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Verklärung der Vergangenheit vor der Zeitenwende | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Über Kriegsrhetorik, Begegnungsängste, Rückzug und Abschottung Verklärung der Vergangenheit vor der Zeitenwende

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Wisst ihr noch wie‘s war im Jahr vor der Zeitenwende, vor Co.?

Geschlossener Spielplatz in Eilenriede (Hannover, Deutschland) während der COVID19Pandemie.
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Bild: Geschlossener Spielplatz in Eilenriede (Hannover, Deutschland) während der COVID-19-Pandemie. / Michał Beim (CC BY-SA 4.0 cropped)

14. April 2020

14. 04. 2020

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Fast vergesse ich, was war in dieser alten Zeit, weil die neue ja so rasend ist in ihrem Stillstand, so bitter in ihrem süffisanten Frieden, in ihrer Ruhe, die nur durch‘s Gedröhn der medialen Propagandaschlacht gestört wird und ab und an durch eine Razzia in meinem Viertel. (Sie twittern immer, es ginge um die Isolierung von Infizierten.)

Die Bilder des Vergangenen verblassen in kürzester Zeit und so nimmt es mich Wunder, wie schnell die Geschichte sich umdeuten und umschreiben lässt – als wäre sie selbst nichts weiter, als die eigenartigen Fantasiegebilde, welche die Kleinen sich ab und an zurecht spinnen, weil sie eine schiere Lust daran finden, zu imaginieren, wie‘s noch gewesen sein oder ganz anders sein könnte. Realität und Interpretation verschwimmen. Und das zurecht, sind die Traumwelten, die wir uns bauen, zwar stets verarbeitete Abbilder des in der Vergangenheit und gegenwärtig Erfahrenen, darum aber immer auch Flucht vor einer verstörenden Wirklichkeit, ihrer Unverfügbarkeit und - ja - oft auch ihrer Grausamkeit, vor der unfassbaren alltäglichen Zerstörung, auf welche der Normalbetrieb der Zivilisation beruht.

Damit dieser erhalten werden konnte, musste er transformiert werden. Die Seuche im Jahr eins – in früherer Zeitrechnung im Jahr 2020 – war der Katalysator für die Implementierung der Militarisierung der Zivilgesellschaft, der ausgedehnten Überwachung, dem massiven Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten, der vollständigen Abschottung der Grenzen gegenüber den Fliehenden, der Refeudalisierung der Arbeitsverhältnisse, der Erneuerung staatlicher Souveränität, sowie der sozialen Distanzierung als ausgesprochener Grundzustand einer zutiefst entfremdeten, auf Ausbeutung, Unterdrückung und Entwürdigung beruhenden Form des Zusammenlebens.

Dies sagen wir Wenigen, wir Kritischen, uns gegenseitig. Aber nicht laut. Und nicht öffentlich. Sondern, um uns zu erinnern. Und während wir das versuchen, merken wir selbst, dass wir die Vergangenheit verklären, dass wir sie aufgrund der erfahrenen Eruption, wegen jenem uns auferlegten kollektiven Trauma, nicht wirklich zu fassen bekommen. Selbst wenn wir dieses Wort für den verordneten gesellschaftlichen Schock verwenden, ist dies lediglich Ausdruck für unsere Suche nach Beschreibungsmöglichkeiten für Ereignisse, die wir doch nicht greifen können; die uns entgleiten, gerade wenn wir glauben, sie verstanden zu haben.

Ohnmacht, Angst und Schrecken, schwere Abhängigkeit, Informationsflut, Kriegsrhetorik, Berührungs- und Begegnungsängste, Rückzug, Abschottung, Kernfamilie, oder sowas, oder multiple Persönlichkeit. Solidarität als Mobilisierung der Zivilgesellschaft, des Kanonenfutters für die soziale Front zur Rettung der Wirtschaft, zur Rettung des Staates, zur Rettung der hierarchischen Ordnung. Zur Rettung all dessen, was uns als erstrebenswert angepriesen wurde, also dieses maroden, gewaltvollen Ladens westlicher Postindustriegesellschaft. Gefördertes Chaos, dienlich für die Inszenierung staatlicher Handlungsfähigkeit und den Dingen, die damit ermöglicht wurden.

