Für Geld putzen in der wohlhabenden Schweiz Eine Putzfrau, die schreibt

Gesellschaft

Nimmt man die Perspektive von Menschen, die unten sind, ernst?

24. März 2023
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Vertraut man nicht viel lieber akademischen Fachleuten, die einem vom Schreibtisch aus erklären, was Ausbeutung ist, ohne sie kaum je am eigenen Leib erfahren zu haben?

„Unter uns gesagt, das Dienen – vorzugsweise mit einem Lächeln – ist also unvermeidlich. Aber wir dürfen es nicht zugeben. Wenn einer nicht umhinkann, Sklaven zu halten, ist es dann nicht besser, er nennt sie freie Menschen? Einmal um des Prinzips willen, und zum zweiten, um sie nicht zur Verzweiflung zu treiben.“ (Albert Camus, Der Fall)

Es gibt Aktivistinnen und Aktivisten, die sich an Bäume ketten, weil diese für ein ökologisch widersinniges, aber ökonomisch ertragreiches Projekt gefällt werden sollen. Bäume, manchmal ein ganzer Wald, sollen niedergemacht, gefällt werden, weil sie dem System im Weg stehen.

Putzleute in aller Welt, oder sollte ich nicht besser sagen Dienstboten und Dienstbotinnen?, werden nicht gefällt, sondern nur verbraucht, gebraucht, sie stehen nicht im Weg, sondern verrichten als zumeist nicht wahrnehmbare Wesen ihre Arbeit. Sie werden nicht gefällt, sondern gebrochen, wenn sie nicht über eine starke innere Natur verfügen, sich von einer Religion, einer Familie oder sonst etwas Stabilisierendem getragen fühlen und gestützt werden.

Wer „unten“ ist, schämt sich oft, ich jedenfalls schäme mich jedes Mal, wenn ich bei einem Arztbesuch, einem Behördentermin oder sonst wo meine Berufstätigkeit angeben muss: Putzfrau. Meistens sage ich Haushaltshilfe, das klingt nicht so schrecklich.

Das Gegenteil einer Karrierefrau ist eine Putzfrau

„Karriere“ war und ist in meiner Sprache ein Gänsefüsschen-Wort, das, was damit gemeint ist, hatte für mich nie Bedeutsamkeit. Karrieremann ist etwas, worüber man beim Lesen stolpert, beim Mann ist es ja selbstverständlich, dass er strebt, ehrgeizt, nach oben will, und sich nicht in die Weiten des Lebens verliert. Was das Wirtschaftswachstum für das herrschende ökonomische System, ist die Erfolgsorientierung oder das Karrierestreben für das Berufsindividuum.

Gibt es nichts Schlimmeres, als in einem Land wie der Schweiz putzen zu gehen? Ja, es gibt so viel Schlimmeres, dass ich es mir gar nicht vorstellen kann. Ich denke an Sklaverei, die auch heute noch nicht überwunden ist, auch wenn die Menschen keine Ketten tragen. Ich denke an die zumeist weiblichen Hausangestellten, die in libanesischen Haushalten beschäftigt sind. An Bauarbeiter in Katar. An Latrinenreiniger in Indien. An „Zimmermädchen“ in von Sauftouristen bevölkerten Hotels in Spanien oder anderswo. Etc.! Ich putze „nur“ für meinen Krankenkassenbeitrag, für Bücher, eine Stehplatzkarte in der Oper, Kleinigkeiten – das Geld ist schnell weg, und manchmal mehr als weg, dann schenkt oder leiht mir mein Partner was.

In der mir zugewiesenen Bedeutungslosigkeit schreibe ich nun als „Aktivistin“ meiner selbst an gegen die Drecksarbeit, die ich verrichten muss. Ich will mich nicht aufgeben. Ein symbolischer Akt, der „nichts bringt“. Mein Vorteil gegenüber den Bäumen – ich kann reden, schreiben. Mein Vorteil gegenüber denen, die so viel arbeiten müssen, um sich oder ihre Familie am Leben zu erhalten (und vielleicht auch Lesen und Schreiben nicht richtig lernen durften), so dass sie nur noch müde sind und kaum genug Ressourcen für die einfachsten Freuden des Lebens haben, ist, dass ich nur wenige Stunden putze und Bildung genossen habe, vor langer Zeit. (Ja, ein Genuss war es zum Teil wirklich.)

