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Pouget sagt mir, dass ich arbeiten gehen soll | Untergrund-Blättle

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Pouget sagt mir, dass ich arbeiten gehen soll Konsolidierung und Wartehaltung

Gesellschaft

So war es dann also, dass ich immer noch nicht wirklich entspannen konnte, in den Tagen und Wochen nach der Abgabe meiner Arbeit.

Émile Pouget, 1892.
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Bild: Émile Pouget, 1892. / Alphonse Bertillon - Gilman Collection, Museum Purchase, 2005 (PD)

2. Mai 2022
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Ich warte ja auch noch... Auf die Gutachten, auf die Verteidigung. Und je länger der fabrizierte Text ist, desto länger dauert eben das Warten darauf. Was grundsätzlich auch nicht verkehrt ist, denn ich brauche eben auch einige Zeit zur Neuorientierung nach so viereinhalb Jahren Auf und Ab, Ökozid, Faschismus, Pandemie und Krieg. Nach viereinhalb Jahren an etwas arbeiten, von dem du zwischendurch das Zutrauen darin verlierst, dass du das Ganze wirklich einreichen, also auch innerlich halbwegs damit abschliessen kannst. Alles recht anstrengend wie gesagt. Und das gute Wetter lässt auch noch auf sich warten...

Neben diversen Selbstverpflichtungen habe ich aber tatsächlich wieder mehr Zeit. Deswegen war ich zumindest mal etwas wie feiern – ein Beitrag, um die Tage später krank zu werden. Bin also doch wieder über die eigenen Kräfte gegangen – keine gute Eigenschaft, die mich an wen erinnert...

Aber mehr Zeit, Zeit, ja. In komplett selbstverantwortlich eingeteilter Arbeit ist das kein objektiver Fakt, sondern mehr ein subjektives Empfinden. Denn die Zeit ist ja immer die gleiche – nur der Druck, denkerische Leistungen zu erbringen ist eben unterschiedlich. Das bedeutet, ich konnte ausgiebig während unserer Vorbesprechung für den kurzen Radiobeitrag kiffen und ebenso als Nachbereitung des Ganzen.

Und meine Bekannte und ich haben wunderbar qequasselt und herumgeblödelt, das kann ich wohl sagen. Nachdem ich wieder aufgewacht bin und deutlich länger brauchte, um in den Tag zu starten, simulierte ich Arbeit, in dem ich Emails schrieb, eine Broschüre setzte und vermutlich irgendwas im Internet tat. Das Ganze war sicherlich eher eine Vermeidungsstrategie, um mich nicht mit meinem Leben zu beschäftigen: mit Zukunftsängsten vor Krankheit, Prekarität und Einsamkeit, sowie verschiedenen lange zurückgestellten und unbefriedigten Bedürfnissen.

Wo soll ich auch anfangen, in diesem Erwachsenenleben, jetzt, wo die Schule beendet habe?, frage ich mich ironisch-resignierend. Soll ich mir erst eine eigene Wohnung suchen, um mich sortieren zu können oder erst einen Job, um sie bezahlen zu können? Aber warum einen Job? Überhaupt einen Job? Für ungelernte Tätigkeiten bin ich oft ungeeignet oder überqualifiziert oder beides. Für das, was ich gelernt habe, gibt es eigentlich keinen Beruf, ausser in der Universität. Denke ich mir zumindest. Dort werde ich aber mit dem, was ich aus eigenem Antrieb erforscht habe, wiederum nicht reinkommen. Ironisch irgendwie. Denn trotz vielfältiger intellektueller Arbeit, habe ich nicht für die richtigen Bände Beiträge verfasst und auf den falschen Konferenzen gesprochen. Ohnehin scheint die Welt der Akademacker nicht meine zu sein.

So sinniere ich also gedämpft vor mich hin und merke, dass ich noch eine Weile brauche werde mit der Orientierung. Als ich das Pouget erzähle, lacht der mich hingegen direkt aus. „Get a job, Hippie!“, sagt er zu mir. „Stell dich doch nicht so an, Junge! Die einen erkennen es früh, die anderen eben sehr spät, dass sie proletarisiert werden. Gut, arm warste schon vorher. Jetzt kannste halt noch arbeiten und arm sein. Oder auch nicht, ist wohl eher die Frage, an wen du dich verkaufst. Letztendlich läuft es aber darauf hinaus, wenn du kein Lump sein und klauen willst. Und glaub mir, dass ist die schlechteste aller Arbeiten.

Vollkommen sozial unabgesichert, miese Zwischenhändler und du trägst das gesamte Risiko selbst.“ So also spricht der berühmte Anarcho-Syndikalist zu mir. Was ich auch nicht anders erwartet habe. „Klar, Lohnarbeit macht Probleme. Aber deins ist, dass du dich gar nicht mit den Arbeiter*innen identifizieren willst – und darum auch kein Klassenbewusstsein entwickeln kannst. Auch deine schönen Theorien bleiben dann Luftschlösser“.

