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Der Frühling, die Blondinen und die Lüge | Untergrund-Blättle

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Sport Utility Vehicles (SUV) Der Frühling, die Blondinen und die Lüge

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Seit sechs Jahren notiert Freund Johannes Tütenholz, reich an Schrullen und Verschrobenheiten, neben allerlei anderem Überflüssigen das Datum seiner jährlichen Erstbegegnung mit einem Kabrio mitsamt Inhalt.

Shopping Mall in Montevideo, Uruguay.
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Bild: Shopping Mall in Montevideo, Uruguay. / Errefe (PD)

10. März 2015

10. Mär. 2015

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„10. März 2015, 1. Cabriolet des Jahres, Mann mit Glatze am Steuer, Frau mit Kopftuch, ein paar blonde Strähnen wehen, der Frühling ist da! Endlich!“ Tütenholz ergänzte: „TOTAL-Tankstelle, Nibelungen Ecke Eckenheimer Landstrasse“. Besagte Kreuzung liegt in Frankfurt am Main. Die Eckenheimer Landstrasse ist eine stark befahrene Ein- bzw. Ausfallstrasse. Auf der fahren viele, die in Taunus-Orten wohnen und in Frankfurt arbeiten.

Tatsächlich war der erste März des Vorjahres ein trockener Tag mit bis zu 16 Grad Plus. Frankfurt am Main liegt klimatisch günstig: Der Frühling zieht zwei, drei Wochen früher als etwa in Frankfurt/Oder ein; auch geht der Sommer zwei, drei Wochen später. Ein gutes Klima für Kabrios.

Diese halbierten Autos ergänzen aufs Putzigste die Sport Utility Vehicles (SUV), jene gepanzerten Fahr-Festungen, mit denen dünne Frauen zwischen 30 und 45 ihre leibeigenen Kinder die 800 Meter von daheim zur Schule oder in den Kindergarten fahren. Um fair zu sein: Es können auch ein paar Kilometer mehr zusammenkommen, wenn der Reitstall oder der Chinesisch-Kurs für fortgeschrittene Dreijährige nicht ganz in der Nähe sind. Längst wäre die vom Freunde übermittelte Notiz vergessen, hätte er mir nicht am Telefon von jenen „blonden Frauen, die hinter den getönten Scheiben ihrer SUVs uniform aussehen wie eine Mischung von Carrie, Samantha und Miranda“ berichtet.

Eine Koinzidenz: die ‚blonden Strähnen’ trafen auf die ‚blonden Frauen’, und alles zusammen fügte sich zur Volksliedzeile: Blond, ja blond sind alle meine Kleider, blond ja blond ist, alles was ich hab, darum lieb ich, alles, was so blond ist, weil mein Schatz eine Blondine ist.

Der Witz ist: Die meisten Blondinen sind natürlich nicht blond; die meisten Blondinen sind blond nicht natürlich. Der Oberwitz ist: Sie werden trotzdem als Blondinen betrachtet, gepriesen, auf Covers und in Show-Veranstaltungen hingestrahlt, dass es nur so prasselt. Der Lifestyle blonde macht aus der Heidemarie eine Carrie und aus der Cindy eine Samantha. Und wenn Heidemarie SUV und Cindy Kabrio fahren, die Sonnenbrille auf der Nase oder bei Regen im Haupthaar tragen und bis in die Seele hinein epiliert sind – dann geht die hübsche Lüge um. Die zur Wirklichkeit wird, wenn sie nur oft, nachhaltig und mächtig genug behauptet wird. (So funktioniert es schliesslich auch mit der Freiheit, dem Wohlstand und all den Zutaten, die unsere Welt zur besten aller Welten macht.)

Mir werden immer mal wieder Frauen als blond beschrieben, die doch gar nicht blond sind. An den Haarwurzeln ist’s zu sehen, oft an der Farbe – und wenn ich dann sage, he, sie ist nicht blond, sie ist gefälscht blond, dann wird darauf beharrt, dass sie blond sei. Der Wunsch wird zur materiellen Gestalt. Es muss sein, was sein soll. (So funktioniert es schliesslich auch mit… – ach, das sagte ich schon.)

Es heisst, dass etwa zwei Prozent der Erdbevölkerung blond sind. Da könnte – zieht man den Anteil blonder Männer ab – faktisch jede deutsche Frau blond sein, echt blond. Nehmen wir noch ein paar Ukrainerinnen, Schwedinnen und Französinnen dazu - der Rest der Welt wäre dann eben nicht blond, Pech gehabt. Muss der eben tun, was die meisten ‚Blonden’ tun: das Blondsein fälschen.

Das zieht sich von der Antike her bis zu den Hochglanzmagazinen und „Leute heute“-Sendungen durch. All die Carries, Samanthas und Mirandas! All die knochigen Knie über den High Heels! All diese Dreihundert-Euro-Scheine, die um Umlauf sind und für bare Münze genommen werden! Es ist wie mit diesen Magazinen, die derzeit boomen. Die vom Leben auf dem Lande erzählen, als hiesse jeder Bauer Pilcher und als wäre jeder Schweinestall ein Cottage.

Dieser Lifestyle steckt sogar Leute an, die ich für immun hielt.

Neulich besuchte ich einen Freund, der hatte tatsächlich eine Wand seiner Stube mit echten Feldsteinen zugeklebt und derbe Balken unter die Decke gezogen. Der einst grosse Raum war sichtbar kleiner und düsterer geworden. „Landhausstil“, erklärte er mit den Augen des Kindes, dem der Weihnachtsmann endlich das ferngesteuerte Rennauto (bzw. SUV) unter den Christbaum gelegt hatte.

Zum Glück gibt es die Dokumentarfilmreihe „Bauer sucht Frau“. Die Wahrheit kommt auf einem Traktor daher.

Aber das alles kann einem wie mir egal sein. Ist nicht der Rede wert. Ich freue mich trotzdem auf den kommenden Frühling. Ausserdem: Hat nicht Erich Kästner längst alles zum Thema „Klavier, ans Knie genagelt“ gesagt?

Die verfrühten Frühlingsgefühle - schüttle sie ab, Freund Tütenholz, wie die Goldmarie (blond!) die Äpfel vom wimmernden Baum. Die Scheine für das Blondieren mögen siegen über das Sein der Wirklich-Blonden. Der Umgang mit Menschen lehrt, dass, wo blond drauf ist, nicht blond drunter sein muss. Der Umgang mit Menschen lehrt ja auch, dass sie betrogen sein wollen. Na und? Wir beide, Johannes und ich, wissen mit Heinrich Mann: Nur die ganz grossen und auffälligen Lügen werden geglaubt.

Eckhard Mieder

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