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Gedankenbeitrag für ein Kunstprojekt des Grashalminstitutes

Gedankenbeitrag für ein Kunstprojekt des Grashalminstitutes Eine andere Welt ist möglich!

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Gesellschaft

Weltweit sind Graswurzel-Initiativen auf dem Weg und auf der Suche nach einem anderen, besseren Leben. Nach einem Alltag ohne Ausbeutung und Gewalt, in Verbundenheit mit dem sie umgebenden menschlichen und nichtmenschlichen Leben.

Veranstaltung des Grashalminstitutes zum Thema
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Veranstaltung des Grashalminstitutes zum Thema "Demokratischer Wald". Foto: Thomas May

Datum 20. Oktober 2026
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Es ist das Einfache, das oft so schwer zu machen ist. Wege, die manchmal leicht, und manchmal voller Mühsal sind.
Das Leben eben, gegen den Strom von Macht, Konkurrenz und Zerstörung, aber nicht vereinzelt, sondern solidarisch gemeinsam mit anderen. Dieses Gemeinsame ist nicht frei von Widersprüchen. Es kann konfliktvolle Reibung mit der Umgebung erzeugen, ebenso wie schmerzhaften Streit innerhalb der eigenen Gemeinschaft – auch das gehört zum Leben.

Nur nicht hart werden, sondern verletzlich bleiben, und beweglich. Je besser das Miteinander gelingt, desto stabiler wird auch das gemeinsame Vorhaben sein – sei es ein Arbeits- oder Wohnprojekt, eine soziale, kulturelle oder politische Initiative. All das, was Menschen gemeinsam beitragen zu einer anderen, besseren Welt, trägt die Handschrift ihres Miteinander, ihrer Kollektivität.

Diese andere, bessere Welt entsteht schon lange weltweit, oft im Verborgenen, nur in der direkten Nachbarschaft sichtbar, aber manchmal auch weltweit bekannt. Wie die Zapatistas, die im mexikanischen Chiapas seit mehr als 30 Jahren selbstverwaltete Gemeinden aufbauen. Sie sagen: „Die Welt, die wir wollen, ist eine Welt, in die viele Welten passen“; und: „Wir gehen langsam, weil wir weit kommen wollen“.
Die Graswurzelrevolution hat viele Gesichter. Die gleichnamige Zeitung versteht unter der Graswurzelrevolution „eine tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen“.

Es ist ein klares Nein zum Bestehenden, und ein klares Ja für ein selbstbestimmtes Leben in kollektiv selbstverwalteten Strukturen. Graswurzelakteure ergeben sich nicht in ein entfremdendes Schicksal, sie erstarren nicht im Entsetzen vor drohendem Unheil, und warten auch nicht auf die grosse Revolution, sondern sie tun jetzt etwas, verändern die Welt – zumindest im Kleinen, aber dafür ganz real, im Hier und Jetzt. Dabei folgen sie keinen Dogmen und unumstösslichen Ideologien, sondern entscheiden unter den jeweils gegebenen Bedingungen im Sinne ihrer gemeinsamen Wertvorstellungen und ihrer jeweils konkreten Ziele.

Darum ist die Vielfalt alternativer Lebensweisen, die sich über Jahrzehnte weltweit herausgebildet hat, keineswegs beliebig, denn es gibt verbindende Ideen: Die Überzeugung, dass eine andere Welt möglich ist, ist verbunden mit dem Wunsch nach einem guten Leben für alle überall. Was das konkret bedeutet, das können nur die jeweils daran Beteiligten sagen, darum sind Graswurzelinitiativen basisdemokratisch organisiert. An ihnen lässt sich lernen, wie eine Gesellschaft von unten organisiert werden kann.

Graswurzelnetzwerke experimentieren damit, wie grössere, übergreifende Fragestellungen ebenfalls basisdemokratisch verhandelbar sind. Die Basisgruppen schicken Delegierte in die nächsthöheren Versammlungen. Dort haben sie jedoch nur ein imperatives Mandat, das heisst sie sind an den Auftrag ihrer Basis gebunden, verhandeln in diesem Sinne, und können jederzeit abberufen werden, wenn sie ihren Auftrag nicht erfüllen. So haben alle die Möglichkeit, Einfluss auf die Entscheidungen zu nehmen, die sie selbst betreffen. Dabei gehen Vertrauen und Transparenz Hand in Hand. Solche rätedemokratischen Strukturen sind vielleicht die demokratischste Ausprägung von Demokratie.

Ich möchte euch kurz ein paar Beispiele von Graswurzelinitiativen und -projekten vorstellen.