Wie also war‘s vor Co.? Als sie mich noch nicht verlassen hatte? Vor Corona, so wird uns gesagt, war die Welt unsicher. Einsam, armselig, scheusslich, tierisch und kurz - so lernen es die Kleinen heute in der Online-Schule. Man fragt sich, wie die Menschen überhaupt in dermassen unhygienischen Umgebungen überleben konnten. Wir sehen uns Bilder von verlausten, engen Behausungen an, von den Armen, den Elendsvierteln dieser Welt im Jahr 2019. (Nicht, dass es die heute nicht mehr gäbe, nur eben nicht mehr in Sichtweite und durch hohe Mauern und Tore getrennt.) Es konnte kein gutes, kein schönes, kein erfülltes Leben gewesen sein. Aber ja, wir sind immer Kinder unserer Zeit, können schlecht in der ihr zurück, geschweige denn nach vorn fühlen.

Wenn ich – in vertrauter Runde - sage, es wäre nicht alles schlecht vor der Pandemie gewesen, werde ich von manchen milde belächelt oder von anderen als störrischer Esel bezeichnet. Oft jedoch ernte ich abschätzige Blicke oder eine Rüge für diese Aussage, wohl wissend, dass ich in der Öffentlichkeit entweder denunziert oder direkt angegriffen, mindestens aber hart angepöbelt werden würde, durch die Mundschutze meiner Mitmenschen, die um‘s Wohl aller besorgt sind.

Die panische Angst davor haben, krank zu werden, sich krampfhaft vor der Erkenntnis fürchten, dass nicht alles heil sein könnte. Die fortwährend darum bangen müssen, sich nicht korrekt zu verhalten, sozial ausgegrenzt zu werden, um nicht an ihren social credits und also ihrer social credibility zu verlieren - sich daher den lang ersehnten Urlaub nicht leisten können, für den Besuch bei ihren Verwandten kein Bahnticket mehr erhalten oder für den Nachwuchs nicht den angestrebten Ausbildungsplatz wählen können. Sicherheit, Sauberkeit und Gesundheit haben ihren Preis. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn was ich beschreibe sind bürgerliche Probleme – ob grosse oder kleine. Vom Rest kriegen wir aber nichts mehr mit. Distanz ist Solidarität. Krieg ist Frieden. Eine Volksgemeinschaft gegen einen Feind. Und Liebe ist, wenn du Abstand von mir hältst.

Doch ich kann nicht anders. Es ist die alte Punker-Attitüde, die aussterben und noch in ihren Rudimenten weggesäubert werden wird. Darum sei‘s so, denn ich lebe zur falschen Zeit am falschen Ort und dazu stehe ich. Das ist eine Haltung, die kein preussischer Soldat oder Beamter je annehmen konnte. Ich steh‘ zu meiner, zu unserer, so nahen und so fernen Vergangenheit, die ich verkläre, indem ich sie beschmutze.

Wie war‘s noch, als wir beisammen sassen und sangen und tranken? Als die Bier- und Weinflaschen kreisten und wanderten von Lippe zu Lippe? Denn wir teilten alles, was da war: Den Alk, die Salate und Chips, die Geschichten, die Nähe - mal rau, mal zärtlich, mal vertraut, mal ungewohnt. Unsere Viren. Manche ganz besonders intensiv, wenn sie sich von der Feuerstelle weg in die Büsche verzogen hatten. Und wir rauchten – Gott! - wie wir quarzten als gäb‘s kein Morgen, bis unsere Lungen weh taten, sodass wir mit der Angst aufwachten, der Covid hätte uns endlich doch erwischt. Wir teilten unsere Gefühle mit, auf eine direkte Weise, auch wenn das heute nur anekdotisch beschrieben werden kann. Und weil wir das taten, konnten wir uns auch in andere hinein versetzen.

