Leipziger Westen - Zwischen Sehnsucht und Saturation Connewitz: Hipster, Hippies, Hängengebliebene
Gesellschaft
Was soll ich halten von diesem Szeneviertel, das sich so rasch „entwickelt“ – wie es so heisst. Mittlerweile ist es wieder Jahre her, dass ich hier aufschlug.

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Conne Island, Leipzig. Graffiti "SCHWABEN REIN", letzte zwei Buchstaben verdeckt. Foto: ChickSR (CC-BY-SA 4.0 cropped)
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Anders als Berlin, München oder das Ruhrgebiet ist die Stadt kein Moloch. Es gibt viel grün, viel Kultur jeglicher Ausprägung und sonstige Angebote, die linksliberale Bürger*innen interessieren könnten. Inzwischen sind die für Normalsterbliche verfügbaren Wohnungen verkauft, das Potenzial für Hausprojekte und Wagenplätzen gesättigt. Wie in anderen Städten wird es künftig eher darum gehen, das Erworbene zu verteidigen. Für jene, die etwas Neues beginnen wollen, bietet das Umland ein tolles Betätigungsfeld mit ostdeutsch-griesgrämiger Mentalität. Ja, man braucht nur fünf Kilometer weiterzugehen, um festzustellen, wie die Realität ausserhalb der von den Berliner Einwanderern sogenannten „Kieze“ aussieht.
In diese Viertel aber wollen so viele, die nach Innovativität, einem verständnisvollen sozialen Umfeld, nach kultureller Lebendigkeit, hedonistischer Feierei oder auch einfach nur nach Schutz vor Ausgrenzung und Gewalt suchen. Sie wollen hierher ziehen und hier leben. Oder auch einfach nur irgendwie weitersehen, was sich ergibt. Wir haben hier Landflüchtige aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Es gibt jene, die nach ihrem Studium in Jena, Freiburg oder Göttingen nun nach neuem Input und vielleicht einer Umgebung mit hoher Lebensqualität suchen. Ein weiterer Grund ist, dass ihre Freund*innen bereits hergezogen waren. Dann haben wir flüchtige Franken, Bayern und Schwaben; es gibt jene Grossstadtbewohner*innen aus Hamburg, Berlin, München und Frankfurt, die sich ihre Städte nicht mehr leisten können und ihre Ausgelutschtheit nicht mehr ertragen. Und die Leute aus dem Ruhrpott und Umgebung, die sich dort langweilen… Manche kommen zur Familiengründung hierher. Andere haben es persönlich oder sozial oder politisch in ihren Umfeldern verkackt und spulen hier noch einmal die gleichen Programme ab.
Viele von den Zugezogenen wollen nicht nur anständig überleben, sondern sich auch neu erfinden. Sie wollen Spass haben und ganz ganz viel in ihrer jeweiligen Besonderheit gesehen und bewundert werden. Das ist super anstrengend für alle Beteiligten. Doch die Mischung macht's: Geflohene Kleinstadt-Punks treffen auf ökobewegte Alternativbürger*innen und schwurbelnde Esoterik-Anhänger*innen; hängen gebliebenen Neoleninisten stossen auf Rest-Autonome und waschechte Demokrat*innen; sich durchhangelnde Künstler*innen bewegen sich unter Studierenden und manchmal sogar Migrant*innen von ausserhalb der deutschen Ländereien. Gleichzeitig muss sich niemand so richtig auseinandersetzen, wenn alles im Fluss ist und man sich aus dem Weg gehen kann. Und nur wenige Leute bringen sich in die vorhandenen Strukturen und Gruppen verlässlich und dauerhaft ein.
Es ist ja immer etwas los. Und scheinbar gibt es ja bereits alles: linke Sportangebote, billige Kneipen, exzessive Partys, engagierte Politgruppen, alternative Kultur, queerfreundliche Umgebungen Ausstellungen, Hausprojekte, Wagenplätze und wenn man Bock hat, ab und zu eine Demo. Wenn man ganz grosses Glück hat, wird in Connewitz ein Sack Reis angezündet und man kann ein Foto davon schiessen… Ansonsten hängt man halt mit seinen friends in cozy WGs und freut sich voll, das alle Mäuse sich so nice verstehen. Ironischerweise wären die hippen Leipziger Viertel gar nicht so besonders, gäbe es zu ihnen nicht tatsächlich einen kontinuierlichen Zustrom an konsumierenden, interessierten und verlorenen Suchenden. Die guten und besten unter ihnen fehlen dann in anderen Städten, wo sie sinnvoller wirksam werden könnten…
Über die Szeneviertel kann man so drüberrutschen und seine Phasen im Drogenrausch, autoritärem Führungsgebaren, queerer Identitätssuche oder künstlerischem Avantgardismus etwas ausleben – bis alle auch hier unweigerlich in den Sog der Realität geraten. Aber kein slut-shaming! – Ich hatte und habe selbst irgendwelche Sehnsüchte und Bedürfnisse, Ansprüche und Vorstellungen auf Leipzig projiziert. Deswegen schreibe ich ja darüber!
Eventuell ist es auch einfach der Lauf der Dinge, dass die Suchenden hier drüberrutschen – oder ein grundlegendes Problem in der Entwicklung von Sozialstrukturen, wer weiss… Vielleicht könnte man sich aber auch aktiv gegen die Trends der Zeit entscheiden und intentionale Gemeinschaften in Kleinstädten aufbauen. Das aber würde genau dies verlangen: Entscheidungen, Gemeinschaft und eine Perspektive… Beziehungsweise könnte man auch hier damit anfangen – und die Umgebung würde noch mal anders aussehen.
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