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Nach dem Attentat von Paris: Hört auf, euch in ein „Wir“ zwängen zu lassen, dem ihr gar nicht angehört.

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Bild: mout1234 (CC BY-NC-ND 2.0)

24. November 2015

24. Nov. 2015

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Es wurden empörend viele dumme Texte in einer erstaunlich raschen Abfolge produziert, nachdem eine Zelle des „Islamischen Staates“ (IS) in Paris über 100 ZivilistInnen tötete. Die meisten dieser Dokumente fortschreitender Verblödung müsste man nicht einmal kommentieren, wenn sie nicht trauriger Weise sogar funktionieren würden. „Funktionieren“ tun sie, weil sie gar nicht geschrieben sind, um einen wie auch immer gearteten Erkenntnisgewinn zu produzieren. Vielmehr wollen sie die nun panisch vor Angst nach Halt suchenden Monaden der kapitalistischen Metropolen gerne einfangen und in ein Kollektiv pressen, das – je nach Schreiberling – ganz eigene Zwecke erfüllt.

Eine oberflächlich betrachtet harmlose Variante dieses Versuchs, präsentiert uns die Guardian-Autorin Suzanne Moore. Sie hat endlich alles durchschaut. Der „Islamische Staat“ hat es auf unseren „Joy“, unsere Lebensfreude und unseren Spass, abgesehen. „Die Angreifer von Paris können die eine Sache, die sie am meisten hassen, nicht umbringen: Den Spass.“ Die liebenswert blöde Moore weiss sodann auch schon, wie der „Widerstand“ zu organisieren ist. Am Tag nach dem Attentat war sie nämlich Kuchenessen mit ihrer Familie. Sicher, so viel kann auch sie verstehen, durch „Kuchen alleine“ werden sie nicht besiegt, die bärtigen Spassverderber. „Aber ich denke schon, dass gutes Leben eine Form des Widerstands ist und Paris das am besten von allen Orten verkörpert.“

Nimmt man der Erklärung ihre kindische Ausformulierung ist sie eine der gängigen: „Wir“ haben einen supertollen Lebensstil, der von „Liebe und Leben“ (Moore) geprägt ist, und das können die Terroristen halt einfach nicht ertragen, weil die mögen lieber den Tod. Das Problem an dieser Erklärung ist: Das „Wir“ mit dem supertollen Lebensstil existiert nicht. Und das ist etwas, das sich in Paris wirklich gut darstellen lässt. Denn während die „award winning“ Guardian-Kolumnistin ihren Kuchen frisst, sitzt man in den Banllieues schon an der ganz dünnen Wassersuppe. Ob die „Kritik“ Moores an der Todesliebe der Dschihadisten zutrifft oder nicht: Das vermeintlich klassenlose „Wir“, das im „Westen“ ein so gutes Leben führt und das sie gerne verteidigen will, existiert so nicht.

Die politisch dezidiertere Form dieses „Wir“ findet sich dann auch bei jenen Autor_innen, die uns gerne für dieses „Wir“ nicht an den Kuchen, sondern zu den Waffen rufen wollen. Bei Julian Reichelt von der Bild etwa. Ob man jemanden, dessen „Kommentare“ grade mal die Länge einer SMS haben, Journalisten nennen kann, ist unklar, aber wenn er einer ist, dann ruft „uns“ dieser Journalist auf: „Die Wahrheit ist unbequem: Der Kampf gegen ISIS erfordert Opferbereitschaft.“ Opferbereitschaft für „unsere Gesellschaft in ihren weltoffenen und freiheitsliebenden Grundfesten“. U serious? Die weltoffene „Festung Europa“, an deren Weltoffenheit jährlich tausende zerschellen? Das „freiheitsliebende“ Europa, in dem Millionen von working oder non-working poor die Freiheit geniessen, nicht zu wissen, wie man nächste Woche über die Runde kommt?

Ihr eigenes „Wir“ wollen uns nun auch die Rattenfänger von „Identitären“ über Front National bis Pegida ans Herz legen. In dieser vom rechtliberalen Mainstream zwar verschiedenen, aber nicht grundsätzlich anderen Version des nun zu verteidigenden „Wir“ sind „wir“ vor allem die, die nicht islamisch sind. „Was nun vonnöten ist, ist die Betonung der Werte von Souveränität, Leitkultur, Staat, Nation und Familie, verbunden mit einer entsprechenden konkreten politischen Praxis der Grenzschliessung und Remigration“, heisst es in einem Debattenbeitrag der Identitären.

Das Gros der bürgerlichen Autor_innen ist bemüht, eine einfache Dichothomie aufzumachen. Hier ein „Wir“, dem der Multimilliardär genauso angehört wie der darbende Habenichts, der Massenmörder Oberst Klein genauso wie der Hippie-Friedensaktivist, der Flüchtlingshelfer genauso wie Markus Söder. Und dort die anderen, die dieses entweder als „Nation“ oder „Europa“ oder „westliche Wertegemeinschaft“ bestimmte „Wir“ gefährdet.

Dabei gerät aus dem Blick, dass der „Islamische Staat“ nicht das völlig Andere ist, das aus einem nicht bestimmbaren Aussen auf die kapitalistische Moderne kam. „Der IS stellt somit gewissermassen ein Nebenprodukt der krisenhaften kapitalistischen Globalisierung dar. Hierbei handelt es sich gerade nicht um eine autochthone, traditionalistische und aus den regionalen Sippenverbänden und ‚Stämmen‘ hervorgegangene Aufstandsbewegung, sondern um eine im höchsten Masse globalisierte Besatzungsarmee, die sich in den sozioökonomischen und politischen Zusammenbruchsregionen des Zweistromlandes konstituierte. […] In der barbarischen Gegenwart islamistischer Ideologie und Praxis findet der kapitalistisch-liberale Westen somit die Echos seiner eigenen blutgetränkten Vergangenheit. Mehr noch: Der barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung kommt im extremistischen Islamismus wie im Rechtsextremismus zum Vorschein. […] Der Islamismus ist somit – genauso wie der Rechtsextremismus – ein Produkt der Weltkrise des Kapitals“, schrieb Tomasz Konicz bereits vor einiger Zeit*.

Das „Wir“, in das wir als Menschen, die ein Interesse an der Überwindung von Kapitalismus genauso haben, wie eines an der Zerschlagung des IS, kann weder das von Francoise Hollande, noch das von Abu Bakr al-Baghdadi sein. Das „Wir“, das wir brauchen, ist eines, das wir selber zu schaffen haben, und in dem kurdische Guerilleras, rebellierende Jugendliche in den Vorstädten, fabriksbesetzende Arbeiter_innen in Griechenland und LGTB-Aktivist_innen aus der Türkei vorkommen. Generell gilt: Wollen dir ein Julian Reichelt oder ein Markus Söder erklären, es gebe irgendein relevantes „Wir“, das dich mit ihnen zusammenschliesst, lauf. Lauf weit und schnell.

Fatty McDirty / lcm

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