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Gnathonemus petersii: Geheimdienste der USA | Untergrund-Blättle

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Geheimdienste der USA Gnathonemus petersii

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Ich verstehe die Aufregung um die geheimen und allergeheimsten Geheimdienste der USA nicht. Steckt nicht in jedem Geheimdienst, der überwacht, ein nächster Geheimdienst, der den Überwacher überwacht?

Harddisk.
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Bild: Harddisk. / Alchemist-hp (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

20. Juni 2013

20. 06. 2013

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Hebe den Rumpf der Daten-Matrjoschka ab, und die nächste schaut dich an. Wie ein Basilisk. Nur dass sein Blick nicht gleich tötet, sondern später. Dann, wenn die Daten der Auffassung sind: Jetzt biste fällig!

Unter dem Rock der einen steckt, was unter dem Rock der anderen steckt: ein Apparat, der dazu geschaffen ist, Informationen zu sammeln, so viele Informationen, dass stählerne Zäune und Wände und Wachtürme und -häuser gebaut werden müssen, um den bitteren Brei am Überquellen zu hindern.

Aber vielleicht hänge ich ja Verschwörungs-theorien an. Bestimmt ist das so, wenn man nicht an das Gute im Geheimen glaubt.

Als ich vor zehn Jahren einen DELL-Rechner erwerben wollte, musste ich einen Fragebogen ausfüllen, den ich der Firma mailte. Auf die Frage, wofür ich ihn brauchte und womit ich mich beruflich beschäftigte, schrieb ich: „Atomphysiker, Bau Atomanlage.“

Derlei mitteleuropäisch-postpubertäre Keckheit schien mir gerechtfertigt. Was ging es jemanden/irgendwen an, wofür ich einen Rechner brauchte? Dass er für mich alles in allem bis auf den heutigen Tag am ehesten eine effektive Schreibmaschine ist und ich wohl nicht einen Text mehr loskriegte, schriebe ich ihn nicht formatiert -, musste ich das einer Firma erklären, mit der mich nichts weiter als ein Kaufwunsch verband? Werde ich eines Tages gefragt, wofür ich meine Unterhosen brauche?

Eine Stunde nach Abschicken der Mail klingelte das Telefon. Eine Männerstimme, dialektal eingefärbt, ein Amerikaner ohne Zweifel, fragte mich mit höflichem Ernst, ob dies mein Ernst sei? (Hatte ich meine Telefonnummer auch mitgeteilt? Vermutlich.)

„Ach, Quatsch“, antwortete ich lässig. „Ich heisse nicht Ernst.“ (Ist es nicht das, was ich von den Amerikanern lernen konnte? Lässig, witzig, cool mit einem Satz am Schicksal zu kratzen, immer mit einem verwegenen Sprung dem Tod von der Schippe zu springen, dabei Kaugummi zu kauen oder mit den gebleichten Zähnen eine Colaflasche zu öffnen und wenn nicht die Welt, dann doch eine community zu retten, die mindestens aus meiner Familie bestand; wenngleich ich Personen, die ich inniglich liebte, bereits an das Böse verloren haben würde, was mich um so mehr motivierte, eben das Böse zu besiegen?)

Leicht stotternd erklärte ich ihm, dass es sich um einen Scherz gehandelt habe. Ich sei in Wahrheit ein Scribifax, zumal unbedeutend, einflusslos, nur darauf bedacht, mit halbwegs ordentlichem Deutsch über die Runden zu kommen … Der Mann hörte stumm zu. Wie jene Bauern dem Manne zuhörten, der ihnen vom Fortschritt, von den Kühen und auch von den Pferden erzählte. Dann meinte er, höflich und leise mahnend, dass dies in Betracht der Weltlage ein schlechter Scherz sei.

