Ende Zusammenarbeit unter Neuber Kritik am Online-Magazin Telepolis

Gesellschaft

Wir veröffentlichen hier die Einschätzung von Tomasz Konicz zu den Vorgängen bei Telepolis, seitdem Gründer und Chefredakteur Florian Rötzer in den Ruhestand wechselte und das Online Magazin von Nachfolger Harald Neuber übernommen wurde.

Mehr Artikel
Mehr Artikel

Foto: Thomas Richter (PD)

7. Dezember 2021
38
15
5 min.
Drucken
Korrektur
Nach 13 Jahren und vier Telepolis-Ebooks verengten sich seine publizistischen Spielräume in diesem Jahr bei Telepolis zunehmend. Deshalb musste er dort aufhören:

Ich bin nicht mehr in der Lage, in gewohnten Umfang die gewohnten Themenbereiche kritisch zu bearbeiten. Neuber, der neue Chefredakteur, ist meines Erachtens Teil eines Linkspartei-Rackets um Wagenknecht, Dehm & co., das den Laden übernimmt, ihn von radikaler Kritik säubert und langsam auf eine opportunistische und rechtsoffen-populistische Wagenkencht-Linie bringt.

Telepolis scheint mir auf dem besten Weg, sich zu einem Querfront-Organ zu entwickeln. Ich kann vor diesem Organ nur eindringlich warnen – selbst wenn dort noch einige Linke oder kritische Stimmen geduldet werden sollten, um eine Zeit lang den Schein zu wahren. Zudem halte ich einen Boykott dieser „Nachrichtenquelle“ inzwischen für notwendig, auch wenn dort noch sporadisch vernünftige Texte publiziert werden sollten.

Nochmals: Telepolis ist keine kritische Nische im deutschen Medienzirkus mehr – meiner Ansicht nach besteht Neuberts Aufgabe faktisch darin, die bröckelnde Fassade eine Zeit lang noch aufrecht zu erhalten, indem rechtsoffener Opportunismus als Opposition verkauft wird.

Telepolis war früher eine Anomalie in der deutschen Medienlandschaft, eine offene Plattform, also für alles mögliche offen, auch für fortschrittliche, kritische wie uach reaktionäre, problematische Artikel – deswegen konnte ich auch dort, trotz aller schon immer gegebenen Einschränkungen, immer wieder Texte unterbringen, die eine radikale Kritik formulierten. Diesem „offenen“ System stülpt nun das Linkspartei-Racket um Neuber seine Ideologie, diese Querfrontlinie über, es fällt nur von Aussen nicht so auf.

Intern sieht es anders aus: Ich konnte ab 2021 diese ganze Querfront- und Querdenkerscheisse nicht mehr kritisieren, wie es noch unter Rötzer selbstverständlich war (Auch hier nur Auseinandersetzungen, ich musste ein Interview machen, um die „Toleranz“ der Polizei gegenüber Querdenker-Demos zu thematisieren, weil es in Artikelform nicht mehr möglich war). Dieses Querdenker-Spektrum scheint aus populistischem Kalkül nun befördert zu werden. Es ist eine Redaktionslinie des „Schwurbelns mit Niveau“, wo dem Wahn der Querdenker ein Pseudo-Seriöser Anstich verpasst wird. Meine Kritik an den Wahnwichteln – früher bei TP selbstverständlich – stört da nur.

Ach ja, und wo wir schon dabei sind, um dies en passant abzuschliessen: hiermit fordere ich den Heise-Verlag öffentlich auf, alle vier meiner Telepolis-Ebooks aus dem Programm zu nehmen, die ich in den letzten 13 Jahren anfertigte (Honorarvereinbarungen wurden ohnehin von Rötzer mehrmals gebrochen). Das ist doch nun wirklich zu lächerlich: Ein guter Überblick über das politische Spektrum, für das Neuber als Bundestagsmitarbeiter tätig war (Und dessen Vertreter jetzt bei TP interviewt, während meine Texte nachträglich gesäubert werden), findet sich ironischerweise in meinem Telepolis-Ebook „Faschismus im 21. Jahrhundert“, im Unterkapitel zur Querfront. Es scheint mir nun, als ob die Studienobjekte meines Ebooks den Laden, für den ich es erstellte, im Grossen und Ganzen übernommen haben. 2021 ist tatsächlich noch irrer als 2020.

So, vielleicht hilft auch ein kleiner Blick hinter die Kulissen, um mal zu verstehen, wie letzte kritische Nischen gerade von Linkspartei-Rackets gesäubert werden, um den bemitleidenswerten Zustand der deutschen Medienlandschaft vollauf zu erfassen.

Ich glaube, dass Neuber vom Verlag den Wink bekommen hat, mich weitgehend zu marginalisieren. Zusagen zur inhaltlichen Kontinuität meiner Arbeit wurden nicht gehalten.

Es gab nur Ärger, eine Reihe nervenaufreibender Auseinandersetzungen, schon seit Dezember: Anfangs gab es Zoff wegen Rechtschreibung (tatsächlich, bei Telepolis!), später wegen Klimapolitik, dem Green New Deal, Antisemitismus, Querfront, Wagenknecht, Polizeivorgehen bei Demos, Kapitalismuskritik, Formen von Kritik, Polemik in Texten, etc. Sowohl die Themenvielfalt, deren konkrete inhaltliche Ausrichtung, wie auch die Form, in der ich meine Themen bei Telepolis seit mehr als einer Dekade bearbeitete – dies alles wurde 2021 immer weiter behindert, sabotiert, schlicht unmöglich gemacht.

Da Neuber als Bundestagsmitarbeiter sich im Umfeld von Wagenknecht/Dehm bewegte, stand ich meines Erachtens ohnehin auf der Abschussliste, weil ich Wagenknecht seit 2016 wegen Querfronttendenzen kritisiere. Zugleich konnte der Verlag jemanden loswerden, der offensiv die Notwendigkeit der Überwindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise darlegte. Die konkrete Folge: Texte wurden 2021 nach dem Erscheinen „gesäubert“, oder vor dem Erscheinen massiv umgeschrieben (so etwas gab es unter Rötzer schlicht nicht).

Meine Honorarhöhe hing faktisch vom Zensuraufwand ab, also davon, ob meine Texte umgeschrieben werden, oder nicht, da dies laut Neuber einen Arbeitsaufwand darstelle. Mitunter musste ich unbequeme Artikel, die evidente Manipulationen aufzeigten, nach tagelangen Auseinandersetzungen ohne Honorar schreiben. Schliesslich teilte mir die Redaktion ungeschminkt mit, dass die früheren publizistischen Freiheiten nicht mehr gegeben seien, dass – sinngemäss – die Zügel nun straffer gezogen würden (Zugleich kann es sich Neuber nicht verkneifen, Telepolis als publizistischen Freiraum zu preisen).

My guess: Mittelfristig wird der Laden zu einem wichtigen Publikationsorgan des rechtsoffenen Spektrums um Wagenknecht verkommen. Wie gesagt: Die Redaktion hat mitunter Verweise auf Dehm/Wagenknech aus meinen Texten nach deren Erscheinen rausgenommen. Neuber lieferte Beiträge für Dehms „Weltnetz“, nun macht er unfreiwillig komisch wirkende Interviews mit Dehm, die an eine politische Freakshow erinnern – früher übliche Kritik an diesem ganzen rechtsoffenen Spektrum ist nicht mehr möglich.

Hoffe, diese Ausführungen verschaffen einen Überblick über meine Sicht der Dinge bei Telepolis (bislang lag ich mit Prognosen bei diesem Spektrum richtig).

Tomasz Konicz