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Rebel Gecekondus - Gentrifizierung in Istanbul | Untergrund-Blättle

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Gentrifizierung in Istanbul Rebel Gecekondus

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Istanbul ist die Hauptstadt der Gentrifizierung. Hier fliegst du noch schneller aus deiner Wohnung als in Kreuzberg, wenn du zuwenig Kohle verdienst, Kurde oder Roma bist, oder wenn irgendjemand in der AKP lieber ein Hotel dort sehen würde, wo bisher deine selbstgebaute Ziegelhütte stand.

Bau des Sapphire Tower in Istanbul.
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Bild: Bau des Sapphire Tower in Istanbul. / David Benito (CC BY-SA 2.0 cropped)

26. Januar 2014

26. 01. 2014

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In ein paar Kiezen ist das allerdings anders, denn dort haben die militanten Revolutionären Gruppen – von denen gibt´s in der Türkei nicht mal sowenige – den Hut auf. Wir haben einen solchen Stadtteil, Kücük Armutlu, für euch besucht. Schön war´s.

Schon bei der Anreise zeigt sich, wie beschissen die Stadtplanung hier läuft. Gebaut wird grundsätzlich nur, was Geld einspielt, deshalb ist der öffentliche Verkehr ungefähr so unterentwickelt wie am Nordpol. Die Busse stehen ständig im Stau, wir brauchen drei Stunden vom Taksim-Platz, auch wenn wir nur eine Strecke zurücklegen, die wir ohne Stau in 40 Minuten locker bewältigen würden. Irgendwann schaffen wir es aber doch und sobald man in den Umkreis des Stadtteils Kücük Armutlu kommt, ändert sich alles schlagartig. Es ist, als hätte man die Stadt verlassen: Kein Verkehr mehr, man sieht auch mal nen Baum und die Leute, junge wie alte, schlendern ohne Stress durch die engen Gassen. Kücük Armutlu ist ein Gecekondu, eine selbstgebaute Siedlung.

Schon am Busbahnhof sehen wir: Hier geht´s politisch zu. Überall Plakate, die zu Demos aufrufen oder die marxistische Zeitschrift Yürüyüs bewerben. Rote Fahnen, Wandmalereien der illegalen DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungsfront), die in der Türkei einen bewaffneten Kampf gegen Kapitalismus, Staat und auch sonst alles, was Scheisse ist, führt. Hervorgegangen ist die Gruppe aus der Devrimci Sol, einer ebenfalls bewaffneten marxistisch-leninistischen Organisation, die Ende der 1970er Jahre gegründet wurde und sich auf die Lehren des bekannten türkischen Kommunisten Mahir Cayan berief. Zugeben muss man, dass die DHKP-C bei der Durchsetzung ihrer Ziele nicht zimperlich ist, Kalaschnikow und Bombe gehören eher zu ihrem Repertoire als Petitionen und Leserbriefe.

Ein paar Genossen holen uns ab, gastfreundlich wie immer, und bringen uns in den Cemevi, das alevitische Gotteshaus hier. Als Atheisten sind wir ja grundsätzlich skeptisch, wenn´s um Religion geht, aber das hier unterscheidet sich schon fundamental von Konfirmationsmief und staubiger Kuttenunkultur, wie wir sie aus unseren katholischen und protestantischen Jugendjahren kennen. Die Wand im Cemevi ist geschmückt mit den Bildern der im Kampf gefallenen Genossen und Genossinnen, jungen Guerilleros, Leuten, die im Knast ermordet wurden oder beim Todesfasten – dem radikalen Hungerstreiken gegen die Isolationsknäste – starben. Der Prophet Ali, dem die Aleviten ihren Namen verdanken, hängt neben dem Bild von Dursun Karatas, dem Gründer der DHKP-C, der immer wieder aus türkischen Knästen ausgebüchst ist, um die Revolution am Leben zu erhalten.

