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Pandemie Kriegstagebücher - Sperrstunden Blues (Notes of a Dirty Old Man) | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Sperrstunden Blues (Notes of a Dirty Old Man) Pandemie Kriegstagebücher

Gesellschaft

«Die längsten Reisen fangen an, wenn es auf den Strassen dunkel wird.» Jörg Fauser

9. Juni 2020

09. 06. 2020

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“Und wenn die Generation, die in der proto-digitalen Ära aufgewachsen ist, psycho-kulturell in eine Dimension der panisch-depressiven Psychose eingehüllt war, wird die Generation, die in der omni-digitalen Pandemie-Ära aufgewachsen ist, höchstwahrscheinlich von einer massiven Form des Autismus, der psychischen Selbstbeherrschung, des phobischen Bewusstseins der Gegenwart des Anderen betroffen sein.”

Einer der besonders perversen Abgründe der verlogenen Sektiererei der Linken ist ihre Bigotterie, die sie eint mit allen Spielarten verwandter religiöser Sekten, denn die Welt der Linken ist die Welt des festen Glaubens, besonders aber des Bekenntnisses, der ja ein Akt der Taufe darstellt, oder anders gesagt die Ritualisierung der Erleuchtung.

Nachdem man nun unzählige Menschenleben, wenn nicht sogar die Welt dadurch gerettet hat, dass man Zuhause geblieben ist (eine Vorgehensweise, die sich in Berlin in den letzten Jahren als besonders erfolgreich erwiesen hat, wenn mal wieder Faschisten durch die Innenstadt marschiert sind), dürstet es nach neuen Heldentaten.

Sodann man nun bequem von der Couch aus den weltweiten Massakern in den Knästen zugeschaut und die Aufstände und Hungerrevolten des Pandemie Ausnahmezustandes ignoriert hat, weil man ja für die Oma nebenan Brot kaufen war (was gar nicht so einfach zu bewerkstelligen war, woher denn so schnell eine Oma nehmen, wenn um einen herum nur lauter andere aufregend junge Progressive wohnen), regt sich nun also das Bedürfnis für noch wagemutigeren Taten.

Und nun da die Innenstädte der USA in Flammen stehen, hat die hiesige Linke eine neue Projektionsfläche gefunden. (Und man weiss ja um das Schicksal all dieser Projektionsflächen von Vietnam über Nicaragua bis zu den Zapatisten, immer heiss geliebt, aber wie es so ist bei einer Backfischliebe, ebenso schnell wie die Leidenschaft entflammt, verglüht sie wieder).

Und wo eben noch jeder Aufruf zu jeder noch so kleinen symbolischen Aktion mit einem “Wir halten Abstand und uns an die Hygieneregeln” begann (was haben wir sie früher immer in der Schule gehasst, diese immer Einser Schreiber, die den Lehrkräften in den Arsch gekrochen sind), wird nun das Wüten und Toben der eng gedrängten Leiber, das massenhafte Durchbrechen der Ausgangssperren gefeiert, als habe es in den USA keine Pandemie gegeben, bzw. würden dort nicht allein heute über 20.000 neue Fälle gemeldet, während hierzulande gerade mal 500 neue Fälle gemeldet werden, was immer noch einen freiwilligen shutdown der gesamten “linken Infrastruktur” zur Folge hat und jeder, der gerne mal seinen Kumpel bei ein paar Bierchen am Tresen zu umarmen wünscht eigentlich des Totschlags zu verdächtigen wäre.

Es wäre also angebracht, sich zu entscheiden, ob man denn nun dem Staat das Recht einräume, nach Belieben (oder nach einem Paschwurf eines Virologen) über die Freiheit und das Leben zu entscheiden, oder ob man das lieber selber in die Hand zu nehmen gedenke, was natürlich auch heissen würde, Verantwortung zu übernehmen und Risiken einzugehen, denn aus nichts anderem besteht das Leben, wenn man sich ausserhalb seiner Traumwelt Blase bewegt.

Aber das wäre zu viel erwartet, denn schon scharen all die Aktivisten und Bewegten ungeduldig in den Startlöchern und während man eben noch schweigend der totalitären Formierung beigewohnt, oder anders und konkreter gesagt, sie durch passives oder aktives Mitwirken mit vorangetrieben hat, erscheinen nun schon die ersten Pamphlete in denen von Vorschlägen für künftige Revolten, ja sogar revolutionären Umstürzen die Rede ist.

