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Eine Kritik von Okkultismus, New Age, Esoterik und Feng Shui | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Magie ist die Kunst, aus Aberglauben Geld zu machen Eine Kritik von Okkultismus, New Age und Feng Shui

Gesellschaft

Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts boomt die Übersinnlichkeit. Der Markt ist breit und ausdifferenziert. Versprochen wird vieles: Lebenshilfe, religiöse Sinngebung, Gesundheit, Wohlstand, Wissen über die Zukunft.

30. September 2005

30. Sep. 2005

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Nie ausgestorben sind die eher traditionellen Formen des Aberglaubens, wie z.B. Astrologie, Spökenkiekerei, Hexenrituale oder das zwischenzeitlich bei Jugendlichen sehr beliebte Tischerücken und Pendeln. Dazu kommen die eher etablierten Formen der Religion wie evangelikales Christentum, Buddhismus, Anthroposophie.

In den 80ern sind daneben viele neue religiöse und quasi-religiöse Formen der Bewusstseinsverkümmerung auf den Markt gekommen.

Wenn der Mond im siebten Hause steht…

Zum eine sind dies Hunderte von obskuren Theorien, wie mensch sich richtig zu ernähren, tanzen, einzurichten habe (wegen der Lebensenergie), welche Steine oder Pflanzen oder Meditationstechniken einem/r den Weg zu einem/r selbst zeigen.

Zum anderen sind dies institutionalisierte Glaubensgemeinschaften wie z.B. Scientology, Pfingstgemeinden.

Es gibt Kongresse, Vortragsreisen, Seminare, eine unüberschaubare Anzahl von Büchern, CDs, Kassetten und esoterischem Schnickschnack (Räucherstäbchen, Pendel, Mandalas, Elfenbilder etc.) von den verschiedenen Heilerinnen und LehrerInnen.

"Magie ist die Kunst, aus Aberglauben Geld zu machen" (Bierce)

Das ist die erste und platteste Kritik, die daran zu haben ist. Selbstverständlich lässt sich mit Leichtigkeit nachweisen, wieviel Geld die verschiedenen Gurus, HeilerInnen, ProphetInnen, WahrsagerInnen mit der ganzen Sache machen.

Das tun sie, und manchmal mag das sogar tatsächlich der einzige Grund sein, warum sie ihr Geschäft betreiben. Doch diese Theorie des "Priesterbetrugs" ist keine vernünftige Religionskritik. Die Vorstellung, dass Leute mit knallhartem Kalkül andere Leute bescheissen, um Macht auszuüben, Reichtum zu bekommen oder auch nur sich selbst zu bestätigen, ist eine Verschwörungstheorie.

So etwas gibt's schon mal, aber im Regelfall brauchen Menschen für ihre jeweilige Praxis eine "gute", das heisst hier nur: ihnen selbst einleuchtende Erklärung.

"Die Welt will betrogen sein" ist zwar auch eine, aber zumeist hat mensch es bei Religionen und Pseudo-Religionen sowohl auf der Guru – als auch der Gläubigen – Ebene mit ÜberzeugungstäterInnen zu tun. So erklärt sich auch mancher fromme Betrug: Um den Glauben, dem mensch anhängt, zu verbreiten, greifen manche auch zu Täuschung und Suggestion.

Und noch der abgeklärteste und zynischste Geschäftemacher wird sich im Regelfall damit beruhigen, dass es den Leuten ja irgend etwas bringen muss, sonst würden ihm seine AnhängerInnen ja nicht folgen.

"Religion ist Opium für das Volk" (Lenin)

Eine besonders unter Linken verbreitete Kritik zielt auf die angebliche gesellschaftliche Funktion von Esoterik etc. ab. Viele werden nicht müde, den reaktionären Gehalt vieler esoterischer Theorien blosszustellen.Darüber lässt sich in der Tat auch viel sagen, auch warum es eine linke Esoterik nicht geben kann, und warum esoterische Gesellschaftskritik per se anti-aufklärerisch und anti-emanzipatorisch ist. Dennoch macht es sich diese Sichtweise unglaublich einfach: Denn damit soll alles klar sein.

Esoterik und vieles andere sind kein kritisches Denken, stützen die Gesellschaft, wie sie ist, also ist klar, wer nur ein Interesse daran haben kann: Das Kapital, oder ein bisschen schwammiger: die Herrschenden.

