UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Das Lebendige schlägt zurück: Raum für eine revolutionäre Praxis schaffen

Raum für eine revolutionäre Praxis schaffen Das Lebendige schlägt zurück!

users-677583-70

Gesellschaft

1995 - Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal! Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie bei den universitären Sozialwissenschaften wird die Dialektik als Untersuchungsmethode mehr und mehr als unwissenschaftlich abgelehnt.

Das Lebendige schlägt zurück: Raum für eine revolutionäre Praxis schaffen
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Foto: Griddings (PD)

Datum 9. April 2026
0
0
Lesezeit4 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Aus anarchistischer Sicht sollte dies ein Grund zur Freude sein, eben dass die Dialektik von diesen Soziotechnikern, Soziokybernetikern und universitären Laborratten nicht mehr missbraucht wird. Es bleibt zu hoffen, dass sie vielmehr wieder eine lebendige und praktische Methode wird. Wo könnten eventuell Ansatzpunkte für eine anarchistische Kritik der Medien und Kommunikationstechnologien sein?

Zunächst sollten technische Artefakte weder als neutral oder als Heilsbringer betrachtet werden, noch sollten sie dämonisiert werden. Es ist daher umso wichtiger, sie in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Funktion zu begreifen. Die Manipulation durch Medienprodukte erhält erst dadurch ihre enorme Wirkung und Effektivität, dass sie auf vereinzelte und entfremdete Menschen trifft.

Medientheorie als nicht-materialistische Theorie zu betrachten, wie es häufig aus marxistischer Sicht geschieht, erfasst nicht den materialistischen Kern der Kontrolle, den Informationen durch ihre Verarbeitung, ihre Steuerung und Regelung auf den Menschen ausüben. Simulation ist eine äusserst effiziente und mächtige Technik. „Was durch sie ausgeblendet wird, ist zunächst die Konstruktionsmaschinerie selbst und des weiteren die bewusste Manipulation, die auf der Kenntnis des Funktionierens der Wahrnehmungsmechanismen beruht.“[1]
Das Sichtbare, mit all seinen Verzerrungen, Ausblendungen und Zerstückelungen, wird dem Wirklichen gleichgesetzt und dieses wiederum mit dem Wahren. Dies war zwar schon immer Teil von Konstruktionen und das ist bei allen Medienprodukten ähnlich gelagert, egal ob es sich um Schriftstücke, gesprochene Vorträge, Fotos oder Fernsehprodukte handelt. Doch dieses Prinzip hat sich mit der Simulation und der Computeranimation wesentlich verschärft.

Technische Artefakte bieten des weiteren nicht nur Verfügbarkeit an, sie verlangen auch Verfügbarkeit vom Menschen.

Sie dienen im Kapitalismus, aus dem sie ja schliesslich entstanden sind, zur Produktivitätssteigerung und somit auch zur Steigerung der Produktionsgeschwindigkeit, was sich auf die gesellschaftliche Arbeitsorganisation, das menschliche Zeitempfinden (Zeitmangel) usw. auswirkt.

Es ist eine logische Folgerung, dass neue Technologien unsere Wahrnehmung und unser Zeitempfinden verändern. Doch wenn dies zum Ausgangspunkt einer Medientheorie wird, ist die Gefahr allerdings gross, in einen Traum von Ursprünglichkeit und Echtheit (Authentizität) zu fallen und somit in die Nähe eines elitären und bisweilen reaktionären Kulturpessimismus zu geraten.

Auch fatalistische Theorien à la Baudrillard zu verinnerlichen, verhindert die Möglichkeiten revolutionären Handelns und führt zu einer Selbstlähmung. Es besteht eben keine Deckungsgleichheit zwischen subjektivem Zeiterleben und der technischen und medialen Zeittransformation. Was Marx für die Epoche der Industrialisierung beschrieben hat, ist auch für die Epoche der „Elektronisierung“ zutreffend: Technik und Produktionsverhältnisse schaffen „nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.“ Hier ist das Subjekt entscheidend mitberücksichtigt.

Zwar gibt es die dumpfen Technikschergen, die nur das machen, wozu die Maschinen programmiert sind, und das im Sinne von Herrschaft und Kapital. Doch es ist das Subjekt, mit allen seinen Eigenschaften, wie Emotionalität, sinnhaftes Handeln usw., das in einem Bezug zum technischen Gegenstand steht. Dadurch ist auch subversives Handeln, Sabotage, Zweckentfremdung… möglich.

Nach Baudrillard ist das Subjekt im Medienzeitalter nur noch ein fraktales[2], „das in eine Vielzahl von winzigen gleichartigen Egos zerfällt,“[3] also somit überhaupt keines mehr. Daher gibt es seiner Ansicht nach keine Entfremdung mehr.

Anarchistische Medienkritik sollte dahingegen zwischen erlebter und gelebter Zeit unterscheiden. Auch wenn das was als „gelebt“ gelten könnte, nur durch eine revolutionäre Praxis zu bestimmen ist. Sie sollte die Kluft von „mediafiction“, Mediendystopien[4] und sozialwissenschaftlicher Medienanalyse überwinden und sich radikale Positionen mit dem Umgang neuer Kommunikationstechnologien erarbeiten. AnarchistInnen können zeigen, dass der Mensch eben nicht wie eine Maschine funktioniert und sich nicht so verhält; was jedoch nicht bedeuten kann, den Begriff Entfremdung aufzugeben.

Beweisen, dass eine absolute Kontrolle niemals möglich ist, bedeutet, sich Raum für eine revolutionäre Praxis zu schaffen. Das „wie?“ ist rein theoretisch und a priori nicht zu beantworten, das vermag nur der praktische Versuch mit theoretischer Reflexion, also eine lebendige Kritik.
Fussnoten:

[1] Helga Nowotny: „Das Sichtbare und das Unsichtbare“, 1994

[2] Ein fraktales Objekt zeichnet sich dadurch aus, dass sämtliche Informationen die dieses Objekt bezeichnen, im kleinsten Detail einbeschlossen sind. (z.B. bei der Holographie)

[3] Baudrillard: s.o.

[4] Dystopie: negative Utopie; Horrorszenario (z.B.: Orwell: 1984)

Ganzer Text:
Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal! Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie 1995

Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit. 4/95 (Nr. 55) 16.Jg. URL: https://archive.org/details/schwarzer-faden/1995-55-Schwarzer%20Faden_f/page/n35/mode/2up

9630