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Die bigotte Menschenverachtungsmühle | Untergrund-Blättle

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Nachrichten aus der Debattiermaschine Die bigotte Menschenverachtungsmühle

Gesellschaft

Vielleicht werde ich im Alter zu einem Mann, vor dem ich meine Kinder warnen würde, hörten sie noch auf mich. Ich werde zum Vereinfacher, zu einem Menschen, der Sehnsucht nach Übersicht und Klarheit hat.

Die bigotte Menschenverachtungsmühle.
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Die bigotte Menschenverachtungsmühle. Foto: Noop1958 (CC BY 3.0 cropped)

14. September 2011
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Als triebe mich jemand, der wohl schon immer in mir steckte ("Siehe, es ein, Törichter!"), mein Leben zum Ende hin zu ordnen. Aber ist Vereinfachung nicht – Fundamentalismus? Oder kann ich mich damit entschuldigen und trösten, dass es auch einen Fundamentalismus der Vernunft, wenigstens der Einsicht, gibt oder geben sollte? Oder schliessen sich Vernunft und Fundamentalismus fundamental aus?

Seit Wochen fällt ein dichter Regen aus den Wörtern "Vertrauen" und "Glaubwürdigkeit". Ich werde überschwemmt davon. Selbst die sonst bis zur Blödmache über mich ausgegossenen Begriffe "Freiheit" und "Demokratie" verschwinden in der Flut; zeitweilig. Ich bin mir sicher, sie tauchen wieder auf, werden wieder gefischt und aufgetischt als Frischgericht, diese eisigen Leichen.

Die Regierung habe Vertrauen verloren. Es gehe um die Glaubwürdigkeit von Politik. Die Finanzmärkte treiben die Regierungen vor sich her und unterhöhlen das Vertrauen in ein Europa, an das ich gern glauben werde – im nächsten Leben. Politiker und Journalisten barmen, dass die Zukunft ohne Vertrauen nicht gestaltbar sei und dass die Glaubwürdigkeit etwa der Abgeordneten des Bundestages längst zur Posse geworden sei. Und ich höre und lese das und verstehe immer nur Bahnhof.

Ich weiss nicht, woher Vertrauen und Glaubwürdigkeit kommen sollen, wenn nicht aus anständigem, fairen, ehrlichen Handeln. Nicht nur aus eigenem, sondern dem vieler, möglichst der meisten Menschen?

Ich weiss nicht, wie anständiges, faires, ehrliches Handel entstehen soll, wenn das Gegenteil erfolgreich, sprich: einträglich-einkömmlich, ist. Wenn eine der Grundlügen des Kapitalismus, nämlich dass jeder seines Glückes Schmied sei, quasi zu einer Grundhaltung, nämlich der des ausgefahrenen Ellenbogens, geworden ist. Schon immer? Schon lange? Erst seit neulich?

Ich weiss nicht, wie aus der bigotten Menschenverachtungsmühle, in der ich lebe, ein Wesen entsteigen kann, dass vertraut und glaubwürdig ist. Max und Moritz wurden atomisiert und aufgepickt. Wie geht das andersrum?

Ich weiss nicht, wie es zu einem einigen Europa kommen soll, wenn vor allem die geostrategische Absicht verfolgt wird, ein starker Konkurrent zu werden gegen die USA, gegen China, gegen Indien, gegen Brasilien, auch wenn diese Absicht verbrämt wird mit Zierleisten von Begriffen aus Bereichen wie Kultur, Ethik und Moral …

Vertrauen, Glaubwürdigkeit – ja Pustekuchen! Streusand! Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören? So blöd sind wir Leute nicht, dass wir nicht begriffen: Unsere Erdbeeren im Februar und unser täglich Öl bekommen wir auch in fünfzig Jahren nur, wenn wir weiterhin rauben, übertölpeln, das Diesseits des Materiellen lehren – solange, bis jeder das Handwerk beherrscht: zu rauben, zu übertölpeln, Profit zu machen. Sind als nächstes Sonne, Mond und Sterne fällig? Vertrauen? Glaubwürdigkeit? Geh, arschlose Manipulation, mir vom Acker! Egoismus, Selbstgerechtigkeit, Ungleichheit – das ist die Troika, die den Planeten furcht! Ach, wie kompliziert das alles ist, ach, wie einfach ist das alles!

So werde ich denn alt und älter. Gleich ist der Schritt vom Juniorsenior zum Greis getan. Und ich stehe stumm am Ufer und staune mit grossen Augen die majestätischen Schiffe an, die durch die Welt gleiten. Sie tragen die Namen von Banken und Weltfirmen, einige auch, die mittleren und kleineren, von Erben, Milliardären und bizarren Stars.

Ihre Passagiere sind mir fremd und egal. Ihre Frachträume sind gefüllt mit Geld, Schuldscheinen, Besitzverträgen und ähnlichem. Manchmal fällt etwas von Bord, und das Meer trägt es ans Land. Dann stürzen wir uns drauf, weil auch wir gut leben wollen. Und um von den Resten der Abspeisung das meiste zu kriegen, fahren wir die Ellenbogen aus und wollen unserer Beute Schmied sein und trampeln den Nachbarn in den Sand, weil: Zu wild, zu bang ists ringsum, und es/Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke …

Nein, so ist es nicht. Keine Panik. Ich stehe am Ufer und schaue zu. Ich bin soweit gesund, ich lese sogar wieder Nietzsche und Hölderlin, ohne Schaden zu nehmen oder am Abendland in mir zu verzweifeln. Nur im Kopp, im Kopp halte ich es nicht aus.

Eckhard Mieder

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