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Paradox-A: Ein Blog zu anarchistischen Theorien | Untergrund-Blättle

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Ein Blog zu anarchistischen Theorien Paradox-A

Gesellschaft

Paradox-A habe ich meinen nun endlich ins Leben gerufenen Blog genannt. Darauf werde ich Beiträge zur Pflege und Erneuerung anarchistischen Denkens publizieren.

Paradox-A: Ein Blog zu anarchistischen Theorien.
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Paradox-A: Ein Blog zu anarchistischen Theorien. Foto: Joshua Sterrett (CC BY 3.0 unported - cropped)

1. August 2020
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In jüngster Zeit erschienen einige meiner Artikel auch beim untergrundblättle, weswegen ich den Blog an dieser Stelle bewerben wollte. Neben einer Sammlung meiner früheren und folgenden Theoriebeiträge, Rezensionen und Interventionen, sowie möglicherweise einigen Kommentaren zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen aus einer anarchistischen Perspektive, zeige ich mich mit dem Paradox-A auch für verschiedene Veranstaltungen ansprechbar. Meine Zeit und Kapazitäten sind begrenzt, aber nach Möglichkeit habe ich weiterhin Lust, auch zukünftig Veranstaltungen im Kontext anarchistischer Theorie zu machen.

„Anarchistische Theorie“ – Dieser Begriff mag manchen Lesenden schon wie ein Widerspruch in sich erscheinen. Sind Anarchist*innen nicht eigentlich vor allem für die Praxis zuständig und selbst theoretisch kaum interessiert, weil es stets aktivistischen Tätigkeiten nachzugehen gälte und das Nachdenken darüber, diesen Drang nur blockieren würde? Ich glaube nicht, dass dies der Fall ist. Vielmehr ist mein Eindruck, dass viele Menschen, die sich selbst als „Anarchist*innen“ verstehen, sich tatsächlich viel mit gesellschaftlichen Fragen, ihren Lebensumständen, Machtkonstellationen, strategischen und ethischen Problemen auseinandersetzen und reflektieren. Anarchist*innen – so ist meine Erfahrung – betreiben daher ohnehin Theorie.

Wenn ich dies als eine meiner Haupttätigkeiten betrachte, wird die daraus folgende Spezialisierung kritisch beäugt - schliesslich können doch alle Menschen selbst denken und ihre Fähigkeiten teilen. Man ist geneigt schnell an verkopfte, dogmatische marxistische Gruppierungen zu denken, welche ihre Zeit mit abstrakten „Analysen“ oder kleinkarierten Textauslegungen zubringen, aus denen sie eine absurde Überheblichkeit ziehen, mit der sie meinen, anderen die Welt erklären zu können und zu müssen. Wenn eines gewiss ist, dann, dass es darum wird es bei Paradox-A nicht gehen wird!

Das Problem mit der anarchistischen Theorie ist damit jedoch nicht aufgelöst: Einerseits leben wir jedoch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft und intellektuelles Nachdenken hat viele Voraussetzungen, wie Zeit, Bildungszugänge, den Austausch in bestimmten Szenen, Kooperationsmöglichkeiten und charakterliche Dispositionen. Andererseits spricht nichts gegen Spezialisierungen an sich. Beispielsweise würde ich niemandem am Herzen operieren oder Fahrpläne in einem Schienennetz koordinieren wollen. Auch anarchistisches Denken zu pflegen und zu erneuern ist eine grosse Herausforderung, die man nicht einfach nebenbei bewerkstelligen kann.

Meiner Ansicht nach gibt es jedoch einen spürbaren Bedarf an anarchistischer Theorie. Mit ihr kann die anarchistische Szene gestärkt werden, suchen Anarchist*innen für alle gesellschaftlichen Fragen nach Antworten und gelingt es soziale Bewegung neu zu inspirieren und emanzipatorisch und radikal auszurichten. Anarchistische Theorie nimmt daher auch im intellektuellen Raum eine bestimmte Position ein, da sie nicht darauf abzielt, an Elfenbeinturmdebatten zu partizipieren, um sich Einkommen zu sichern oder einen Namen zu machen, sondern einen Beitrag zur sozialen Revolution darstellt.

Den libertären Sozialismus als neues altes Meta-Narrativ voranzubringen und zu unterfüttern ist die zugrundeliegende Absicht. Dahingehend zählt der Gebrauchswert anarchistischer Theorie - und dennoch verlangt theoretische Beschäftigung zugleich immer wieder zum behandelten Gegenstand auf Distanz zu gehen, um Reflexion und Erkenntnisse zu ermöglichen. - Auch dahingehend besteht ein Spannungsfeld, welches den Namen des Blogs inspiriert.

Aus der intellektuellen Beschäftigung folgt keineswegs automatisch eine Abgrenzung oder gar Erhöhung gegenüber anderen Menschen. Ich hoffe, diese Haltung kommt in den veröffentlichten Beiträgen rüber und dass mit ihnen gleichzeitig klar wird, dass damit etwas Bestimmtes gewollt wird und nicht alle Meinungen irgendwie durcheinander und nebeneinander gelten sollen. Daher ist auch die kontinuierliche Benennung des „Anarchismus“ nicht als Identitätssuche eines „Berufsjugendlichen“ zu begreifen – wie es abwertend in der Sprache der Konservativen heisst -, sondern als die Bezeichnung einer spezifischen Position und Perspektive. Diese kann meiner Ansicht nach erst dann herausgearbeitet werden, wenn sie als politisch-weltanschauliches Projekt explizit gemacht wird. Wenn andere hieran anschliessen können, so freue ich mich über Gastbeiträge und lade gern dazu ein, mir Vorschläge für Beiträge zur Veröffentlichung zuzusenden.

Abschliessend und einsteigend möchte ich meine vier Grundlagentexte „Für eine anarchistische Synthese… Theorie… Organisierung… Ethik“ empfehlen, die in den kommenden Wochen auch im UB publiziert werden. Mit diesen nicht-akademischen Texten im Broschürenformat fand ich meiner Ansicht nach eine Möglichkeit, Grundgedanken des Anarchismus auf eine ansprechende, relativ umfassende und verständliche Weise, auszudrücken – ohne dabei lediglich alte Kamellen wieder zu geben. Darüber zu Urteilen liegt jedoch an den Leser*innen. Auch die Blogbeiträge werden vielleicht die eine oder andere Person ansprechen, bei anderen jedoch grosse Widerstände hervorrufen.

Meine Hoffnung ist, dass sich Menschen durch das Geschriebene inspiriert fühlen und sich (weiterhin) auf ihre Weisen für eine andere Gesellschaft einsetzen, die ich mit der Chiffre des „libertären Sozialismus“ bezeichne. Ob dies gelingt oder nicht und wie ich die ganze Angelegenheit in einigen Jahren betrachte, weiss ich nicht. Da ich inzwischen jedoch kleine, aber kontinuierliche Brötchen zu backen gelernt habe, empfinde ich das Schreiben auf Paradox-A aktuell als sinnvoll und mir entsprechend.

Allen bekannten und unbekannten Genoss*innen und Gefährt*innen wünsche ich Freiheit, Glück und Solidarität!

J.E.

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