Ich habe mich nie für Zahlen interessiert, habe auch kein Talent dafür, sondern für Zusammenhänge, Sinn, Gründe, so habe ich Philosophie und vergleichende Religionswissenschaften studiert. Das ist eher Bildung als Ausbildung oder Zurichtung für den Arbeitsmarkt. Nach dem Studium stand ich vor dem Nichts, nicht vor unbegrenzten Möglichkeiten. Ich musste mich durchkämpfen, das heisst arbeiten, nehmen, was kommt, das war meist nicht schön, nicht gut, und fast immer schlecht bezahlt. Apropos können – können tut man tatsächlich nicht viel, als Magistra der Philosophie.

Gut lesen, Urteile begründen, Wissen und Meinen unterscheiden, falsche Denkmuster als solche entlarven, die Freiheit immer wieder hochhalten, sich ums Verstehen bemühen – ja, das kann ich, aber das kann man nicht brauchen und verwerten, eigentlich in keinem Land der Welt. Jedenfalls habe ich noch nie eine auf mich passende Stellenausschreibung gefunden. (Typische Entgegnung auf die eben gemachte Bemerkung – ah ja, du bist nie auf die Idee gekommen, dir selbst einen Job zu kreieren? Oder: ja, da muss man halt kreativ sein, es wird einem nicht alles passend serviert.) Wenn ich über meine wirklichen oder vermeintlichen Fähigkeiten schreibe, ist es mir, ein paar Minuten nachdem ich das Laptop zugeklappt habe, fast peinlich. Das sind ja geradezu Loser-Fähigkeiten, also keine.

Auf Kreta im Urlaub traf ich 2012 einen Schweizer. Vier Jahre Fernbeziehung, und 2016 Übersiedlung in die Schweiz. Dort waren über zehn Jahre Berufserfahrung in der „beruflichen Integration“, ich war Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter (im sogenannten „Hartz IV“-System), wertlos. Gut hat es, wer in die Schweiz als Ärztin, Informatikerin, Pflegefachfrau oder sonstige Expertin geht – der Rest, zumal über 50 Jahre alt, kann nicht wählerisch sein. Alte pflegen, in einem Kiosk, der 365 Tage im Jahr geöffnet hat, Zeitungen oder Brezen verkaufen oder eben in Privathaushalten putzen. Dafür sind Ausländerinnen und Ältere dann doch gut genug.

Um die Odyssee der verschiedenen Arbeitsversuche seit meiner Übersiedlung in die Schweiz zusammenzufassen, denn da ist einiges zusammengekommen: Nun arbeite ich als Putzfrau. Ich mache das seit Juni 2018, seit Oktober 2016 lebe ich in der Schweiz. Anfangs habe ich Urlaubsvertretungen übernommen, als Neue im Betrieb hatte ich noch kaum eigene, feste Kunden, für deren Haushaltsreinigung ich im Wochen- oder Zweiwochenrhythmus verantwortlich werden würde. Ich werde von einer Firma, die mich nach den gearbeiteten Stunden bezahlt, in diese Haushalte geschickt, mit klaren Anweisungen, was zu tun ist. Meine Arbeitsstunde dauert 55 Minuten, wenn eine Kundin drei Stunden Reinigung will, dann bekommt sie zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten.

