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Persönlicher Brief an Niklaus Meienberg | Untergrund-Blättle

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Die giftigsten Truhen der helvetischen Geschichte Persönlicher Brief an Niklaus Meienberg

Gesellschaft

Heute vor 20 Jahren starb der Schweizer Historiker, Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg (1940 - 1993).

22. September 2013
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Lieber Niklaus Meienberg

Sag, gibt es dort, wo Du bist, wilde Pferde und jungen Wein, der von den Stauden tropft? Oder wenigstens ein paar dröhnende Töffs, mit denen Du über Hügel und durch Wälder flitzen kannst, ohne dass sie Dir Busszettel hinterherschicken?

Hier gibt es das nach wie vor nicht. Du verpasst also nichts. Allerdings habe ich das Gefühl, dass wir etwas verpassen, und zwar durch Deine Abwesenheit. Nicht wegen Deiner spitzen Feder oder Deiner Analysefähigkeit, sondern wegen Deiner Sensibilität und Deiner Beobachtungsgabe. Nicht wegen Dir als Schreibender, sondern wegen Dir als Mensch.

An schlechten Tagen neige ich dazu, Deinen Suizid am 22. September 1993 als letzte Konsequenz eines Suchenden hinzunehmen, der sich zu nahe an die Abgründe des Lebens gewagt und irgendwann den Kontakt zu sich selber verloren hat. Du betäubtest Dich am Ende solange, bis Du Dich von den Betäubungen des Lebens befreit fühltest. An guten Tagen hingegen finde ich, Du hättest den einen oder anderen Deiner Texte durchaus auch auf Dein Leben beziehen können, etwa den offenen Brief an Salman Rushdie, Verfasser der «Satanischen Verse», auf den seit Ende der achtziger Jahre ein Kopfgeld ausgesetzt ist und der deshalb unter Polizeischutz lebt.

«Wir möchten gerne wieder ein Buch von Ihnen lesen und Tote schreiben nicht», heisst es dort und Du fragst ihn in Bezug auf sein Leben in Gefangenschaft: «Wie hätte sich diese fürchterliche Geschichte entwickelt wenn Sie sich, wie seinerzeit viele europäische Aufklärer, gleich nach Erscheinen des Buches der Mühlsal des Lügens unterzogen und glaubwürdig den Reuigen gespielt hätten: Mut zur Feigheit (mit reservatio mentalis, wie das die Jesuiten nennen)? »

Wie, lieber Niklaus Meienberg, hätte sich Deine Geschichte entwickelt, wenn Du Dir gegenüber den Mut zur Feigheit gehabt hättest und statt an der «Verzweiflung über die mangelnde Verzweiflung» zu verzweifeln öfters nach Bruggen reiten gegangen wärst oder Dich vermehrt Deinen «Jagdgesprächen unter Tieren» gewidmet hättest und nicht der Rolle der Schweiz in den Weltkriegen?

Giftige Vergangenheit

Den Mut zur Feigheit hattest Du nicht. Aber Du hattest den Mut hinzuschauen. Und wer fragt und in der Vergangenheit gräbt, so wie Du das getan hattest, der kommt unweigerlich mit den Abgründen des Lebens in Kontakt, auch mit seinen eigenen. Du hast das bestimmt nicht nur aus Lust getan, sondern auch weil Du gewisse Dinge, wie etwa die Erschiessung des «Landesverräters» Ernst S., einfach nicht glauben konntest. In einem Radio-Interview 1988 mit Otmar Hersche sagtest Du diesbezüglich: «Es kann doch nicht sein, dass etwas so grausam linear zu und her gegangen ist, da muss doch etwas sein, das dieses Vorkommen widerlegt, ich habe aber einfach nichts gefunden.» Ernst S. war einer von siebzehn Männern, die während des Zweiten Weltkriegs vom Schweizer Militär – Ernst S. nicht zuletzt wegen seines Lebenswandels – hingerichtet wurden.

