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Schweigen und Stigma Warum wir beim Umgang mit sexualisierter Gewalt versagen

Gesellschaft

Unsere Freundin Linna hat eine Vergewaltigung erlebt. Sie hat uns davon erzählt. Wir haben geschwiegen. Warum?

Warum wir beim Umgang mit sexualisierter Gewalt versagen.
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Warum wir beim Umgang mit sexualisierter Gewalt versagen. Foto: iose (PD)

8. April 2022
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Content Note: Sexualisierte Gewalt, Stigmatisierung von Betroffenen. Informationen für Betroffene und Unterstützer:innen sowie Kontaktmöglichkeit am Ende des Textes.

Dieser Text ist das Ergebnis einer kollektiven Reflexion über den Umgang mit einem Fall von sexualisierter Gewalt. Wir wurden zusammengetrommelt von unserer Freundin Linna (Name geändert). Sie ist enttäuscht und wütend, weil sie psychisch unter den Folgen einer Vergewaltigung leidet und dafür von uns – ihren Freund:innen, Familienangehörigen, Genoss:innen – keine Unterstützung erhielt. Es war nicht die Unzulänglichkeit einzelner, sondern ein kollektives Versagen. Linna bezeichnet den Umgang als eine «zweite Verletzung» – diesmal zugefügt von ihrem nächsten Umfeld. Wir wollten dieses Versagen als Gruppe aufarbeiten und dabei nach den Strukturen hinter unseren jeweils individuellen Begründungen suchen. Darum denken wir, dass unsere Erfahrungen auch für andere wertvoll sein können.

Wir wollen nicht detailliert auf den Vorfall eingehen, sondern nur ein paar Eckpunkte nennen, die für das spätere Verständnis wichtig sind: Der Vergewaltigung ging einvernehmlicher Sex voraus. Im Zuge dessen zog der Täter das Kondom aus, gegen den ausdrücklichen Willen von Linna. Er hörte ihr «Nein», spürte ihren Widerstand, aber er stoppte erst, als sie ihn wegstossen konnte. Das Ganze geschah nach einer Party in einer anderen Stadt. Linna kannte den Täter nicht und sah ihn danach nie wieder.

Definitionssache

Linna fasste die Tat schnell als das auf, was sie war: eine Vergewaltigung. Die Menschen, denen sie davon erzählte, haben deutlich länger gebraucht. Die Geschichte – Party, Alkohol, One-Night-Stand, verschwommene Erinnerung, schlechter Sex – kommt uns zu bekannt vor, als dass sie zu diesem monströsen Verbrechen passen würde. Nun bezeichnen wir uns alle als (pro-)feministisch, wir wissen Bescheid über «Nein heisst Nein», kennen das Konzept der Definitionsmacht und würden darum den Teufel tun, Linna ihre Erfahrung abzusprechen.

Linna fühlte sich nicht ernstgenommen. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Freund:innen ihr durch regelmässiges Nachfragen den Raum geben, um über das Erlebte zu reden.

Trotzdem handelten wir nicht so, wie es nötig gewesen wäre. Wir nickten verständnisvoll. Wir hörten zu und nahmen Anteil. Aber dabei blieb es. Linna berichtet davon, wie es sie frustrierte, dass niemand bei den nächsten Treffen von sich aus nachfragte, wie es ihr damit gehe. Hatte sie das Bedürfnis, über das Erlebte zu reden, lag es immer in ihrer Verantwortung, das Thema aufzubringen. Das ist anstrengend. Sie fühlte sich nicht ernstgenommen. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Freund:innen ihr durch regelmässiges Nachfragen den Raum geben, um darüber zu reden. Auch nach mehreren expliziten Aufforderungen dazu änderten die meisten Personen nichts an ihrem Verhalten. Niemand erkundigte sich regelmässig nach Linnas Wohlbefinden.

So fiel es Linna immer schwerer, über das Erlebte zu sprechen und es zu verarbeiten. Sie begann an sich und ihrer Wahrnehmung zu zweifeln. War alles vielleicht gar nicht so schlimm wie sie dachte? Übertreibt sie? Ist ihr Anspruch gegenüber ihrem Umfeld vermessen?

Unerwünschtes Sprechen

Der Begriff Silencing bezeichnet die gesellschaftliche Praxis, über Vergewaltigungen zu schweigen. Dafür ist es erst mal zentral, die Betroffenen zum Schweigen zu bringen. Die Frage nach der Kleidung und dem Verhalten, die Verharmlosung des Geschehenen und das Säen von Zweifeln erzeugen bei den Betroffenen Angst, nicht ernstgenommen zu werden. All diese Mechanismen werden in unzähligen Texten und Beiträgen zum Thema Rape Culture beschrieben und problematisiert.