Die Auftraggeberinnen haben damit das Gefühl, ihre Putzfrau bekommt fünf Minuten Pause jede Stunde, und ausserdem bezahlen sie nur 55 Minuten, was auf den ersten Blick einen kleinen Vorteil ausmachen dürfte im Vergleich zu den Putzfirmen, die 60 Minuten abrechnen. Ich bekomme natürlich keine Pausen bezahlt, sondern nur 55 Minuten Arbeitszeit, auf der Basis des Mindestlohns für die Reinigungsbranche. Ich erhalte kein Geld, wenn der Auftraggeber wegen Urlaub absagt, wenn die Reinigungsstunden auf einen Feiertag fallen oder wenn ich Urlaub habe. Denn das Urlaubsgeld, ebenso Feiertagsentschädigungen und Weihnachtsgeld sind in den sagenhaften 22,50 Franken brutto, die ich verdiene pro Reinigungsstunde, schon enthalten. An Weihnachten schickt die Firma eine Karte mit einem Einkaufsgutschein im Wert von 50 Franken.

In der Selbstdarstellung auf ihrer Webseite lobt sich die Firma für ihren fairen und gesetzeskonformen Umgang mit ihren Putzfrauen. Na, was denn sonst? „Ausbeutung war vorgestern“, heisst es da zum Beispiel. Da bin ich aber froh! „Fairwashing“ nenne ich das, auch andere Putzfirmen betreiben es. Die Einführungen bei den Kunden haben anfangs lang gedauert, ich war mit einer Kundenbetreuerin einmal einen Vormittag lang unterwegs, dann hat es sich eingependelt, mit Hin-und-her-Fahren, sich vorstellen, die Wohnung anschauen, Sonderwünsche besprechen, bei etwa zwei Stunden, die ich „gearbeitet“ habe, ohne dafür bezahlt zu werden – meine Firma weist dies als besonderen Service an den Putzfrauen aus, dass sie einen vor der ersten Reinigung beim Auftraggeber präsentieren und man sich gegenseitig „beschnuppert“, meistens sind die Leute ja nicht da, wenn ich zum Putzen komme, so wissen sie, wer sich künftig um ihren Dreck kümmert.

Auch der verpflichtende Einführungskurs für Putzfrauen, mehr als drei Stunden, wurde nicht bezahlt. Wenn mein Putztag auf einen Feiertag fällt, bekomme ich nichts, wenn ich im Urlaub bin, auch nichts, und wenn ein Auftraggeber nicht will, dass ich komme, wegen Besuch, Corona-Gefahr, Urlaubsabwesenheit, krankem Kleinkind, wieder nichts. Die Differenz zwischen meinem Bruttoarbeitslohn für 55 Minuten und dem, was der Kundin in Rechnung gestellt wird, beträgt 17,40 sFr. Davon leben die Verwaltungskräfte, die Chefin, die Chefin der Chefin, davon werden Geschäftsräume bezahlt, Webseiten, Werbung. Wenn ich in Urlaub gehe, dann informiert die Firma meine Kunden und bietet Ersatz an. Die wenigsten nehmen dies an, umso säuischer sieht es aus, wenn ich wiederkomme. Es ist mir übrigens verboten, über meine Arbeitsbedingungen oder über meinen Lohn zu reden. Die Firma zahlt den Tariflohn, der im GAV (Gesamtarbeitsvertrag für die Reinigungsbranche) festgelegt ist. Dieser GAV ist eine Frechheit, der blanke Hohn, wahrscheinlich eine verdeckte Strafe dafür, dass jemand überhaupt putzen geht. Auch in der Schweiz ist Geiz gegenüber den Schlechtergestellten vernünftig und in Ordnung. Seit mehr als vier Jahren putze ich fürs gleiche Geld wie zu Anfang.

Lebensräume, Dinge – über Ökologie wird zwar viel geredet, sie findet im Haus (griechisch: oikos) aber meistens nicht statt.