Doch da kontere ich und sage: „Alter, ich kann es nicht mehr anhören, dieses Du-musst-erst-mal-richtig-arbeiten-Gelaber. Was soll der Quatsch? Ich habe jahrelang gearbeitet und ja, das war unbezahlt. Was ich kann, ist im Kapitalismus so gut wie unverwertbar, wenn ich mich nicht entgegen meiner ethischen Wertvorstellungen verkaufe. Für dich ist es halt erst Arbeit, wenn sie an Lohn gekoppelt ist und du dich rein gezwungen fühlst.“

Émile lässt aber nicht locker: „Ich meine ja nicht, dass ich das Lohnarbeitsverhältnis gut finde oder den Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit als Naturgesetz hinnehme – ganz im Gegenteil! Ja, wir wollen den Kapitalismus und das Privateigentum überwinden, um den tätigen, produzierenden Mensch vom Joch seiner Ausbeuter zu befreien. Aber das muss eben ein kollektiver geführter Kampf einer schlagkräftigen proletarischen Organisation sein. Kein Politiker-Geschwätz, kein Parteien-Geschachere, keine Parlamentariererei. Und kein individualistisches Rumgewurschtel!“

„Klar hast du allgemein Recht“, stimme ich zu. „Das bedeutet aber trotzdem nicht, dass mit meinem Hintergrund als waschechter Arbeiter durchgehe. Und ja, vielleicht ist es auch ein echtes Privileg, dass ich mich damit nicht identifizieren muss, trotzdem ich arm bin. In der autonomen Gewerkschaft wie sie aktuell aufgestellt ist, ist kein Platz für mich. Deswegen wär's schön, verschiedene Situationen von Menschen mitzudenken. Und dabei weiss ich, dass das Arbeitslosengeld nur die Kehrseite der Lohnarbeit ist. In dieser Hinsicht bin ich ganz Syndikalist: Ich möchte eben keine Kämpfe für andere führen, sondern mit ihnen und nach eigener Betroffenheit.“

Und Pouget – seiner Ausbildung nach übrigens Journalist – meint versöhnlicher: „Das wird schon, werter Genosse. Der Arbeitszwang wird dich noch früh genug ereilen. Umso mehr solltest du beginnen, dich gewerkschaftlich zu organisieren und Arbeitskämpfe zu führen lernen! Nebenbei ist dir das vielleicht gar nicht so fern. Du bist doch pfiffig und weisst, wozu man einen Schraubschlüssel alles verwenden kann.“ Und er ergänzt augenzwinkernd: „Sonst kommst du dann irgendwann an und willst die Beratung als Dienstleistung abgreifen, so wie die Kohle vom Amt. So nicht, mein Lieber! Komm raus aus deinen Abhängigkeiten, ermächtige dich, übernimm Verantwortung!“

Leider kann ich nicht von der Hand weisen, dass mich seine Argumente überzeugen, auch wenn ich die Lebensrealität aktuell nicht teile. Nicht teilen muss, wie gesagt. Und ebenfalls nicht wie Gleichaltrige oder gar jüngere Genoss*innen, die einen proletarischen Hintergrund haben, über meine Rente nachdenken muss. Mir ist klar, dass ich ohne Menschen mit denen ich solidarisch verbunden bin, abschmieren werde. Nicht erst mit 67, sondern übermorgen. Trotzdem halte ich Kämpfe in-und-gegen die Lohnarbeit für wichtig. Und damit bin ich also wieder mal im Zwischenraum und Zwiespalt zu meinen „autonomen“ – oder wie auch immer – Genoss*innen. Kann es eben stehen lassen, das andere tun, dabei Verbindungen knüpfen und meinen eigenen Weg gehen.

Tja, aber wenn ich darüber nachdenke, wie ich das auf Dauer stellen soll – weil ich aus dem Alter heraus bin, mich für Momente aufzuopfern – komme ich unweigerlich zur Frage zurück, was ich brauche, um langfristig (anti-)politisch aktiv sein zu können. Geld, ein stabiler und vielleicht sogar schöner Wohnraum, frei verfügbare Zeit und niemand, der mich gängelt, machen die Angelegenheit deutlich leichter... „Da beisst sich die schwarze Katze wohl in den Schwanz“, meint Émile noch selbstsicher und verlässt mich, um zur nächsten Person auf seiner Tagesliste zu gehen, von der er einiges über die Arbeitsbedingungen in ihrem neuen Job wissen möchte. „Fuck it!“, sage ich mir. „Ich hab zu viel zu tun für Lohnarbeit!“. Schweigend und sinnierend starre ich den Sonnenuntergang an und sehne mich nach dem Tag nach der Arbeit.

Jonathan Eibisch

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