Wenn etwas den Aufständischen in den USA oder auch denen der letzten Tage in Frankreich nicht zu wünschen wäre, dann eine Komplizenschaft mit diesen Schimären einer Fundamentalopposition. Jüngst haben in Wien um die 40.000 Menschen (nach Veranstalterangaben) anlässlich der Aufstände in den USA protestiert. Zeitungen schrieben hinterher von Sachbeschädigungen. Auf einer Tür fanden sich mit Kreide angebrachte Parolen. Was soll man dem noch hinzufügen.

Die Übersetzung eines aktuellen und sehr klugen Textes von “Bifo” Berardi:

Das Psycho-Immunitätssystem der proto-digitalen Generation

Franco Berardi Bifo, 28 Mai 2020 Es ist inzwischen weitgehend erwiesen, dass das Coronavirus überwiegend (manchmal tödlich) ältere Menschen schwer befällt. Menschen unter vierzig Jahren erscheinen nicht auf den Todeslisten und sind seltener, wenn auch nicht sehr selten auf den Listen der Infizierten. Dennoch haben fast überall auf der Welt Jungen und Mädchen auf die Schule verzichtet und die Regeln des obligatorischen Gesundheitsarrests (DSO) akzeptiert.

Das heisst, sie haben die beiden wichtigsten Dinge für einen jungen Menschen aufgegeben, sie haben das Vergnügen aufgegeben, sich zu treffen, gemeinsam zu studieren, zu umwerben, Liebe zu machen und so weiter. Warum haben sie das getan? Sie taten es, damit sie weder ihren asthmatischen Grossvater noch ihren herzkranken Vater töten würden. Bravo, als asthmatischer Grossvater weiss ich nicht, wie ich Ihnen danken soll.

Meine Generation, die vor zwanzig Jahren fünfzig Jahre alt war, hätte diese Zustände nie akzeptiert. Da wir keine Schurken waren, wie man uns nachsagt, hätten wir uns um die Gesundheit von Mama und Papa Sorgen gemacht, aber um sie nicht anzustecken, hätten wir sicher noch etwas anderes getan: Wir wären alle von zu Hause weggegangen, wir hätten die Gemeinden des Zusammenlebens vervielfacht, wir hätten Fakultäten, Berufsschulen und Kirchen besetzt, wir hätten sie notfalls mit Feuer verteidigt, und wir hätten uns wie verrückt amüsiert, während irgendein Grossvater zu seinem Schöpfer ging.

Was bedeutet das? Zunächst einmal bedeutet es, dass wir 70-Jährigen der jungen Generation dafür danken sollten, dass sie uns verschont hat, anstatt zu trinken, wie es viele meiner griesgrämigen Altersgenossen tun, die glauben, das Recht zu haben, den Abstand von Zentimetern zu denen zu messen, die allen Grund hätten, uns zu töten, denn wir sind es, die Thatcher und Blair und ihren Nachahmern erlaubt haben, die immunologischen, ökologischen und sozialen Abwehrmechanismen zu zerstören, die dem Gerontozid-Virus den Weg geebnet haben.

Danke, dass ihr mich verschont habt. Aber zweitens bedeutet es, dass die neue Generation in ihrer grossen Allgemeinheit nicht viel Hoffnung hat, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, nicht viel Hoffnung auf politische und vielleicht sogar existentielle Autonomie. Wenn sie die Inhaftierung im Namen des Gesundheitssystems akzeptiert haben, wenn sie nicht ausgebrochen sind, um in dieser Zeit eine autonome Lebensform aufzubauen, werden sie jede andere Lebensform akzeptieren, die die Welt für sie vorbereitet. Und wenn die Generation, die in der proto-digitalen Ära aufgewachsen ist, psycho-kulturell in eine Dimension der panisch-depressiven Psychose eingehüllt war, wird die Generation, die in der omni-digitalen Pandemie-Ära aufgewachsen ist, höchstwahrscheinlich von einer massiven Form des Autismus, der psychischen Selbstbeherrschung, des phobischen Bewusstseins der Gegenwart des Anderen betroffen sein.