Permanentes Chaos, von allem zu viel, Überfüllungszustände, Wohlstandsverwahrlosung, im Kühlschrank Vergammeltes, Verschwendung, Narzissmus, das sind Stichworte, wenn ich beschreiben soll, wie es in den Haushalten aussieht, in denen ich putze. Ich kann nur skizzieren, was ich sehe. Was in den Kühlschränken steht – Nahrungsmittelaccessoires, Lebensmittel kann man das nicht nennen, aber zum Kochen mit richtigen Lebensmitteln fehlt (wie auch zum Putzen) die Zeit. Das Mindesthaltbarkeitsdatum mehrere Wochen überschreitender Lachs, mehrere Packungen davon. In der Papiertüte vom letzten Einkauf vier Melonen, zwei davon schon schimmelig. Eine Packung Heidelbeeren aus Chile, im Februar, fast unangetastet im Abfall. Zwei Packungen Erdbeeren aus Spanien, im März, auf der Küchenablage, eine Packung mit schon angeschimmelten Früchten, darunter noch ein Packerl ungeöffnet. Immer wieder eine makellose Cocktailtomate im Müll, mir unbegreiflich warum. Fleisch zum Super-günstig-Preis, wegen des nahen Ablaufdatums, in grossen Mengen nach dem Ablaufdatum im Kühlschrank.

In den anderen Räumen Bilder, Fotos, ewig lächelnde bzw. Zähne bleckende Gesichter, beim Skifahren, beim Proseccotrinken, am Strand, Paarfotos. Wissen sie nicht, wer sie sind, wenn sie sich nicht immer auf Lichtbildern anschauen? Trophäen von Reisen, 30-Jährige haben Bücher im Regal, die einem sagen, was man unbedingt gesehen haben muss, bevor man stirbt. Ob der Planet dabei draufgeht, ist schnurzegal – Reisen ist die globalisierte moderne Weltreligion derer, die sie sich leisten können. Sammelleidenschaften: über 40 Baseballkappen. 12 Sonnenbrillen. 14 Paar Laufschuhe. Manchmal zähle ich, um in diesem Wahnsinn etwas Vernünftiges zu tun. Da kommen dann sogar die Ikea-„Aufbewahrungslösungen“ an ihre Grenze. Ebenso in den Bädern, Ablagen und Fensterbretter und Spiegelschränke mehr als voll, jede Partie des Körpers wird bearbeitet, insbesondere die Haare. So viel Schönheits-, Energie-, Harmonie- und Wohlfühlversprechen aus Tiegeln und Plastikflaschen – komisch, dass die Leute trotzdem nicht besser aussehen. In Kinderzimmern scheint das Motto zu herrschen, dass nur viel zu viel genug ist, hier ist das, was man „Materialismus“ oder „Konsumismus“ nennt, am augenfälligsten. Geschmack haben die Leute keinen, Stil auch nicht, das kann man nicht kaufen.

Foodwaste, CO2-Emissionen durchs Fliegen, Nachhaltigkeit, Qualität statt Quantität, achtsamer kaufen, verbrauchen – Fehlanzeige. Nur in sehr wenigen Haushalten, in denen ich geputzt habe, war davon etwas zu spüren. Entsprechend ist mein ökologischer Pessimismus in den letzten Jahren noch grösser geworden.

Menschen – oder das, was ich von ihnen mitbekomme

Die Leute sind meistens nicht da. Zum Glück.

Bei einer Familie war seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie für die Frau Home-Office angesagt. Sie ist eine promovierte Pharmazeutin, die für das Gesundheitsministerium arbeitet, Anfang 40. Die Kinder etwa 6 und 8 Jahre alt. Wenn die Kinder wegen Ferien oder wegen Schulschliessungen zuhause sind, ist es schwieriger für mich, als wenn nur die Mutter oben im Schlafzimmer ihrer Arbeit nachgeht. Die Kinder haben mich – inzwischen arbeite ich in diesem Haushalt nicht mehr, nach drei Jahren hat's mir dort gereicht – nie gegrüsst. Anfangs dachte ich, ach, das kommt schon noch, sind halt schüchtern. Kam aber nicht. In den drei Jahren haben sie mich bestimmt dreissig Mal gesehen – und nie begrüsst, sie haben nicht mal weggeschaut. Ihre akademischen Eltern haben wahrscheinlich ein Erziehungsideal, das da lautet, dass ihre Kinder freie Wesen sind, die nicht grüssen müssen, wenn sie keine Lust dazu haben. Allein über den Groll, den ich empfunden habe, wenn sie vormittags auf dem Sofa sassen, vor dem Fernseher – stundenlang, auch bei bestem Wetter, trotz Garten und etwa einer Million Spielsachen –, könnte ich ein paar Seiten schreiben. Die Grossmutter sass zur Kinderbetreuung bei ihnen, wenn ich mit dem Staubsauger anrückte, hob sie die Beine, damit ich unter dem Sofa saugen konnte und das Zeug hervorbrachte, das die Kinder fallen liessen, ohne es aufheben zu müssen. Die Kinder werden zur künftigen Elite gehören, beide Eltern promovierte Akademiker, sie wachsen in einem gediegenen Stadtrandviertel auf, in dem ein Haus nicht unter einer Million Franken zu haben ist, sie werden gefördert, gefordert, betreut, verwöhnt – also klassentypisch erzogen.