Silencing geht aber nicht nur von jenen Personen aus, die der Betroffenen feindlich gesinnt sind, weil sie ein Interesse am Schweigen haben, also Täter und deren Umfeld. Silencing ist jegliches Verhalten, das dazu führt, dass Betroffene nicht über ihre Erlebnisse sprechen. In diesem Sinne ist unser Verhalten Teil dieser patriarchalen Praxis. Das ist umso verheerender, weil wir Linnas beste Freund:innen und engste Vertraute sind. Wenn sie sich nicht mehr traut, uns gegenüber die Vergewaltigung anzusprechen, wem dann?

Die Soziologin und Aktivistin Lilian Schwerdtner bezeichnet dieses Schweigen als eine Form der sprachlichen Gewalt: «Auch das Schweigen des Umfeldes, die vermeintliche Nichtantwort, ist eine Antwort. Betroffenen mit Schweigen zu begegnen, gibt ihnen subtil die Unerwünschtheit ihres Sprechens zu verstehen. Schweigen verweigert die Anerkennung der Betroffenen als mündige Subjekte, denen man Antworten schuldet, und stellt damit eine Demütigung dar.»

Kollektive Aufarbeitung: Geteilte Vorstellungen und Ängste

Linna konnte nicht schweigen. Sie konfrontierte uns schliesslich mit ihrer Enttäuschung und ihrer Wut über unsere Ignoranz. Sie forderte uns nachdrücklich dazu auf, dass wir uns mit ihrem Trauma auseinandersetzen, sie nicht alleine lassen und sie unterstützen. Linna hat uns zum Handeln aufgefordert und wir haben uns auf die Suche nach den Ursachen für unser Nicht-Handeln gemacht.

Acht Monate nach dem Vorfall begannen wir uns regelmässig zu treffen, um gemeinsam mit Linna unser Versagen aufzuarbeiten. Uns eint, dass wir alle in einer nahen Beziehung zu Linna stehen. Mit dabei sind langjährige enge Freund:innen, Mitbewohner:innen, die Brüder und der Boyfriend. Untereinander kennen wir uns, aber nicht alle stehen sich gleich nahe. Wir verstehen uns alle als links und (pro-)feministisch.

Alle erzählten, wie sie die vergangenen Monate erlebt hatten und wie sie sich ihren Umgang mit Linna erklärten. Wir mussten feststellen, dass diese Diskussionen uns allen sehr viel abverlangten. Sie waren oft emotional, es gab Streit und sie legten Aspekte unserer Beziehungen untereinander und zu Linna offen, die auf den ersten Blick nichts mit dem Thema zu tun haben. Als ihre Freund:innen berührte uns Linnas Trauma stärker, als wir es wahrhaben wollten.

Unabhängig voneinander entwickelten wir ganz ähnliche Muster des (Nicht-)Handelns. Wir fragten uns also, wie es dazu kam und was das alles mit dem Patriarchat zu tun hat.

Es stellte sich aber auch heraus, dass wir viele Eindrücke, Vorstellungen und Ängste teilten und wir unabhängig voneinander ganz ähnliche Muster des (Nicht-)Handelns entwickelten. Wir fragten uns also, wie es dazu kam und was das alles mit dem Patriarchat zu tun hat. Wir wollen patriarchale Muster in Bezug auf sexualisierte Gewalt analysieren und verstehen, wie sie sich in unserem Denken, Handeln und Fühlen reproduzieren. Dies ist auch ein Anliegen von Linna, die im Diskussions- und Schreibprozess immer beteiligt war. Insofern ist es uns wichtig zu betonen, dass wir hier kein Protokoll einer Gruppentherapie schreiben, sondern einen politischen Text.

Alle überfordert

Alle von uns beschrieben ein Gefühl von Überforderung, wenn wir mit «dem Thema» konfrontiert waren. Wie sollten wir reagieren? Wo nachfragen? Welche Fettnäpfchen vermeiden? Wie sollten wir darüber sprechen? Mit wem? An welchen Orten? Sprach Linna das Thema an, wähnten wir uns auf einem Minenfeld, auf dem wir uns nur sehr vorsichtig bewegten und möglichst schnell wieder abhauen wollten. Wir hatten Angst, Linna «zu triggern», wenn wir sie auf das Erlebte ansprachen. Wir hatten Angst, eine Retraumatisierung auszulösen oder zumindest die Stimmung zu versauen. Wir hatten Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Also sagten und taten wir einfach gar nichts, das war einfacher. Für uns.

