UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Mehr Genderwahn bitte | Untergrund-Blättle

252

Gesellschaft

Grüsse aus dem Binnenland Mehr Genderwahn bitte

Gesellschaft

In Österreich fordern ein paar Dutzend WissenschaftlerInnen, LehrerInnen im Ruhestand und Privatpersonen in einem Offenen Brief an Bildungs- und Frauenministerin Heinisch-Hosek sowie Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Mitterlehner die „Rückkehr zu sprachlicher Normalität“.

Gender Blenders.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Gender Blenders. / istolethetv (CC BY 2.0 cropped)

19. Juli 2014
0
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Unter „sprachlicher“ Normalität verstehen sie in erster Linie das Ende der „feministisch motivierten Grundsätze“, die in der gendergerechten Sprachverwendung zum Ausdruck kämen und nach Ansicht der Erstunterzeichner – von denen einige dem rechten Verein „Muttersprache“ zuzuordnen sind – eine Verständigung nahezu unmöglich macht. Sprache diene „einzig und allein der problemlosen Verständigung und nicht der Durchsetzung partikulärer Interessen“, heisst es in dem Brief, der offensichtlich keinem anderen Zweck dient als der Durchsetzung partikulärer sprachpolitischer Interessen der Unterzeichnenden.

Die Debatte um Binnen-I & Co. ist während der vergangenen Monate in Österreich immer wieder hochgekocht. Zusammen mit einer unsäglichen Debatte darüber, ob in der vor einigen Jahren gendergerecht umgetextete Bundeshymne nicht lieber doch wieder ausschliesslich die „grossen Söhne“ des Landes besungen werden sollten, zeigt die aktuelle Diskussion vor allem eines: solange sich Genderfragen auf der Ebene popkulturellen Kommerzes abspielen, ists ok – sobald ernsthaft darüber diskutiert wird, ist es aber jetzt schon auch mal wieder genug mit diesem ganzen Feminismus. Und so ist es für die Mehrheit hierzulande problemlos möglich, zuerst Conchita Wurst abzufeiern und sich von aller Welt ob der ganzen „Toleranz“ auf die Schulter klopfen zu lassen – nur um wenige Wochen Schlagerdepp Andreas Gabalier zuzujubeln, der durch sein öffentliches Absingen des alten Hymnentextes zur Gallionsfigur der selbsternannten KämpferInnen wider den „Genderwahn“ geworden ist.

Die nunmehrige Diskussion ist so alt und durchsichtig wie langweilig. Die ewigen Argumente der „Unlesbarkeit“ werden hervorgekramt und darauf aufmerksam gemacht, dass das ja im Duden alles ganz anders drinsteht. Politisch korrekt machen die VerfasserInnen des „offenen Briefes“ auch auf lernende Kinder, DaF-LernerInnen und „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ aufmerksam, denen „sprachlich zerstörte Texte“ nicht zuzumuten seien. In dem Versuch, nicht allzu reaktionär zu wirken, haben die Brief-SchreiberInnen jedoch an ein paar Stellen etwas über das Ziel hinaus geschossen. So heisst es etwa: „Sprache war und ist immer ein Bereich, der sich basisdemokratisch weiterentwickelt.“ Und wo „immer im Laufe der Geschichte versucht wurde, in diesen Prozess regulierend einzugreifen, hatten wir es mit diktatorischen Regimen zu tun.“

Deshalb wollen die UnterzeicherInnen wohl „regulierend“ eingreifen, damit sich die Sprache nicht allzu „basisdemokratisch“ weiterentwickelt. Und dabei faseln die AutorInnen was von „entstellten Formulierungen“ und „sprachlichen Zwangsmassnahmen“, als ob es fürs Nicht-gendern in der Deutsch-Hausaufgabe mittlerweile In-der-Ecke-Stehen setzen würde.

Und zur totalen Entblödung treten dann noch Brief-Unterzeichner (sic!) im Fernsehen auf und erklären, dass frauenpolitischen Anliegen mit dem Binnen-I nicht gedient sei und bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten durch Sprache nicht beseitigt würden. Das ist logisch: wenns woanders auch nicht geklappt hat mit dem Feminismus, dann müssma doch net auch noch unsere schöne Sprache vergendern.

Aber wenn schon Sommerloch ist, und wenn schon alle Medien jeden Unsinn dankbar aufgreifen, und wenn schon mal die österreichische Volksseele wegen der verunstalteten Hymne ganz zerknirscht ist, dann kann man schon mal eine Nicht-Debatte weitertreiben. Denn ein „minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen“, heisst es in dem von einem minimalen Prozentsatz kämpferischer SprachaktivistInnen unterzeichneten Schreiben.

Karl Schmal / lcm

Mehr zum Thema...
Artem Kuznetsov
Zum Verhältnis von Feminismus und PornografiePornografie in der modernen Zeit

22.07.2004

- Die gesellschaftlichen Positionen zur Pornografie zerfallen zurzeit in drei grobe Kategorien. Die zumindest in akademischen Kreisen verbreitetste ist, dass Pornografie ein Ausdruck männlicher Kultur ist.

mehr...
Margarete Stokowski auf dem Blauen Sofa während der Frankfurter Buchmesse 2018.
Margarete Stokowski: Die letzten Tage des PatriarchatsFeministische Machtumverteilung

14.03.2019

- Margarete Stokowski ist in den letzten Jahren in der öffentlichen deutschen Debatte rund um den Feminismus eine der prägnantesten Stimmen geworden.

mehr...
LGBTDemonstration am 1.
Über eine Debatte in der Ukraine – vor und nach Maidan„Propaganda der Homosexualität“

22.10.2014

- Wenn man die Debatten der ukrainischen und russischen Linken über Maidan und die Folgen beobachtet, fällt auf, dass die genderkritischen Fraktionen chronisch dazu neigen, den Maidan-Aufstand eher positiv zu sehen.

mehr...
Über Feminismus und die ’Gender Critical Feminists’

14.12.2021 - Es war eines der grösseren Debatten in der linken Szene in Halle in den letzten Wochen. Die AG Antifa hatte zwei Vorträge veranstaltet, welche als [...]

Beiträge zur s.g. ’Gender Debatte’

23.07.2014 - Lange nachdem viele Studiengänge der Gender Studies abgewickelt sind, spuken unscharfe Verständnisse von Gender durch die Kommentare. Die ...

Dossier: Feminismus
Dossier: Feminismus
Propaganda
Dossier: Feminismus

Aktueller Termin in Mülheim

Open Door

Samstag, 29. Januar 2022 - 19:00

Az Mülheim, Auerstraße 51, 45468 Mülheim

Event in Berlin

Antirepressionsflohmarkt

Samstag, 29. Januar 2022
- 12:00 -

Zwille

Straße des 17.Juni 135TU Berlin, Reuleaux-Haus

10623 Berlin

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle