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Über Bäume, Pässe und eine neue Weltordnung am Bürgenstock

Über Bäume, Pässe und eine neue Weltordnung am Bürgenstock Die fröhliche Ungewissheit

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Gesellschaft

Es ist gewiss, das Ei meiner Mutter wurde befruchtet und dann fing es an, sich in mich aufzuteilen, zuerst zwei, dann vier, acht und so weiter. Immer eine Verdoppelung.

Hotelkomplex Bürgenstock im Morgenlicht.
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Hotelkomplex Bürgenstock im Morgenlicht. Foto: Emanuel Ammon - AURA (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)

Datum 25. Mai 2026
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Danach musste ich atmen lernen, aber ich konnte es einfach, weil ich dafür gebaut wurde. Es hätte schieflaufen können, aber meine Vorfahren haben dies schon so viele Male geübt, dass ich es auch gut konnte. Danach wurde ich immer mehr zu einem Menschen. Ich lernte die Sprache, dass es Dinge gibt, die so sind, dass meine Eltern immer da sind, dass mein Zuhause immer das gleiche ist. Mit den Nummern konnte ich rechnen und ganz genau berechnen. Vorausplanen und mich darauf freuen. Ich lernte und lernte.

Die fröhliche Wissenschaft. Ich wurde älter, wie meine Zeitgenossen. Ich verstrickte mich immer mehr in soziale Flechten. Sie wurden undurchschaubar, wirr und nervtötend. Es wollte nicht aufhören, nie, keine Pause, kein Entkommen. So fühlte es sich an. Bis ich zufällig oder auch nicht, wieder erkannte, dass ich wieder ein Kind sein sollte.

Es gibt Sachen in unserer Welt, die seit Generationen gewiss sind. Das Wasser fliesst bergab. Die Sonne wärmt uns. Der Mond hat immer das gleiche Gesicht, im Gegensatz zu Menschen, die unberechenbar sein können. So stellte ich fest, dass ich die Zeit mit Menschen einschränken muss, um gesund zu bleiben. Dadurch erhielt ich eine gesunde Distanz, die mir ermöglichte, alles jederzeit hinterfragen zu können. Ich stellte fest: Die Beziehungen zu Menschen stahlen mir Zeit.
Die Philosophie wurde ein Genuss, Gedankengänge zu Musik, Musikstücke zu Geschichten. Die Natur ohne Menschen um mich herum zum treuesten Freund. Weil sie gewissenhaft ist. Der Baum steht neben mir, bis er fällt. Manchmal bewegt er sich vom Wind oder seine Äste werden vom Schnee heruntergedrückt. Der Baum ist aber immer da, immer freundlich. Nur freundlich! So wie die Steine oder der Fels, der Himmel und die Sterne, die darin in der Nacht funkeln.

Ja, es soll ominöse schwarze Löcher geben, aber das ist keineswegs bewiesen, falls dies überhaupt bewiesen werden kann. Und wenn auch? Die sind so weit weg, das betrifft mein Leben einfach überhaupt nicht. Epikur meinte zu den Göttern, ihr Getue sei so weit entfernt von uns, dass wir sie unser Leben lang praktisch ignorieren können.

Nichts ist wahr und alles ist erlaubt. Das klingt zuerst wie eine zerstörerisch auflösende Devise. Darauf kann ich aber aufbauen, so wie die Bäume auf ihrem Bauplan oder das Baby das atmet, ohne jemals Luft geschnappt zu haben. Das sei die Devise der gefürchteten unbesiegbaren Assassinen, meinten Nietzsche und seine Zeitgenossen. Die Idee war: Erst durch diese Einstellung konnten diese Assassinen überhaupt so stark werden.

Dieses Denken machte sie so stark. Und so stark können alle von uns sein, so stark wollen alle sein und alle versuchen es auf ihre Art und Weise. Wir haben nicht alle die gleichen Aufgaben und niemand ist in der gleichen Zeit und am gleichen Ort auf die Welt gekommen. Gewisse Aufgaben teilen wir aber alle. Wir atmen, wir brauchen Nahrung und soziale Kontakte.

Wir haben unterschiedliche Umgangsformen an unterschiedlichen Orten entwickelt. Unsere Nahrung wächst am Boden, dort sind auch die Ressourcen, die unseren Glauben an den wirtschaftlichen Fortschritt aufrechterhalten. Es gibt viel mehr Ungewisses als Gewisses, darum halten wir uns wohl an das Gewisse(n). Macht ja auch Sinn, daraus können wir dann vieles leiten, auslegen und versuchen zu adaptieren.

Das nennt sich auch Empirie oder Glauben – Lernen. Trauen wir uns nicht, zu lernen, selber zu denken, glauben wir an vorgedachtes. Ist wohl etwa so ungesund wie verarbeitete Nahrung zu essen im Gegensatz zu Rohkost. Das ist im Grunde ja nichts falsches, wir ernähren uns auch zuerst von der Muttermilch und bekommen dann vorsichtig die Realität zu spüren. Manche werden aber auch einfach ins kalte Wasser geworfen.
Ja, der Mensch, also ich meine, ja, die Menschen um mich herum. Einige liebe ich und die sind mir sehr wichtig. Mit der christlichen Moral im Rucksack versuche ich niemanden zu hassen. Schliesslich will doch niemand gehasst werden. Liebe deinen Nächsten, wie ich selber geliebt werden will. Der Sophist Thrasymachos aus den Geschichten von Platon würde mich abgrundtief auslachen und als blinden, naiven, kurzlebigen Menschen bemitleiden, nein! Nicht einmal bemitleiden; verachten und versklaven würde er mich!

Ja so ist es, Lebewesen bewegen sich und sie kommen schnell in Berührung mit anderen Lebewesen, dadurch müssen sie einen Umgang festlegen und dieser ist bei jedem Lebewesen unterschiedlich. So wie es unterschiedliche Bäume gibt, die sich für unterschiedliche Umgänge mit der Welt entschieden haben, haben auch Thrasymachos und ein Christ unterschiedliche Weltanschauungen und Umgänge.

Die Fichten haben seit Jahrmillionen Nadeln, der Bambus wächst ganz schnell, Laubbäume verlieren im Winter ihre Blätter. Sie bewegen sich nicht gross im Raum, nur nach oben in einem ziemlich konstanten Wachstum. Wer meint, deswegen seien wir den Bäumen überlegen, oder Thrasymachos dem Christen, täuscht sich. Ja, wir könnten alle Bäume ausrotten, aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir damit uns auch selbst ausrotten würden. Wir sind in einer Abhängigkeit miteinander.

Nichts ist wahr, alles ist erlaubt und somit möglich. Und weil alles möglich ist, haben wir eine schier unendliche Vielfalt auf dieser Welt. Es hängt so ziemlich alles miteinander zusammen, drehen wir da, passiert dort das, aber auch dieses, schauen wir dort, sehen wir etwas und übersehen das andere, helfen wir da, überfordern wir dort, und so weiter und so fort. Eine rote Fläche absorbiert den restlichen blauen Teil des Sonnenlichtes, den wir nicht sehen und nur durch genaue Beobachtungen und Experimente feststellen können.

Ein Klang kann wegen des Gesetzes der Oktaven andere Materialien zum Schwingen bringen, bis sie kaputtgehen. Das ist dann die sogenannte positive Rückkopplung. Das nennt sich auch Schneeballeffekt, Musiker kennen es als Rückkopplung mit Mikrofon und Verstärker. Oder, wie am Anfang, die Zellteilung. Das sind im Grunde regulierende Prozesse. Denn wenn es zu viel wird, explodiert der Verstärker oder das Weinglas, die Lawine löst sich, das Lebewesen hat seine vorgesehene Grösse erreicht. Darum sagt Epikur, dass das Böse oder Schmerzen nie lange andauern. Das Leben heilt ständig. Es baut immer auf das Bewährte, so wie die Jahrmillionen alten Fichten, die nicht so wachsen wie der Bambus.

Wir stehen ständig in Kontakt mit den Veränderungen der Umwelt, wie unser Immunsystem, das sich ständig austauscht, verhandelt und so wenig Energie wie nur möglich vergeudet, für das Leben. Die Veränderungen, die nicht verändert werden können, müssen adaptiert werden. Ein Konsens muss gefunden werden, um weiterzuleben. Das ist auch ein natürlicher, friedlicher Prozess. Ein Baum wächst um den Stein herum. Kein Virus will den Wirt töten.
Wir werden immer älter, wir lernen immer mehr dazu. Nicht alle dasselbe, aber wir werden älter, sofern wir noch wollen. Feststellen tun aber alle, dass die Welt nicht so ist, wie sie zuerst zu sein scheint. Das hat verschiedene Gründe: Sie ändert sich tatsächlich immer wieder. Das Magnetfeld ist immer wieder anders, schon nur dadurch ändert sich das Wachstum und der Wuchs überhaupt. Die Nadelbäume sahen vor Jahrmillionen einiges anders aus, denn die Umwelt war eine andere. Der Mensch kann meistens im Alter skeptischer werden und dadurch Aberglauben und Lügen feststellen. Diese können wiederum frustrieren, so wie das Altern überhaupt.

