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Dortmund / Nordrhein-Westfalen / Deutschland Dortmund: Die unheimliche Nordstadt

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In der Dortmunder Nordstadt könnte sich gut eine Horrorgeschichte von H.P. Lovecraft abspielen, bricht doch das kosmische Grauen bei ihm häufig in jene Orte des Verfalls herein, die sich durch ethnische und kulturelle Vermischung auszeichnen.

Szene am Dortmunder Hauptbahnhof.
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Bild: Szene am Dortmunder Hauptbahnhof. / Holger H. (CC BY 2.0 cropped)

16. März 2012

16. 03. 2012

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Gerade die Vertreter dieser Mischlingsrassen sind die prädestinierten Helfer der Mächte, welche die Ordnung der Welt und die Gesundheit seiner zumeist angelsächsischen Protagonisten gefährden. 1 Michel Houellebecq schreibt in seinem biographischen Essay, dass eine der Grundfiguren in Lovecrafts Werk – die Vorstellung von einer titanischen und grandiosen Stadt, in deren Fundamenten es von abstossenden Gestalten aus einem Alptraum wimmelt – direkt von seiner Erfahrung mit New York herrührt: Aufgrund seiner schlechten finanziellen Situation war der Gentleman aus Providence gezwungen, in denselben Vierteln zu wohnen wie diese "obszönen, abstossenden und alptraumhaften" Einwanderer. 2 Behalten wir also den von phobischem Rassenhass geplagten Schriftsteller im Gedächtnis und beginnen unseren Spaziergang durch die Nordstadt.

Wenn man im Schatten maroder Altbauten die Mallinckrodtstrasse vom Hafen aus in östliche Richtung geht, überfällt einen spätestens am Nordmarkt das berühmte Unbehagen der Moderne. Hatte schon die Münsterstrasse mit ihren Dönerbuden und libanesischen Restaurants vergeblich eine "bunte Vielfalt" anzupreisen versucht, reisst der Migrationsabgrund nun endgültig ein Loch in deutsche Selbst- und Weltverhältnisse. Jeder sich noch so sicher geglaubten Toleranz wird hier misstrauisch in die Augen geblickt. Neben dem white trash, Penner und Junkies, die in dem trostlosen Park gegenüber von Netto eine ideale Stätte zur Verwirklichung ihres Siechtums gefunden haben, gibt es ansonsten nur Türken, Araber und Schwarze, die dort ihren zwielichtigen Geschäften nachgehen.

Die Ecke an der Schleswiger Strasse hat es mittlerweile zu einer traurigen Berühmtheit gebracht und der eine oder andere wird die entrüsteten Berichte über den Arbeiterstrich vielleicht aus den Medien kennen: Da lungern sie also wirklich herum, diese Tagelöhner, türkischstämmige Bulgaren, die uns als EU-Bürger ganz legal die Arbeit wegnehmen und mit Niedrigpreisen in den wirtschaftlichen Ruin treiben! Aber der Arbeiterstrich ist nicht das einzige Phänomen, das den Dortmunder Norden über seine Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht hat. Um das Bild eines "sozialen Brennpunktes" zu komplettieren, gesellt sich zu Gewalt, Armut und Kleinkriminalität der Puff auf der Linienstrasse und passagere Gelegenheitsprostitution um den Nordmarkt herum.

Gelangt man nach einer weiteren Viertelstunde auf den Borsigplatz, ist die optimale Gefühlsgrundlage dafür geschaffen worden, den Sarrazinschen Thesen über die Selbstabschaffung Deutschlands bedingungslos zuzustimmen. Aufgrund dieser inneren Reaktion nimmt es kaum Wunder, dass Dortmund schon länger als nordrhein-westfälische Hochburg der Neonazis bekannt ist. In dem heruntergekommenen Stadtteil kann man an sich selbst beobachten, wie der vergiftete Kleinbürgertraum von rassischer Sauberkeit in statu nascendi aus seinem nur leichten Schlummer zu neuem Leben erwacht.