Das Tragische daran ist: Linna sagte uns ganz genau, was sie brauchte. Dass wir nachfragen sollen, wie wir darüber mit Vertrauten sprechen können, wo ihre Triggerpunkte liegen. Sie war damit beschäftigt, uns die Angst zu nehmen. Letztendlich musste sie sich um uns kümmern und nicht nur ihr Trauma, sondern auch unsere Überforderung bewältigen.

Oftmals resultiert die Überforderung auch aus eigenen Erfahrungen und Ängsten bezüglich sexualisierter Gewalt.

An dieser Stelle müssen wir eine wichtige Anmerkung machen: Einige Personen in Linnas Umfeld begründeten ihre Überforderung auch mit eigenen Erfahrungen oder Ängsten bezüglich sexualisierter Gewalt. Einige wehrten ihre Gesprächsversuche deshalb schnell ab und konnten das Linna gegenüber auch kommunizieren. Andere konnten das nicht klar benennen und reproduzierten deshalb teilweise Silencing-Mechanismen. Es handelt sich dabei überwiegend um FLINTA-Personen, aber auch ein schwuler Mann berichtete davon. Wir wollen also nicht den Eindruck erwecken, dass die beschriebene «Überforderung» lediglich eine Unbeholfenheit und Ignoranz gegenüber sexualisierter Gewalt darstellt und in diesem Sinne eigentlich unberechtigt ist. Oftmals resultiert sie auch aus einer tatsächlichen psychischen Belastung. Bei FLINTA-Personen ist dabei nicht nur die Wahrscheinlichkeit von eigenen Erfahrungen grösser, sie sind aufgrund ihrer Stellung im Patriarchat auch ständig von sexualisierter Gewalt bedroht. Auf diesen wichtigen Aspekt des Silencing können wir in diesem Text aber nicht weiter eingehen.

Das Schweigen der Männer

Unsere Gruppe besteht überwiegend aus Cis-Männern. Die Diskussionen und dieser Text sind dementsprechend stark von diesem Blick geprägt. Wir teilen miteinander denjenigen Teil der Überforderung, der aus Unbeholfenheit und Ignoranz herrührt. Die dominante Stellung von Männern in der patriarchalen Gesellschaft führt auch dazu, dass männliche Vorstellungen und männliche Praxis vorherrschend sind und von Nicht-Männern übernommen werden.

Die Männer in Linnas Umfeld haben die Vergewaltigung und das Ausmass der Folgen zunächst unterschätzt. Wir haben nicht damit gerechnet, dass Linna dieses Erlebnis auch Monate später noch beschäftigt, dass es bereits eine Verbesserung ist, wenn sie «nur noch einmal am Tag» daran denken muss, dass das Trauma unvermittelt und unvorhersehbar wieder hochkommt und sie an den Rand des psychischen Zusammenbruchs bringen kann. Wir haben lange gebraucht, bis wir «den Vorfall» überhaupt als Vergewaltigung begriffen und nach aussen als solchen bezeichnet haben, obwohl Linna genau das von uns forderte.

Wir dachten, wir müssten einfach ein wenig geduldig sein. Wir haben nicht miteinander oder mit anderen Personen darüber gesprochen, uns nicht informiert über das Thema. An fehlenden Ressourcen lag es nicht: Wir bewegen uns in einem feministischen Umfeld, in dem sexualisierte Gewalt und psychische Probleme eigentlich keine Tabus sind. Einige haben auch schon Erfahrung mit der Unterstützung von Betroffenen. Wieder andere sind selbst in Psychotherapie, aber haben auch dort nicht Linnas Erlebnis und ihren Umgang damit thematisiert.

So schwer es uns anfangs fiel, in Linna ein «Vergewaltigungsopfer» zu sehen, so weitreichend waren die Konsequenzen, als wir es taten.

Auf der anderen Seite rührt die Überforderung eher aus einer neuen Überschätzung des Vorgefallenen. So schwer es uns anfangs fiel, in Linna ein «Vergewaltigungsopfer» zu sehen, so weitreichend waren die Konsequenzen, als wir es taten. Wir hatten auf einmal Angst, über die Thematik zu sprechen. Ihr Freund hatte Respekt vor dem Sex. Wir stellten uns vor, dass die kleinste Geste oder ein falsches Wort Linna zusammenbrechen lassen könnte. Sie, die wir alle als selbstbewusste, starke Frau kennen, soll auf einmal ein emotionales Wrack, ein gebrochener Mensch sein?