Ich befürchte, dass das Psycho-Immunitätssystem der proto-digitalen Ära jahrzehntelang vom Info-Virus durchdrungen und neutralisiert wurde, lange bevor das Bio-Virus eindrang, um jegliche soziale Autonomie zu zerstören. Unwiderruflich. Ein befreundeter Psychiater sagte mir, dass viele Menschen, die Hilfe brauchen, in diesen Tagen anrufen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen ist jung oder sehr jung. In dem Gebiet, in dem meine Freundin arbeitet, hat sich die Zahl der Selbstmorde (alle oder fast alle in jungen Jahren) im Vergleich zum Durchschnitt der Vergangenheit fast verdreifacht.

Panikattacken sind weit verbreitet. Klaustrophobie wechselt sich ab mit Agoraphobie, dem Schrecken, aus dem Haus gehen zu müssen, um wieder in die Welt hinauszugehen, wo ein unsichtbarer Feind lebendig wird. Wäre ich Psychiater (und Gott sei Dank bin ich es nicht), würde ich sofort eine Diagnose wagen: Der Ödipus ist grösser geworden und nimmt psychopathische Formen an. Das Über-Ich ist zu einem sadistischen alten Mann geworden, vor dem sich der junge Mann zitternd verbeugt.

Alexithymie: Unfähigkeit, Emotionen zu verarbeiten und zu verbalisieren. Autismus: Unfähigkeit, sich den anderen als ein mögliches Objekt der Kommunikation und des Begehrens vorzustellen. Phobische Sensibilisierung für den Körper des anderen, für die Lippen, die von nun an für immer als gefährliche Pudenda verborgen bleiben werden.

Wie konnte ein solches psychopathologisches Bild entstehen? Wenn ich Psychiater wäre, würde ich sagen, dass die Bedingungen für eine solch monströse Entwicklung alle in der Psychogenese der Generation vorhanden waren, die mehr Wörter von einer Maschine als von einer Mutter gelernt hat. Als die Pandemie ausbrach, hat die Macht (völlig machtlos gegenüber dem Virus, völlig machtlos gegenüber den techno-finanziellen Automatismen, die in der Zwischenzeit zusammengebrochen sind) eine brillante (und natürlich unfreiwillige, denn Macht ist kein Wille, sondern eine Verkettung von Automatismen und unbewussten Absichten) Operation durchgeführt.

Die Macht hat eine Operation durchgeführt, die darin besteht, der Gesellschaft die Schuld zuzuschieben, indem sie die hygienische Waffe einsetzt und die liebevolle Gegenseitigkeit in einer Art Labyrinth der Schuldzuweisung umstösst. Sie nennen es Verantwortung, aber ich nenne es anders: psychopathogene barbarische Entladung. Diejenigen, die das öffentliche Gesundheitssystem und viele andere Dinge zerstört haben, sagten: Bleib zu Hause, rühr dich nicht vom Fleck, sonst bringst du deine Grossmutter um. Arbeiten Sie viel vor dem Bildschirm, verlangen Sie keine Gehaltserhöhungen, geben Sie sich mit dem zufrieden, was der Konvent im Kloster durchmacht, sonst bricht die Wirtschaft zusammen.

Der junge Mann, der von einer Maschine mehr Wörter gelernt hat als von seiner Mutter, ist wie eine verfaulte Birne heruntergefallen und krümmt sich nun vor Schuldgefühlen auf dem Sofa und tippt wie ein Idiot auf der Tastatur, dass jeder verantwortlich sein muss wie eine Sardine.

Sie werden nie wieder rauskommen, tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen. Wenn sie rauskommen, dann auf ein Bier, um den 70-jährigen Antifaschisten zu nerven und den Polizisten zu ärgern. Ein Bier, verstanden?

Vorwort und Übersetzung von Sebastian Lotzer

Franco »Bifo« Berardi, 1949 in Bologna geboren, ist Philosoph und Medientheoretiker und war früher in der Autonomia-Bewegung aktiv. Er gehört zu den Mitbegründern des legendären Radios Alice. Er publizierte diverse Bücher zur Verschränkung von Kommunikation, Psychologie und Ökonomie.

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