Aber hinter diesem Reinheitsphantasma einer homogenen Gesellschaft verbirgt sich nicht nur die ganze Gewalt eines Verdrängungsapparates, der das Andere und Fremde aus dem eigenen Wirklichkeitsbereich auszugrenzen versucht, auch der Wunsch nach Unsterblichkeit findet hier versteckten Ausdruck. So schreibt Georges Bataille in einem Essay über Michelet: "Wie bestimmte Insekten sich unter gegebenen Umständen allesamt einem Lichtstrahl zuwenden, so wenden wir uns alle von einer Region ab, in der der Tod herrscht. Die treibende Kraft der menschlichen Tätigkeit ist ganz allgemein das Verlangen, den Punkt zu erreichen, der am weitesten vom Bereich des Sterbens entfernt ist (dem Bereich von Verwesung, Schmutz und Unreinheit): wir tilgen überall, in unermüdlicher Anstrengung, die Spuren, Zeichen und Symbole des Todes.

Wir tilgen sogar hinterher, wenn es irgend geht, die Spuren und Zeichen dieser Anstrengung. Unser Verlangen, uns zu erheben, ist nur ein Symptom, unter hundert anderen, für diese Kraft, die uns zu den Antipoden des Todes zieht. Das Grauen, das die Reichen vor den Arbeitern empfinden, die Panik, die Kleinbürger bei der Vorstellung ergreift, in die Lage der Arbeiter zu geraten, beruhen darauf, dass die Armen in ihren Augen stärker als sie selbst unter der Peitsche des Todes stehen. Bisweilen mehr als der Tod selbst, sind diese trüben Spuren des Schmutzes, der Ohnmacht, des Verderbens, die auf ihn zugleiten, Gegenstand unseres Abscheus." 3

Wer von diesem Putzwahn jedoch ermüdet ist, wer genug hat von all dem Luxus und Komfort, der nur als Schutz vor dem Leben dient, und innerhalb der (Ich)Grenzen seines idyllischen Stadtteilbezirkes vor lauter Sterilität allmählich zu ersticken droht, der komme doch in die Nordstadt! Freilich nicht, um sich bloss für kurze Zeit einmal fremd im eigenen Land zu fühlen, wie jene blasierten Grossstädter aus Michael Glawoggers Film Slumming, die aus der räumlichen Differenzierung in jeweils unterschiedliche Lebenswelten eine Art "Slum-Tourismus" der Moderne machen. Der dauernde Besuch lohnt vielmehr deswegen, weil man hier in der Nordstadt die Gelegenheit bekommt, in jenen "obszönen und abstossenden" Fremdländern nur die Verlebendigung und Verkörperung seiner eigenen schlechten Gedanken zu entlarven. Denn "das Fremde ist das Eigene, Vertraute und Heimliche im Anderen und als der Andere und darum – wir erinnern hier an eine Erkenntnis Freuds – das Unheimliche." 4 Wer an Wortspielen Gefallen findet, könnte auch sagen: "Ich ist ein (Migrations)Anderer!"

M. A. Sieber


Erstveröffentlichung in: Die Brücke. Forum für antirassistische Politik und Kultur 151 (2012) 1, S. 17–18

1 Vgl. Gilles Menegaldo: Die Stadt im Werk von H.P. Lovecraft. In: Franz Rottensteiner (Hrsg.): H.P. Lovecrafts kosmisches Grauen. Frankfurt am Main 1997, S. 231–244, hier: 233.

2 Vgl. Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben. Köln 2002, S. 98.

3 Georges Bataille: Michelet. In: Ders.: Die Literatur und das Böse. München 1987, S. 57–67, hier: 59.

4 Helmuth Plessner: Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht. Gesammelte Schriften 5. Frankfurt am Main 1981, S. 135–234, hier: 193.



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