöse kirchliche Atombomben-Duldung in Deutschland“ ist, die ja in der Tat neue Massstäbe setzt. Burkhard Paetzold, der 1978-1989 Mitglied der „ad hoc-Gruppe Abrüstung“ im Referat Friedensfragen der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war, bemerkt in dem neuen Band zu den kriegstheologischen Fortschritten: „Atomwaffen zielen auf die glaubhafte Androhung massenhafter, unterschiedsloser Vernichtung von Menschen, Lebensgrundlagen und Zukunft... Die Logik nuklearer Abschreckung bindet das eigene Überleben an die Bereitschaft, im Ernstfall Unvorstellbares zu tun“ (II, 68; siehe auch Paetzolds Beitrag im Overton-Magazin). Das ist übrigens die entscheidende Leistung der Kirchenleute, die ja nicht über die materiellen und personellen Massnahmen der Aufrüstung zu entscheiden haben: Sie machen das Unvorstellbare wieder vorstellbar – als Tat christlichen Soldatentums, das im Vertrauen auf die staatliche Autorität seinen gottgewollten Dienst erfüllt.

So steht z.B. der katholische Militärbischof Overbeck schon Gewehr bei Fuss und trägt seinen Teil zur moralischen Aufrüstung bei. E er „will die Militärseelsorge auf einen möglichen bewaffneten Konflikt mit Russland vorbereiten“. Wie er Ende Februar mitteilte, muss die katholische Militärseelsorge, falls es zu einem bewaffneten Konflikt kommt, eine seelsorgliche Begleitung von Soldatinnen und Soldaten während ihrer Einsätze und bei ihrer medizinischen Versorgung gewährleisten. „Um es deutlich zu formulieren: Es geht hier um die Begleitung von Einheiten im Kampf beziehungsweise im Einsatz sowie die Bereitstellung von Seelsorge für Verwundete und Sterbende“. Und dabei befindet sich der Mann ganz im Einklang mit den neusten friedensethischen Erkenntnissen, zu denen evangelische und katholische Lehrautoritäten gelangt sind.

Die Theologen Günter Brakelmann und Arno Lohmann erinnern dagegen an die „Tatsache, dass es mächtige Minderheiten sind, die die Entscheidungen für einen Krieg treffen. Völker, auch demokratisch verfasste, haben bisher noch nie über Krieg und Frieden mit abgestimmt. – Kirche muss von ihren ethischen Kriterien her ohne Rücksicht auf die Regierenden und auf die öffentliche Meinung auf diese Zusammenhänge hinweisen.“ (II, 19) Das, was EKD und DBK aber seit dem deutschen Vorhaben zur „Wehrdienstmodernisierung“ verlauten lassen, geht erkennbar in die entgegengesetzte Richtung. Es ist eine einzige Rücksichtnahme auf die Ansagen und Planungen der Machthaber.

Professor Spiegels Fazit zur neuesten christlichen Friedensethik lautet daher kurz und bündig: „Hofschreiberei“ (I, 248)! Sollte das das letzten Wort bleiben, bevor der nukleare Holocaust beginnt? Dass Thron und Altar zu ihrer altehrwürdigen Symbiose zurückgefunden haben, in Ewigkeit, Amen?
Nachweise

I: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Eine Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 43, BoD – Books on Demand 2026. Siehe die Vorstellung im Overton-Magazin.

II: Peter Bürger (Hg.), Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden – Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. Zweite Sammlung, herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie, edition pace, Band 44, BoD – Books on Demand, 2026.