Wenn eine oder einer weinte, sprach jemand: „Hey Schwester, du Bruder, was ist los mit dir? Hat dich der Kummer gepackt? Was plagt dich? Komm her, wenn du willst, lass dich umarmen und trösten. Denn es geht uns allen mal mies, das Leben ist unfair und verrückt. Doch jetzt bin ich hier und für dich da, also lehn‘ dich an meine Seite! Lass uns fluchen auf die Eltern, auf die Bullen, auf die Faschos, auf die Lehrer, auf den Meister, auf den Ex. Bis wir lachen und weinen und ein neuer Tag anbricht!“. Oder jemand teilte ihre oder seine Freude und konnte gar nicht an sich halten und hüpfte und jaulte und umarmte die Bekannten – ohne sie zu fragen! Oder sprang einen Kumpel direkt an, riss ihn um, sodass beide ineinander verschlungen den Hügel herunter kullerten.

Ja, sowas taten wir vor Co. Und wir taten das, weil wir eine Herde waren. Wenn auch eine Herde aus Sturköpfen und Eigenbrötlerinnen, zugegeben. Denn nur gemeinsam konnten wir immun werden gegen die Widrigkeiten des modernen Lebens, gegen den Abfuck der Wohlstands-Idiotie, gegen das Gefühl der Leere, welches uns die Konsumgesellschaft vermittelte. Wir mussten uns stark machen wegen dieser andauernden Traurigkeit, von der wir befallen waren, weil Menschen - wie du und ich - an den Grenzen unserer Festung im Meer ersoffen; weil sie weggebombt und erschossen wurden von Waffen, die unsere Nachbarn bauten; weil es ihnen an allem mangelte: Nahrung, Kleidung, Bildung und Gesundheitsversorgung, aufgrund der internationalen Abhängigkeiten und Dominanzen. Damals litten wir darunter, dass Menschen die Erde fast bedenkenlos - aber komischerweise trotzdem oft mit schlechtem Gewissen -, immer weiter zerstörten, dass sie den Klimawandel vorantrieben, das Leben in den Meeren und auf dem Land vernichteten. Und es schmerzte uns, weil wir Teil davon waren, weil wir aussteigen wollten, aber nicht wussten, wie.

Wir ballerten uns raus und gingen feiern. Das heisst wir standen in einer schwitzenden Herde zu dröhnender Musik herum oder bewegten uns mehr oder weniger rhythmisch, um uns freizuschütteln oder einen Balztanz aufzuführen. Und immer hatten wir Projekte und wollten reisen und gierten nach Erlebnissen in den Jahren vor Co. Das war unsere Sucht, unsere anhaltende Suche nach einem Ausweg aus der Entfremdung, den wir durch dieses Verhalten ja nie finden konnten, sondern vielmehr erst recht verpassen mussten, mit unserem Streben nach exzessiven Erlebnissen und individueller Selbstverwirklichung. Und dann das ständige Problem mit dem Geld: Wir beschäftigten uns viel mit der Frage, wie wir so viel davon kriegten, wie wir brauchten, ohne deswegen unser Leben aufzugeben.

Heute stellen wir uns die Frage nicht mehr, denn wir sind dankbar, dass uns gewährt wurde, zu überleben. Und trotzdem war es diese Umtriebigkeit, als Zeichen unserer Zeit, die uns lebendig machte, uns zu dem machte, was wir waren, in der Zeit vor dem Ausnahmezustand. Übrigens waren wir damals auch oft nett zu den Alten. Aber eben nicht aus Mitleid, weil sie zu Opfern stilisiert werden, sondern einfach, weil wir dachten: „Scheisse, die haben‘s faustdick hinter‘n Ohren! Die haben das Leben auf ihre Weisen ausgekostet und das verdient Respekt.“

