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Die Massnahme: Innenansichten der Hartz-4-Welt | Untergrund-Blättle

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Innenansichten der Hartz-4-Welt Die Massnahme

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Wie ein Bächlein plätschern die Worte von Frau K. durch den ungeschmückten Raum mit dem U-förmigen Tisch, um den wir herumsitzen. Wir sind „totes Humankapital” und befinden uns in einer an das Arbeitsamt angeschlossenen Massnahme, die wieder nützliche Mitglieder der Gesellschaft aus uns machen soll.

Agentur für Arbeit an der Hünefeldstrasse in Wuppertal.
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Bild: Agentur für Arbeit an der Hünefeldstrasse in Wuppertal. / Frank Vincentz (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

10. Februar 2015

10. 02. 2015

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Vielleicht soll sie das. Vielleicht soll sie aber auch ganz einfach das „tote Humankapital” mittels organinisierter Langeweile aus dem Bezug von Sozialleistungen herausdrängen, wofür spricht, dass von den anfänglich 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmern meines „Kurses” ganze 2 übriggeblieben sind. Von den anderen mögen sich manche einen Job besorgt haben; die Meisten dürften einfach eine Kürzung in Kauf genommen haben.

Nachdem wir die letzten Tage damit verbracht haben, so zu tun, als ob wir Bewerbungen schreiben – tatsächlich haben wir die Zeit mit Zeitung lesen, Filme schauen und Computer spielen herumgebracht -, steht heute eine Art Seminar auf dem Unterrichtsplan. Das ist schlimmer als einfache Bewerbungsimitationen am Rechner, denn inmitten küchenpsychologischer Rollenspielchen fehlt der Raum etwas Sinnvolles zu tun – z.B. Zeitung lesen, Computer spielen oder Filme schauen. Am schlimmsten sind allerdings Unterrichtsstunden wie die heutige über “Gewaltfreie Kommunikation”, die fast physische Schmerzen verursacht.

Frau K. ist auf der Uni sicherlich hervorragend qualifiziert worden. Sie hat alles gelernt, was sie zur gewaltfreien Kommunikation und ihrer Vermittlung wissen muss. Es gibt sicher wenige Leute auf der Welt, die so schön von Wolfs- und Giraffenohren erzählen können, dass man mit geschlossenen Augen meint, klare Gebirgsbäche flössen durch den Seminarraum. Komischerweise hat ihr jedoch niemand erzählt, dass es vollkommen absurd ist, in einem Raum, den alle Anwesenden nur wegen der drohenden Leistungskürzung betreten haben, von „gewaltfreier Kommunikation” zu erzählen. Und warum kommt sie nicht selbst darauf?

Die Massnahme hat aber auch ihre guten Seiten: Seit meiner Bekanntschaft mit Frau K. verstehe ich besser, warum die Linke in vielen subproletarischen oder proletarischen Milieus keine Chance hat, warum vielen Leuten ein Messer in der Tasche aufgeht, wenn man ihnen mit diesem ganzen soziologischen Gerede von Gleichberechtigung und Antidiskriminierung kommt. Warum all dies – kurz und nicht gewaltfrei kommuniziert – als verlogene Scheisse empfunden wird. Die Indienstnahme emanzipatorischer Ansätze und Techniken vergiftet diese und macht sie unbrauchbar.

Empörung und Unbehagen über den alltäglichen Irrsinn verschwinden allerdings nicht, wenn einmal “gewaltfrei” darüber geredet wurde. Sie werden sich einen Weg ins Tageslicht verschaffen, und das ist nicht immer schön und spielt – neben anderem – auch bei den aktuellen rassistischen Bewegungen wie “PEGIDA” eine Rolle.

Sicher würde ich Frau K. Unrecht tun, wenn ich sie persönlich für den Erfolg von “PEGIDA” verantwortlich machen würde. Das hat sie wirklich nicht verdient. Dazu ist sie ein zu kleines Licht am Himmel der Massnahmenindustrie. Ausserdem ist Berlin nicht Dresden und die rassistische Massenansammlung nicht in erster Linie eine Sache der Unterschicht. Hier kommt die ganze gefühlte „Volksgemeinschaft” zusammen und das nicht wegen sozialen Themen, sondern wegen der „Volksgemeinschaft”. Aber Unterschicht ist auch dabei und hier trifft man mit Sicherheit auch eine ganze Menge Leute, die das letzte Mal bei den Protesten gegen die Einführung von Hartz4 auf die Strasse gegangen sind und sich jetzt nach rechts politisieren.

Ich weiss nicht, ob Frau K. Kolleginnen und Kollegen ihres Schlages in Dresden hat. Ich habe auch keine Ahnung ob die sächsische Landesregierung so etwas zulassen und was der sächsische Landesverfassungsschutz dazu sagen würde. Wenn wir einmal annehmen, dass derlei Seminare auch in Dresden stattfinden, haben sie natürlich auch nicht PEGIDA erfunden. Da gibt es viele andere Quellen. Aber sie tragen – genau wie Frau K. – eine Verantwortung dafür, dass Ideen und Techniken, die mal emanzipatorisch gemeint waren, als Herrschaftstechniken empfunden werden, ja zu solchen mutieren. Oder was soll es sonst sein, wenn uns Frau K. zu Beginn der Massnahme suggeriert, wir könnten die Regeln dieser Veranstaltung mitbestimmen, um uns dann auf unbedeutende Nebenschauplätze zu verweisen?

Der „gewaltfreien Kommunikation” sowie anderen an sich interessanten und wichtigen, von Frau K. vom Pult der Massnahme-Coacherin eingebrachten Themen wie Gender, Diskriminierung und Antirassismus täte es gut, wenn wenn sie vom Lehrplan der Massnahmeträger verschwänden. Denn in einer Umgebung voll struktureller Gewalt ist der Gewinn, den die Massnahmeinsassen aus ihnen ziehen können nur der zynische Spass in der Mittagspause beim Imbiss um die Ecke. Was immer noch weniger zynisch ist, als die Indienstnahme dieser Themen durch die Massnahmenindustrie.

Delierio Dreck / lcm

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