Es gibt sehr alte Leute, für die zu putzen ist auch kein Vergnügen, aber wer älter als 80 Jahre alt ist, hat vielleicht wirklich Hilfe nötig. Eine fast blinde Rentnerin, inzwischen 90 Jahre alt, Raucherin. Im Berufsleben war sie in einer Führungsposition in der Erwachsenenbildung tätig und ist das, was mein Lebensgefährte eine „Cupli-Sozialistin“ („Salon-Linke“) nennt. Sie lebt seit dem Tod ihres Mannes, der schon mit Mitte 60 gestorben ist, allein in einer 4-Zimmer-Wohnung. Ihr Neffe, der einzige Erbe, den sie hat, denn sie ist kinderlos, sagte eines Tages zu ihr, Tante, so geht das nicht mehr, du musst jemand kommen lassen, du siehst das nicht, aber es ist grusig hier.

Es ist grusig, ja. Bevor sie die Putzfirma engagierte, hat sie schon lang nicht mehr gut gesehen. Und 40 Jahre Nikotin haben ihre Spuren hinterlassen, in ihrem Gesicht wie an den Wänden, an allem, was man sieht. Anfangs bin ich gern zu Frau K. gegangen, sie war witzig, hat Esprit, politisch eher links – ihr Mann war sogar Kommunist – sie hat viel gelesen, hat gut gelebt, und sie hat sich mit mir unterhalten, während ich meiner Arbeit nachging. Sie hat öfters nach meinen Arbeitsbedingungen gefragt, und sich darüber empört. Dabei hat ihr ihr Neffe zu meiner Firma geraten. „Die sind billig, hat mein Neffe zu mir gesagt.“

Wer wohl den Preis für dieses „billig“ zahlt, dachte ich.

Frau K. ist zumindest symbolisch solidarisch und schimpft auf meine Arbeitsbedingungen oder auf die Ungerechtigkeiten in der Bezahlung, die solche Leute wie ich oder Supermarktkassiererinnen oder Pflegekräfte erdulden müssen. Sie schenkt mir zu Weihnachten 100 Franken, und zu meinem Geburtstag auch. Ich habe am gleichen Tag wie ihr verstorbener Mann Geburtstag, nur ein paar Jahrzehnte später.

Als ich bei ihr angefangen habe, war sie 86 Jahre alt, jetzt ist sie 90. Altern hört nie auf, und inzwischen ist die Kommunikation sehr reduziert, sie hört sehr schlecht, und so ist das Zwischenmenschliche eingefroren, auf Floskeln reduziert.

Als ich in ihrer Küche Maden entfernt habe, das war in der Anfangszeit meiner Einsätze, war sie entsetzt, und es nagte wohl an ihrem Selbstbild. Sie hat sich um die Badewanne gesorgt¸ in der ich den Mülleimer ausgewaschen habe. Kein Wort dazu, dass es ihr etwa leidtäte, was ich da Ekliges zu erledigen hatte. (Am Abend habe ich damals zu meinem Partner gesagt: So, heute eine Flasche Rotwein. Zum Runterspülen. Unter der Dusche habe ich länger als sonst zugebracht. Und meinen gepflegten Haushalt sehr geschätzt.) Mit gouvernantenhafter Autorität habe ich ihr gesagt, dass sie künftig doch bitte Fleischabfälle und -verpackungen nicht mehr in ihren Hausmüll schmeissen soll, sondern in einem kleinen Plastikbeutel am gleichen Tag in einen öffentlichen Abfallkübel – sie geht noch täglich ausser Haus.

