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Gesellschaft

Street of heroes Four boys, forever old

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Neulich war ich in einem Kaufhaus, um eine Hose zu kaufen. Ich stellte meinen Opel in das zum Kaufhaus gehörende Parkhaus und stiess, als ich das Angebots-Elysium betrat, sofort auf einen Garderobenständer mit Hosen, die ich immer schon mal haben wollte; eine von denen, nicht alle.

Die «Street of heroes» von der Warschauer Strasse zur Oberbaumbrücke.
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Bild: Die «Street of heroes» von der Warschauer Strasse zur Oberbaumbrücke. / Lewak (PD)

Ein Blick, ein Entschluss, die Hose oder in nächster Zeit keine. Ein Konsum-Flaneur war ich nie. Weil ich meine Kleidergrösse nicht kannte, hängte ich mir drei olivgrüne Hosen mit Seitentaschen über den Arm und schlüpfte in die Ecke mit den Umkleidekabinen. Das war fatal und sollte Folgen haben; ich war ab sofort nicht mehr für mich allein. Was erwerbsfroh und -gewiss begann, wie würde es enden?

Vier Jungs, überlebensgross, smart, standen vor mir. Sie hatten mich im Blick. Ich hätte den Vorhang zuziehen und die Burschen aussperren können. Aber ich wollte mich nicht dem Diktat ihrer Blicke fügen. Nicht dieser coolen, smarten, absolut-souveränen Haltung, mit der sie mir sagten (hörte ich jedenfalls, obwohl sie stumm waren): Du kannst dir diese Hosen leisten, du kannst sie anziehen, eine wird dir grossartig sogar passen – jünger wirst du aber nicht, und dein Arsch ist, zugegeben, noch ziemlich knackig, aber den Rest kannst du vergessen. Dein Rücken ist krumm, deine Haare sind fusselig, die Chucks, die du trägst, machen dich nicht jünger. Okay, dass du keinen Bauch hast, aber sonst? Alter Mann, was tust du dir an?! Mit so ‘ner Abenteurer-, Outdoor-, Mobilitäts-Hose!

Ich wehrte mich. Ich würde den Vorhang nicht schliessen. Ich werde mich unter den Blicken der vier Jungs umziehen, jede Hose testen, um das optimale Beinkleid zu finden. Ich werde ihre stummen Kommentare überhören. Ich werde mich vor dem Spiegel drehen und wenden als habe ich einen Doktor im Fach Narzissmus. Wenn den Jungs nicht jemand Paroli bietet, wenn deren juveniler Überheblichkeit und Lässigkeit nicht jemand entgegentritt und ihnen sagt, dass das Menschsein auch jenseits der Fünfzig (mal stark runtergerechnet) beginnt oder sich manifestiert oder noch lange nicht Totsein ist …

Bin ich ein Objekt der Verachtung, der Nicht-Achtung, der Weg-Ächtung? Nee, friends of future! Nicht für euch Schluffis! Schlendert von mir aus mit der Bierflasche über die Street of heroes zwischen Warschauer Strasse und Oberbaumbrücke. Macht auf dicke Eier, klopft euch auf eure Hosen und lasst sie über die Ärsche rutschen! Fishes of lifestyle: aeromässig dünnläufig – für mich seid ihr vier junge Burschen, die allerdings über das Privileg des Jungseins verfügen, muss ich einräumen. Was glotzt ihr so?

So eine Umkleidekabine ist eng. Aus ihr betrachtet sieht die Welt knapp aus: Diejenigen, die mich nicht aus den Augen liessen, schienen zu wachsen und mich zu bedrängen. Wahre Riesen schauten mich an. Als schauten sie einer Muschel beim Wachsen zu. Abschätzend. Einer mit einer Locke über der Stirn, dem anderen fiel das Haar über das rechte Auge und verdeckte es, dem dritten fiel ein Zopf über die Schulter.

In die Umkleidekabine hinein geblickt: solange sie da als gigantisches Foto an der Wand hingen, bis eine nächste Mode-Welle sie hinwegspült und einen anderen Typ Young Boys brauchte, würden sie so schauen, wie sie schauten. Unbewegten Gesichtes. Leidenschaftslos. Skeptisch. Ohne Spott. Als wäre das Wesen in der luftknappen Enge der Kabine eine Hose wechselnde Molluske.

Ich rutschte in die dritte Hose und – ein paar Jahrzehnte zurück. Ich sah mich vor dem JuMo-Laden in der Berliner Brüderstrasse stehen. In einer Schlange, die von Berlin-Mitte bis nach Marzahn reichte. Es ging das Gerücht um, Levi’s und Lee gelangten in den Verkauf, eine Sendung aus dem Westen der Welt.

Ich erinnerte mich nicht, ob es zu Anproben kam, ich erinnerte mich nicht mal, ob ich eine Levi’s oder Lee erstehen konnte. Aber ich stellte mir vor, ich stand in einer offenen Umkleidekabine, und an der Wand vor mir schauten mir vier alte Herrschaften zu; es waren Porträts von Marx, Engels, Lenin, Honecker. Sie blickten optimistisch und schelmisch, sie schauten mich an und sagten stumm: So ‘ne West-Hose ist kein Verbrechen, kleiner Genosse in spe, dafür gibt‘s keinen Tadel in der Schule, kein Verfahren im Jugendverband, und auch Bautzen musst du nicht fürchten! Solange du nicht vergisst, wo du stehst, welchen Weg du gehst, und gemeinsam bringen wir die Zeit voran, Stück um Stück!

Ich schüttelte den Kopf, um zu mir zukommen. Hatten die im Kaufhaus Benebelungs-Gase gesprüht? Kaufappetits-Anregungs-Parfüm?

Die vierte Hose, die passte wie Arsch auf Eimer. So, Jungs, Euch verlasse ich jetzt gleich. Und da sah ich, wie ihre Gesichter älter wurden, Falten bekamen, welkten, zweien wuchsen beträchtliche Bäuche, eine dritter würgte an seiner Krawatte, und dem mit der Locke war eine glänzende Glatze gewachsen. Was sie beruflich trieben, war nicht zu sehen. Möglicherweise war der eine Vorstandsmitglied, der zweite Mitglied im Politbüro irgendeiner Partei, der dritte nach seinem zweiten Herzinfarkt in Ehren entlassener General, und der vierte, nun, der lebte auf der Strasse.

Ich schloss den Vorhang, setzte mich auf den Hocker, vergrub mein Gesicht in den Händen und weinte der Jugend nach.

Welcher, wusste ich nicht.

Eckhard Mieder

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