Aber Linna bleibt Linna. Selbst wenn es ihr schlecht geht, weint sie nicht, sie schliesst sich nicht in ihr Zimmer ein, kriegt Ausbildung und Job weiterhin auf die Reihe, geht feiern, hat Sex. Für sie fühlt sich das normal an – ist es auch. Wir hingegen, die sie schon seit vielen Jahren, teilweise ein Leben lang kennen, erwarten von Linna ein Verhalten, das wenig bis gar nichts mit ihrem Charakter und ihrem Umgang zu tun hat. Entsprechend sind wir verunsichert, wie wir uns verhalten sollen.

Es geht so weit, dass Linna selbst von sich sagt, dass sie eben «kein typisches Opfer» sei. Und dass uns das Kümmern vielleicht einfacher fallen würde, wenn sie sich verhalten würde, wie man das gemeinhin von einem Opfer erwartet. Da ist sie schon vollzogen, die Schuldumkehr: Wenn du dich nicht wie ein «echtes Opfer» verhältst, kannst du auch keine Hilfe erwarten.

Eine Frage der Ehre

Was sind das für Vorstellungen, die wir da unbewusst abrufen und die offensichtlich tief in uns verankert sind? Wir verstehen uns als (pro-)feministisch. Wir kritisieren die gesellschaftlichen Verhältnisse und wissen um deren Wirkung auf uns als Individuen. Wir hängen nicht der Vorstellung nach, dass wir Sexismus nur durch individuelles Handeln überwinden könnten. Trotzdem haben wir sehr lange gebraucht, bis wir zur eigentlich offensichtlichen Einsicht gelangt sind, dass hier patriarchale Strukturen wirken, die sich nicht an einem Nachmittag wegreflektieren lassen. Im Gegenteil führt eine Auseinandersetzung mit dem historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Komplex «Vergewaltigung» tief ins Innere des Patriarchats.

Mithu Sanyal bezeichnet Vergewaltigung als «das Schicksal, das schlimmer ist als der Tod». Für Betroffene wird es für den Rest ihres Lebens zum Identitätsmerkmal.

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal bezeichnet Vergewaltigung als «das Schicksal, das schlimmer ist als der Tod». Dieses Schicksal ist geschlechtlich konnotiert: In der gesellschaftlichen Vorstellung können nur Frauen zu Opfern davon werden. Sie sind für den Rest ihres Lebens stigmatisiert, die erlittene Vergewaltigung ist fortan ihr kennzeichnendes Identitätsmerkmal. Den Grund dafür sieht Sanyal im Konzept der Ehre: Der Mann verliert seine Ehre in der öffentlichen Sphäre – in der Politik, im Beruf, auf dem Schlachtfeld –, kann sie aber auf ebenjenem Terrain auch wieder herstellen. Die Ehre der Frau hingegen ist historisch eng mit ihrer Sexualität und ihrem Körper verknüpft, wobei das «Jungfernhäutchen» ihr Zentrum bildet. Sie ist mit dem illegitimen Sex – was eine Vergewaltigung in diesem Konzept ist – zerstört. Wie das Jungfernhäutchen, lässt sich auch die Ehre nicht wieder herstellen. Der Verlust der Ehre bedeutet den sozialen Tod, der noch schlimmer ist als der physische. Kulturhistorisch lässt sich anhand von Sagen, Literatur oder Liedern zeigen, dass der Suizid oder die Tötung von Vergewaltigungsopfern in vielen Gesellschaften verbreitet war.

Bis heute können in der Schweiz nach juristischer Definition nur Frauen von Männern vergewaltigt werden. Einzig die vaginale Penetration erfüllt den Straftatbestand. Bis 1992 mussten Betroffene in Prozessen nicht nur die Tat selbst beweisen, sondern auch, dass sie ihre Ehre verloren haben. Dabei wurde nicht nur der Leumund der Frau geprüft, sondern auch, «ob sie den angemessenen Schmerz – ob ihrer verlorenen Ehre – an den Tag legte» (Sanyal). Ein freizügiges Verhalten, eine Arbeit im Prostitutionsmilieu oder eben auch ein vermeintlich Opfer-untypischer Umgang konnten hierbei zum Verhängnis werden. Dieses Muster finden wir in Vergewaltigungsprozessen auch heute noch. So sorgte im August 2021 ein Gericht in Basel für Aufsehen, als es das Strafmass für einen Vergewaltiger stark reduzierte, weil die Betroffene durch ihr Verhalten angeblich «falsche Signale aussandte» und «mit dem Feuer spielte».

