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FEMEN - Feminismus oder Farce?

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„Wenn wir nackt sind hört man uns zu“ FEMEN - Feminismus oder Farce?

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Gesellschaft

Das ist anscheinend die erste und wichtigste Grundregel bei der Gruppe FEMEN, die sich selbst als feministisch bezeichnet und durch praktische, provokante Aktionen viel internationales Interesse erregen konnte.

Femen Protestaktion in Paris am 31. März 2012 zur Unterstützung von Aliaa Magda Elmahdy.
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Femen Protestaktion in Paris am 31. März 2012 zur Unterstützung von Aliaa Magda Elmahdy. Foto: Joseph Paris (Licence Art Libre)

Datum 27. Juli 2013
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KorrekturKorrektur
Im Jahr 2008 organisierten sich die ersten
Frauen unter diesem Namen in Kiew, mittlerweile gibt
es aber auch in vielen anderen Ländern Ableger der
Gruppe. Zu sehen ist in letzter Zeit viel von ihnen,
doch was genau haben sie überhaupt zu sagen?
Neben der Absicht eine möglichst hohe Medienwirksamkeit
zu erzeugen, ist der Kampf gegen die Sexindustrie
und den Sextourismus von Anfang an eines
ihrer wichtigsten Anliegen. Von Zwangsprostitution
und Menschenhandel ist hierbei aber nicht die Rede,
stattdessen sehen FEMEN ihre Aufgabe darin, den
Sexarbeiter_innen insgesamt ihr Recht auf die Tätigkeit
ab zu sprechen.

Die generelle „No-prostitution“-
Haltung, die FEMEN gegenüber Sexarbeit einnimmt,
ist in diesem Fall schwierig und sollte vielseitiger
betrachtet werden. Menschenhandel sowie sexuelle
Ausbeutung sollten von dem Begriff Sexarbeit differenziert
werden. Die Trennung ist relevant, da der
Unterschied zwischen Zwang und Selbstbestimmung
sonst verschwimmt. Die drängende Wichtigkeit dem
Menschenhandels, sowie der Zwangsprostitution etwas
entgegen zu setzen steht ausser Frage, doch aufgrund
der vernachlässigten Differenzierung drängen
die Aktivistinnen von FEMEN alle Sexarbeiter_innen
in die Rolle von Betroffenen, auch wenn diese ihre
Tätigkeit freiwillig ausüben – so freiwillig wie Lohnarbeit
in einem kapitalistischen System überhaupt sein
kann.

Gegen Sexarbeit ging auch FEMEN Germany am
25.01.2013 mit ihrer Kampagne „Fickt die Sexindustrie“
auf die Strasse und löste durch die Aktion Wut
und Fassungslosigkeit aus. Mit Schriftzügen auf den
nackten Oberkörpern starteten einige junge Aktivistinnen
einen Fackelzug durch die Herbertstrasse in
Hamburg. Auf den Plakaten, die sie bei sich trugen
waren unter anderem Parolen wie „sexindustry is fascism“
zu lesen. An eines der Tore, welches die Nazis
1930 als Sichtschutz an beiden Seiten der Strasse
angebracht hatten, schrieben die Frauen „Arbeit
macht frei“.
Die unfassbare Analogie von Sexarbeit
und Shoah, sowie die Gleichsetzung der Sexindustrie
mit Faschismus die FEMEN Germany hier herstellte,
wurde von den Aktivistinnen in keiner Weise reflektiert.
In mehreren offenen Briefen wurde Kritik an der
Aktion geübt, doch FEMEN Germany wies diese mit
den Worten „es sei alles überinterpretiert und missverstanden
worden“ zurück. Irina Khanova, die eine der
Mitbegründerinnen von FEMEN Germany ist, geht
sogar noch weiter und vertritt den Standpunkt, dass
Frauen in der heutigen Zeit genau wie die Menschen
in nationalsozialistischen Vernichtungslagern “versklavt,
verschleppt, vergewaltigt, in Ghettos eingesperrt
und wie Fleisch verkauft” werden.

