Viele Politiker*innen der Labour-Partei schmückten sich gerne mit ihm als er scheinbar auf Erfolgskurs war. Schliesslich verbreitete er von sich die Erzählung, dass er es vom autistischen Kind bis zum jüngsten Schwarzen Professors geschafft hat. Das ist eine Überbietung des urkapitalistischen Mythos des Wegs vom Tellerwäscher zum Millionär. Doch bei nicht wenigen von ihnen war es mit der Sympathie vorbei, als die ersten Zweifel aufkamen, ob alles in der Erzählung Ardays auch mit der Realität übereinstimmte.
Cofnan und seinem Anhang ging es nicht nur darum, einen Schwarzen aus dem Campus zu vertreiben. Denn Rassenrealisten gehen gegen jede wissenschaftliche Forschung nicht nur von der Existenz von Rassen aus. Sie behaupten auch, dass verschiedene Rassen mit unterschiedlicher Intelligenz ausgestattet sind. Das ist die totale Affirmation der globalen kapitalistischen Weltordnung. Die Dominanz des globalen Nordens und die Unterentwicklung im globalen Süden ist dann keine Folge von jahrhundertelangem Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung. Für die Rassenrealisten ist sie die Folge von biologischen Unterschieden und liegt sozusagen in den Genen. Weisse Menschen sind einfach intelligenter. Deshalb bekämpfen sie auch Schwarze Menschen, die es trotzdem in den Kreis der Akademiker*innen schaffen. Für sie gehören sie dort schlicht nicht hin. Schliesslich könnten Schwarze Soziolog*innen, Historiker*innen, Sozialwissenschaftler*innen das Geschichtsbild ankratzen, das die weisse Hegemonie verteidigt. Das ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern durchaus nicht ohne Erfolg geschehen. Deshalb forcieren in vielen Ländern die Rechten einen Kulturkampf, der die alte Ordnung auch im Wissenschaftsbereich wieder herstellen soll. Die Trump-Regierung ist da den Rechten in allen Ländern ein Vorbild.
Das Mobbing gegen Schwarze Akademiker*innen vor allem mit aktivistischem Hintergrund ist für die Rassenrealisten ein Beitrag zur Verteidigung dieser alten kolonialistischen Ordnung. Die kleinsten Details aus ihren Leben werden öffentlich verhandelt, so geschehen bei Jason Arday. Da wurde tatsächlich skandalisiert, dass Arday zwischen seinen Marathonläufen zur Akquirierung von Spenden auch einige Ruhetage eingelegt hat. Es wurde ihm fast als Betrugsversuch ausgelegt, dass er sie nicht ausdrücklich erwähnt hatte. Jetzt, wo Arday der Hetze nicht mehr standhalten konnte, ist die Betroffenheit bei den Linksliberalen gross. Und doch sehen viele die Schuld bei Arday und seinen Unterstützer*innen. Das böse Wort vom akademischen Irrläufer wird eben auch noch nach seinem Tod nachgerufen. Nur Matthias Monroy brachte es in der Zeitung Neues Deutschland auf den Punkt: „Rassistische Kampagne trieb Cambridge-Professor in den Tod“.
Die Leerstellen des linksliberalen Antirassismus
Doch dann sollte man auch über die Leerstellen eines linksliberalen Antirassismus reden, der Arday nicht verteidigte. Kaum wurden die ersten Vorwürfe gegen ihn laut, knickten sie ein und distanzierten sich von dem Mann, den sie als ersten Schwarzen Soziologieprofessor zum Helden ohne Fehl und Tadel hochstilisiert hatten. Da wurde ein Bild aufgebaut, an dem jeder Mensch nur scheitern kann. Zumal, wenn es sich um eine Person handelte, die schon in seiner Kindheit besonders sensibel war, wie es Freunde und Bekannte des Toten bescheinigen. Ob es sich um die autistische Phase handelte, von der Arday sprach, soll hier nicht diskutiert werden. Denn, es ist schon eine Übergriffigkeit, dass fremde Menschen überhaupt darüber diskutieren, welche Krankheiten und Beschwerden den jungen Arday plagten.Für die Linksliberalen war er nur solange ein Held, wie er die Erzählungen von seinen übermenschlichen Leistungen scheinbar bestätigte. Vor allem weisse Linksliberale unterstützten Arday nicht als jungen Schwarzen, der für seine Emanzipation kämpfte, sondern als ein Wunschbild, das nie eingehalten werden kann und im Kern auch rassistisch ist. Denn Schwarze müssen noch besser als Weisse sein und wehe, sie erfüllen dieses Wunschbild nicht. Dann werden sie fallengelassen.