Ein typisches Opfer

Eine Frau, die eine Vergewaltigung erlebt hat, hat also mit einer gesellschaftlichen Stigmatisierung zu kämpfen. Sie muss erstmal glaubhaft machen können, dass sie nicht doch in irgendeiner Weise mitschuldig ist an der Tat und sich gegen Victim Blaming und Slutshaming wehren. Aber auch ihr Umgang mit dem Ereignis steht unter genauer Beobachtung. Die Autorin Virginie Despentes schreibt über die Vergewaltigung, die sie erlitten hat: «Mein Überleben ist an und für sich ein Beweis, der gegen mich spricht. Dass mich die Vorstellung, umgebracht zu werden, mehr geängstigt hat als die Aussicht, von den Lendenstössen der drei Arschlöcher traumatisiert zu werden, schien etwas Ungeheuerliches: Ich hatte nie davon gehört, nirgendwo. Als praktizierendes Punk-Girl konnte ich zum Glück gut auf meine Reinheit als anständige Frau verzichten. Aber von einer Vergewaltigung musst du traumatisiert sein, es gibt eine Reihe von sichtbaren Zeichen, die respektiert werden müssen: Angst vor Männern, vor der Nacht, vor der Autonomie, Ekel vor Sex und anderen Freuden.»

Vielen Betroffenen fällt es schwer, eine Tat als Vergewaltigung zu bezeichnen. Sie stigmatisieren sich damit selbst.

Es wird deutlich: Ein «typisches Vergewaltigungsopfer» hat ein gebrochener Mensch zu sein, schwer traumatisiert und depressiv. Niemand will ein solches Leben führen, ein Leben «schlimmer als der Tod». Die Gesellschaft bemitleidet diese Frauen, kann ihnen aber nicht helfen. Diese Konstellation ist mit ein Grund, warum es vielen Betroffenen schwerfällt, eine Tat als Vergewaltigung zu bezeichnen. Sie stigmatisieren sich damit selbst. Gleichzeitig setzen sie sich aber auch dem Misstrauen der Gesellschaft aus. Eine Betroffene muss eine ganze Reihe von Kriterien erfüllen, um als «richtiges Opfer» zu gelten. Erfüllen sie diese nicht, droht ihr eine folgenreiche Verurteilung als Lügnerin.

Auch Linna erzählte uns vom Schock, der sie durchfuhr, als sie realisierte, dass es sich bei der Tat um eine Vergewaltigung handelte. Und sie entschuldigte sich fast dafür, kein «typisches Opfer» zu sein. Wir als ihre Freund:innen erwarteten von ihr ein Verhalten, das wir vor allem aus der kulturellen Überlieferung kennen. Silencing ist also nicht nur ein Verschweigen und eine Abwesenheit von Sprache und Vokabular, was es verunmöglicht, sexualisierte Gewalt zu thematisieren. Es handelt sich perfiderweise auch um einen unglaublich wirkmächtigen Diskurs: Die Begriffe «Vergewaltigung» und «Vergewaltigungsopfer» evozieren starke, kulturell geprägte Bilder, die konkrete Personen, Situationen und Verhaltensweisen überdecken.

Auf Rache sinnen

Mithu Sanyal beschreibt in ihrem Buch weiter, dass sich Vergewaltigung als kulturelles Stigma nicht nur gegen die Betroffene richtet, sondern auch gegen ihr männliches Umfeld. Von Vergewaltigung sind auch Ehemänner, Väter, Brüder, der Familienclan, die ganze Nation betroffen. Deren Identität hängt stark an der Kontrolle der Sexualität «ihrer» Frauen. Durch die Vergewaltigung wird diese Kontrolle genommen, die gesellschaftliche Ordnung destabilisiert. Am stärksten zeigt sich das darin, das Vergewaltigung eine gängige Praxis in Kriegen ist. Der Feind wird damit gedemütigt. Besonders deutlich trat diese Vorstellung zum Beispiel auch im Zuge der sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht in Köln 2016 zu Tage: Weil es sich bei den Tätern überwiegend um Männer of Color handelte, sahen nicht nur Rechte, sondern auch viele vermeintlich Liberale und Linke die gesellschaftliche Ordnung in Deutschland bedroht.

Gerade weil diese gesellschaftlichen Vorstellungen so archaisch anmuten, fällt es uns schwer, sie in uns zu akzeptieren. Der Bruder, den die Vorstellung der Vergewaltigung seiner Schwester schon immer ängstigte. Der Boyfriend, der davor zurückschreckte, anderen davon zu erzählen, was seiner Freundin widerfahren ist. In der Gruppe wurde mehrmals als Problem dargestellt, dass der Täter unbekannt und nicht «unter uns» sei. Es war nicht möglich, ihn von gemeinsamen Räumen auszuschliessen, gegen ihn zu mobilisieren, ihn zu einer Aufarbeitung zu zwingen. Wir fühlten uns handlungsunfähig. Doch warum sollten wir davon ausgehen, dass dies den Umgang mit Linnas Erlebnis und Trauma vereinfachen würde? Wohl weil daraus die Vorstellung spricht, dass die Rache am Täter unsere Unfähigkeit, Linna zu beschützen, kompensieren würde.

