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Gesellschaft

Das Foul als eherner Bestandteil der Konkurrenz Kleine Philosophie des Fouls

Gesellschaft

Vielleicht habe ich ja auch irgendetwas überlesen, aber tatsächlich kommt es mir so vor, als würde sich trotz der Allgegenwart des Fussballs so ziemlich niemand Gedanken über den spezifischen Charakter des Fouls machen.

Die Erotik des Spiels verunglückt allzu oft an der Neurotik des Fouls.
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Bild: Die Erotik des Spiels verunglückt allzu oft an der Neurotik des Fouls. Das aktuelle Soccer lässt die Körperverletzung als Kollateralschaden durchgehen. / LauraHale (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

5. Juli 2016

5. Jul. 2016

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Ein unvoreingenommener Beobachter müsste, zwänge man ihn das Spiel zu interpretieren, zuallererst feststellen, dass da Männer ohne Ball Männer mit Ball regelmässig zu Fall bringen. Alles andere, Tore, Eckbälle, Freistösse, Outs, Dribblings würden ihm als nachrangig erscheinen. Wir hingegen, die routinierten Zuschauer, haben gar kein Gespür mehr für das Foul, eben weil es als obligates Mittel zum Zweck erscheint.

Das Foul schafft eine neue Lage, die ohne es so nicht gewesen wäre. Fouls passieren nicht, sondern werden begangen, die Tätlichkeit ist Absicht. Das Foul ist die vorsätzliche Nichtung eines tatsächlichen oder eines möglichen Spielzugs. Das Foul ist also ein destruktiver Akt, es will kaputt-machen. Aus Rivalität wird Brutalität. Ziel des Fouls ist die Zerstörung des Laufs, es führt nicht nur zur Unterbrechung des Spiels, es ist jeweils ein elementarer Bruch des Spielflusses.

Nicht erst die Zeitlupe offenbart Grausamkeiten am Feld, diese zeigt aber in ihrer Verzögerung überdeutlich an, dass man gelegentlich nicht nur einen Kontrahenten stoppen will, sondern ihm richtig wehtun möchte. Man steigt ihm auf den Fuss, tritt gegen die Waden, versetzt ihm mit dem Ellbogen einen Schlag ins Gesicht u.v.m. In dieser Auseinandersetzung ist der Ballbesitzer fast immer im Nachteil gegenüber dem Nicht-Ballbesitzer. Konzentriert sich ersterer auf das runde Leder, so letzterer auf den Körper eines Feindes. Ihm gilt die Beeinträchtigung. Verletzungen im Fussball rühren fast ausschliesslich aus einer bewussten Zufügung, sie sind nicht wie beim Autorennfahren oder beim Schifahren subjektives Risiko (worüber sich freilich auch einiges sagen liesse).

Das Foul ist eherner Bestandteil der Konkurrenz, gehört zum unentbehrlichen Kalkül, wird allseits in Kauf genommen. Wie in der Wirtschaft geht es um Verwertung, eigene Chancen müssen verwertet und die Chancen der Gegner müssen verhindert oder vermindert werden. Das Ergebnis misst sich in verwandelten Möglichkeiten. Wie diese Möglichkeiten verwandelt werden, ist ziemlich egal. Effizient muss es sein. So liegt der bittere Ernst des Marktes in Gestalt nationaler Konkurrenz über Spielfeld und Fanzonen. Wie in der Ökonomie herrscht das Berechnende. Die Konkurrenz ist an den Produkten nur hinsichtlich der gefallenen Tore interessiert und nicht eines gefallenden Matches. Kommerz dominiert in weiten Bereichen. Wie könnte es auch anders sein. Welt- und Europameisterschaften dienen primär nationaler Formierung und Selbstvergewisserung. Das Match im Auftrag der Nation degradiert Fussballkunst. Stets wird das Spiel auf den Boden jener Realität zurückgeholt, soll ja nicht selbsttätige oder gar selbstverliebte Sinnlichkeit werden.

Die Erotik des Spiels verunglückt allzu oft an der Neurotik des Fouls. Das aktuelle Soccer lässt die Körperverletzung als Kollateralschaden durchgehen. Fein ist das nicht und gesund schon gar nicht. Aber zweifellos ist es sehr lebensnah. Und doch ist diese Grobheit keine archaische Grösse, kein natürlicher Tatbestand, sondern nur vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund entzifferbar. Der gesellschaftliche Trieb der Konkurrenz besagt, dass in ihr alles erlaubt und möglich ist, wenn es irgendwie zum Ziel führt. „Hau ihm nieder!“, schreit der falsche Dativ der Fans, und der schreit oft. Die Gliedmassen der Spieler sind das, was sie hinhalten, auch wenn ganze Mannschaften gelegentlich Lazaretten gleichen. So folgt das Spiel der scheinbar unvermeidlichen Logik von Opfer und Täter, von Treten und Getreten-Werden.

Die De-facto-Hinnahme von Fouls sollte entschieden problematisiert werden. Wie kommen die Messi und Ronaldo dazu, niedergeschlagen zu werden und gegebenenfalls, schliesslich werden sie darauf trainiert, zurückzuschlagen? Oder ganz allgemein: Wie kommt ein Gegenspieler etwa dazu, ein edles Dribbling durch einen Übergriff kaputt zu machen? Diese Selbstverständlichkeit ist nicht so selbstverständlich, sondern demonstriert, wie eines der ansprechendsten Spiele, die je erfunden wurden, im Reisswolf des Marktes seine Begrenzungen findet. Das Foul im Fussball gleicht der rücksichtslosen Durchsetzung der Konkurrenten am Markt – koste es, was es wolle! Wie viele geniale Einfälle und begnadete Spielzüge sind so durch diverse körperliche Attacken zerstört worden! Und wie viele Spieler mussten verletzungsbedingt aufgrund solcher Tritte und Schläge pausieren oder gar ihre Laufbahn vorzeitig beenden!

Ein neuer Kodex sollte auf folgender Grundlage basieren: Fouls sind zu ächten und Gegenspieler sind zu achten. Sie sind kein Material, das im Interesse eines Ergebnisses zu verletzen ist. Niedermähen ist nicht! Wie foule ich richtig?, Wie simuliere ich ein Foul an mir?, Wie verstecke ich mein Foul? – das sind doch alles Unfragen. Körperliche Untergriffe sind nicht einfach zu tolerieren, sie sind als Störfälle zu betrachten. Ein befreites Spiel müsste gewährleisten, dass der Nachteil des Fouls grösser ist als sein Vorteil. Heute ist das nicht der Fall. Das Foul ist eines Spielers unwürdig und es ist dem Spiel in jeder Hinsicht abträglich.

Doch das ist wohl Zukunftsmusik bei all dem Lob für die gesunde Härte, die Gewalt und Einsatz verwechselt. Was am Fussball entzückt, das sind doch Eleganz und Originalität der Ballführung, die Staffetten und Kombinationen, die Dribbligns und Schüsse. Nicht geschundene und getretene Körperlichkeit von robusten Recken, sondern das Gefühl und Gespür für Ball und Raum, für Pass und Mitspieler. Fussball soll nicht sein Angst und Foul, auch nicht Überwachen und Strafen, sondern Laufen und Laufen-Lassen.

Franz Schandl
streifzuege.org

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