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Im Zuge der IT-Revolution wird Science Fiction immer mehr zur Realität «Wir Menschen wissen nicht, ob wir uns abschaffen»

Gesellschaft

Von Algorithmen gesteuerte Expertensysteme steuern zunehmend auch unsere Wirtschaft. Sagt Science-Fiction-Experte Philipp Theisohn.

2. November 2015
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Science-Fiction-Romane galten lange als eine Art Märchen für Technik begeisterte Männer. Was reizt Sie als Germanistikprofessor an diesem Genre?

Philipp Theisohn: Ich bin erst im Rahmen meiner Arbeit zu literarischen Zukunftsvisionen zur Science-Fiction gekommen. Das Genre ist ja an Universitäten meistens aussen vor, allerdings vermischt sich die Science Fiction mittlerweile nicht nur in der angelsächsischen, sondern auch in der deutschsprachigen Literatur mit dem, was man früher «hohe Literatur» genannt hat. Um zu verstehen, warum das so ist, habe ich damit begonnen, mich einzulesen. Und bald gemerkt, dass Science Fiction vor allem deswegen immer gesellschaftsfähiger wird, weil sie sich mehr als alle anderen Spielarten von Literatur auch gesellschaftspolitisch versteht.

Im Zuge der IT-Revolution wird Science Fiction immer mehr zur Realität. Überrascht Sie das?

Nicht wirklich. Die Frage ist ja eher, was es bedeutet, wenn der Abstand zwischen Fantasie und Wirklichkeit immer kleiner wird. Ich würde sagen: Die Science Fiction ist weniger eine Prognosemaschine als vielmehr ein Kanal, der unsere Ängste und Wünsche nach bestimmten Regeln ordnet und projiziert. Und diese Ängste und Wünsche wirken auch wiederum auf uns zurück und beeinflussen auch die technologische Entwicklung.

Was heisst das konkret?

Zum Beispiel sind wir seit den «Terminator»-Filmen mit der Vorstellung vertraut, dass wir unser Gegenüber «scannen» könnten. Man träumt etwa von einer Erfindung, die mich jetzt ganz diskret wissen lässt: Derjenige, der da gegenüber sitzt, ist ein gewisser Philipp Löpfe. Er hat dies und das gemacht, hat diese Vorlieben und diese Macken. All dies würde mir dieses Programm in Echtzeit mitteilen, während wir hier miteinander sprechen.

Vielleicht würde sie Ihnen sogar verraten, was ich gerade denke. Auch das ist inzwischen technisch denkbar, ja teilweise machbar geworden.

Ja, zumindest die Annäherung an das, was Menschen denken, fühlen und wollen, ist in vollem Gange. Vor dreissig Jahren wären wir vor einem solchen Szenario noch schreiend davongelaufen. Mittlerweile wissen wir: Die Vorstellung des «gläsernen Menschen» ist nicht nur angstbesetzt. Sie gehört auch zu unseren Wünschen, selbst wenn wir nicht verstehen, wieso, selbst, wenn wir sie für schädlich halten. Würden wir uns nichts davon versprechen, könnten Google und Co. einpacken.

Wir jammern doch nach wie vor über Big Data und Big Brother?

Sicher, aber in einem gewissen Rahmen nutzen wir Big Data alle täglich. Und dahinter zurück kann man ohnehin nicht mehr. Also beginnen wir uns zu verdoppeln: Wir stellen – wie das Hannes Grassegger so schön beschrieben hat – unsere Persönlichkeit deshalb irgendwo in einer Cloud ab, sei es beim Online-Banking, bei Amazon, bei den Suchmaschinen und den Ortungsdiensten.

Was hat das für Folgen für die Wirtschaft?

Die wertvollsten Unternehmen sind heute diejenigen, welche die Kontrolle über die Daten haben. Und das, obwohl sie nichts produzieren, uns kostenlose Dienste anbieten und dementsprechend keine Riesenumsätze machen.

Wir nutzen sie, aber wir wollen nichts für die Dienstleistungen bezahlen.

Wir bezahlen mit unseren Daten. Dieses Phänomen kann man mit der herkömmlichen Wirtschaftstheorie immer weniger erklären. Da braucht man eine andere Erzählung dafür. Und die interessiert mich als Literaturwissenschaftler. Sie hat mit den Fragen zu tun: Wer wird am Schluss den Wert dieser Daten realisieren? Die Daten produktiv machen? Und vor allem: Braucht es dazu den Menschen noch?

Im Silicon Valley gibt es inzwischen – entschuldigen Sie den Ausdruck – durchgeknallte Vorstellungen. Nanoroboter, die unseren Körper permanent fit machen oder ewiges Leben in der virtuellen Realität. Was halten Sie davon?

Auch das ist eine datenökonomische Konsequenz: Es geht darum, einen neuen Menschen zu schaffen, der anders produziert und konsumiert. Also nicht nur Technikfantasterei, sondern die biotechnische Grundlage einer ganz anderen Wirtschaftsordnung. Die Vorstellung gibt es übrigens nicht nur im Silicon Valley, sondern auch an anderen Orten auf der Welt.

Machen wir uns nicht zu Sklaven eines durchorganisierten Techno-Systems?

Das kann sein. Es kann aber genauso gut sein, dass der Zusammenschluss von Mensch und Technik zur Chance wird. Wenn wir einmal alle vernetzt sein werden und alles transparent sein wird, dann sind auch gewisse Formen von Ausbeutung nicht mehr möglich.

Die führenden Köpfe im Silicon Valley, Mark Zuckerberg oder die Google-Gründer Brin und Page, gelten ja nicht eben als sympathische Menschen. Sie sind sogar als Soziopathen verschrien. Sollte uns das nicht Angst machen?

