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Das schöne Gestern | Untergrund-Blättle

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Es tät‘ mich interessieren. Wie es wäre, wenn’s heute noch einen Honecker gäbe, lebenszeitlich knapp, aber denkbar, den Krenz gibt’s ja noch, den Modrow und den einander oder anderen auch.

Graffiti in der East Side Gallery.
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Bild: Graffiti in der East Side Gallery. / Iain Sheppard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

3. April 2015

3. Apr. 2015

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Korrektur
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Östlich des vor sich hin modernden Eisernen Vorhangs. Wie es wäre, wenn sie die Pensionäre wären oder die grad Verabschiedeten oder die grad Ausgestossenen, Verdienstvollen der bundesdemokratischen Demokratie von Amerikas strategischen Gnaden – in diesem SSSS (Schnick-Schnack-Schnuck-System) der Verbrämung und Schönschreibung?

Grad jetzt interessiert es mich mal. So als Rummel-Spiel, für das man Bälle kauft, um sie gegen Eierköppe zu werfen. Oder auf vorbei galoppierende Zeitgenossen.

Grad jetzt interessiert es mich mal, wo der Gauweiler geht und ihm wohlwollend nachgeworfen wird, was er doch für ein Querkopf und Original gewesen sei (es scheint abgemacht zu sein, dass jedes … Meriten hat, nur weil er jahrzehntelang ein … war) -, der Geissler schon ein paar Jahre seine Schöne-Legenden-Runden dreht -, der Schmidt sowieso Kette raucht und der älteste Mensch der Erde werden wird -, und der Schröder ist grad frisch geschieden und hat ein Bismarck-Bild im Büro hängen, und jemand schreibt über ihn und ist ziemlich begeistert, dass der Ex-Kanzler mit einer schweren, schwarzen Mercedes-Limousine vorfährt -, und nun noch der olle Helmut, der tapfer auf den zustürmte, der ihn mit einem Ei bewarf, der Helmut hatte eben Geburtstag, 85 ist er geworden, ei der Bub!

Erinnern Sie sich noch? RÜHREND! Nicht das Ei. Das alles so. Sie haben es immer und überall nur gut gemeint. Hinter welcher Tulpe seines Gartens klebt Joschka Fischer grad Pflaster auf die Wunden eines verletzten serbischen Regenwurms?

Politiker haben Glück. Vermutlich wissen sie davon, deshalb können sie schamlos und unbestraft von wirklich-demokratischer und wirklich-öffentlich-vielfältiger Kritik agieren. Sie haben das Glück, dass es kein Gedächtnis gibt. Anders gesagt: Es gibt das Gedächtnis des Archivs, gewiss. Es gibt womöglich ihr eigenes Gedächtnis, darüber verfügen sie mit Recht selber. Es gibt aber das Gedächtnis des Tages nicht. Nicht das der Tagespolitik.

Nicht das der – Überprüfung oder Befragung oder des Innehaltens und der Frage: Moment, wer war das gleich noch mal, der mir heute vom Mondschein schwärmt, und gestern war er noch Sonnenanbeter? Was hat er grad gesagt, war das gestern nicht was anderes, und welche Koalition, welcher Kompromiss, welche Kacke hat grad stattgefunden? Ach sooooo, jaaaaa, Demokratiiiiiiiie, Entschuldigung! Wenn alles eins ist, dann ist auch alles keins; niemand ist/war für irgendwas verantwortlich, bis auf Gott in der Höhe, Gott im Nebel, also warum der sich jetzt nicht meldet, weiss ich auch grade nicht. Ich bin’s nicht gewesen, der Dingsdabumsda ist’s gewesen …

Politiker haben richtig viel Glück. Weil: Sie können mit der teils Uninteressiertheit des Publikums, teils mit der Verführbarkeit und Vergesslichkeit des Publikums, teils mit der Manipulierbarkeit des Publikums (durch mindestens ebenso vergessliche, und das wäre noch das angenehmste, was über diese Art der Huldigung zu sagen wäre, Journalisten) rechnen.

Um auf Honecker u. a. Untote zu kommen. Auch über sie würden wir Geschichten erzählt bekommen, plötzlich, als seien nicht nur sie, sondern auch wir so altersmilde geworden, dass wir sie als Weise, als Heroen, als Charakterköpfe oder sonstige Porzellan-Figuren in die Regal-Bretter der Ewigkeit stellen. Das Schreckliche daran ist: Diese heiligsprechende Unterwürfigkeit geht in Ewigkeit weiter. Das Tröstliche an all dem ist: Diese Ewigkeit ist schon morgen perdu. Das Tröstlichste daran ist: Die Typen gehen mir alle am Arsch vorbei.

Eckhard Mieder

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