Das ist zum einen verkehrt, weil der alte linke Glaubenssatz "Wem's nützt, der war's" nichts taugt. Mensch muss schon mal beweisen, dass jemand "hinter" einer Sache steckt. (Wobei der Glaube, die Welt von Freiheit und Privateigentum sei am besten dadurch zu erklären, dass man lauter versteckte Sachen und bislang nicht-veröffentlichte Quellen entlarvt und veröffentlicht, sowieso von der Überzeugung lebt, die Schweinereien und ihre Begründungen würden den Leute vorenthalten werden.

Dem ist nicht so). Wer glaubt, dass die Kapitalisten sich jeden Donnerstag treffen, um sich böse Ablenkungstheorien auszudenken, betreibt schon wieder Verschwörungstheorie und fragt sich nicht, wer was warum glaubt.

Das aber wäre gerade mal eine interessante Frage: Warum glauben Leute? Die Interessen von Priestern und Herrschenden sind dafür überhaupt keine Erklärung. Darauf geben die üblichen Formen linker Esoterik-Kritik keine Antwort. Sie beschränken sich darauf, zu erklären, wer sich wann mit wem getroffen hat, welche Mondknotentheorie von welchem Theoretiker übernommen wurde, dessen Nachfolger in der NSDAP war, weswegen ja nun alles klar ist.

Zum anderen ist die Funktionalität von Esoterik, Okkultismus etc. für das kapitalistische System eine ziemlich mittelbare. An Ideologien herrscht ja nun, wie Gott und Marx wissen, kein Mangel und das übersinnliche Abdrehen der Arbeitskräfte ist auch nur solange ungefährlich, wie es auf den Privatbereich beschränkt bleibt.

Der Vertreter, der auspendelt, wem er einen Staubsauger aufschwatzt, der Mechaniker, der die Sterne befragt, wohin die Schraube kommt, die Programmiererin, die sich auf ihre Träume verlässt beim Programmieren – sie alle sind eher dysfunktionale Figuren. Also: Ganz so platt ist der Zusammenhang zwischen Spinnerei und Herrschaft nicht.

"Religion ist das Opium des Volkes" (Marx)

Damit meinte Marx, Religion sei eine Methode, sich mit den unerfreulichen Zuständen abzufinden. Und zwar in dem Sinne, dass sie einem Trost und Sinn spendet, den die bürgerliche Gesellschaft nicht parat hat. Dass sie also die interessierte Selbsttäuschung der Menschen über die von ihnen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Das war zu Marxens Zeiten auch ein bisschen richtig, und stimmt zum Teil auch immer noch.

Religiöse Theorien geben eine ruhige Gewissheit, dass mächtige Wesenheiten unterwegs sind und nichts ohne Sinn geschieht. Das mag manch eine/r tröstlich finden. Dazu später mehr. Dennoch trifft insbesondere die Droge, die Marx gewählt hat, die Sache nicht ganz. Opium stumpft ab und lässt eine/n lethargisch und gelöst werden.

Eher liesse sich sagen, dass Esoterik das Kokain des bürgerlichen Subjekts ist. Nicht mehr blosses Abfinden, sondern aktives, bewusstes Bewältigen aller Zwänge der bürgerlichen Gesellschaft ermöglichen die verschiedenen Formen. Schon Adorno hat auf die Verwandtschaft astrologischer Ratschläge mit populär-psychologischen Erfolgstechniken hingewiesen. Und das ist, neben einer Kritik des Alltagsdenkens, auch der Schlüssel zur Erklärung dieser Sorte Denken.

Rückfall ins Mittelalter?

"Nichtnur in den Bauernhäusern, sondern auch in den Wolkenkratzern der Städte lebt neben dem zwanzigsten Jahrhundert heute noch das zehnte oder dreizehnte. Hunderte Millionen Menschen benutzen den elektrischen Strom, ohne aufzuhören, an die magische Kraft von Gesten und Beschwörungen zu glauben.

Der römische Papst predigt durchs Radio vom Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein. Kinostars laufen zur Wahrsagerin. Flugzeugführer, die wunderbare vom Genie des Menschen erschaffene Mechanismen lenken, tragen unter dem Sweater Amulette. Was für unerschöpfliche Vorräte an Finsternis, Unwissenheit, Wildheit!" schrieb Leo Trotzki im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.

Und auch wenn dies für seine Zeit ein relativ hellsichtiges Statement war – immerhin kommt hier das Bewusstsein von Menschen vor und nicht nur das Sein, dessen Widerspiegelung das Bewusstsein angeblich nur ist – so verkehrt ist die Theorie, die Trotzki damit nebenbei über Aberglauben macht.