Nicht nur Schwarze waren davon betroffen
Natürlich wurden schon von jeher Schwarze so behandelt. Man denke nur an Anton Wilhelm Amo, der von Kolonialisten nach Europa verschleppt wurde und schon im 18. Jahrhundert an der Universität Jena lehrte. Auch er wurde bald gemobbt und kehrte nach Ghana zurück, wo sich seine Spur verlor. Amo ist erst vor wenigen Jahren in Deutschland wieder entdeckt worden. In der DDR war er lange bekannt und auch geehrt worden. Auf Initiative von Antirassist*innen wurde in Berlin die ehemalige Mohrenstrasse nach Amo benannt und ausgerechnet Götz Aly, ein ehemals linker Wissenschaftler und Publizist, versuchte bis zum Schluss die Umbenennung zu verhindern.Aber nicht nur Schwarze, sondern auch andere Minderheiten wie Frauen mussten in der Vergangenheit darum kämpfen, überhaupt studieren zu können und später auch noch wichtige Posten an Hochschulen oder an anderen Stellen im Wissenschaftsapparat einzunehmen. Auch sie wurden mit allen Mitteln gemobbt. Das gilt in anderer Form bis heute, wenn Frauen in der Öffentlichkeit angegriffen und gecancelt werden.
Ähnliches galt für die Menschen aus der proletarischen Klassen, die es an die Hochschulen schafften. Auch sie mussten oft beweisen, dass sie nicht nur genau so gut, sondern besser als ihre männlichen Kollegen bzw. die aus dem bürgerlichen Milieu sind.
Nicht nach den bürgerlichen Regeln spielen
Daraus haben schon vor Jahrzehnten Feministinnen und Antirassisten eine Konsequenz gezogen. Es reicht nicht nach den Regeln des bürgerlichen Spiels, auf der Karriereleiter hinaufzuklettern zu versuchen. Es muss für Minderheiten eigene Regulationen geben, die auf ihre spezifischen Lebensbedingungen abgestimmt sind. Dafür gab es in unterschiedlichen historischen Situationen und Gesellschaften schon Beispiele, die kritisch betrachtet werden sollten. Dazu gehörten auch die Arbeiter- und Bauern-Akademien, mit denen in den 1950er Jahren in der DDR im Schnelldurchgang Arbeiter*innen zu Neulehrer*innen. ausgebildet wurden, weil man dort nicht einfach mit den ehemaligen Nazi-Lehrer*innen weiter machen wollte.Damit wurde mit den Regularien der bürgerlichen Gesellschaft, zu denen auch Burschenschaften und ihre Rituale gehörten, bewusst gebrochen. In ähnlicher Weise gibt es auch in antirassistischen und feministischen Zusammenhängen neue Regularien für Menschen aus ihren Zusammenhängen, die im wissenschaftlichen Bereich tätig sein wollen.
Das muss keine Absage an eine universalistische Perspektive sein. Es ist aber die Konsequenz aus der Tatsache, dass aktuell in der spätkapitalistischen Gesellschaft dieser Universalismus nicht existiert. Der Bruch mit den alten Regularien ist auch ein Zeichen, dass man eben nicht einfach in die alte kapitalistische Gesellschaft, zu der Rassismus und Patriarchat gehört, kooptiert werden, sondern das man mit ihr brechen will.
Der Tod von Jason Arday zeigt wie notwendig das ist. Nicht nur der Rassismus hat ihn getötet. Auch ein linksliberaler Antirassismus, der Schwarze und andere Minderheiten nur als Superhelden anerkennt und sie sofort fallen lässt, wenn sie diesem Wunschbild nicht entsprechen, haben zu seinem Tod beigetragen.


