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Über den Herausgeber Josef Joffe «Die Zeit»: Wenn der Boss kommentiert

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Der Herausgeber der Wochenzeitung «Die Zeit» hat sein eigenes Weltbild. Es ist bemerkenswert einäugig.

Logo der Wochenzeitung «Die Zeit» am Pressehaus in Hamburg.
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Bild: Logo der Wochenzeitung «Die Zeit» am Pressehaus in Hamburg. / Manfred Sauke (CC BY-SA 3.0 unported)

25. Juni 2014

25. Jun. 2014

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«Die Zeit» aus Hamburg ist, der Superlativ sei riskiert, die beste Wochenzeitung im deutschen Sprachraum. Von Gerd Bucerius gleich nach Kriegsende 1946 gegründet, hat sich das Blatt neben den grossen Tageszeitungen Deutschlands – Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Frankfurter Nachrichten – zum deutschen Weltblatt hochgearbeitet. Ob Politik oder Wirtschaft, Feuilleton oder Dossier, hier schreiben von den besten Journalistinnen und Journalisten deutscher Zunge. Selbst die drei Wechselseiten «Schweiz», welche bei den in der Schweiz verkauften Ausgaben der «Zeit» den ersten Bund abschliessen, zeigen regelmässig hohe Kompetenz und stehlen da, wo die NZZ der ihr nahestehenden Grossbanken wegen ein Thema unter den Teppich zu kehren versucht – etwa beim UBS-Sponsoring-Vertrag mit der Uni Zürich – dieser sogar die Show.

«Die Zeit», eine wirklich gute Zeitung, wo wenig Wünsche offen bleiben.

Wenn da nicht der jetzige Herausgeber Josef Joffe wäre.

Oft schreibt er zwar nicht, dieser Josef Joffe. Ein Herausgeber, in der internen Hierarchie dem Chefredakteur übergeordnet, hat ja andere Aufgaben als gewöhnliche Journalisten. Er muss vor allem repräsentieren. Aber wenn er schreibt, steht sein Kommentar fast immer zuvorderst, auf der Frontseite. Es muss ja gesehen werden, wenn der Boss selber in die Tasten greift.

Nur eben: Auch der Ärger des Lesers, der Leserin ist dann grösser. Oder die Enttäuschung. Oder die Wut. Es bleibt dann nicht nur beim Kopfschütteln über eine Sottise, deren es natürlich auch in der «Zeit» immer wieder hat.

In der letzten Ausgabe, Nr. 26 / 2014, ist wieder so ein Beispiel eines Joffe'schen Kommentars:

«Vor einem Vierteljahrhundert ging ein Aufsatz um die Welt, der mit hegelscher Gewissheit das ‚Ende der Geschichte’ verkündete. Die grossen ideologischen Kriege waren vorbei, die Totalitären hatten verloren. Die Zukunft gehörte der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie. Die Ereignisse schienen dem Autor Francis Fukuyama recht zu geben: Mauerfall, Diktatorendämmerung, Selbstentleibung der Sowjetunion.»

»Heute signalisieren Russland und China, der Iran und die islamistische Terrorgruppe Isis: Das ‚Ende’ war bloss eine Pause, der kurzlebigen Vorherrschaft Amerikas geschuldet (Auszeichnung cm). Die liberale Weltordnung ist auf dem Rückzug, die Machtpolitik auf dem Vormarsch. Die Wegmarken sind Syrien, die Ukraine und der Irak; Irans Atomrüstung und Chinas Ausgreifen im Pazifik. Die Ambitionen der Aufsteiger sind die eine Ursache, die ‚Selbsteindämmung’ Amerikas die zweite.»

»Die neuen Machtpolitiker haben das Vakuum sehr wohl erkannt, das die ermüdeten USA nach 13 Jahren Krieg in Mittelost, nach 5.000 Toten und vier Billionen Dollar, hinterlassen haben.»

Und ein paar Zeilen weiter unten bedauert Joffe denn auch konsequent, dass die USA ihre Rüstungsausgaben reduzieren wollen. Joffe noch einmal wörtlich: «Während Russland und China ihren Militärhaushalt doppelstellig erhöhen, sinken die US-Rüstungsausgaben noch schneller, übrigens mit kräftiger Hilfe der Republikaner. Angepeilt ist ein Anteil von 2,2 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Hälfte des historischen Durchschnitts.»

So einfach also ist die Welt. Die gute alte Zeit der «liberalen Demokratie und der Marktwirtschaft» ist vorbei, die wir gemäss Joffe allein den USA zu verdanken haben. Und jetzt? «Die Machtpolitik ist auf dem Vormarsch!» Russland, China, Iran!

Es kommen einem die Tränen. Wie war das doch schon wieder im Irak? Haben da nicht die USA selber unter einem frei erfundenen Vorwand und ohne UNO-Mandat zugeschlagen? Und: Im Jahr 2013 beliefen sich die Rüstungsausgaben der USA auf 680 Milliarden US-Dollar, auf mehr also, als die Rüstungsausgaben der acht (!) nächsthöchsten Militärbudgets der Welt zusammen, als da sind China, Russland, Saudiarabien, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Japan, Indien und Südkorea – zusammen, notabene! Und jetzt wollen sie, die USA, ihre Rüstungsausgaben reduzieren. Furchtbar!

Ein solcher Kommentar hat in der «Zeit» nirgends Platz. Es sei denn auf der Frontseite – von ihrem Herausgeber.

Christian Müller / Infosperber

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