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Der Deutsche Buchhandlungspreis und der Kulturkampfminister Weimer

Getroffen sind drei, gemeint sind wir alle Der Deutsche Buchhandlungspreis und der Kulturkampfminister Weimer

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Gesellschaft

Liebe lesende Gemeinde, neulich in der Bahn: eine Frau fragt ihr Gegenüber: “hast Du schon die Sache mit dem Buchhandelspreis gehört?“.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer am 5. Mai 2025.
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Kulturstaatsminister Wolfram Weimer am 5. Mai 2025. Foto: Martin Rulsch, Wikimedia Commons (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 30. März 2026
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Ja, man muss Wolfram Robert Wilhelm Weimer, der sich mit dem Titel „Kulturstaatsminister“ schmücken darf, geradezu dankbar sein: der Buchhandel ist – endlich einmal wieder! – in aller Munde, und zudem ist diese Branche eng zusammengerückt gegen einen Menschen, der genau dies gerade nicht wollte.
Was war geschehen? Seit 2015 wird der Deutsche Buchhandelspreis vergeben. „Noch ein Preis“, könnte man sagen, wo es im Kulturbereich vor Preisen nur so wimmelt.

Doch einer vielfach ökonomisch prekären, jedoch kulturell bedeutsamen Branche mehr Sichtbarkeit zu geben und die Bemühungen vieler unabhängiger Buchläden um eine sorgfältige Buchauswahl, ihre vielfältigen Veranstaltungen rund ums Buch und ihre Rolle als kulturelle Orte zu würdigen, dies ist Grund genug für diesen Preis: ja, er ist sinnvoll! Nun hat allerdings der Kulturstaatsminister erstmals mit dem sogenannten „Haber-Verfahren“ (einer 2004 erstmals vom Ex-RAF-Anwalt und späterem Innenminister angewendeten Anfrage zur Überprüfung öffentlich geförderter Projekte beim Verfassungsschutz) herausgefunden, dass drei der von einer unabhängigen Jury ausgezeichneten Läden „bedenklich“ sind und eine nachträgliche Streichung von diesem Preis durchgesetzt, somit auch die besagte Jury übergangen.

Es sind dies der nach seinem einstigen Standort benannte „Buchladen Rote Strasse“ (der meine eigenen politische Sozialisation in den 1980er Jahren entscheidend beförderte, seit vielen Jahren ist der Laden zugleich lokaler Standort der ehemals gewerkschaftlichen „Büchergilde Gutenberg“), der sympathische „Golden Shop“ in Bremen sowie der „Buchladen zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, ein Ableger des mir ebenfalls gut bekannten Buchladen „Schwarze Risse“, welcher seinerseits lange Jahre mit dem im Volksmund „Roter Buchladen“ genannten Göttinger Buchladen verlegerisch kooperierte. Es liegt im Wesen der Staatschutz-Geheimniskrämerei, dass die ominösen „Erkenntnisse“ gegen diese Buchläden nicht benannt und entsprechend auch nicht überprüft werden können. Schäbig auch die dreiste Lüge Weimers, der zunächst behauptete, die drei Buchläden seien von der Jury gar nicht ausgezeichnet worden.
Mit seiner Entscheidung begeht Weimer einen massiven Eingriff in die Meinungsvielfalt, die gerade für den Buchhandel immer essentiell war: offene Diskurse, politische Debatten, gesellschaftliche Diversität, das Einsetzen für eine inklusive, emanzipatorische Kultur, das ist geradezu der Nährboden für eine lebendige Buchkultur. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die oberste Interessenvertretung von Verlagen und Buchhandlungen, kritisierte Weimers Vorgehen denn auch scharf: „Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab“.

Bremens Bürgermeister liess in einer Presseerklärung verlauten: „Der Schutz der Kunstfreiheit ist ein verfassungsrechtliches hohes Gut, welches es entschieden zu schützen gilt. Augenscheinlich gab es nicht mal eine Information, geschweige denn eine Anhörung der Betroffenen. Das ist nicht akzeptabel" (das in Bremen gerade ein psychisch labiler Mensch als V-Mann enttarnt wurde, der jahrelang das linke Milieu bis weit in zivilgesellschaftliche Strukturen hinein ausspähte, sei hier wenigstens am Rande vermerkt). Viele Kommentare in den Medien wiesen zudem darauf hin, dass Weimer sich als vermeintlicher Vertreter von Kultur in die fatale Linie der rechten Un-Kultur US-amerikanischer „schwarzer Listen“ stellt („Book banned“).

