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Ich verabscheue den Krieg | Untergrund-Blättle

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Das „Verschweigen“ von historischen Wahrheiten Ich verabscheue den Krieg

Gesellschaft

Ein sehr vertrauliches, niemals für wirklich gehaltenes und daher auch nur in Gedanken stattgefundenes Gespräch mit Wladimir Putin.

Vladimir Putin, 17.
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Bild: Vladimir Putin, 17. Februar 2022. / Kremlin.ru (CC BY 4.0)

23. Februar 2022
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UB: Herr Putin, zunächst möchte ich Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mir als dem Korrespondenten des Schweizer Online Magazins Untergrund-Blättle ein Interview zu gewähren, nachdem Sie, weiss Gott, doch gerade erst gestern noch erklärt hatten, dass Sie in dieser hochexplosiven Situation um die Ukraine ab sofort keiner westlichen Zeitung und auch keinem Online Magazin mehr ein Interview geben werden. Sie begründeten diese Aussage mit der für Sie subjektiv wahrgenommenen Tatsache, dass westliche Medien nicht die Wahrheit über Sie sagen, sondern ganz bewusst und rund um die Uhr doch nur Lügen über Sie verbreiten, so grosse und hässliche Lügen, dass sich aus ihrer Sicht die Balkendecke des Universums verkrümmen müsste. Doch lassen wir das und konkret gefragt: Ist es also eine Lüge, zu behaupten, dass Sie die Ukraine in absehbarer Zeit angreifen werden, also auch nicht vor einem plötzlichen Angriffskrieg zurück schrecken?

Putin: Ja, genau das ist eine jener unglaublichen Lügen, eine willkürlich aus der Luft gegriffene schamlose Behauptung, für die es keinerlei Beweise gibt, überhaupt nicht geben kann, ganz einfach, weil ich die Ukraine nicht angreifen werde und niemals angreifen wollte. Ich verabscheue den Krieg, ich will keinen Krieg führen, weder mit der Ukraine noch mit einem anderen europäischen Land, auch nicht mit den USA. Das sage ich als Staatsmann und ich sage es auch als Mensch immer wieder, ich erinnere mich nämlich nur zu gut daran, was der von den Nazis ausgelöste 2. Weltkrieg nicht nur meinem Land und meinem Volk zugefügt hat.

So wie die Deutschen dann nach 1945 versprochen haben, alles zu tun, um der Welt und künftigen Generationen einen solchen Wahnsinn zu ersparen und einen Völkermord dieses Ausmasses nie wieder zuzulassen, so haben auch wir Russen uns und der Welt das Versprechen gegeben, alles, aber auch alles zu tun, um mit allen uns zur Verfügung stehenden diplomatischen Mitteln zu verhindern, dass sich eine Weltkatastrophe wie der 2. Weltkrieg noch einmal wiederholt. Und um dieses Versprechen einzulösen und auch um mein Volk zu schützen, betone ich an dieser Stelle nochmals: Ich will Frieden, Frieden mit allen Völkern, und um das zu erreichen, will ich nichts anderes als Sicherheit und eine Garantie dafür haben, dass die Nato ihre Ausweitung gen Osten ad acta legt und dass die Ukraine niemals Nato-Mitglied wird, denn ich kann und darf es nicht dulden, dass sich dieses auf Expansion bedachte Militärbündnis direkt vor der Tür zu Russland niederlässt und es sich dort gemütlich macht, was mein Volk als permanente Bedrohung empfinden würde. Die gerade durchgeführten Manöver waren lange Zeit zuvor geplant, den Termin habe ich der Nato, der EU ud anderen Weltorganisationen rechtzeitig mitgeteilt. Für böse Überraschungen oder Bedrohungen, wie es der Westen gern darzustellen versucht gab es also keinen Anlass.

UB: Herr Putin, ich darf es nicht verschweigen, was ich soeben während Ihrer Ausführungen gedacht habe, ja, es war mir, als würde ich einer Märchenstunde beiwohnen, denn was Sie mir da sagten, dass klang alles so hoffnungsvoll, so schön, zu schön, um wahr zu sein, denn ...

