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Wir schreiben den 23. Mai 2020. Captain Lotzer an Logbuch.

Infozeichen zu §28 IfSG in Hof an der Hospitalkirche.
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Bild: Infozeichen zu §28 IfSG in Hof an der Hospitalkirche. / PantheraLeo1359531 (CC BY 4.0 cropped)

23. Mai 2020

23. 05. 2020

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Während immer noch grosse Teile der linken Blase brav zuhause hocken und verzweifelt darauf warten, dass ihnen die Regierung hoch und heilig verspricht, dass es jetzt wirklich sicher sei, die Wohnung oder das Hausprojekt wieder zu verlassen, treiben die meisten Deutschen ganz andere Sorgen um. Wo verdammt, kommt man in diesem Sommer an den Strand. Eben noch warnte die ewige Stimme der Vernunft vor Lockerungsdiskussionsorgien und der Fragilität der Gesamtsituation (also das Virus betreffend, nicht das Empire), da videokonferierte (wer schreibt eigentlich ständig den Duden um, die arme Sau) Aussenminister Maas schon mit seinen Amtskollegen aus Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Malta, Zypern, Kroatien, Slowenien, Österreich und Bulgarien.

Also genau jenen Ländern, die jeden Sommer den Ansturm von Mio deutschen Touristen zu ertragen haben und sich das mit reichlich Schmerzensgeld entgelten lassen. Wobei Österreich eigentlich ja nicht am Meer liegt, auch wenn sie mal eine Kriegsflotte hatten, aber das ist lange her. Aber egal, der Ritt aus der Endzeitstimmung nimmt ordentlich Fahrt auf. Noch vor Wiedereröffnung der Stammpinte wird die Bundesliga live versendet (und alle bis auf Hertha benehmen sich auch von wegen Abstand und so, aber was soll man von einem Klub erwarten, der als Traditionslinie in den 70iger einen Fanclub hatte, der sich Zyklon B nannte und der endlich angekommen in der Postmoderne in einer einzigen Saison Klinsmann und Lehmann anheuert) und der Vatertag steht auch vor der Tür, auf die Durchsetzung der Abstandsregelungen durch die Bullen dürfen sich alle schon freuen. Nur Lauterbach bereist weiterhin sämtliche Talkshows und hadert mit seiner Rolle als ewiger Miesmacher. Gerüchteweise soll er demnächst zusammen mit Wieler und Drosten in einem Labor eingeschlossen werden, um den grossen Plan für den Lockdown für die zweite Welle zu blauzeichnen.

Doch genug dem Schabernack, denn auch wenn es heisst, “etwas besseres als den Tod werden wir überall finden” muss immer noch tagtäglich die Welt neu vermessen und katalogisiert werden. Weil nichts mehr so ist, wie es war, auch wenn so unendlich viel Energie aufgewendet wird, uns zu verkaufen, dies wäre der Fall, oder könnte wieder der Fall sein. Die “neue Normalität” hält Einzug und nun, da man festgestellt hat, wie leicht es ist, die Hälfte der Weltbevölkerung von einem Tag auf den anderen einzusperren, wird dieser Ausnahmezustand neue Ausnahmezustände generieren.

Letztendlich werden wir alle in einer Welt des permanenten Ausnahmezustandes leben, denn das was uns noch erwartet wird diese Wochen und Monate weit in den Schatten stellen. Denn wenn schon der Bienenfreund Robert Habeck in einem Moment der unwillkürlichen Aufrichtigkeit darüber fabulierte, zur Not müsse man das Klima eben mit den Massnahmen retten, die der chinesische Staatskapitalismus auszuüben jederzeit bereit sei, kann man sich vorstellen was für feuchte Träume an ganz anderer Stelle im Machtzentrum derzeit Konjunktur haben.

Es folgt eine Übersetzung eines Textes von Jérôme Baschet, der kürzlich in der englischsprachigen Version auf ILL WILL Editions - Partisan analysis of the present erschien:

Covid 19 - Das 21. Jahrhundert beginnt jetzt

Jérôme Baschet

Historiker akzeptieren bereitwillig, dass das globale 20. Jahrhundert 1914 mit dem Beginn des Zyklus der Weltkriege begann. Eines Tages wird man zweifellos sagen, dass das 21. Jahrhundert im Jahr 2020 mit der Einführung von SARS-CoV-2 begann. Die Bandbreite der künftigen Szenarien bleibt selbstverständlich nach wie vor sehr gross, aber die Abfolge der Ereignisse, die durch die Ausbreitung des Coronavirus ausgelöst wurden, bietet eine Vorschau auf die Katastrophen, die sich in unserer erschütterten Welt, die durch die Auswirkungen einer globalen Erwärmung gekennzeichnet ist, die sich auf ihrem Weg zu einem durchschnittlichen Anstieg von 3 oder 4 Grad befindet, zwangsläufig verstärken werden.