In meiner Anfangszeit, als ich hauptsächlich Urlaubsvertretungen gemacht habe, putzte ich bei zwei Gleichstellungsbeauftragten, Google hat mir das mitgeteilt, als ich die Namen eingegeben habe. In beiden Haushalten Bücherwände, Werke, wie sie in den Studiengängen Soziologie, Philosophie, Gender Studies oder Literaturwissenschaften gelesen werden. Beide Frauen lernte ich kurz kennen, keine Arroganz, Freundlichkeit die wenigen Augenblicke lang, die ein Begrüssen oder Verabschieden ausmachen.

Bei einer jungen Gymnasiallehrerin, verheiratet, zwei Kinder, schicke Wohnung, Design, Bücher, ein wenig Kunst an den Wänden, ein Kafka-Zitat gerahmt als Poster. Der erste Einsatz, 3 Reinigungsstunden, also 2 Stunden 45 Minuten. Ich schaffe es nicht, brauche eine halbe Stunde länger, bin danach leicht lädiert, auch stimmungsmässig. Nach zwei Wochen wieder dort, auf der Ablage im Flur eine schriftliche Mitteilung – „Feedback“ zu meinem ersten Einsatz: Auflistung von dem, was ich künftig bitte auch noch machen sollte, welches Reinigungsmittel ich bitte für die Küchenablage nehmen soll etc. Dazu eine Schokoladenkugel. Ausser mir vor Wut zerdrücke ich die Schokokugel und fange an, wie ein Berserker herumzuputzen. Diesmal bin ich eine viertel Stunde länger beschäftigt.

Die Frau und ihr Mann sind übrigens auf einem an der Wand hängenden Foto zu sehen unter der Fahne der SP, der sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Ich bitte nach diesem Einsatz, den Brief der Dame in der Hand, meine Firma, mich dort nicht mehr einzusetzen, mürrisch kommt man mir entgegen, ein Anruf bei der Kundin, doch eine halbe Stunde mehr zu buchen, lehnt diese ab. In diesem Jahr hingen überall die lila Fahnen mit dem Aufruf zum Frauenstreik. Solidarität von Frauen für Frauen. Für welche Frauen? Sind es akzeptierte Kollateralschäden des Feminismus, dass es Putzfrauen nicht gut geht?

Diese Arbeit wirkt wie grobes Sandpapier an Leib und Seele. Ich denke jedes Mal, wenn ich wieder einen Einsatz habe, das muss aufhören, das geht so nicht mehr weiter, ich halt es nicht mehr aus – wie eine Platte mit einem Sprung –, ich stecke da in was drin, und finde keinen Weg heraus. Ich tröste mich mit momentan eher unrealistischen Versprechen – halt durch, da kommt noch was Besseres.