Beim Cemevi wird gebaut. Natürlich nicht legal und mit Baugenehmigung, sondern selbstorganisiert, ohne die Behörden und gegen sie. Ein Veranstaltungszentrum entsteht, mit Cafes, Kongressraum und alevitischem Betraum. Die Arbeiter hier sind solidarisch mit dem Projekt, die Bevölkerung will sich hier selbständig ihren Kiez aufbauen, ohne die Immobilienmafia und die neoliberal-autoritäre Regierungspartei AKP. Einer der Architekten, die hier mit der Planung beschäftigt sind, erzählt uns, wie er und die anderen revolutionären Ingenieure und Architekten sich die nächsten Schritte vorstellen: Das Gemeindezentrum soll gebaut werden, die Wohnhäuser verbessert, Solar- und Windenergie soll her.

Im Cemevi erzählen uns die Leute vom Alevitentum. Die Kernaussage sei die Liebe zu deinem Nächsten – solange der kein Ausbeuter ist. Denn wie ein türkisches Sprichwort sagt: Wenn du zuviel hast, hast du es wohl gestohlen. Die alten Männer und Frauen, die hier zusammensitzen, waren schon hier, als der Hügel an der zweiten Bosporusbrücke besiedelt wurde.

Von Kücük Armutlu aus sieht man bis zum Bosporus. Es ist teures Spekulationsland hier. Sollten die Herren aus dem Big Business auf die Idee kommen, hier Geld machen zu wollen, wird es schwierig für die Leute, die hier wohnen. Zu viele andere Stadtteile zeigen, was dann passiert. Bagger, Polizei – und weg ist der Traum vom Eigenheim. Aber die Menschen hier sind zuversichtlich. Wenn das passiert, so sagen sie, werden sie sich wehren. Denn dann haben sie nichts mehr zu verlieren

Die Häuser in Kücük Armutlu sind einfach, aber wohnlich. Dem türkischen Staat gelten sie, wie alle Gecekondus, als illegal. Manchmal toleriert man sie, passen sie dann nicht ins Konzept einer auf masslose Kapitalakkumulation ausgerichteten "urbanen Transformation", reisst man sie schnell und wenn nötig mir Gewalt ein. Tarlabasi, Sulukule und andere traditionelle Armen- und Arbeiterviertel haben dasselbe Schicksal erlitten. Die Bewohner werden dann ausgesiedelt in hässliche Neubauten, manchmal Stunden weit weg. Die sind aber sowieso zu teuer für Leute, die unter dem Mindestlohn verdienen und so landen viele in der Obdachlosigkeit.

Da, wo die Revolutionäre stark sind, greift der Staat zu einer subtilen Art der Vertreibung. Er lässt Drogen- und Rotlichtgangs gewähren. So wurde zum Beispiel der linke Aktivist Hasan Ferit Gedik im September 2013 von Gangs während eines Antigentrifizierungsprotests in Gülsuyu erschossen. Hasan Ferit lebte in Kücük Armutlu, hier sind seine Genossen und seine Familie, die an ihn erinnern und seinen Kampf fortführen.

Mit sechs Schüssen wurde er hingerichtet, auf offener Strasse, während einer Demonstration. Die Gangs, die die Bevölkerung terrorisieren, so glauben hier viele, sind die Vorhut von Staat und Baumafia, sie sollen die Hegemonie der Revolutionäre in den Armenvierteln brechen.

Doch die Revolutionäre geben nicht kampflos auf. Sie schützen sich. Die Demos in Gülsuyu nach Hasan Ferits Tod wurden von Bewaffneten begleitet, die klar machten: Nochmal greift ihr uns nicht an. Der Staat verfolgt diese Gruppen, die für den Selbstschutz der Bevölkerung sorgen, gnadenlos. Dutzende Jahre Knast droht ihnen, man nennt sie "Terroristen". Die Drogengangs wachsen indessen, toleriert von der AKP, die sich ansonsten durch ihren moralsaueren Islamisierungskurs profiliert, weiter.

Peter Schaber-Nack / lcm

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