Na klar und wir kämpften ja auch. Zum Beispiel versammelten wir uns, manchmal mit zwölf oder dreissig, manchmal sogar mit tausenden von Leuten. Zusammen liefen wir durch die Stadt und riefen unsere Parolen und zeigten unsere Banner und lauschten unseren Reden. Auf der Strasse, in der Öffentlichkeit, sodass gelegentlich sogar Leute damit konfrontiert wurden, die das gar nicht wollten. Manchmal riefen die dann: „Da kommen schon wieder die Bekloppten!“ Damit wir schön dicht beieinander waren und die Cops es schwerer hatten, jemanden raus zu greifen, liefen wir Seite an Seite, manchmal sogar mit eingehakten Armen. Das nannten wir dann Demonstration.

Oder wir machten Veranstaltungen. Jetzt abgesehen von denen mit der Musik und dem Tanz meine ich. Manchmal sass eine Person vorne. Oder drei oder fünf. Und die redeten dann und andere hörten zu. Oder aber alle redeten miteinander, ob jetzt geordnet mit ausreden lassen oder halt alle wild durcheinander, ganz unterschiedlich eben. Wie die Pinguine hockten wir da aufeinander und diskutierten. Dadurch bildeten wir uns in der Auseinandersetzung eine gemeinsame Meinung von Dingen. Und daraus formulierten wir dann gelegentlich auch Kritik und entwickelten Alternativen. Das gelang uns vor allem dann, wenn wir es schafften, uns einerseits ganz aus der bestehenden Ordnung raus zu denken und sie fundamental abzulehnen und uns andererseits trotzdem auf die Gesellschaft, die wir vorfanden und die unterschiedlichen Menschen darin, ernsthaft zu beziehen. Viel redeten wir, aber gelegentlich machten wir auch was. Das nannten wir dann Praxis. Oder manchmal auch: direkte Aktion.

Zugegeben, wenn ich die vergangene Zeit so beschreibe, kommt es mir selbst schon etwas merkwürdig vor, was wir damals so getan haben. Und auch wie wir das getan haben. Es war zum Beispiel definitiv super anstrengend, sich mit den Genoss*innen auseinander zu setzen, die ja alle was von Kooperation und kollektiven Prozesse redeten, dann aber oftmals mit ihren Worten und Stirnen aufeinander prallten. Nun ja: Es war auch sehr schwer, ein gemeinsames Projekt zu formulieren, für welches unterschiedliche Gruppen zu kämpfen bereit waren und die sich daran organisieren konnten. Der libertäre Sozialismus stand auf dem Wartestand.

In seltenen, wehmütigen Momenten denke ich, hätten wir das geschafft, dann wäre es heute nicht so, dann wäre es anders gekommen. Dann wäre es wärmer, menschlicher, sicherer, ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung. Aber das sind meine Träume und Sehnsüchte. Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir eben getan haben, was wir konnten und was wir meinten, dass es das richtige sei. Was sonst hätten wir tun sollen?

Doch, ja, das sind Geschichten. Das ist Geschichte. Schicht auf Schicht lagert sich das Alte und Überlebte aufeinander ab. Wir müssen graben, um es hervor zu holen und können‘s auch dann nur deuten. Oft sogar, wenn wir‘s selbst erlebt haben. Denn von der Gegenwart sieht‘s immer anders aus. Die aber ist: sauber, ordentlich, effizient, desinfiziert, hierarchisch und zwangsberuhigt. Und wenn‘s die Zukunft wäre, so würde auch die schon einbrechen und unter uns sein. Und wenn‘s eine andere, für uns lebenswertere, Zukunft gäbe? Doch daran mag ich gar nicht denken im Alltagstrott, der nur von neuen Schrecklichkeiten und humanistischen Reflexen durchbrochen wird. Denn das hiesse eben auch: Sie in unsere eigenen Hände zu nehmen. Die aber sind nicht immer sauber und rein.

Jonathan

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