Lebewesen sind im Gegensatz zu den Pflanzen viel nervöser und rumpelsurrig, sie können gar nicht stillsitzen wie ein Baum, sie haben einen anderen Bauplan und somit andere Möglichkeiten. Entstehen viele davon, ergeben sich praktische Prozesse und Systeme, wie die natürliche Selektion im Wald oder Kooperationen von Fischen im Meer, Rudelbildungen von Wölfen, menschliche Sippen und Dörfer oder Staaten. Die letzteren sind etwas ganz Neues, kaum Erprobtes und existieren nur als Gedankenkonstrukt, die aber einen real existierenden Effekt auf das Leben haben.

Da nichts wahr und alles erlaubt ist, entstehen solche Prozesse oder Systeme, die eine Weile oder vielleicht auch für immer bleiben, weil sie sich als praktikabel und bewährt erweisen. So wie zum Beispiel der Bauplan einer Fichte. Natürlich könnte theoretisch auch der Fall eintreffen, der wahrscheinlich nie eintrifft. Aber der trifft nie ein, da er sehr unwahrscheinlich ist. Das verhält sich gleich wie mit den Schwarzen Löchern. Das ist so unwahrscheinlich, dass wir es ausblenden müssen, da es sonst nur hinderlich ist.

In meinem Leben habe ich viele verschiedene Staatenbildungen erlebt. Mein erster Pass war ein Jugoslawischer, dann ein Serbien-Montenegrinischer, danach ein Serbischer, dann ein Schweizer Pass und der Neueste ist ein Kosovarischer. Die habe ich alle schön auf der Seite, das ist eine schöne Sammlung. Wer weiss, wie es weitergeht. Denn, was ist schon wahr? Was kommt wohl als nächstes? Aus der Sicht eines Baumes sind Staatenbildungen wohl so rumpelsurrig wie für uns ein Ameisenhaufen. Physiker und Astronomen nehmen Teilchen wahr, die ständig und in einer kaum vorstellbaren Geschwindigkeit durch uns und so ziemlich durch alles durchdringen ausser vielleicht Blei. Neutrinos werden sie genannt.

So verhält sich wohl unsere Politik und ihre Kommunikation zu den Bäumen. Was machen uns diese Neutrinos? Nichts. Gar nichts. Na ja, nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Also, wir wissen nicht, was sie in uns bewirken. Wir stellen aber keine Wirkung fest, es betrifft unser Leben kaum, würde Epikur sagen, so wie das Getue von den Göttern. Die Welt ist so fest miteinander verwoben, dass es kein Gift ohne Gegengift gibt, keine Möglichkeit, die nicht eintreffen könnte. Gibt es etwas BEFREIENDERES?

Das Ende der Gewissheit – wo, bitte, gibt es Sicherheit? Darum lautet meine Antwort zu der Frage: Sehr wohl gibt es Gewissheit! Und zwar ganz viel. Lernen wir die Ungewissheit, als etwas Gutes wahrzunehmen, entdecken wir unendliche Möglichkeiten, die wirklich real existieren können. Dadurch können wir uns die beste Welt vorstellen und machen. Sicherheit wird erst zu einem Ort, wenn wir einen wachen Zustand erreichen, in dem wir alles für möglich halten, uns jeglichen Gedanken erlauben und nichts als wahr definieren, ausser, was wir wollen, damit wir das Beste für unsere Zukunft schaffen.

Was heisst das für uns?
Alles Bedenken!

Nichts ist absolut gesetzt, darum müssen wir verantwortlich denken.

Zum Beispiel: Alle Staatsoberhäupter sollen sich auf dem Bürgenstock versammeln und eine neue Weltordnung aushandeln, die Schweiz organisiert es. Wieso nicht? Es kann ja nur besser werden! Alle legen auf den Tisch, was sie wirklich wollen, und dann versucht man sich zu einigen und sie schliessen neue Verträge, da die alten offensichtlich verjährt sind.

Nichts ist absolut wahr.
Nicht alles ist gut.
Darum ist alles möglich.

Was können wir noch gewagtes denken?

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