Putzen – eine Zusammenfassung:
  • körperlich einseitig und ungesund belastend (Körperhaltung, Reinigungsmittel einatmen)
  • auf gar keine Art positiv (für mich zumindest) – man macht es nur fürs Geld
  • stimuliert überhaupt nicht die eigene Entwicklung, man lernt nichts dazu, erweitert nicht seine Handlungskompetenz, macht nie etwas Spannendes, wächst nicht über sich hinaus durch gute Anforderungen, man wird nicht „gesehen“, sondern nur gebraucht
  • man macht etwas Unangenehmes, in vielen Haushalten, was die Menschen, die einen engagieren, nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden machen wollen
  • man ist sozioökonomisch unten, zuunterst, weniger verdienen kann man legal nicht, und noch weniger Achtung kann man auch nicht bekommen, zumindest als Arbeitnehmerin (noch tiefer in der Achtungshierarchie sind wohl nur noch Langzeitarbeitslose angesiedelt)
  • angenehme Begleiterscheinungen eines halbwegs verträglichen Angestelltenjobs wie soziale Kontakte, Weiterbildungsangebote, bezahlter Urlaub – nichts davon
  • fehlende Kollegialität im Sinn von sich stärkender Solidarität – Putzfrauen im Privathaushalt sind Einzelkämpferinnen und kennen sich nicht
Und wenn es ein ganz schrecklicher Tag ist beim Putzen und ich richtig deprimiert bin: Alles, was man von sich denkt, dachte, vom Leben wollte, was man sich wünscht, gut findet, was einen von innen her bewegt, sich anzustrengen – all das hat nichts mit der Drecksarbeit zu tun. Dafür wird niemand geboren.

Über meine Befindlichkeit hinausgedacht …

Man kann mich zählen. Es gibt Statistiken, nach denen die Fortschrittlichkeit eines Landes auch von der Höhe der Quote erwerbstätiger Frauen bemessen wird.

Zudem zahle ich in die sozialen Sicherungssysteme ein. Auch wenn eine kleine Melkkuh wie ich nur wenig abwirft, ein bisschen was ist es auch, und bei den vielen, vielen Putzfrauen in der Schweiz kommt was zusammen, für den Staat, und für „die Wirtschaft“.

Die Putzfrau erspart den Paaren Diskussionen um ein leidiges Thema. Sie sind als Prinzen, Karrieremänner, zukünftige Powerfrauen, als Prinzessinnen erzogen worden, die sich um die schmutzigen Details ihres Alltags nicht zu kümmern brauchen. Sie leben in ihren Wohnungen oder Häusern wie Feriengäste, überzeugt davon, dass sie das, was einem keinen Spass macht, kein Geld bringt und sie weder schöner, fitter noch schlauer macht, an andere delegieren können. Sie profitieren mehr von meiner Dienstleistung als ich, die ich sie ausübe, denn ihr Gehalt übersteigt meines um ein Vielfaches.

Die Zeit, die sie sich kaufen, können sie in ihre Berufsarbeit investieren, die Differenz zwischen ihrem und meinem Stundenlohn ist Gewinn, der die Unterschiede zwischen Arm und Reich weiter nährt. Unterprivilegiert Beschäftigte sind finanzieller Gewalt unterworfen, egal, ob sie von einer Feministin oder einem Macho, einem Linken oder einem Neoliberalen beschäftigt werden. Der Niedriglohnsektor ist für niemand eine Chance, im besten Fall eine Übergangsstation zu etwas Besserem, im schlimmsten Fall berufliche Endstation, bei der man sich vielleicht noch seinen Sklaventreiber aussuchen kann.

Es geht um Freiheit. Nicht die Freiheit, wie sie in der Zigarettenwerbung vorkommt, die Freiheit der nur noch grossartigen Momente, die Sonnenseite des Lebens ohne Staub am Boden und verkalkte Duschen, die Freiheit, sich bedienen lassen zu können und den Bediener, die Bedienstete zu Funktionen des eigenen Selbstgenusses und der Selbststeigerung zu degradieren – Freiheit ist vor allem die Freiheit, Dinge, die man nicht tun will, nicht tun zu müssen. Eine Wahl zwischen dem Schlechten und dem Noch-Schlechteren ist keine Wahl, wer das so sieht, hat ein zynisches Menschenbild und zu viel Glück im Leben gehabt, bei gleichzeitiger Phantasiearmut.

In meiner Vision von einem besseren Leben für all jene, für die die „freie Entfaltung“ ihrer Persönlichkeit nur ein fadenscheiniges Versprechen ist und die Achtung vor ihrer Menschenwürde nur bedeutet, dass man sie nicht umbringt oder verhungern lässt, muss das System des Arbeitszwanges überwunden werden, baldmöglichst.

Christine Frey