Seit Jahrzehnten schon arbeiten Leute in selbstverwalteten Betrieben zusammen, ohne Hierarchien und ohne Ausbeutung. Viele gründen solche Kollektive aus freier Entscheidung, andere notgedrungen, weil ihre Betriebe von den Eigentümern geschlossen wurden. In der Krise haben vor über 20 Jahren in Argentinien und anderen Ländern viele Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Fabriken in Selbstverwaltung übernommen. VioMe im griechischen Thessaloniki ist seit 15 Jahren besetzt und stellt – statt früher Baukleber – nun ökologische Reinigungsmittel her. Nach mehr als drei Jahren Besetzung produziert Scop Ti in Gémenos bei Marseille in Südfrankreich seit 2014 Teebeutel in Selbstverwaltung.
Nachdem den Arbeiterinnen und Arbeitern des Achswellenherstellers GKN in Campi Bisenzio bei Florenz vor fünf Jahren per SMS gekündigt wurde, halten sie in einer Betriebsversammlung die Fabrik besetzt. Nun müssen sie die Räume verlassen, haben aber in der Zeit der Besetzung gemeinsam mit Klimaaktivistinnen und -aktivisten, einen Plan zur Herstellung von Lastenfahrrädern und recycelbaren Solaranlagen entwickelt. Soeben haben sie beschlossen, in neuen Räumen mit ihrer Genossenschaft Ex-GKN for Future (GFF) mit der Produktion zu beginnen.

Mit mehr als 200 Hausprojekten in Deutschland beweist das Mietshäuser-Syndikat, dass Wohnen ohne finanzielle Zugangsbeschränkungen und zu stabilen Mieten möglich ist, wenn es gelingt, ein solidarisches Umfeld für die finanzielle Mitwirkung zu mobilisieren. Die Häuser im Syndikat sind unverkäuflich und selbstverwaltet, und jede Gruppe, die sich dem Verbund anschliesst, verpflichtet sich zum Solidartransfer – einem regelmässigen finanziellen Beitrag zur Ermöglichung neuer Hausprojekte.

Das Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen umfasst etwa 40 Projekte, die in kleinen oder grossen Gruppen gemeinsam Wohnen, Arbeiten und ihren Alltag miteinander teilen – hierarchiefrei mit gemeinsamer Entscheidungsfindung und mehr oder weniger gemeinsamer Ökonomie.

In der Solidarischen Landwirtschaft finanzieren grössere Gruppen ganze Landwirtschaftsbetriebe, und bekommen dafür deren Produkte. So können sich die Bäuerinnen und Bauern ohne finanzielle Sorgen um den Anbau kümmern, und die Mitglieder der Gruppe teilen sich die Ernte und das Risiko eventueller Ernteausfälle.

Solidarische Ökonomien sind oft lokal verankert. Aber manche Produkte gibt es nur in bestimmten Weltregionen, und dafür sind solidarische Handelsstrukturen entstanden, um die Produzentinnen und Produzenten vom Preisdruck des Weltmarkts zu entlasten. Kollektive beziehen beispielsweise Kaffee von Kooperativen aus Chiapas oder aus selbstverwalteten Regionen im kolumbianischen Cauca. Solidarische Einkaufsgruppen werden von Genossenschaften aus Italien mit Orangen beliefert, oder von griechischen Kooperativen mit Olivenöl.

Im südindischen Bundesstaat Telangana feiern Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Ernährungssouveränität. Das bedeutet, dass sie sich gegen Saatgutkonzerne zur Wehr setzen, und über den Anbau ihrer Lebensmittel selbst entscheiden. Sie engagieren sich für die Verwendung lokaler Sorten, beispielsweise Hirse und Sorghum statt Reis. Dabei tragen die Saatguthüterinnen in den Dörfern eine grosse Verantwortung.

Und nicht zuletzt das Alarm Phone – ein selbstverwaltetes Call-Center in Europa und Nordafrika, in dem etwa 200 Aktive sicherstellen, dass rund um die Uhr eine Telefonnummer erreichbar ist für schutzsuchende Menschen, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten, und für Angehörige, die in Sorge sind um ihre Liebsten auf der gefährlichen Überfahrt. Die Mitglieder des Alarm Phone arbeiten zuverlässig und ohne Bezahlung. Sie telefonieren mit den Flüchtenden, laden ihnen die Satellitentelefone auf und versuchen die Küstenwachen zu Rettungseinsätzen zu bewegen. Dabei kooperieren sie mit Rettungsschiffen und -flugzeugen. Sie skandalisieren das Sterben auf dem Meer und werden von vielen Organisationen und solidarischen Personen unterstützt.

All diese, und viele weitere Beispiele zeigen, dass in den Ritzen des Bestehenden – trotz all dem Grauenhaften das uns umgibt und täglich bedroht – schon heute Keimformen einer anderen, besseren Welt entstehen. Darum und trotz alledem: Nie die Hoffnung aufgeben!
Diesen Text habe ich für das GrashalmInstitut von Thomas May verfasst, der ihn im Rahmen des 13. Internationalen Waldkunstpfads Darmstadt zum Thema „Demokratischer Wald“ am 5. und 6. September 2026 als Gedankenbeitrag grossflächig ausgedruckt und als Audio abgespielt hat.

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