Er betrachtet magische Vorstellungen als ein Überbleibsel voraufklärerischer, also vorbürgerlicher Zeit.

Eben als ein Überbleibsel aus der Zeit, als Menschen Naturzusammenhänge noch nicht verstanden.

Doch genauso wenig wie der moderne Antisemitismus einfach das Fortschreiben und Fortwirken des mittelalterlichen Judenhasses ist, genauso wenig ist der moderne Aberglaube dass gleiche, wie der Aberglaube früherer Epochen.

Es ist ein Unterschied, wenn ein Bauer seine Kühe "enthexen" lässt, weil er in seiner Unwissenheit über die Naturzusammenhänge befürchtet, durch schwarze Magie dem sicheren Hungertod entgegen zu sehen.

Oder ob sein moderner Nachfahre die gleiche Technik anwendet, weil die ganz moderne Tiermedizin nichts genutzt hat und er Angst hat, die Verträge mit der Molkerei nicht einhalten zu können und darum auch noch zum letzten Strohhalm greift.

Die Zaubersprüche mögen die gleichen sein, aber was sie für die Beteiligten bedeuten, welchen Stellenwert sie haben, das ist unterschiedlich. "Auf früheren Stufen war der Aberglaube der wie immer unbeholfene Versuch mit Fragen fertig zu werden, die damals anders und vernünftiger sich nicht hätten lösen lassen", schreibt Adorno und meint damit, dass heute EsoterikerInnen, OkkultistInnen, New-Age-AnhängerInnen etc. hinter den bereits erreichten Stand des Wissens über Natur und Gesellschaft zurückfallen.

Mythos, Aufklärung, instrumentelle Vernunft

Tatsächlich sind religiöse Mythologie und magische Vorstellungen Versuche, die Welt zu erklären. Als die Menschen anfingen, Blitze oder Regen nicht mehr mit unbegriffenem Schrecken zu erleben, sondern zu Lebewesen, später zu Handlungen von Göttern machten, die mit Opfern zu besänftigen wären, da versuchten sie – auf verkehrte Weise – ihre Lebensumstände zu beherrschen.

Doch in einer Welt von Blitzableitern und Bewässerungspumpen kann das nicht mehr sein.

Wenn Menschen tausendfach wissen wollen, wie ihr zukünftiges Leben aussieht, sie sich gegen Erdstrahlen und negative Energie wehren wollen, Krankheit als Weg entdecken, und nach der richtigen Therapie fragen, um ein erfolgreicher, glücklicher, gesunder Mensch zu werden, dann ignorieren lauter Menschen, die sich doch ansonsten darauf verlassen, dass die ihnen bekannten Ursache-Wirkung-Prinzipien gelten. Sie nehmen lauter andere Ursachen an für Wirkungen, die sie gerne hätten.

Aber ist das magische Denken tatsächlich so entfernt vom Alltagsdenken? "Immer wenn ich's eilig hab, stehen alle Ampeln auf rot"- Wer hat diesen oder einen ähnlichen Satz nicht schon mal gedacht?

Theoretische Voraussetzung dieser und ähnlicher Weisheiten ist die Vorstellung, dass mensch selbst Mittelpunkt der Welt ist und das eigene Handeln und Denken dafür sorgt, wie die Welt auf einen reagiert – das heisst, mensch macht sich zum Meister der Welt. Übrigens auch dann, wenn mensch sich zum Opfer der ganzen bösen Verhältnisse macht, weil ja auch das böswillige Reagieren von Ampeln etc. nur Reaktion auf eine/n ist. Natürlich weiss jeder eigentlich, dass das nicht so ist.

Und doch lebt die Angst, es könnte so sein: Und das ist eine Übersetzung gesellschaftlicher Verhältnisse. In denen spielt der Grossteil der Menschen die schäbige Rolle eines Mittels für Zwecke, die ihnen schaden.

Aber all die Zwänge, denen sie sich unterwerfen, übersetzen sie sich als Gelegenheit, die sich ihnen bietet. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt als Möglichkeit auf einen guten Job, die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt als Chance auf eine schöne Wohnung usw. "Jeder ist seines Glückes Schmied" heisst das böswillige Kompliment.

Das stimmt natürlich gar nicht: Ohne Betätigung des eigenen Willens, ohne Unterwerfung unter all das, was in der bürgerlichen Welt so an Vorschriften und Regeln gilt, kommt mensch zwar in der Tat nicht mal auf einen grünen Zweig – nur heisst das keineswegs, dass Leistungsbereitschaft und Anpassungsfähigkeit einem/r auch nur garantieren würden, einen Job zu bekommen.

