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Ein kluger Beobachter geht in Pension Deutschland und die Schweiz

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Radio-Hörer kennen ihn: Casper Selg war in den letzten Jahren Korrespondent in Berlin, war früher aber auch Korrespondent in den USA und arbeitete in der Redaktion des Echos der Zeit als Moderator.

Wasserkraftwerk Rheinfelden, Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz.
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Bild: Wasserkraftwerk Rheinfelden, Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz. / Norbert Utz (CC BY-SA 4.0 cropped)

2. Juli 2015

2. Jul. 2015

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Wer sich Casper Selgs scharfsinnige Analyse gerne anhört, clicke hier auf Echo der Zeit. Wer lieber liest, bitte:

«Deutschland ist uns Deutsch-Schweizern nah. Geografisch. Kulturell. Wirtschaftlich. Deutschland ist aber erheblich weiter weg, als man denkt. Deutschland steht eigentlich vor gleichen Fragen wie wir. Umweltprobleme, Energiewende, Währungsfragen. Aber Deutschland geht mit alledem völlig anders um als die Schweiz.

Deutschland ist beispielsweise überzeugt, dass es eindeutig zu klein sei, um in 30 oder 50 Jahren für sich allein bestehen zu können. Die zehn mal kleinere Schweiz scheint da kein Problem zu sehen.

Deutsche Politiker von links bis fast rechts aussen sehen keine Alternative zur EU. Zu einem Europa, in welchem die Grenzen aufgegangen sind, ein grosser Politik- und Wirtschaftsraum entstanden ist.

Weil man – politisch gesehen – nur so die grauenhaften Kriege verhindern könne, welche den Kontinent in regelmässigen Abständen verwüstet haben. Der zentrale Satz in den Reden des ehemaligen Frontsoldaten Helmut Schmidt lautet immer wieder: «70 Jahre Frieden, 70 Jahre Frieden in Europa. Das hat es noch nie gegeben. Und das ist alle Mühen wert.»

Vor allem aber steht die deutsche Politik zur EU, weil man – wirtschaftlich – nur so werde bestehen können in Zukunft. Wenn Zentren wie China, Indien, Brasilien und andere noch erheblich grösser und mächtiger sein werden.

In der Schweiz sind solche Überlegungen bei sehr vielen kein Thema. Man ist umgekehrt überzeugt, dass der Zusammenschluss der Europäer mehr Probleme schaffe, als er löse. Dass man seine Identität nur in der Abgrenzung erhalten könne.

Angela Merkel betont – gleich wie linke und rechte deutschen Politiker – immer wieder, dass unsere Werte, Demokratie, Meinungsfreiheit, unabhängige Justiz, Religionsfreiheit, Schutz der Umwelt, in 50 Jahren Minderheitsanliegen sein werden in einer Welt, in welcher Länder mit völlig anderen Vorstellungen den Ton mitangeben werden. China, Russland, Indien, arabische Länder. Allein deswegen, sagt Merkel immer wieder, sei der Zusammenschluss, die Wertegemeinschaft der Europäer unabdingbar.

Deutschlands Bild von sich und seiner Umwelt unterscheidet sich sehr stark von dem der Schweiz. Das muss die Schweiz wissen, wenn sie mit Deutschland redet.

Kürzlich hat eine Schweizer Parlamentarierdelegation Berlin besucht. Ein führender Berner Politiker sprach davon, dass man Deutschland sehr wohl dazu bewegen könnte, bei der Personenfreizügigkeit nachzugeben. Schliesslich sei die Schweiz einer der wichtigsten Handelspartner. Die Deutschen würden nicht auf uns verzichten können.

Wer so argumentiert, überschätzt zum einen das Gewicht der Schweiz in der deutschen Diskussion. Wenn Deutschland sich Sorgen wegen Handelsvolumen macht, dann eher wegen Märkten wie den USA, China, Südostasien, Russland. Er verkennt aber vor allem die deutsche Sicht auf Europa und auf die kommenden Zeiten.

Deutschland will in einem geeinten und solidarischen Europa leben. Da ist die Vorstellung ziemlich gewagt, dass man ausgerechnet eine Säule dieses Europa schwächen wollte, die Freizügigkeit, und dies zugunsten eines kleinen aber sehr reichen Landes, das bei diesem solidarischen Europa nicht mitmacht.

Deutsche Menschen haben sehr wohl Respekt vor der Schweiz. Und ihrer Haltung. Man mag das kleine, schmucke, saubere Nachbarland mit den guten Löhnen, mit den pünktlichen Zügen, ohne das Bankgeheimnis. Auch wenn sich viele die Reise dahin nicht mehr leisten können. Und auch wenn man diese Schweiz nicht wirklich versteht. Kaum ein Deutscher, eine Deutsche weiss Bescheid über dieses eigenartige System, in welchem irgendwie auch die Opposition in der Regierung sitzt. In welchem die Bundespräsidentin jedesmal wieder anders heisst und in dem die stärkste Partei Parolen skandiert, welche in Deutschland als rechtsradikal verstanden werden.

In der Schweiz ist mehr anders als die meisten Deutschen glauben.

Und in Deutschland ist wesentlich mehr erheblich anders als viele Schweizer meinen.»

Christian Müller / Infosperber

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