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Zum Flächendeckenden GDL-Streik: Faule Hunde

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Zum Flächendeckenden GDL-Streik Faule Hunde

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Gesellschaft

Ist Streik ein Verbrechen? Oder ein Weckruf? Immer, wenn Busse stehen und Bahnen schweigen, heisst es: „Unverschämt! Wie soll man denn zur Arbeit kommen?“

Abgestellte S-Bahn in Nienburg wegen des GDL-Streik am 12. Januar 2024.
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Abgestellte S-Bahn in Nienburg wegen des GDL-Streik am 12. Januar 2024. Foto: Clic (CC-BY 4.0 cropped)

Datum 3. Februar 2026
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Die ehrlichere Frage wär': Wie kommen die eigentlich noch zur Arbeit? Nachts. An Feiertagen. Bei Glatteis, Starkregen, 35 Grad im Schatten. Mit Überstundenkonten, die nie leer werden, mit Rücken, die knacken, Infekten, die verschleppt werden, weil Ausfälle sonst den ganzen Betrieb lahmlegen. Wer im ÖPNV arbeitet, hält den Laden am Laufen – und wird bezahlt, als wäre er austauschbares Zubehör.

Ein Streik ist kein Angriff auf die Gesellschaft. Er ist ihr Notruf. Denn eine freie, demokratische Gesellschaft braucht Gewerkschaften wie der Körper Sauerstoff. Ohne sie gibt's keine Verhandlung auf Augenhöhe, nur Durchhalteparolen von oben und Erschöpfung von unten.

Ganz abgesehen davon werden ja überall die Rechte arbeitender Menschen geschleift. Renten? Unsicher. Mieten? Explodieren. Lebens-mittelpreise? Steigen. Während sich Pflegekräfte, Fahrerinnen, Erzieher und Müllwerker rechtfertigen müssen, gelingt es Grossverdienern seit Jahrzehnten, sich elegant aus der Bürgerpflicht zu stehlen: CumEx, Briefkastenfirmen, Auslandskonten, Steuerflucht. Die tausend Reichsten dieses Landes bunkern mehr Vermögen als zehn Millionen „Normal-bürger“. „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist die Lachnummer der Saison.
Was Wunder, wenn das Vertrauen in Parteien und Institutionen weiter schwindet und die Demokratie Risse bekommt! Trotz der Aufklärungs-arbeit von Menschen wie Anne Brorhilker versagen Staatsanwaltschaften und Finanzaufsichten. Politische Konsequenzen? Fehlanzeige. Der Rechtsstaat hinkt dem Recht hinterher.

Wie gut also, dass es dem berühmten Satiriker Peter Grohmann und seiner Omi Glimbzsch (Zittau) gelungen ist, mit Beharrlichkeit einen bescheidenen Beitrag zur Razzia bei der Deutschen Bank zu leisten. Ein Beweis dafür, dass Engagement wirkt – aber auch dafür, wie selten es geworden ist.

Was wir jetzt brauchen, ist mehr davon. Mehr Haltung. Mehr Streit. Mehr Solidarität. Und die Einsicht, dass die Demokratie gefährdet ist, wenn Populisten auf dem Siegeszug sind. Die eingeschlafenen Füsse in der gesellschaftlichen Mitte brauchen dringend ein Eisbad. Der Streik im ÖPNV ist kein Ärgernis – er ist ein Stresstest für unsere Demokratie. Wer ihn nicht aushält, muss sich fragen, auf wessen Schultern er eigentlich steht.

Peter Grohmann