Solche Weisheiten, wie z.B. "wer Arbeit will, kriegt auch eine", sind der Sache nach magisches Denken, weil sie den Unterschied zwischen wirklicher Welt und Kopfinhalt durchstreichen.

Doch handelt es sich dabei nicht um eine infantile Phase, wie mensch vielleicht in Anlehnung an Freud glauben würde, sondern um ein ganz aktives Zurechtlegen von gesellschaftlichen Verhältnissen. "Es liegt an mir, was aus mir wird", ist eine machtvolle Botschaft für lauter Leute, die in Wirklichkeit gar nicht die Macht über ihr Leben haben – weil es an ihnen ja gar nicht liegt, ob die Wirtschaft genug Arbeitsplätze hat, ihr Staat einen Krieg anfängt, in dem sie ihr Leben riskieren müssen usw. Egal, ob sie in der Weisheit "Ich bin ein Verlierer" oder "Ich bin Gewinnertyp" mündet – sie versöhnt einen mit Verhältnissen, in denen mensch sich zu bewähren hat, um einigermassen leben zu können.

Damit ist mensch schon mal bei den übersinnlichen, psychologischen oder sonstigen Lebenshilfe-Angeboten.

Sie versprechen, einem/r behilflich zu sein, sich selbst zu einem erfolgreichen Menschen zuzurichten – egal ob durch spirituelle Ausgewogenheit, durch Ausnutzung des Wissens über die Zukunft, durch die Kraft, die positive Selbsteinschätzung gibt, oder auch nur Wohlbefinden durch Trennkost.

Eine Zuspitzung dieser Gedanken ist dann die Hoffnung, durch bestimmte magische Praktiken, Meditationstechniken oder Talismane die Welt selbst zu zwingen, eine/n erfolgreich sein zu lassen.

Nicht nur für die Macumba-Kulte in Brasilien, sondern auch für den ganz modernen Schwachsinn in Industrieländern gilt: "Wenn Massen von brasilianischen Slumbewohnern magische Rituale betreiben, dann ist das nicht das kindisch-abstrakte Verfahren eines aus dem Naturzusammenhang noch gar nicht herausgetretenen Geistes, sich dennoch als Meister des Naturzusammenhanges zu behaupten Sie praktizieren die Illusion freier Verfügung über die Bedingungen und Mittel ihrer Existenz, indem sie ihre Lebensumstände als eine selbständige fremde Macht, ihre Verfügung darüber als ein irrationales Setzen auf Verständigung mit dieser Macht vorstellen; und sie praktizieren das als besondere Sphäre neben und abgetrennt von ihrem normalen Alltag und dessen verzweifelten Künsten des Überlebens".

Damit erweisen sich alle moderne Religionen als Produkt eben jener Gesellschaft, an deren Krippe die Reformation stand. Die war mit der Entdeckung des gewissensgeplagten Individuums, das auf sich wegen Erbsünde und weltlichem Erfolg aufpassen sollte, die passende Religion des Kapitalismus.

"Erfolg kann man kaufen" (FAZ-Werbung)

"Blöd kommt sich dabei deswegen keiner vor, weil letztlich auch der Glaube ein privates Ervolksbegehren ist und die Religion eine grosse Bürgerinitiative von lauter amerikanischen Gotteskindern".

Auch wenn sonst nirgendwo die Konsequenz des Protestantismus so radikal gezogen worden ist, wie im calvinistischen Nordamerika, so gilt der Satz für die meisten Religionen heute: Sie sind nicht mehr Versöhnung mit dem Übersinnlichen, sondern übersinnliche Erfolgsstrategie der Individuen. Das heisst sie haben einen ganz weltlichen Zweck, so autoritativ und traditionell sie sich geben.

Die alten Männer, egal ob's der Bischof von Rom oder der Dalai Lama ist, arbeiten weniger mit der Furcht vor der Hölle oder der schlechten Wiedergeburt – auch wenn diese Sorge durchaus präsent ist. Nur weil fast alle bürgerlichen Subjekte von ihrer eigenen Unsterblichkeit überzeugt sind, weil sie sie sich nicht vorstellen könne, einfach nicht mehr da zu sein – eben weil es zur bürgerlichen Subjektivität gehört, sich selbst als Zweck und Mittelpunkt der Welt zu behaupten – bewegt die Menschen die Furcht vor dem Jenseits auch heute noch.