Schon Marx hat erkannt: Die Techniken, die wir brauchen, um den Kapitalismus zu überwinden, kann uns nur der Kapitalismus selbst zur Verfügung stellen. So gesehen: Natürlich sind viele Silicon Valley Superstars menschlich gesehen wohl eher Problemfälle. Aber diese Problemfälle braucht es, um zu einer neuen Wirtschaftsform zu kommen.

Bereits jetzt werden immer mehr Entscheidungen von smarter Software getroffen.

Diese Entwicklung wird sich zweifellos fortsetzen. Immer mehr Bereiche werden von Maschinen übernommen werden, nicht nur in der Fabrik, sondern in allen Lebensbereichen.

Wie werden die Menschen dann ihren Lohn verdienen?

Da gibt es in der Science Fiction verschiedene Antworten. Das nackte Horrorszenario einer Welt ohne Arbeit finden Sie ja im Film «Matrix». Die Maschinen haben die Macht übernommen, und die Menschen erhalten die Illusion, frei zu sein. Dabei sind sie in Wirklichkeit zu Batterien der Maschinen geworden.

Im Roman «The Circle» schildert Dave Eggers ein Unternehmen, das erschreckende Ähnlichkeiten zu Google aufweist. Sind wir gar nicht mehr so weit von diesem Horrorszenario entfernt?

Eggers schildert eine Gesellschaft, in der zwar Wohlstand herrscht, dem Menschen aber die Freiheit abhanden gekommen ist. So neu ist das nicht. Das ist die berühmte «Schreckensutopie», wie wir sie ja schon in Aldous Huxleys «Schöne neue Welt» kennengelernt haben. «The Circle» trifft den Nerv des Zeitgeistes, aber letztlich ist es vor allem eine Verschwörungstheorie.

Es gibt auch eine Gegenbewegung zu diesem Horrorszenario. Sharing Economy, Peer-to-Peer-Gesellschaft, etc. Anders als die Hippies der Siebzigerjahre ist diese Gegenbewegung sehr technofreundlich.

In den Siebzigerjahren galt die Technik als Teil einer potenziell autokratischen Gesellschaftspolitik und daher grundsätzlich als böse. Die Alternative war die Flucht aufs Land mit Ackerbau und Viehzucht. Das war naiv. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man den Kapitalismus mit Moral überwinden könnte. Die Bewegungen, die Sie hier angeführt haben, gehen eher auf einen anderen Gedanken zurück. Die sagen sich: Schauen wir uns doch einmal an, ob man mit dem Kram, den man uns hier zur Verfügung stellt, nicht auch etwas anderes machen kann als Reklame und Einkaufen. Vielleicht etwas, das uns ganz anders zusammenführen kann.

Umgekehrt sind heute – wie Zyniker behaupten – die klügsten Menschen damit beschäftigt, herauszufinden, wie wir möglichst viele Werbespots anklicken.

Technische Entwicklung dient natürlich immer noch stets dem Zweck, mehr Gewinn zu machen. Dabei entsteht auch viel Fragwürdiges.

Wird bald die ganze Gesellschaft von Expertensystemen und Algorithmen regiert?

«Regiert» ist vielleicht das falsche Wort. «Durchdrungen» trifft es eher. Bisher erleben wir das im Alltag eher in Form von «Einkaufsempfehlungen» oder ähnlichem. Das Problem liegt vor allem in einem Punkt: Big Data beschreibt Korrelationen, arbeitet also mit Wahrscheinlichkeit. Sprich: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der sich diese Website anschaut, von jener Werbung angesprochen wird, ist so hoch, dass es sich lohnt, ihn damit auch zu konfrontieren. Geht man damit einmal auf eine politische Ebene und versucht, aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung Entscheidungen zu begründen, wird es sehr schnell ganz heikel. Also: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dieser Region mit diesen speziellen Kontakten und einem bestimmten Knowhow zum Attentäter taugt, ist so hoch, dass es sich lohnt, «präventiv» zu handeln. Wollen wir das wirklich?

Wenn der Mensch zum Cyborg wird, bleibt dann am Ende nur noch ein Kopf, der 2000 Jahre alt wird und auf einem Haufen austauschbarer Ersatzteile ruht?

Die Cyborg-Bewegung, die Menschen also, die eine Verschmelzung von Mensch und Maschine anstreben, geht ja davon aus, dass wir vor so etwas nur zurückschrecken, weil wir zu «essentialistisch» denken. Will heissen: Die Seele kann problemlos auch in die Maschine hinüberwandern. Einen Unterschied zwischen «natürlich gewachsenem Körper» und «Ersatzteillager» würde man da gar nicht mehr machen.

Man könnte hier einwenden: Warum ist der Mensch eigentlich so blöd und setzt alles daran, sich selbst abzuschaffen?

Da gibt es unterschiedliche Meinungen, Katastrophiker und Euphoriker. Vielleicht kann man das so verstehen: Die Umwelt, die der Mensch sich durch die Technik geschaffen hat, ist ihm über den Kopf gewachsen, zu komplex geworden. Also passt er sich ihr jetzt an, verschmilzt mit ihr. Ob das eine Sackgasse ist oder der erste Schritt in eine selbst herbeigeführte Evolution, wird sich zeigen. Ob wir uns abschaffen oder uns umschaffen – wir wissen es nicht.

Philipp Löpfe / Infosperber

Philipp Theisohn lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Er leitet ein Forschungsprojekt zur Literatur des bewohnten Weltalls und beschäftigt sich u.a. auch mit Futurologie und Science Fiction.

Dieses Interview ist auf watson.ch erschienen.

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