In der öffentlichen Sphäre werden Taten angeprangert und über Konsequenzen für die Täter verhandelt. Die Unterstützung von Betroffenen hingegen bleibt Privatsache.

Diese Ideen haben wir natürlich nicht direkt aus den griechischen Mythen oder biblischen Geschichten entnommen. Sie entspringen einer gesellschaftlichen Praxis. Die Erfahrungen, die wir mit der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt bereits hatten oder die wir in unserem Umfeld mitbekommen haben, drehten sich allesamt um den Umgang mit Tätern. Auch die Mehrzahl der Texte, die wir dazu lasen, befassten sich damit – auch diejenigen, die aus Perspektive von Betroffenen geschrieben waren. In der deutschsprachigen Linken fand in den letzten Jahren eine breite Debatte statt, bei der es vor allem darum ging, wie bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen sexualisierte Gewalt ermöglichen und Täter schützen. In der öffentlichen Sphäre werden Taten angeprangert und über Konsequenzen für die Täter verhandelt (also über deren Ehre befunden). Die Unterstützung von Betroffenen hingegen bleibt Privatsache.

Wir wollen an dieser Stelle niemanden für den Umgang mit sexualisierter Gewalt kritisieren, schon gar nicht Strukturen von Betroffenen. Die Auseinandersetzung mit Tätern ist ein wichtiger Teil der Aufarbeitung. Es geht uns um einen anderen Punkt: In Linnas – unserem – Fall war der Täter nicht greifbar, was uns verunmöglichte, die praktischen Vorgehensweisen umzusetzen, die wir bereits kannten oder zumindest erahnten. Für uns – Linnas überwiegend cis-männlichen Freunde – war das ein Problem. Für Linna selbst verständlicherweise weniger. Sie hatte nicht primär das Bedürfnis, den Täter mit Hilfe ihrer rachsüchtigen Freund:innen aus gemeinsamen Räumen auszuschliessen und wahlweise in Therapie oder in die Notaufnahme zu schicken. Ihr Bedürfnis war die Aufarbeitung ihres Traumas und dafür wünschte sie sich unseren Support. Dieses Bedürfnis – und nur dieses – hätte im Zentrum unseres Denkens und Handelns stehen sollen.

Die Männer als (Mit-)Täter

In unseren Gruppendiskussionen stellten wir uns oft die Frage, warum es uns so schwerfällt, über das Thema der sexualisierten Gewalt zu sprechen. Neben anderen Aspekten erwähnten mehrere Männer, dass sie vor dem Thema zurückschrecken, aus Angst davor, übergriffiges Verhalten bei sich selbst zu entdecken. Sie vermuten, dass sie sich in der Vergangenheit selbst übergriffig verhalten hätten. Niemand erzählte davon, dass er jemals eines sexualisierten Übergriffs bezichtigt worden wäre. Die Angst davor, dass dies geschehen könnte, erzählt uns einiges über den männlichen Bezug zum Thema sexualisierte Gewalt.

Zunächst beschrieben viele, dass sie Mühe hatten und einige Zeit brauchten, um das, was Linna widerfahren ist, als «Vergewaltigung» zu bezeichnen. Und auch dann fiel es uns schwer zu verstehen, worin der Gewaltakt genau lag, auch weil es in diesem spezifischen Fall eine Grenze zwischen einvernehmlichen Sex und Gewalt zu ziehen galt. Dies sehen wir als Mitursache dafür, dass wir das Ausmass der Tat zunächst nicht erkannten und sie dadurch verharmlost und heruntergespielt haben.

Von Männern wird in dieser Gesellschaft verlangt, dass sie autonome Subjekte sind und die Anforderungen, die an sie gestellt werden, selbstständig erfüllen können («selbst ist der Mann»). Für die Familie zu sorgen, ist eine solche Anforderung. Diese Autonomie ist aber eine Illusion, sie wird ständig beschnitten. Etwa dann, wenn der Mann aufgrund des Jobverlusts nicht mehr fähig ist, für seine Familie zu sorgen. Seine männliche Identität gerät in die Krise.