Aber wichtiger ist, ob die Religion ein attraktives Angebot zur Deutung der Welt und des eigenen Bemühens, ums Überleben ist. Weniger unhinterfragte Tradition, noch mit sozialer Macht ausgestattete Konvention sind heute der Grund, religiös zu sein – auch wenn diese Gründe immer noch nicht ausgestorben sind – sondern das Streben nach individueller Weltbewältigung.

"Gut, dass wir verglichen haben"

Das macht auch den recht beliebigen Charakter der modernen religiösen Entscheidungen und die Gleichzeitigkeit von eigentlich sich ausschliessenden Überzeugungen aus: Der Supermarkt der Götter, Kräfte und Techniken bietet für jeden ein Angebot – im Zweifelsfall baut mensch sich eben die Religion selbst zusammen: KatholikInnen benutzen Verhütungsmittel, ProtestantInnen schicken ihre Kinder auf die "Waldorf-Schulen", Moslems machen Trennkost und trinken Alkohol.

Je weniger gefestigt die Religionsgemeinschaft samt des dazu immer gehörigen Katalogs blödsinniger Vorschriften ist, um so wirrer, bunter und widersprüchlicher kann der Einkaufszettel religiöser Spinnereien, die sich ein Individuum so zusammenstellt, sein. Fanatismus ist darum auch Ausnahme in der esoterischen Szene. Alles ist ein Ansatz und ein Angebot, und genügend KonsumentInnen verteilen sich nacheinander auf die verschiedenen Sorten, die da geboten werden.

Die Adelung des Seins mit Sinn

Und manchem/r geht's damit tatsächlich besser. Weil es das beruhigende Gefühl gibt, nicht einfach abhängige Variable unvernünftiger Verhältnisse zu sein, sondern Meister des eigenen Schicksals, und sei es auch nur, indem mensch sich mit höheren Mächten versöhnt. Aber auch wenn Erfolg und Gesundheit ausbleiben, kann die Überzeugung, ein geheimer Plan laufe ab, die ruhige Gewissheit spenden, dass nichts ohne Sinn geschieht, also auf höherer Ebene sich irgendwie eine Erklärung für all die Grausamkeiten und Gemeinheiten der modernen Welt finden lässt.

"Krankheit als Weg" – ist es nicht ein schöneres Gefühl, dass einem die eigene Krebserkrankung so dieses oder jenes gezeigt hat, als die Vorstellung, dass es sich um eine bösartige, doofe Zellveränderung handelt, die eine/n quält, in keinster Weise irgend etwas gutes mit sich bringt und die eine/n ausserdem noch umbringen wird?

Es gibt soviel Schlechtes, das nichts Gutes hat, und auch in einer vernünftigen Gesellschaft werden Menschen in der Badewanne ausrutschen und sich das Genick brechen. Die Verklärung noch der miesesten Gemeinheiten zu einem in letzter Instanz schwer sinnvollen Geschehen, zeitigt ekelhafte Früchte.

EsoterikerInnen lauschen noch den Vernichtungslagern der Nazis einen weltgeschichtlichen Sinn ab: Wenn das vorherige Leben immer entscheidet, als was mensch wiedergeboren wird, dann war es wohl Karma für die Menschen, die vergast wurden, das sie dem rassistischen Programm der Nazis zum Opfer fielen.

Nach dieser brutalen Logik liegt es eben an jedem/r selbst, was ihm/ihr passiert. Und auch die Täter sind dann nur Ausführer des mächtig-waltenden Schicksals und nicht fanatische Anhänger eines Staatsprogramms.

"Ommmm" – meditative Ruhe und die Umschlagszeit des Humankapitals

Was viele Menschen an Esoterik, den verschiedenen Vulgär-Philosophien und fernöstlichen Religionen anspricht, ist das Versprechen von Glückseligkeit und dem Zur-Ruhe-Kommen.

Denn all die stressgeplagten Menschen, die immer wieder von dem Gefühl gepackt werden, ihnen laufe die Zeit davon und das ganze Leben sei eine dauernde Überbeanspruchung, haben oftmals das Ideal "einer totalen Saturiertheit des Menschen; eines Zustandes, in dem keine bestimmten Zwecke mehr realisiert werden müssen, weil die Individualität eben als ganze affimiert ist und zur Ruhe kommt … eine in der Privatsphäre beheimatete Philosophie für jedermann, vor der sehr folgerichtig jede einzelne Tat und jeder vollzogene Genuss als "bloss" sehr teilweise und flüchtige Pseudo-Befriedigung zuschanden wird".