Der Schriftsellerverband PEN Deutschland fordert denn auch: „Wehret den Anfängen – ansonsten werden wir im Handumdrehen amerikanische Zustände haben“. Man muss zu dem Haber-Verfahren auch wissen, dass bereits 2019/ 2020 der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages wie auch die Bundesbeauftragte für den. Datenschutz und die Informationsfreiheit dieses kritikwürdige Vorgehen als verfassungsrechtlich bedenklich bzw. datenschutzrechtswidrig beurteilten.

Es ist kennzeichnend für rechte Strategien, dass sie sich als „unpolitisch“ ausgeben. So äusserte Weimer wiederholt, dass Kultur kein geeigneter Austragungsort für linke oder rechte Politik sei – was einerseits ein antiquiertes Kulturverständnis offenbart, zudem aber auch schlicht verlogen ist, da Weimer wie keiner seiner Vorgänger für ein reaktionäres rechtes Weltbild steht. So ist der formal parteilose Weimer ein Freund von Friedrich Merz, Verfasser eines „konservativen Manifests“, Gründer des spätestens seit 2012 immer stärker nach rechts gerückten Magazins „Cicero“.

Weimer ist mit seinen flüchtlingspolitischen – bzw. flüchtlingsabwehrenden – Positionen Gegner einer offenen Gesellschaft, er ist Vertreter eines restaurativen Geschlechter- und Familienbildes (Familie ist ihm ein „Vaterland des Herzens“), er ist ein sogenannter Klimaskeptiker, der seinen Kulturbegriff mit Nationalismus bzw. Patriotismus auflädt („Der Konservative ist Patriot, der Konservative steht zum gefühlten Vaterland wie zur Muttersprache, der Konservative fühlt das Abendland als Heimat“). Angesichts dieses Hintergrundes ist es eine verbale Blendgranate, wenn Weimer gegenüber dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels verlauten lässt, sein Vorgehen entspräche „der politischen Linie der Bundesregierung, Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen. Das gelte für Rechtsextremismus wie Linksextremismus“.

Der Schriftsteller Rafik Schami bemerkte „Es ist widerlich, wie man mit einer unnachahmlichen Penetranz Tür und Tor für die Rechtsradikalen öffnet, indem ein Minister Weimer und seine Verfassungsschützer Buchhandlung öffentlich bestrafen, weil sie links stehen“. Weimer bestärkt damit – man darf annehmen: durchaus bewusst, denn so viel Intelligenz muss man ihm zubilligen - die AfD: Er steht damit Seite an Seite mit Kanzler Merz (der seinem Duz-Freund denn auch sogleich sein volles Vertrauen ausspricht), Maskendealer Jens Spahn, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (die ebenfalls vorgeblich rechts und links gleichsetzt, während sie faktisch rechte Ideologeme bedient) und „Bildungsministerin“ Karin Prien, deren Programm – gerade will sie Demokratieprojekten den Geldhahn zudrehen – es rechtfertigt, ihren Titel fortan nur noch in Gänsefüsschen zu nennen. Man ahnt: es geht nicht nur um Weimer – aber irgendwo muss man ja mal anfangen.
Allesamt stärken diese kultur- und niveaulosen, rechtspopulistischen Gestalten nach Kräften die AfD: „Staatliche Förderpreise dürfen nicht dazu beitragen, politisch extremistische Milieus zu legitimieren oder finanziell zu stärken“, so denn auch deren kulturpolitischer Sprecher. Ja, extremistisch sind eben nur die anderen. In der „aktuellen Stunde“ im Bundestag zum Buchhandlungspreis fragte Götz Frömming von der AfD scheinheilig, was los gewesen wäre, wenn die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen den Preis bekommen hätte und meint, diese – eine Buchhändlerin, die im Kontext der neuen rechten agiert, entsprechende Verlage protegiert, schon mal die Identitären-Aktivistin Caroline Sommerfeld bei sich lesen lässt und ihre Branche kurzum als „vollkommen verblödet“ bezeichnet - bekäme „nie den Buchhandlungspreis“. Eine typische rechte Falschinformation: Dagen wurde zweimal ausgezeichnet. Frömming griff Weimers Ball dankbar auf und meinte, dem Düsseldorfer BiBaBuZe-Buchladen eine RAF-Veranstaltung anhängen zu können – inzwischen musste Frömming eine Unterlassungserklärung für seine Falschbehauptung unterschreiben. Die Botschaft aber ist deutlich: es soll nicht bei drei inkriminierten Buchhandlungen bleiben.

Weimer befeuert mit seinem Agieren also einen stramm rechten Kulturkampf. Entgegen der irreführenden „Extremismus“-Debatte von rechts zerlegt die umfassende Berliner Studie zu politischen Einstellungen praktisch zeitgleich zu Weimers Preisaberkennung gerade eindrucksvoll die „links=rechts“-Theorie: Es sind die Rechten und Rechtsextremen, die die Demokratie bedrohen. Verteidigt wird sie hingegen am verlässlichsten von jenen, die sich im politischen Spektrum am weitesten links verorten.