Was sich vor unseren Augen abspielt, ist eine immer engere Verflechtung mehrerer Krisenfaktoren, bei der es ausreicht, dass ein zufälliges Element, sowohl unvorhergesehene als auch weithin angekündigte, aktiviert wird. Der Zusammenbruch und die Auflösung des Lebens, die Klimakrise, der beschleunigte soziale Zerfall, die Diskreditierung von Regierungen und politischen Systemen, die ungezügelte Ausweitung der Kreditvergabe und die finanzielle Fragilität, die Unfähigkeit, ein ausreichendes Wachstumsniveau aufrechtzuerhalten (um nur einige zu nennen): All diese Dynamiken verstärken sich gegenseitig und erzeugen eine extreme Verwundbarkeit, die sich aus der Tatsache ergibt, dass sich das Weltsystem heute in einer permanenten strukturellen Krise befindet. Von nun an ist jede scheinbare Stabilität lediglich eine Maske für wachsende Instabilität.

Philippe Sansonetti, Mikrobiologe und Professor am Collège de France, bemerkte kürzlich, dass Covid-19 eine "anthropozäne Krankheit" sei. Die gegenwärtige Pandemie ist eine totale Tatsache, bei der die biologische Realität des Virus untrennbar mit den gesellschaftlichen und systemischen Bedingungen seiner Existenz und Verbreitung verbunden ist. Die Berufung auf das Anthropozän - eine neue geologische Periode, in der die menschliche Spezies zu einer Kraft geworden ist, die in der Lage ist, die Biosphäre auf globaler Ebene zu verändern - lädt uns ein, einen dreifachen Zeitrahmen zu berücksichtigen: erstens die jüngste Periode, in der wir uns unter dem Druck wahrnehmbarer Beweise, wenn auch zu langsam, dieser neuen Ära bewusst wurden; zweitens die Jahrzehnte nach 1945, die vom Aufstieg der Konsumgesellschaft und der grossen Beschleunigung aller Kennzeichen der produktiven (und zerstörerischen) Tätigkeit der Menschheit geprägt waren; schliesslich die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die, indem sie den Kreislauf der fossilen Brennstoffe und der Industrialisierung auslöste, die Kurve der Treibhausgasemissionen in Schwung brachte und damit den Beginn des Anthropozäns markierte.

Der Virus, der uns heimsucht, wurde von den lebenden Mitgeschöpfen geschickt, die gekommen sind, um uns die Rechnung für die Turbulenzen zu präsentieren, die wir selbst verursacht haben. Das Anthropozän bedeutet: An allem, was uns befällt, ist menschliche Verantwortung beteiligt. Aber wessen Verantwortung ist es genau? Die drei oben erwähnten Zeitlinien erlauben es uns, genauer zu sein. Was den unmittelbarsten Horizont betrifft, so wird unsere Aufmerksamkeit von der erschütternden Affäre der Verflüchtigung der Maskenbestände seit 2009 und von der Tatenlosigkeit beherrscht, die es versäumt hat, sie dringend wieder aufzufüllen, da die Epidemie näher rückte. Dies ist nur ein weiterer Aspekt des überwältigenden Mangels an Vorbereitung in Europa.

In dieser Unfähigkeit zu antizipieren sind wir Zeugen einer anderen Krankheit der Zeit, nämlich ihres Präsentismus, jener Kraft, durch die alles, was über das Unmittelbare hinausgeht, aus unserem Blickfeld verschwindet. Die kühl kalkulierenden neoliberalen Methoden des Krankenhausmanagements haben für den Rest gesorgt, mit seinem anhaltenden Mangel an Ressourcen, der Verringerung der Bettenzahl, zusätzlich zu einem Mangel an Personal und Personal, das bereits zu normalen Zeiten erschöpft ist. Das Pflegepersonal schreit schon seit langem seine Verzweiflung heraus, ohne gehört zu werden. Heute ist der kriminelle Charakter der seit langem verfolgten Politik für jedermann erwiesen.

Wie Philippe Juvin, Leiter der Notaufnahme des Pariser Krankenhauses Pompidou, kürzlich erklärte, haben "unvorsichtige und inkompetente Menschen" dazu geführt, dass wir uns "nackt angesichts der Epidemie" wiederfinden. Und wenn Emmanuel Macron sich als Kriegshäuptling aufstellen wollte, sollte er nicht übersehen, dass dieselbe Rhetorik, die heutzutage von so vielen Machthabern beschworen wird, eines Tages (metaphorisch?) auch zum Vorwurf des Hochverrats werden könnte.