Und dieses Ideal von tiefer Zufriedenheit durch vollständige Bedürfnislosigkeit, wie es z.B. der Buddhismus vertritt – sehr passend zu einer Gesellschaft, in der es wenig gibt – ist ziemlich attraktiv auch in einer Gesellschaft wie der hiesigen, in der sich viele abmühen mit den ihnen aufgemachten Zwängen und trotzdem mehr schlecht als recht damit zu Rande kommen.

Die Beschränkung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche mit einem höheren Sinn zu versehen, kann ganz attraktiv sein. Und zwar ist diese Aufforderung zur völligen Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Abschneiden in der Konkurrenz umso entspannender und tröstlicher, je höher die Anforderungen sind. In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Bewusstsein herausgebildet, dass jede/r sich als "Humankapital" zu betrachten hat und den optimalen Einsatz der eigenen Zeit und Energie planen muss.

Alles steht unter dem Diktat, Zeit sei Geld, und lebenslanges Lernen und die Bereitschaft, sich auf immer neue Anforderungen einzustellen, sei gefragt. Erfolgreich wird den Menschen suggeriert, ihr Erfolg hinge von ihrer Leistungsbereitschaft ab, von ihrem Einsatz für ihre eigene Verwertung als nützliche Arbeitskräfte. Und das dehnt sich immer mehr auch in den Freizeitbereich aus, der vom Arbeitsprozess manchmal gar nicht mehr zu unterscheiden ist.

Das Gefühl, nicht mehr zur Ruhe kommen zu können, etwas zu verpassen, die verschiedenen Notwendigkeiten nicht mehr bewältigen zu können – all das mag es attraktiv erscheinen lassen, ganz tief in sich zu versinken.

Übersinnlichkeit als Kritikersatz

Eine ganze Reihe von Linken und Ex-Linken hat das angeblich gesellschaftskritische Potential von Esoterik entdeckt. Die "männliche" Rationalität sei zerstörerisch, ist der Befund; sie versuche Natur und Mensch zu beherrschen, und indem sie nur dem Verstand und die Vernunft zulasse, lasse sie den Menschen verkümmern. Die Auswirkungen dieses herrschaftlich-objektivierenden Vorgehens könne mensch an der Naturzerstörung, an der Zerstörung der Sinnlichkeit, an den krankmachenden Verhältnissen erkennen.

Dieses Plädoyer für Esoterik ist unfreiwillig komisch. Denn auf ihre Kritik, auf ihre Gründe für ihr Eintreten für Spiritualität sind die entsprechenden Leute gar nicht durch Visionen oder übersinnliche Botschaften gekommen, sondern die Anstrengung ihres vielgeschmähten Verstandes bringt sie auf die verrückte Idee, fühlen sei besser als denken.

Das ist ein Ergebnis von Denken, aber verkehrtem Denken. Denn nicht die Vernunft sorgt für die alltägliche Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen, sondern eine unvernünftige Gesellschaftsordnung, in der die Bedürfnisbefriedigung der Menschen nur Mittel, nicht aber Zweck ist. Ins Blickfeld ist mittlerweile der Zusammenhang von Esoterik und Faschismus gerückt.

Es ist kein Zufall, dass die Nazis für Okkultismus und nicht-christliche Religionspraktiken ein grosses Herz hatten.

Das ist zum einen insofern nicht verwunderlich, als dass die Sehnsucht nach der vor-christlichen Barbarei im Kelten- und Germanenkult beiden gemeinsam ist.

Die Absage an die westliche Zivilisation als angeblicher Verkörperung der Aufklärung – was die westliche Gesellschaft wirklich nicht ist.

Gemeinsam ist beiden darum auch die Absage an die Vorstellung, dass Menschen gemeinsam ihr Leben vernünftig organisieren könnten und nicht abhängige Variablen äusserer Umstände sein müssen. Gemeinsam ist zum zweiten die Bereitschaft, an das geheime Wirken höherer Mächte (guter und böser) zu glauben und die Welt durch geheimes Wissen erklären zu wollen.

Der dritte Berührungspunkt sind die absolut affirmativen, d.h. die bestehende Gesellschaft bestätigenden Vorstellungen über Gott und die Welt. Dennoch ist es zu einfach, Esoterik einfach umstandslos mit Faschismus oder Rechtsextremismus gleichzusetzen.

Das ist aber für eine ordentliche Kritik dieses höheren Blödsinns auch gar nicht nötig.

Junge Linke

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