Die Befunde der Studie sind mehr als erschreckend: so stimmen fast 50 Prozent der Berliner*innen der Aussage teilweise oder ganz zu, dass Deutschland „eine einzige starke Partei“ brauche, „die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert“. Mehr als 65 Prozent der Berliner*innen wollen ganz oder teilweise „endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben“ und 50 Prozent stimmen ganz oder teilweise zu, dass Deutschland „durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Mass überfremdet“ sei (taz, 23.2.2026. Gegen diese wahrhaft bedrohlichen Einstellungen engagieren sich nicht zuletzt die drei Buchläden, denen nun der Preis aberkannt wurde. Und genau in diesem Kontext ist Weimers Agieren einzuordnen. Deshalb: Weimer muss weg!

Jedoch, wie ich eingangs sagte, man muss dem Kulturkampfminister Weimer regelrecht dankbar sein. Die Branche hat nun die Gelegenheit, zu zeigen, dass sie sich nicht spalten lässt. „Wir sind bereit, unsere betroffenen Kolleg*innen in jedweder Hinsicht zu unterstützen“, so äusserten sich Frankfurter Buchläden. Das gemeinsame Statement der 118 zum Buchhandelspreis nominierten Buchläden (inkl. der drei ausgeschlossenen Läden) spricht eine klare Sprache: „Für uns alle unfassbar strich Kulturstaatsminister Weimer 3 Buchhandlungen aus der Liste der Nominierten. Sie zeichnen sich durch ein Sortiment aus, das Themen wie Antikapitalismus, Feminismus und antikoloniales Denken umfasst.

Wir protestieren entschieden gegen diese Streichung und erklären hiermit deutlich unsere Solidarität mit den ausgeschlossenen Buchhandlungen“. Mehr als die Hälfte der nominierten Buchläden erklärte sich bei einem ersten spontanen Rundruf bereit, Geld an ein Spendenkonto zu überweisen, um den drei Buchhandlungen das Preisgeld zu ersetzen. Der Berliner Landesverband des Börsenvereins betont: „Wir zeigen Gesinnungsschnüffelei die Rote Karte und fordern den Beauftratgen der Bundesregierung für Kultur und Medien auf, seiner Aufgabe als Förderer der Kultur gerecht zu werden und nicht als Kulturkämpfer zu agieren“.

Nachdem mehrere der mit dem Buchhandelspreis ausgezeichneten Buchläden öffentlich äusserten, nicht zur Preisverleihung nach Leipzig am 19.3. kommen zu wollen (und andere explizit die drei ausgeschlossenen Buchläden zum Kommen einluden), entschloss sich der feige Kulturstaatsminister, die öffentliche Verleihung abzusagen und den ausgezeichneten Buchhandlungen Preisgeld und Urkunde direkt zuzusenden – wohl. um eine absehbare öffentliche Blamage für ihn zu vermeiden. Das er nun bis auf die Eröffnung alle Termine bei der Leipziger Buchmesse absagte und regelrecht abtaucht, als Kulturstaatsminister also eines der beiden Buch-Grossevents des Jahres fast vollkommen meidet, zeigt schon, dass Weimer zumindest für die Buch-Welt als Minister vollkommen untragbar geworden ist.
Die Kampagne https://lesen-hilft.org/ will ebenfalls – wie die Sammlung unter den ausgezeichneten Buchläden) die drei Buchläden unterstützen. Denn das Preisgeld (je 7.000 Euro, für besonders herausragende Buchhandlungen je 15.000 Euro) bedeutet angesichts der prekären Situation vieler Buchläden eine Menge oft bitter nötiges Geld. Die Kampagne „Lesen hilft“ erinnert in ihrem Aufruf daran, dass Buchläden – nicht zuletzt die drei vom Buchhandelspreis ausgeschlossenen - Orte der Begegnung, Räume für Diskussion und Debatte, Treffpunkte für Literatur und kritisches Denken und Teil einer lebendigen demokratischen Öffentlichkeit sind.

Eben dies ist Weimer ein Dorn im Auge. Ach ja, der Unkultur-Staatsminister legte noch nach: im März 2026 wurde seine Entscheidung bekannt, den seit 2018 geplanten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig nicht zu bauen. Als Grund nannte Weimer, das Sammeln physischer Werke sei „nicht mehr zeitgemäss“. Doch längst geht es – und auch dafür darf man Weimer ironischerweise dankbar sein – um Grundsätzlicheres: um die Autonomie der Kultur und die Bewahrung kultureller Vielfalt, um den Kampf gegen rechte Hegemoniebestrebungen und um offene Debatten um eine widerständige Kultur.

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