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„Ein gutes Leben“ – für wen? | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Die zunehmende Brutalität „Ein gutes Leben“ – für wen?

Gesellschaft

2013: 435.000, 2014: 626.000, 2015: 1,xxx.xxx, 1/2016: 58.600 Flüchtlinge, 3.735 Tote. – In Zahlen und Statistik wird in dieser Welt alles wahrgenommen, nur so kann bewertet, berechnet, verworfen oder verwertet werden.

Syrische Kriegsflüchtlinge versuchen im August 2015 an der ungarischen Grenze in der Nähe von Roszke den Grenzzaun zu überwinden.
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Bild: Syrische Kriegsflüchtlinge versuchen im August 2015 an der ungarischen Grenze in der Nähe von Roszke den Grenzzaun zu überwinden. / Bela Szandelszky - Freedom House (PD)

4. April 2016
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Was Arbeit eigentlich ist…

Menschen sind in dieser Lebensordnung generell bei allem, was zählt, wandelnde Nummern, Ziffern, Zahlen auf diversen Konten und Berechnungen. Und wer am Ende sich nicht aus-zahlt, wird als (ver)störender Rest aus der Rechnung abgeschoben. Deren Zahl steigt auch hierzulande von Jahr zu Jahr. Und jetzt sind auch noch die Flüchtlinge einzurechnen!

Was bei uns erst anläuft, ist eben anderswo schon voll im Gang: Geld lässt sich nur mit gekaufter Arbeitskraft reell vermehren. Der Weg ist von der zunehmenden, konkurrenzgepeitschten Automatisation verstopft. Die Spekulationen fiktiver Geldhochrechnung in der Hoffnung darauf, dass es schon wieder einmal auch real gehen wird, platzen eine nach der andern. Und: Die Ausbeutung der Natur untergräbt die Grundlagen unseres nackten Lebens. In Ländern, deren Wirtschaft sich nicht mehr auf den Märkten behaupten kann und wo auf den Feldern oft jahrelang kaum mehr etwas wächst, wird in einem Weltsystem Hobbes’scher Wölfe Brachialgewalt zum Mittel der Bereicherung, ja der blossen Subsistenz, und Flucht der Weg zum Überleben.

Der Prozess beginnt bei den Schwächsten an der so genannten Peripherie – und frisst sich unaufhaltsam durch ins Zentrum, von dem aus diese Lebensweise mit Gewalt über die Welt verbreitet worden ist. Im Chaos, das sie jetzt gebiert, versuchen die selbst vom Verfall im Inneren schon angenagten alten Mächte mit Politik und Militär für sich zu sichern, was an Geschäftsmöglichkeiten und Ressourcen noch verwertbar scheint. Doch sie stabilisieren nichts mehr, vertiefen im Gegenteil das Chaos nur noch weiter.

An den Schutzzäunen der zentralen Festungen erscheint in Gestalt von Millionen Flüchtlingen eine Vorhut derer, die von den katastrophalsten Auswirkungen der Welt„ordnung“ betroffen sind. Und sie bleiben nicht mehr alle demütig in den Lagern oder auf den Strassen, wo sie „hausen“ müssen, sondern marschieren los an die, um die und durch die Zäune. Die Reaktion der Inwohner teilt sich in Hilfsbereitschaft und Angst bis Ablehnung, „Willkommens-Kultur“ und „Grenzen setzen“ bis „Werft sie raus!“. Das schwankt oft bei denselben Leuten. Systemkonform umgesetzt wird das in „Integrieren“ oder „Abschrecken“ und „Abschieben“.

Zweiteres wird in zunehmender Brutalität von den Staaten praktiziert. Der Mob hilft nach. Man will sie wie den Müll auswärts deponieren. Es wird auf Dauer dafür den scharfen Schuss noch brauchen. Auch diese Forderung der Rechten wird dann zur barbarischen Akzeptanz der Mitte drängen. „Integriert“ wird selektiv. Es heisst fit machen für Arbeit, anpassen an „unsere Werte“ und die „Leitkultur“. Sich dafür abmühen, dass eins hineinkommt in ein Getriebe, in dem mehr denn je die eine gegen den anderen gehetzt und das Heer der Verlierer und Überflüssigen ausgeworfen wird.

Für ein „gutes Leben“ die Welt verändern wollen viele, es kömmt aber darauf an, ob kalkuliert für uns und „die eigenen Leute“, die Volksgenossen, die Rechtgläubigen, die Leistungsträger, die ehrlichen Arbeiter usf. oder unberechnet für alle und alles, was da kreucht und fleucht. Es ist der Zweck, der seine Mittel sucht. An denen lässt sich erkennen, wofür sie zu brauchen sind. Das Freundliche mag klein sein, es ist das, was Gestalt sucht für eine gute Zukunft, dem ein Weg zu bahnen ist.

Wenn etablierte Herrschaft erodiert, tut sich einmal in Hunderten von Jahren inmitten von Gewalt und Niedergang ein Zeitfenster auf von mehr Wahlfreiheit als der zwischen Pepsi oder Coca Cola, nämlich die Chance für ein Leben in einem Netzwerk von Freundschaft in allen Graden von Nähe und Verbindlichkeit, das keine Feinde braucht, um sich zu halten – oder eben der Übergang zu bloss immer neuen Arten von Kampf und Unterdrückung. Dieses Fenster gilt es offenzuhalten, wo es sich auftut. Wir brauchen Zeit, nicht bloss zum Um-denken, wir müssen um-leben, die Lebensweise als Monaden, die in uns allen steckt, verlassen, zu einander finden! Miteinander probieren, reden, denken und dann von vorn und alles drei zugleich! Hic Rhodus, hic salta!

Lorenz Glatz
streifzuege.org

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