Diese prekäre Autonomie zeigt sich auch in der (heterosexuellen) Sexualität. In der Pubertät wird Männern klar, dass die Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse in hohem Masse von selbstständig handelnden Frauen abhängig ist. Sexualität ist bei Männern folglich stark mit der Unterwerfung von Frauen verknüpft. Das geht von Verführung bis zur Vergewaltigung. Wir lernen und reproduzieren das in der Literatur, in Romcoms, in der Musik, in Pornos, eigentlich überall. Es geht immer darum, dass der Mann die Frau von sich überzeugt. Und wenn er es beim ersten Mal nicht schafft, dann versucht er es halt weiter. Dieses Beziehungsmuster ist latent gewaltvoll. Es bildet den Nährboden für Grenzüberschreitungen, psychische und physische Gewalt. Hinzu kommt, dass wir in dieser Gesellschaft so gut wie nichts über konsensuellen Sex lernen.

Männern fällt es aufgrund ihrer Sozialisation leicht, «Täterverhalten» nachzuvollziehen. Sie tendieren deshalb dazu, Übergriffe zu verharmlosen.

Männern fällt es aufgrund ihrer Sozialisation also leicht, «Täterverhalten» nachzuvollziehen und Verständnis dafür aufzubringen. Sie tendieren deshalb dazu, Übergriffe zu verharmlosen und Täter zu schützen. Sich in eine betroffene Person hineinzuversetzen, schaffen sie hingegen meist nicht. Sie betrachten sexualisierte Gewalt aus der Täterperspektive. Die Grenze zwischen Flirt und Übergriff erscheint aus dieser Perspektive als schwer fassbar. Die Unsicherheit darüber, ob man selbst auch schon einen sexualisierten Übergriff begangen hat, verdeutlicht das. Bei anderen Formen der körperlichen Gewalt wäre die Selbstreflexion vermutlich wesentlich einfacher. In der breiteren Öffentlichkeit sehen wir diese Struktur immer dann, wenn es darum geht «wie man als Mann denn noch flirten kann», ohne sich übergriffig zu verhalten.

Wir wollen mit diesen Überlegungen auf keinen Fall Täter oder Männer im Allgemeinen entschuldigen. Wir versuchen zu erklären, wie es einige von uns begründeten, sich nicht mit dem Komplex der sexualisierten Gewalt auseinanderzusetzen. Unsere «Überforderung», Linna bei der Verarbeitung ihres Erlebnisses zu unterstützen, hat eine Ursache im Verhältnis zu sexualisierter Gewalt, zu der Männer in dieser Gesellschaft sozialisiert werden. Es ist eine Empathielosigkeit gegenüber Betroffenen – also, dass es uns schwerfällt, die Art und das Ausmass der Verletzung nachzuvollziehen. Sie wird ergänzt durch Empathiefähigkeit gegenüber den Tätern.

Wir nennen es Arbeit

Wir waren uns in der Gruppe schnell einig, Linnas Unterstützungsbedürfnis und unser Nicht-Handeln mit dem Begriff der Care-Arbeit zu fassen. Linna wünschte sich, dass wir uns um sie kümmern und ihr damit den Umgang mit ihrem Erlebnis vereinfachen. Es hätten nicht mal alle ihre Freund:innen für sie da sein müssen, ein paar hätten vermutlich schon gereicht. In ihrer Vorstellung war die Verarbeitung des Erlebnisses also Arbeit, die erledigt werden musste, was für sie alleine sehr anstrengend war.

Wir wollen nicht ausführlich auf die theoretische Diskussion um Care-Arbeit eingehen, sondern lediglich ein paar Stichpunkte dazu nennen. Care-Arbeit ist in dieser Gesellschaft vergeschlechtlicht, sie wird überwiegend von weiblich sozialisierten Personen übernommen. Sie wird nicht als «richtige» Arbeit anerkannt und in der Regel nicht bezahlt. Deshalb eignet sie sich auch nicht zur Profilierung oder Identitätsstiftung. Care-Arbeit ist unsexy. Wem es möglich ist, der schiebt sie auf andere ab und möglich ist es vor allem Männern. Schlimmer noch, Männer lernen in dieser Gesellschaft gar nicht erst, diese Arbeiten zu verrichten. Selbst wenn sie wollten – wie die Männer in Linnas Umfeld – fällt es ihnen wesentlich schwerer, weil ihnen die nötige Kompetenz systematisch nicht beigebracht und von der Gesellschaft auch nicht erwartet wird.

Nun wollen wir nicht lange über die Ungerechtigkeiten des Patriarchats lamentieren, sondern uns überlegen, wie wir mit diesen Tatsachen umgehen können. Linna hat uns aufgefordert, sie zu unterstützen. Und sie hat weder Kapazitäten, den Unfähigen von uns, die Care-Arbeit beizubringen, noch darauf zu warten, bis sie es von selbst lernen.