Putin: … Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie kurz unterbreche, doch was veranlasst Sie, an der Richtigkeit meiner Worte und an der Berechtigung meiner kritischen Aussagen und an der Redlichkeit des Westens zu zweifeln, womit Sie mir doch zwischen den Zeilen andeuten wollen, dass ich nicht die Wahrheit sage, oder ?

UB: Nein, ich möchte Sie nicht der Lüge bezichtigen, nein, das liegt mir fern, das ist nicht meine Aufgabe, das müssen später die Historiker tun, aber wenn ich gerade von einer „Märchenstunde“ sprach, so bezog sich das ausschliesslich auf die kunstvolle „Verdrehung“, man könnte es aber auch beredtes „Verschweigen“ von historischen Wahrheiten nennen. Das Wort „Frieden“ in so rascher Abfolge aus Ihrem Munde zu hören, das empfinde ich, grob gesagt, fast schon als Zynismus, denn zwei blutige, von Russland angezettelte und grausam geführte Tschehtschenien-Kriege (haben Sie das etwa schon vergessen?), der Einmarsch in Georgien und die blitzartige und trickreiche Einnahme der Krim und die zur Zeit laufenden, weltweit allergrösste Besorgnis auslösenden Manöver mit Ihrem Diktator-Duz-Freund Lukaschenko an den Grenzen zur Ukraine und in Belarus, was hat das alles – Hand auf´s Herz, Herr Putin, ja, was hat das noch mit dem Wort „Frieden“ zu tun und mit dem zu laut vorgetragenen Versprechen, tatsächlich auch Frieden in die Welt zu bringen, sei es nun in der Ukraine oder wo sonst noch gerade in diesem Augenblick grausame Kriege wüten. Es fällt mir wirklich sehr schwer, Ihre subjektive, so überaus positive Interpretation der augenblicklichen, den Weltfrieden gefährdende Situation mit der objektiven Wahrheit und der politischen Wirklichkeit von heute in Einklang zu bringen. Machen Sie sich da etwas vor?

Putin: Die Wahrheit und die politische Wirklichkeit von heute, machen wir uns doch nichts vor, das sind zwei völlig verschiedene Welten, zwei nicht zusammen passende (und schon gar nicht zusammen gehörende) ideologische, gegenüber stehende Blöcke, die einfach als Spätfolge eines jahrzehntelangen „Kalten Krieges“ da sind, und deren Vorhandensein uns täglich auffordert, dennoch oder gerade deshalb miteinander zu sprechen, immer wieder, was weltweit auch gerade geschieht, uns darauf zu besinnen, dass wir alle als Bürger und Bürgerinnen in einer zivilisierten Welt leben, in der es für einen Krieg, im Denken und im Handeln der Menschheit keinen Platz mehr gibt.

UB: Herr Putin, auch das haben Sie wieder einmal vortrefflich gesagt und wenn ich nicht wüsste, was ich zu wissen glaube, dann würde ich Sie vielleicht für den Friedens-Nobel-Preis vorschlagen. Doch auch für Sie gilt: „An seinen Taten sollte man ihn messen“. Sollten Sie also in den nächsten Tagen (oder zumindest in absehbarer Zeit) Ihre Truppen in die Kasernen schicken, Ihre tödlichen Geschosse und mörderischen Kriegsmaschinen von den Grenzen zur Ukraine und aus Belarus abziehen (verschrotten wäre noch besser) und an den Verhandlungstisch zurück kehren, um an diesem Möbelstück mit Emanuel Macron als Sprecher der EU endlich „reinen Tisch“ zu machen und alles Trennende aus der Welt zu verbannen, dann würde ich Sie wirklich und auf der Stelle für den Friedens-Nobel-Preis vorschlagen. Doch vor dem noblen Preis kommt erst einmal der Schweiss des Tüchtigen und des Aufrechten, der sich nach harter Arbeit um die Lösung der gerade anfallenden Welt-Probleme von der Stirn des Denkers eine Bahn nach unten sucht, nämlich in die raue, ungeschminkte Wirklichkeit dieser dramatischen Tage. „Herr Putin, übernehmen Sie“. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Axel Michael Sallowsky

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