Du grubst in den giftigsten Truhen der helvetischen Geschichte und breitetest diese aus, wie das vor Dir keiner getan hatte: anschaulich, ausführlich und in einer gewaltigen Sprache. Dabei kanntest Du keine Grenzen und machtest auch keinen Hehl daraus, dass Deiner anfänglichen Empörung und Wut über das Entdeckte oder Gesehene später Depressionen folgten. Doch statt von den Schatten der Vergangenheit abzulassen, wolltest Du ein Jahr vor Deiner definitiven Betäubung auch die unmittelbaren Schatten der Gegenwart kennenlernen und reistest ins Kriegsgebiet von Karabach. Was Dein Kopf bisher aus Filmen, Nachrichten und Büchern kannte, erlebtest Du nun mit Deinem ganzen Körper: vergewaltigte Frauen, verkohlte oder verstückelte Leichen, erschossene Kinder.

Chläusli blieb auf der Strecke

Du unterschiedest dabei nicht zwischen Niklaus dem Menschen und Niklaus dem Journalisten. Es gab nur den Meienberg. Punkt. Doch Niklaus oder Chläusli, wie sie Dich als Kind nannten und der Du auf Schulreisen zu singen begannst, der Bub mit den blauen Augen, dieser blieb irgendwo zwischen Kindheit und Suizid auf der Strecke. Mürbe gemacht auf der «krankhaften Suche nach einer rationalen Begründung» (Zunder) zu Ereignissen, für die es keine Ratio gibt. Es ist der Mensch Meienberg, den wir vermissen und nicht seine Arbeit, über die er sich definierte.

Damit Du mich richtig verstehst: Deine Geschichten waren wahrscheinlich wichtig und haben die Schweizer Gesellschaft wenn nicht auf- dann zumindest durchgerüttelt. Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S. 1973 oder die Recherche zum Hitler-Attentäter Maurice Bavaud ein paar Jahre später waren sowas wie die Vorläufer des Bergier-Berichts Ende 90er Jahre. Schreiber wie Du oder Jean Ziegler liessen klarer auf die Vergangenheit blicken und es war nötig, dass jemand das Unwahrscheinliche, das Dunkle, das Böse hervorgrub und in Worte fasste. Vielleicht war es nötig.

Wen interessiert der Zweite Weltkrieg?

Ich schreibe vielleicht und wahrscheinlich, weil die Geschichte der Menschheit, wie wir sie in Europa lernen, geprägt ist vom Bösen und ich daran zweifle, dass uns die bad news weiterbringen. Auch nicht, wenn sie gut recherchiert sind. Die Spirale von Gewalt und Gegengewalt lässt sich nicht bremsen, solange in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenportalen an ihr weitergedreht wird. Du als Schreibender hast dazu beigetragen, genauso wie ich das tat (und tue). Und obwohl wir das Gefühl hatten, wir würden etwas Gutes tun – in diesem Punkt erlaube ich mir, mich mit Dir zu vergleichen –, waren wir letztlich nichts mehr als das Sprachrohr jener, die an der Macht sitzen. Wen interessiert die Rolle eines Landes im Zweiten Weltkrieg, wenn Rassismus, Klassendenken und Handel mit Krieg führenden Ländern und Firmen auch siebzig Jahre danach Alltag sind? Welchen Wert haben Vergleiche mit der Vergangenheit?

Die Vergangenheit, so wie wir sie lernen, dient zwar zum Verständnis dafür, warum die Welt ist, wie sie ist. Sie ist aber auch ein wirkungsvolles Betäubungmittel jener, die nicht wollen, dass sich etwas ändert. Wie oft wird uns gesagt, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber ist das wirklich so? Oder liegt es lediglich daran, dass die Geschichte von den immer selben Leuten geschrieben wird? Wie auch immer: Ich blicke angesichts der stattfindenden Umbrüche auf dem Planeten jedenfalls lieber nach vorne als zurück. Oder besser: nach innen statt nach aussen.

Die Lust am Entsetzen

Bei Dir schien dies anders zu sein. Ich habe beim Lesen Deiner Texte manchmal das Gefühl, dass Du Dich so sehr an den Schatten des Aussens orientiertest, dass Du die Harmonie im Innen nur bruchstückhaft wahrzunehmen vermochtest. So als ob Du eine Mission hättest, getrieben von Schuldgefühlen und innerer Zerrissenheit.