Wir tauschten uns untereinander nicht darüber aus, wie es Linna ging. Sie musste viel Zeit dafür aufwenden, ihr Problem allen einzeln darzulegen und nach Unterstützung zu fragen.

Uns fiel auf, dass wir uns untereinander nicht darüber ausgetauscht haben, wie es Linna ging und welche Unterstützung sie brauchte. Alles, was wir wussten, wussten wir aus Einzelgesprächen mit ihr. Linna musste also viel Zeit dafür aufwenden, ihr Problem allen von uns einzeln darzulegen und nach Unterstützung zu fragen. Gleichzeitig führte diese Nicht-Kommunikation auch dazu, dass wir implizit davon ausgingen, dass sich schon jemand anderes um Linna kümmern würde. Teilweise hatten wir sogar das Gefühl, dass andere Freund:innen besser dafür geeignet sind und wollten uns darum nicht einmischen.

Wir überlegten uns, wie wir vorgegangen wären, hätte Linna beispielsweise einen schweren Unfall gehabt. In diesem Fall erschiene es uns naheliegend, Freund:innen und Familie abzutelefonieren, Gruppenchats einzurichten, Kapazitäten abzufragen, Doodles zu erstellen, Aufgaben zu verteilen und bei Bedarf weitere Personen zur Unterstützung hinzuzuziehen. Dadurch würde für die Betroffene schon alleine viel Organisationsaufwand, der sogenannte Mental Load entfallen. Auch für die anderen Beteiligten würde sich vieles erleichtern: Es wäre ihnen möglich, sich gemäss ihren Fähigkeiten und persönlichen Kapazitäten zu beteiligen. Care-Arbeit findet aber nicht nur auf der emotionalen Ebene statt. Es hätte Linna auch geholfen, wenn sie jemand in schwierigen Phasen im Haushalt unterstützt oder für sie Therapeut:innen und Anlaufstellen recherchiert hätte. Überhaupt ist es gerade beim Thema sexualisierte Gewalt wichtig, dass sich auch Unterstützer:innen nicht überlasten. Es gibt Spezialist:innen, die man hinzuziehen kann. Beim oben erwähnten fiktiven Unfall würden wir schliesslich auch nicht selbst am Küchentisch eine Operation durchführen.

Einige von uns berichteten, dass sie im fraglichen Zeitraum, «viel um die Ohren gehabt» hätten und die Unterstützung, die Linna erbeten hatte, nach sehr viel Aufwand aussah. Das stimmte auch. Es wäre aber wesentlich leichter gewesen, wäre dieser kollektiv organisiert und verteilt worden. Wir denken, dass ein kollektiveres Vorgehen auch uns viel geholfen hätte. Denn auch wir fühlten uns oft alleine und überfordert, insofern waren auch wir selbst vom Schweigen betroffen. Dass wir zumindest unser Versagen kollektiv reflektierten, haben wir als sehr bestärkend erlebt. Wir hätten uns viel früher zusammensetzen und sowohl über Linnas Bedürfnisse, als auch über unsere Gefühle sprechen sollen.

Ratschläge und Auseinandersetzung

Heute können wir ein paar Ratschläge geben: Fragt bei Betroffenen regelmässig nach, wie ihr sie unterstützen könnt. Respektiert aber auch, wenn sie das Thema noch nicht, nicht mit euch oder gar nicht besprechen wollen. Setzt euch mit dem Thema sexualisierte Gewalt auseinander und hinterfragt stereotype Vorstellungen und Bilder. Tauscht euch mit anderen Personen im Umfeld von Betroffenen aus, organisiert bei Bedarf freundschaftliche Hilfe. Aber stellt dabei immer die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen ins Zentrum.

Ebenso wichtig erscheint uns aber auch, individuellen Erfahrungen und Verhalten auf die gesellschaftliche Ebene zu beziehen. Wir haben in der Auseinandersetzung nicht nur mehr über uns selbst gelernt, sondern auch über die Verhältnisse, in denen wir leben. Silencing und Stigmatisierung von Betroffenen sind nicht nur unser individuelles Versagen, sondern eine patriarchale Praxis. Weltweit kämpfen FLINTA und auch einige Cis-Männer gegen sexualisierte Gewalt und für ein Ende des Patriarchats. Wir hoffen, dass wir mit unseren Erfahrungen einen kleinen Teil dazu beitragen.

Ein Freund:Innenkreis
ajourmag.ch

Kontakt: againstsilencing [at] protonmail.com

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