Und was haben sie sonst noch zu sagen?

Zu gängigen Schönheitsidealen und auch zum binäre
Geschlechtssystem nicht viel. Trans_menschen haben
bei FEMEN bisher überhaupt keine Erwähnung gefunden.
Obwohl eine Aktivistin von FEMEN Germany
im Interview mit der Frankfurter Rundschau davon
sprach, dass das nackte Auftreten dazu genutzt werden
würde, die Bedeutung des weiblichen Körpers zu
verändern, ist bei ihren Aktionen fast ausschliesslich
ein ganz bestimmtes Körperbild vertreten, welches
den gängigen Schönheitsidealen sehr nahe kommt.
Der Frauen_körper wird von ihnen in keiner Weise
kritisch reflektiert, sondern vielmehr werden die
bestehenden sexistischen Verhältnisse bedient und
reproduziert. Die inhaltliche Auseinandersetzung von
FEMEN Germany zur Frage, welche Botschaft sie mit
ihrer Protestform transportieren wollen, verläuft sehr
unterschiedlich. Auf der einen Seite ist die Rede von
einer gewollt aggressiven und starken Darstellung
des nackten Frauen_körpers, auf der Anderen wird
von einer verletzlichen und ungeschützten Darstellungsweise
gesprochen.

Selbst wenn das Interesse der Rezipienten überhaupt
bis zu den Inhalten der Aktivistinnen durchdringt und
nicht an den idealisierten Körpern hängen bleibt,
stösst es auf zum Teil sehr paradoxe und diskriminierende
Forderungen. Die Gruppe ist zwar für die
Abschaffung des Patriarchats, doch die Machtverhältnisse
an sich, sowie deren Ausübung, sind nicht
Gegenstand ihrer Kritik. Alexandra Schewtschenko,
eine Aktivistin von FEMEN Germany, sagte gegenüber
der Zeitung Zeit, dass sie die Herrschaft der
Männer nicht aufheben, sondern umkehren wolle, da
Frauen besser mit Macht umgehen könnten. Wieder
reproduzieren FEMEN ein sexistisches und zweigeschlechtliches
Weltbild, welches sich widersprüchlich
zu feministischen Kämpfen verhält.

Während ihrer Aktionen schmückt FEMEN sich nicht
mehr nur mit Blumenkränzen im Haar, welche in der
Ukraine eine typische Nationaltracht für Frauen sind.
Bei FEMEN Germany sind nun auch die Farben der
deutschen Flagge im Logo vertreten. Bei einer Diskussionsveranstaltung
wurden sie nach dem Hintergrund
dieser Gestaltung gefragt, woraufhin FEMEN Germany
erklärte, sie seien doch schliesslich auch eine Nation,
sie seien Deutschland. Dass den „Kriegerinnen an
vorderster Front der feministischen Armee“ auch der
Schutz ihrer Heimat wichtig ist, haben sie 2010 in der
Ukraine deutlich gemacht.

Vor einem Fussballspiel
von Karpaty-Lviv gegen Galatasaray Istanbul haben
sie eine Erklärung an den Stadtrat von Lviv geschrieben,
in der sie sich gegen die Anreise der türkischen
Fussballfans aussprachen, um die ukrainischen Frauen
zu schützen. Dazu machten sie eine Fotoreihe mit den
Fans von Karpaty-Lviv, welche dafür bekannt sind,
dass sie eine rechte und nationalsozialistische Einstellung
vertreten.

Reine Vermarktung scheint bei FEMEN im Vordergrund
zu stehen. Ihre Aktionen sind auf Provokation
und Medieninteresse ausgelegt, ohne dabei auf die
Auswirkungen, die ihr Handeln haben könnte, Rücksicht
zu nehmen. Auch stellen sie keine konkreten
Forderungen, welche direkt auf die Situationen der
Betroffenen eingehen.
Nach all dem kann nicht mehr von emanzipatorischem
Feminismus die Rede sein.

eine feministische Kritikerin