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Gesellschaft

Über Friedhöfen und Gedenksteine Eine Nachlese

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Der Vormittag war frei. Ich hatte zu 14 Uhr eine Verabredung mit meinem Verleger Marc Berger in Gransee, und ich hatte Lust auf eine Landpartie.

Ferienheim im Jahr 1979 in Flecken Zechlin.
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Bild: Ferienheim im Jahr 1979 in Flecken Zechlin. / Deutsche Fotothek‎ (CC BY-SA 3.0 cropped)

12. Mai 2014

12. Mai. 2014

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Ich sollte mal wieder, dachte ich bei mir und pfiff ein Lied meiner Jugend („Wer möchte nicht im Leben bleiben …“) -, ich sollte mal wieder über die Dörfer fahren und Ausschau halten nach den Gedenksteinen und Friedhöfen der im Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden gefallenen oder nach dem Kriege zu Tode gekommenen sowjetischen Soldaten im Osten Deutschlands.

Es ist eine meiner Marotten, wie sie irgendwann als Virus einen Menschen befallen, jene Terrains zu fotografieren. Ich habe mittlerweile Dutzende Orte besucht und mancherlei gehört; die meisten der Einheimischen, die mal belustigt, mal ärgerlich, mal freudig auf meine Frage antworteten, ob es in ihrem Dorf, in ihrem Städtchen solche Stätten des Erinnerns gäbe, erzählten gleich noch die eine oder andere Geschichte dazu.

In Rheinsberg wurde ich fündig. Es gibt dort zwei Toten-Haine, einen in der Stadt, einen etwas ausserhalb, an der Strasse nach Wesenberg. Danach fuhr ich, der Auskunft einer Dame im monströs-grossen Touristikzentrum folgend, die elf Kilometer nach Flecken Zechlin.

Auch dort liegen sie, an der Lindenstrasse Ecke Zempower Strasse. Eine Treppe mit acht Stufen führt hinauf. Die Grabsteine sind verwittert. Auf einer viereckigen Säule steht auf zwei Zacken der rote Stern.

Etwa drei Kilometer vor Gransee hielt ich das nächste Mal an. In Schönermark wird auf dem Vorfeld zu Friedhof und Kirche in nachbarlicher Vertrautheit der gefallenen Dorfbewohner im ersten Weltkrieg und der gefallenen Sowjetsoldaten gedacht. Oben auf dem grauen Block für die zwölf Deutschen spreizt ein Greifvogel seine Flügel. In den rötlichen Obelisk für die Gefallenen aus dem Osten ist der fünfzackige Stern eingeprägt.

Auf allen vier Friedhöfen waren an den Gedenksteinen frische Blumen abgelegt. Auf den Grab- oder Gedenkplatten – ich weiss nicht, ob unter den vielen Steinen und Platten, die ich in den letzten Jahren sah, wirklich jedes Mal der oder die namentlich Genannte liegt – in Schönermark lag jeweils eine Rose. Auf den Schleifen in Rheinsberg und in Flecken Zechlin stand IN STILLEM GEDENKEN. DIE LINKE OPR; auf der Schleife in Schönermark stand IN EHRENDEM GEDENKEN. DIE LINKE GRANSEE.

Ich weiss, dass es ungefähr 850 dieser „militärhistorischen Gedenkstätten und Friedhöfe“ auf dem Gebiet der DDR gibt, auf denen ca. 420.000 Sowjetmenschen liegen. Ob „nur“ Soldaten, ob auch Kriegsgefangene und Fremdarbeiter (wie etwa in Eisenach) -, weiss ich nicht.

Ich weiss, dass die Kriegerdenkmale ein wichtiger Verhandlungspunkt der sowjetischen Seite für die „Zwei-plus-Vier-Verträge“ zur Deutschen Wiedervereinigung waren. Und dass der deutsche Staat sich im Abkommen vom 16. Dezember 1992 zwischen der Regierung der BRD und der Regierung der Russischen Föderation über Kriegsgräberfürsorge verpflichtet hat, ihren Bestand dauerhaft zu gewährleisten, sie zu unterhalten und zu reparieren. Jedwede Veränderungen bedürfen der Zustimmung Russlands.

Und ich fragte mich, was dieser BILD-Blödsinn sollte, gegen die Panzer im Berliner Tiergarten zu krakeelen und die Russen zu mobben, als seien die unliebsame und unnütze Kollegen in einer Kantine.

Und ich fuhr auf den Chausseen, rechts und links grell gelb blühende Rapsfelder. Über der Landschaft kreisten Störche und Milane. Und ich dachte an die Friedhöfe und Gedenkstätten, die ich bisher besucht hatte; sie waren gepflegt und gehegt. (In Wittenberge hatte mir ein harkender Gärtner mal erzählt, dass es einen festen Kosten-Posten dafür im Grünbebauungsplan der Kommune gibt.)

Ansonsten wurde ich vom Europa-Wahlkampf unterhalten:
Von Plakatwänden in Rheinsberg grinst Martin Schulz für die SPD für ein Europa der Chancen, nicht der Arbeitslosigkeit bzw. will er kein Europa des Stillstands, sondern des Wachstums.

An den Laternen in den Dörfern locken die Parteien an die Wahlurnen:
Alle Macht geht vom Volke aus – wann bei uns? fragt die AFD.
Wir sind nicht das Sozialamt für die Welt, meint die NPD.

Aus dem Autoradio höre ich, dass ukrainische Soldaten 20 prorussische Aktivisten in einem Feuergefecht getötet hätten.

Ich war ein bisschen froh, dass auf den Gräbern der toten Sowjetsoldaten immerhin ein paar Blumen lagen. Und dass ich gleich beim Marc Berger sein würde, in seiner wundersamen Welt der Buchdruckerkunst.

Eckhard Mieder

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