Mir blieb, was Du gegen Ende des Gesprächs mit Otmar Hersche sagtest. Dort erwähnst Du eine ältere Dame, die sich während einer Lesung in Langnau darüber entsetzte, dass Du bei Deiner Arbeit, also dem Wühlen in der (Schweizer) Geschichte, Lust empfändest. Im Falle der unveröffentlichten Dokumente zur Familie von General Wille hast Du Dich nach Entdecken derselben offenbar aufs Bett geworfen und vor Freude gestrampelt. Du verglichst es mit einer Art Trip und antwortetest der Frau fast ein wenig beleidigt: «Mir erwachsen aus meiner Arbeit genügend Probleme, warum soll ich es da nicht noch ein bisschen lustig haben. »

Wo, frage ich mich, steht ein Mensch, wenn er sich über das Entdecken von Machtmissbrauch freut, und wo steht eine Gesellschaft, die diesem Menschen dazu auch noch applaudiert?

Du passtest nicht in die Schweiz

Dennoch: Deine Texte waren wahrscheinlich eben doch nötig, damals zwischen Nachkriegszeit und Mauerfall. Damals. Heute beleuchten nicht Journalisten die Vergangenheit, sondern Computertechniker die Gegenwart, siehe Edward Snowden. Das System bringt selber Licht ins Dunkle und wir als vermeintlich Aussenstehende wollen nur langsam wahrhaben, dass wir nicht mehr BürgerInnen sind, sondern längst ZuschauerInnen. Gebannt hocken wir vor den Fernsehern, und während wir Snowden die Daumen drücken, so wie wir es mit Roger Federer tun, kopieren irgendwo in der Welt Maschinen unsere Lebensweise. Fichen anlegen war noch nie so einfach. Natürlich wäre das alles ein gefundenes Fressen für Dich. Aber ich glaube, Du würdest überschnappen vor lauter Informationsbombardement.

Der Wandel in unserer sich nach Aussen stülpenden Gesellschaft erfolgt derart schnell, dass der Zusammenbruch des herrschenden Gefüges eine gesunde Wirkung haben kann. Ein Gefüge, das mehrheitlich über den Intellekt funktioniert und so die ganzheitliche Wahrnehmung eines Lebewesens bewusst oder unbewusst auszublenden oder abzutöten versucht. Ernst S., Du und all die andern Suchenden in der Schweiz, die irgendwann weggesperrt, für verrückt erklärt oder exekutiert wurden (oder sich selber exekutierten), stehen stellvertretend fürs Nicht-Hineinpassen in dieses Gefüge. Euer innerer Freiheitsdrang war grösser als jeder äussere Repressionsapparat.

Suchende lassen sich vielleicht überwachen oder betäuben, aber sie lassen sich nicht abtöten. Eher gehen sie freiwillig – in ein anderes Land, in die Zelle, in den Tod oder in sich. Ihr stärkster Schutz bleibt die Introspektive und damit die Nicht-Kollaboration mit einem System, das ohne Betäubungsmittel in sich zusammenbricht. 1943 war dies unvorstellbar, 1993 war es absehbar, 2013 ist es wahrnehmbar.

Die Brücke nicht gefunden

Heute wärst Du etwas über siebzig und es ist schade, dass ich das im Konjunktiv schreiben muss. Genauso wie Du Ernst S. gerne kennengelernt hättest, hätte ich Dich gerne kennengelernt, Dich, den sensiblen Chläusli aus der Ostschweiz, der viele Dinge klarer sah als die Mehrheit und entsprechend einsam durch die Welt ging. Einsam, die Vergangenheit ausleuchtend, vor lauter Schatten irgendwann zynisch werdend und angesichts des anstehenden Chaos (heute stecken wir mittendrin) es nicht mehr aushaltend. Ein Suchender, der die Brücke ins Innere nicht fand und am Ende, umgeben von den Abgründen des Lebens, starb, wie Salman Rushdie lebt: gefangen.

In stiller Zuneigung

Romano Paganini

PS: Mag sein, dass ich Dich in diesem Brief idealisiere. Doch lieber ist mir der fiktive Chläusli als der reale Meienberg.

Infosperber

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