UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Hochstände und Wachtürme | Untergrund-Blättle

221

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Nachrichten aus der Debattiermaschine Hochstände und Wachtürme

Gesellschaft

Eine meiner Marotten ist es, Hochstände zu fotografieren. Beim Wandern durch Wälder und über Fluren knipse ich jeden Hochstand, an dem mein Weg vorüberführt.

Stopfelskuppe in der Thüringerer Rhön, Deutschland.
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Bild: Stopfelskuppe in der Thüringerer Rhön, Deutschland. / Rafael Brix (CC BY-SA 3.0 unported)

19. November 2014

19. Nov. 2014

0
0

3 min.

Korrektur
Drucken
Ich habe Hunderte von Hochstand-Fotos; frage mich bitte niemand, warum und wozu; es verdürbe mir den Spass. Ich weiss das. Denn als ich mich selbst nach Jahren nach dem Sinn und Zweck der Übung fragte, bekam ich schlechte Laune. Jeder Bericht, der irgendwie von einem Hochstand handelte, erweckte in mir eine Aufmerksamkeit, die ich sonst allenfalls Texten von Nietzsche widme. Plötzlich wurde aus der Freiluft-Freude schon wieder so etwas wie ein Teil-Ernst des Lebens.

Jemand besteigt einen Hochstand, um dort oben mit Blick über die deutsche Heimat zu verhungern und zu verdursten. Hat’s gegeben. Jemand sägt an den Beinen eines Hochstandes oder Hochsitzes, um gegen den Mord an Reh und Wildschwein zu protestieren. Gibt’s.

Oder wie wäre es mit dem? „Eine Gruppe Jugendlicher feierte den Mai-Feiertag am Donnerstag am Jägersburger Weiher in Homburg (Saarland). Sechs Teenies krabbelten auf einen Hochsitz, tanzten in luftiger Höhe. Schlechte Idee: Die Holzkonstruktion kippte mit der tanzenden Meute um. DRK-Sprecher Frank Bredel: ‚Im weichen Wiesengelände gab es zum Glück keine schweren Verletzungen. Ein Mädchen kam vorsorglich in die Uni-Klinik.’ Blöd gelaufen, oder?

Mein Freund Johannes Tütenholz würde, hätte er meine Macke, all diese Geschichten sammeln. Mir wäre es recht; er würde an meiner Stelle depressiv werden. Denn: Es kommt noch ärger, weil die Gestalt vieler Hochstände auf Fotos erscheint:

Etwa steht ein Wachturm auf frisch aufgeschütteter Erde. Die stammt aus dem Graben, auf dessen anderer Seite Stahlkreuze und Beton-Brocken stehen. Die Bildunterschrift behauptet – ich kann es nicht verifizieren: „Hier will Kiew derzeit einen Schutzwall errichten.“

Im Wachturm ist eben noch ein Mensch zu erkennen, der durch einen Feldstecher schaut. Nach Russland? Nach Kiew? Oder hat er eine junge Kosakin entdeckt, die ihre Wäsche wäscht in Don oder Dnjepr und selber nichts weiter am Leibe trägt als Gummistiefel der Marke „Kasatschok“?

Etwa steht ein Wachturm an einem Rest der Berliner Mauer und singt mir grau und stumm das Lied von einem Staat, der seine Wehrhaftigkeit gegen die eigenen Leute richtete. Ein betonierter Hochstand, ein Rest-Bestand, der mir zum 25. Jahrestag des Mauerfalls immerzu vor Augen geführt wird. Ich frage mich, was ich mich beim Fotografieren meiner Wald-und-Flur-Hochstände nicht fragen will: warum und wozu? Ich habe doch längst begriffen, 25 Jahre sind ein Vierteljahrhundert, dass ich nur ein Kaninchen gewesen war, daamals, daamals …, eingesperrt und gemästet für den Braten-Tiegel auf einem Wandlitzer Kochherd.

Etwa der Wachturm, der links neben dem Gleis am Stacheldrahtzaun steht. Der Blick geht von innen zum „Einfahrtstorhaus“ des Lagers Auschwitz. Ein Wachturm, als wäre er von deutschen Hochstand-Tischlern erbaut. Oder von polnischen Forstarbeitern vor Ort, wer weiss das schon. Und Tütenholz, das Schlitzohr? Dem ich dann doch von meiner Marotte und den unangenehmen Blicken und Assoziationen ins finstere Tal der menschlichen Seele erzählte? Er sprach zu mir: „Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Hochstände fast ein Verbrechen ist./ Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!“

Eckhard Mieder

Mehr zum Thema...

Ort des NSUProzessesGebäude des Bayerischen Oberlandesgericht in München.
Über das NSU Polizei-VideoPeepshow Zschäpe

16.04.2013

- Im November 2012 veröffentlichten der NDR und der Spiegel einen so genannten „Exklusiv-Filmclip“, der eine sich drehende Beate Zschäpe zeigt.

mehr...
Reichtum und Armut.
Fiktion1. Kapitel

15.03.1997

- Es ist ein kalter Tag, meine Hände schmerzen in dieser Kälte, es ist, wie wenn einem die Hände abgebunden werden und die Blutzufuhr zu den Händen gestoppt wird. Doch ich wusste, dass ich nicht stehenbleiben darf.

mehr...
Neid gibt’s zuhauf.
Nachrichten aus der Debattiermaschine (XXVII)Steuern? Umdenken?

06.04.2016

- Gut, das mit dem Geld ist eine blöde Sache. Die es haben, wollen möglichst viel davon behalten.

mehr...
Ein Blick auf den Verlauf der Ereignisse in der Ukraine.

19.02.2014 - Vorgestern sah es so aus, als würde sich die Lage in der Ukraine entspannen. Die Regierung hatte eine Amnestie für festgenommenen Demonstrierende ...

Verfolgung von NS-Tätern

01.02.2017 - Polen hat die Namen von fast 10 000 SS-Männern aus dem deutschen Konzentrationslager Auschwitz veröffentlicht. Die Datenbank mit Namen, Fotos und ...

Aktueller Termin in Amsterdam

Fossil Free Agriculture 2020 - Get Involved

???????????????????????? ???????????????? ???????????????????????????????????????????? ???????????????? - ???????????? ????????????????????????????????After looking back on the first year of the Fossil Free Agriculture Campaign ASEED is ...

Samstag, 18. Januar 2020 - 10:00

Nieuwland, Pieter Nieuwlandstraat 95, Amsterdam

Event in Berlin

Soli für Manu & Juan Italian Political Prisoner

Samstag, 18. Januar 2020
- 12:00 -

10247 Berlin


Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle
Untergrund-Blättle