Ein Blick zurück in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erlaubt es uns, einige der Hauptursachen für die Vermehrung von Zoonosen zu identifizieren, jenen Krankheiten, die durch Infektionserreger verursacht werden, die in der Lage sind, einen Artensprung vom Tier zum Menschen zu vollziehen. Die Ausbreitung der industriellen Viehzucht mit ihrer verabscheuungswürdigen Tendenz zur Verdichtung führte zu der Art von beklagenswerten gesundheitlichen Folgen, die wir heute viel zu gut kennen (Schweinegrippe, Vogelgrippe H5N1 usw.). In der Zwischenzeit haben die exzessive Verstädterung und Metropolisierung die Lebensräume der Tiere schrumpfen lassen und sie in engeren Kontakt mit dem Menschen gebracht (vor allem HIV und Ebola).

Diese beiden Faktoren haben im Fall von SARS-CoV-2 möglicherweise keine Rolle gespielt, obwohl noch mehr über die gesamte Übertragungskette bekannt sein muss. Andererseits ist klar, dass der Verkauf von Wildtieren auf dem Markt von Wuhan nicht solche Folgen gehabt hätte, wenn Wuhan nicht zu einer der Welthauptstädte der Automobilindustrie geworden wäre. Die Globalisierung der wirtschaftlichen Ströme ist in der Tat am Werk; und dies ist die dritte Kausalität, auf die man sich beruft, zumal die sinnlose Ausweitung des Luftverkehrs der Vektor für die rasche planetarische Ausbreitung des Virus war.

Aber wir dürfen es nicht dabei belassen; wir müssen auch zwei Jahrhunderte zurückblicken und dem Anthropozän seinen wirklichen Namen geben: Kapitalozän. Denn es ist das Ergebnis, nicht der menschlichen Spezies im Allgemeinen, sondern eines bestimmten historischen Systems. Das Hauptmerkmal dieses Systems, des Kapitalismus, besteht darin, dass der Grossteil der Produktion vor allem auf dem Gebot beruht, aus dem investierten Geld (Kapital) einen Gewinn zu erzielen. Obwohl seine Konfigurationen variabel sind, ist die Welt letztlich nach den zwingenden Erfordernissen der Wirtschaft organisiert.

Das Ergebnis ist ein zivilisatorischer Bruch mit aller bisherigen menschlichen Erfahrung, in der das Privatinteresse und der konkurrierende Individualismus nun als höchste Werte herrschen, wobei die Besessenheit von reiner Quantität und die Tyrannei der Dringlichkeit eine Leere im Sein öffnen. Das Ergebnis ist auch und vor allem ein tödlicher produktivistischer Zwang, der den Raubbau an den natürlichen Ressourcen, die beschleunigte Desorganisation der Lebewesen und den Klimawandel mitverursacht.

Wenn die derzeitige Quarantäne und der Gesundheitsnotstand beendet sind, wird nichts mehr so sein wie vorher; soviel ist deutlich gemacht worden. Aber was wird sich ändern? Wird sich unsere Selbstuntersuchung auf eine vorübergehende Zeitspanne beschränken, wie zu befürchten ist, oder werden wir den gesamten Zyklus des Kapitalozäns berücksichtigen? Wir haben jetzt die Schwelle zum 21. Jahrhundert erreicht.

Der wirkliche Krieg, der vor uns liegt, wird nicht den Coronavirus zum Feind haben, sondern zwischen zwei gegensätzlichen Optionen ausgefochten werden: auf der einen Seite die Fortsetzung einer Welt, in der der fanatische Drang nach Waren vorherrscht und deren zwanghafter Produktivismus nur zu einer Vertiefung der anhaltenden Verwüstungen führen wird; auf der anderen Seite die bereits an tausend Orten erforschte Erfindung neuer Existenzweisen, die mit dem kategorischen Imperativ der Wirtschaft brechen würden, um einem guten Leben für alle den Vorrang zu geben. Indem man die freudige Intensität des Qualitativen den falschen Versprechungen einer unbegrenzten Unmöglichkeit vorzieht, würde letztere die aufmerksame Sorge um die bewohnten Milieus und die Interaktionen der Lebenden mit dem Aufbau des Gemeinsamen, der gegenseitigen Hilfe und Solidarität sowie der kollektiven Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstverwaltung verbinden.

Der Coronavirus ist gekommen, um Alarm zu schlagen und den wahnsinnigen Zug einer Zivilisation zu stoppen, die auf die Zerstörung des Lebens im grossen Massstab zusteuert. Sollen wir zulassen, dass er seinen Kurs wieder einmal fortsetzt? Das würde nur neue und beispiellose Katastrophen garantieren, die das, was wir jetzt erleben, im Nachhinein blass aussehen lassen.

Übersetzung und Vorwort: Sebastian Lotzer

Jérôme Baschet ist Historiker und lehrt derzeit an der Autonomen Universität von Chiapas in San Cristóbal de Las Casas. Er ist Autor mehrerer Bücher über mittelalterliche Geschichte und hat ausserdem “Défaire la tyrannie du présent” veröffentlicht. Sowie Temporalités émergentes et futurs inédits (2018), La Rébellion zapatiste (2019) und Une Juste colère. Interrompre la destruction du monde, eine Analyse über die Gilets Jaunes.

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