Ich sank in mich zusammen. Er hatte gewiss Recht. In einer Welt, von der man nicht recht weiss, ob der nächste Papierkorb eine Bombe enthält, ob der neue balkanstämmige (?) Nachbar eine Pilotenausbildung durchmacht oder seine Mordserie aus dem Süden Europas in die Mitte verlegen will -, in einer Welt, von der man nicht genau weiss, ob sie morgen birst, ob ein heutiger Frieden nicht morgigen Krieg gebiert, und ob das Wasser und die Luft länger reichen als bis knapp nach meinem Tode, wer will das mit Sicherheit sagen. Ich entschuldigte mich, wir beendeten das Gespräch.

Man soll ja nicht von einem Teil unbedingt aufs Ganze schliessen, nicht ein Erlebnis hochjazzen zu einem Gesamterleben und -urteil. Möglicherweise sind die Amerikaner ansonsten doch so drauf wie in den pointenreichen Serien, in denen es um zweieinhalb Männer geht, um die Big-Bang-Theorie oder darum, seinen Kindern zu erzählen, wie ein Kerl deren Mutter kennenlernte. Quirlig-vital-lustiges Völkchen demnach, jenseits des Atlantischen Ozeans.

Das Problem ist nicht der Orwellsche Grosse Bruder. Das Problem sind wir selber. Und die Lösung sind wir auch: Wir werden uns nach und nach in Tiere verwandeln, die es modellhaft schon gibt: Der Elefantenrüsselfisch (Gnathonemus petersii) ist ein so genannter Elektrofisch. Wie der Zitteraal. Er steht ständig unter Strom. Er erzeugt elektrische Pulse, mit denen er die Umgebung wahrnimmt und mit den Artgenossen kommuniziert. Die Elefantenrüsslfische „versenden quasi Emails unter Wasser“ (Süddeutsche Zeitung, 13. Juni 2013). Diese elektrische Post „gibt Auskunft über sozialen Status, das aktuelle Aggressionspotenzial und vor allem über die romantischen Absichten eines Elefantenrüsselfisches“.

Diese Elektrofische leben innerhalb eines selbst erzeugten elektrischen Feldes. Es ist logisch, dass sie, wenn sie sich begegnen knattern, summen, klicke, klackern, piepen. Sie tauschen Informationen aus, erkennen einander (auch im biblischen Sinne) und planen möglicherweise ihr Leben ausserhalb des Wassers. Es heisst ja, dass es Fische waren, die vor Abermillionenjahren an Land gingen, und als sie schliesslich auf zwei Beinen halbwegs aufrecht liefen, siehe! da nannten wir sie Mensch! Und wir fanden ihn stolz und edel und hilfreich, noch später, als wir ein Alibi für unsere Existenz zwischen den Tieren brauchten.

Dabei wird umgekehrt der zukünftige Mensch draus. Jeder bilde sein elektrisches Feld aus. In gewisser Weise lebt er ohnehin schon drin, das Mobiltelefon am Ohr, der Rechner stets online, die Kameras linsen dich an, die Freisprechanlage im Auto klingklongt, dein Global Positioning System GPS spricht mit dir, wenn du willst rezitiert es dir ein Neruda-Gedicht … Wenn dann jeder um sich herum ein elektrisches Feld ausgebildet hat, dann brauchen wir keine Geheimdienste mehr. Wir zapfen uns gegenseitig an und schauen mal eben nach, was die Impulse so hergeben. Könnte eine friedliche Zeit sein.

Ich habe seinerzeit den DELL gekauft. Auf ihm schreibe ich noch heute. Manchmal scherze ich, dass mir gewiss beim Leben vorm Rechner zugeschaut und zugehört wird; weiss ich, was in so einer Maschine alles drin steckt.

Diese Art zu scherzen ist freilich mitteleuropäisch-arrogant. Ich kenne diese Art aus DDR-Zeiten: wenn man telefonierte und kurz vorm Auflegen den mithörenden Genossen in der Leitung grüsste. Ach, was waren wir manchmal übermütig! Und wie gut tat Übermut! Ob immer noch – ich weiss es nicht. Schnell noch mal, nur weil’s mich grad interessiert: Wie viele Geheimdienste hatte die DDR, wie viele haben wir heute in Deutschland? Wie viele gibt es in Europa, auf der Welt? Da kommt eine Menge Mist zusammen, liebe Leute.

Eckhard Mieder

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